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24.11.2004
Weltumsegler und Feuerkopf
Der Naturforscher und Schriftsteller Georg Forster
Von Kurt Darsow

Eine Nachbildung von James Cooks "Endeavour" im Hafen von Honolulu, 1999 (Bild: AP Archiv)
Eine Nachbildung von James Cooks "Endeavour" im Hafen von Honolulu, 1999 (Bild: AP Archiv)
"Ein Morgen war's, schöner hat ihn schwerlich je ein Dichter beschrieben, an welchem wir die Insel O-Tahiti, 2 Meilen vor uns sahen. Der Ostwind, unser bisheriger Begleiter, hatte sich gelegt; ein vom Lande wehendes Lüftchen führte uns die erfrischendsten und herrlichsten Wohlgerüche entgegen und kräuselte die Fläche der See. Waldgekrönte Berge erhoben ihre stolzen Gipfel in mancherley majestätischen Gestalten und glühten bereits im ersten Morgenstrahl der Sonne".

Ulrich Enzensberger: Das war ja das ganz große Menschheitsabenteuer, auf dem eigentlich entdeckt wurde, dass es nichts mehr zu entdecken gab. Es war nämlich so, dass man in diesen Weiten des südlichen Ozeans eine Art Zivilisation, letztlich würde ich sagen, das Paradies vermutete. Wir dürfen ja nie vergessen, das Paradies lag ja für den mittelalterlichen Menschen auf dieser Erde. In der Bibel ist das ja geographisch beschrieben, wo das Paradies liegt.

Ulrich Enzensberger, Autor des Buches "Georg Forster - Ein Leben in Scherben".

Walter Lack: Ganz wesentlich war der Fortschritt auf dem Gebiet der Vogelwelt, denn durch dieses lange Segeln in südlichen Breiten ist es Vater und Sohn Forster gelungen, fast alle antarktischen Vögel zu beobachten und zu zeichnen, zu schießen, zu sammeln, aufzubewahren. Ich glaube, es ist die Ornithologie, die da den ganz großen Wissensgewinn gehabt hat. Auch die Botanik, aber sie müssen bedenken, Cook war überwiegend unterwegs, das heißt, nur während der kurzen Aufenthalte in Neuseeland und auf anderen Inseln hatten die Botaniker Zeit, Landpflanzen zu sammeln.

Walter Lack, Direktor des Botanischen Museums in Berlin-Dahlem.

Verglichen mit Forster war Goethe ein Stubenhocker.

-Immerhin ist unser Dichterfürst bis Sizilien gekommen.

Was ist das schon gegen Tahiti und die Osterinsel? Von Südgeorgien und Neukaledonien ganz zu schweigen!

- Forster hatte eben Glück gehabt! Er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort, als für Cooks zweite Weltumseglung noch Experimental gentlemen gesucht wurden.

Die Wahl fiel auf Vater und Sohn Forster aus Nassenhuben bei Danzig.

- Einen als Naturforscher dilettierenden Pfarrer und sein damals siebzehnjähriges Wunderkind.

" Master George", wie ihn das Schiffsvolk nannte. In einem Alter, in dem andere noch die Schulbank drücken, hatte er bereits die Antarktis bereist und die Südsee erkundet.

- Nur das Paradies blieb auch ihm verwehrt. Nicht einmal auf Tahiti hat er es gefunden.

"Aber wie verschwand die schöne Einbildung beym Anblick dieses trägen Wollüstlings, der sein Leben in der üppigsten Untätigkeit ohne allen Nutzen für die menschliche Gesellschaft, eben so schlecht hinbrachte, als jene privilegirten Schmarotzer in gesittenen Ländern, die sich mit dem Fette und Überflusse des Landes mästen, indeß der fleißigere Bürger desselben im Schweiße seines Angesichts darben muss."

Michaela Holdenried: Das ist ein vielzitiertes Beispiel für sozusagen den blinden Fleck, den auch jemand wie Forster haben musste. Das lag in der Art der Annäherung an das Andere, dass solche rituellen Hintergründe oder Tabuhintergründe oder auch Verwandtschaftsverhältnisse ihm einfach nicht deutlich geworden sind.

Michaela Holdenried, Literaturwissenschaftlerin.

Es ist doch eine sonderbare Tatsache, dass in dem Augenblick, wo sich diese alte Hoffnung zerschlägt, das Paradies auf Erden zu finden, diese politische Utopie wach wird, eine solche hier auf Erden zu schaffen. Da gibt es schon zwischen dieser politischen Utopie und diesem Verschwinden dieser Hoffnung auf ein irdisches Paradies einen Zusammenhang. Es zeichnet eben diesen großartigen Mann aus, dass das in seinem Leben zusammenhing und ablesbar blieb.

Sicher ist Forster eine große Persönlichkeit in der Wissenschaftsgeschichte. Wir hier im Botanischen Museum haben keinen Forster-Schwerpunkt. Wir haben zwar globale Projekte, aber Forster ist einer unter vielen. Nur er ist ein Berühmter, er ist ein Bekannter, und er hat jetzt seinen 250. Geburtstag. Das ist auch der Grund, warum wir dieses berühmte Doppelporträt erstmals zeigen, das sich ja sonst in Privatbesitz befindet.

Ich glaube, er wird jetzt sehr viel differenzierter gesehen, und seine Verdienste wie auch seine Grenzen werden hervorgehoben. Zu seinen Verdiensten gehört jedenfalls in der neueren Forschung ganz klar eine Art von Kulturrelativismus, die keineswegs das Eigene aufgibt, sondern einfach in den Mittelpunkt rückt, dass, wie er sagt, bei unterschiedlichen Völkern verschiedene Arten der Glückseligkeit bestehen und dass die Europäer sich nicht anmaßen sollten, das Monopol auf die Definition dessen zu haben, was Glückseligkeit ist.



- Drei Jahre vor dem Mast! Wurde Forster den Seemannsgang danach jemals wieder los?

Den musste er gar nicht loswerden! Selbst auf den Inseln der Seligen hatte er die Bodenhaftung nie verloren.

- Er ist also seinen Zeitgenossen bloß geographisch enteilt?

Sicher! Heute müsste er mindestens den Mars bereist haben, um eine ähnlichen Vorsprung aufweisen zu können.

- Laut Andy Warhol würde das gerade mal für fünf Minuten Ruhm reichen: Schlechte Zeiten für Kosmonauten!

In der Postkutschenzeit ging es da glücklicherweise noch etwas geruhsamer zu.

- Ganz Deutschland lag dem Weltumsegler nach der Veröffentlichung seiner "Reise um die Welt" eine Zeit lang zu Füßen.

Er wurde in Fürstenhäusern herumgereicht. Goethe und Schiller suchten seine Bekanntschaft. In Wien empfing ihn der Kaiser. Alexander von Humboldt trat in seine Fußstapfen.

Walter Lack: Sein Reisewerk war ja gar nicht in sich so etwas ungeheuer Spektakuläres, denn Cook hat die erste Reise vorher gemacht; aber die Tatsache, dass dieses Werk in deutscher Sprache erschienen ist, hat also das Fernweh, die Begeisterung, das Interesse für exotische Länder stimuliert. Das war eine Sensation, er ist gefeiert worden als der Weltumsegler.

Walter Lack.

Ulrich Enzensberger: Das war natürlich auch eine phantastische Geschichte, von diesen riesigen Weiten zunächst mal nach London zurück zu gehen, dann in das Kassel zu kommen, also das war natürlich schon ein echter Kulturschock. Da hat er ja dann auch so reagiert, eigentlich ganz deutsch reagiert, indem er in geistige Räume floh und dann ja da diesem Rosenkreuzerbund beitrat und geistig Räume plötzlich sich eröffnete, wo es wahrscheinlich noch schwieriger war zu navigieren als in der Südsee.

Ulrich Enzensberger.

Michaela Holdenried: Interesse könnte wecken, dass er ein begeisterungsfähiger Mensch war, dass er einfach von einem unglaublichen Wissensdurst beseelte war, der in so vielen verschiedenen Feldern sich auf schwierige Art und Weise eigenes Wissen angeeignet hat, dass es vielleicht auch ein Vorbild für eine nivellierenden und nicht an Wissensfortschritt interessierte Gesellschaft sein könnte.

Michaela Holdenried.


Die öffentliche Meinung ist also bei uns in Absicht auf die Natur der Revolution jetzt so weit in klaren, dass man es für Wahnsinn halten würde, ihr Einhalt tun oder Grenzpfähle stecken zu wollen. Eine Naturerscheinung, die zu selten ist, als dass wir ihre eigentümlichen Gesetze kennen sollten, läßt sich nicht nach Vernunftregeln einschränken und bestimmen, sondern muss ihren freien Lauf begalten.

Als Professor für Naturgeschichte hatte es Forster weder am Carolinum in Kassel und noch an der Universität Wilna lange ausgehalten.

Schon gar nicht wollte der ehemalige Weltumsegler als Bibliothekar an der Kurfürstlichen Universität in Mainz versauern. Lieber heuert er auf einem Seelenverkäufer an.

Im Klartext: er tritt dem Mainzer Jakobinerklub bei, der nach der Eroberung der Stadt durch französische Revolutionstruppen gegründet worden ist.

Im März 1793 reist er nach Paris, um die Eingliederung der Mainzer Republik in die Französische zu beantragen.

Als die linksrheinische Dependance durch vaterländische Truppen zurückerobert wird, sitzt Forster in der Falle.

Er bleibt in Paris und erlebt den Sturz der Gironde und die Errichtung der Jakobinerherrschaft aus nächster Nähe mit.

Arm wie eine Kirchenmaus stirbt er am 10. Januar 1794 in seiner Matratzengruft im Hotel des Deux-Siciles.

Der Seelenverkäufer läuft auf Grund!

- Irgendwie folgerichtig!

Geradezu marxistisch!

Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern.

Er hat eben nicht klein beigegeben, er hat nicht nur diese Prinzipien der Französischen Revolution hochgehalten, er hat letztlich ganz bewusst mit seinem ganzen Leben dafür eingestanden, und er ist eben auch Zeuge geworden dieser revolutionären Umwälzungen in Paris. Er hat es ja selbst durchlitten und in seinen wunderbaren Briefen aus Paris lässt sich eben auch eine Erfahrung studieren, die in der deutschen Intelligenz gar nicht so häufig ist, nämlich eine Revolution mitzuerleben und mitzuerleiden.

Er hatte einen sehr strengen und sehr fordernden Vater. Das ist natürlich eine Form von Privatunterricht, die heute nicht auf ein allgemeines Schulsystem übertragen werden kann. Was man daraus vielleicht ableiten könnte, wäre Lernen durch Abenteuer, durch Entdeckungen, die aber nicht einfach verpuffen, sondern die aufbereitet werden, über die man nachdenkt, über die man auf andere Felder des Wissens gelangt. Forster hat vielleicht vorgelebt, was man ganzheitliches Lernen nennen könnte.
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