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26.11.2004
Der blutige Preis von Spaniens Größe
Zum 500. Todestag Isabellas der Katholischen
Von Wolf Martin Hamdorf

Vor 500 Jahren starb Isabel die Erste, die Königin von Kastilien, genannt "die Katholische". Mit ihrem Namen wird die Eroberung von Granada und die Austreibung der Juden und Moslems aus Spanien, die Schrecken der Inquisition, aber auch die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus verbunden, der in ihrem Auftrag gen Westen ins Unbekannte segelte.
Ihre wirkliche Persönlichkeit ist längst hinter unzähligen Legenden verblasst. Süffisant berichtete nicht nur Heinrich Heine, dass Isabella von Kastilien das Gelübde tat, nicht eher ihr Hemd zu wechseln, als bis Granada gefallen sei. Die Großmutter Karls V., in dessen Reich die Sonne nicht unterging, gilt heute den einen als Begründerin spanischer Größe, den anderen als vehemente Verfechterin eines bigotten Katholizismus.


Die letzten Novembertage des Jahres 1504 vergehen in der kastilischen Stadt Medina del Campo in angespannter Stille. Isabel I., Königin von Kastilien, genannt "die Katholische" liegt im Sterben. Schon stehen die kastilischen Feudalherren bereit, sagt Alfredo Alvar Professor für mittelalterliche Geschichte am "Consejo Superior de Investigaciones Cientificas", dem spanischen Wissenschaftsrat:

Alfredo Alvar: Hay un humanista italiano que estaba al servicio de Isabel, Pedro Martir de Angiera que escribe "aún con el cuerpo vivo de la reina en Medina agonizando los nobles estaban al lado de la cama como los jabalíes esperando que aquello porque sabian que en el momento en que la reina muriera, los nobles iban a pelear otra vez y a resucitar una crisis politica importante.
Übersetzung: Es gibt einen italienischen Humanisten im Dienste Isabelas, Pedro Martir de Angiera, der schreibt, dass, als die Königin noch im Todeskampf lag, die Adeligen sich mit Schaum vor dem Mund wie die Wildschweine am Sterbebett versammelten, weil sie genau wussten, dass in dem Moment, in dem die Königin sterben würde, die alten Kämpfe zwischen den kastilischen Feudalherren wieder aufbrechen und eine große politische Krise provozieren würden.

Um die Mittagsstunden des 26. November 1504 stirbt Isabel im Alter von 53 Jahren. Sie hinterlässt ein Land ohne direkten Thronfolger und Kastilien wird erst mit ihrem Enkel Karl wieder zur Ruhe kommen. Während ihrer fast 30-jährigen Regentschaft hatte die Königin rastlos und ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit ihre politischen und religiösen Ziele verfolgt. Aber am Ende haben familiäre Schicksalsschläge wie der Tod ihres Sohnes, des Thronfolgers, ihres Enkels und zweier Töchter, sowie die zunehmende geistige Verwirrung ihrer einzigen überlebenden Tochter Juana, ihre letzten körperlichen und seelischen Reserven aufgebraucht, erzählt die Journalistin Raquel Martinez aus Valladolid:

Raquel Martinez: Como un juego de ajedrez, ella era la reina para dar el jaquemate a sus enemigos en el tablero que sería el reino de España, el reino de Castilla, el reino de Aragón - entonces esta mujer, de tanto trabajar y de tanto cabalgar sobre todo, llego a tener muchas enfermedades, pero lo que acababa con ella literalmente fue un cáncer del útero de montar a caballo.
Übersetzung: Sie lebte wie die Dame im Schachspiel. Sie war die Königin, die ihre Feinde schachmatt setzte, auf dem großen Schachbrett Spanien, dem Königreich Kastilien und Aragonien. Durch die ständige Anstrengung, durch die ständigen langen Ritte litt sie an zahlreichen Krankheiten, aber was ihrem Leben letztendlich ein Ende setzte, war ein Uteruskrebs, der wahrscheinlich durch die ständigen Ausritte provoziert wurde.

Alfredo Alvar: Desde un punto de vista sicologico a mi no me gustaria ser el marido de Isabel, porque debia ser una mujer con un caracter durissimo implacable, pero en todo, no solo en cuestiones religiosas no sino en absolutamente todo lo que regia su vida y todo esto producto de una infancia muy desafortunada, una infancia muy dura, muy triste y ella tiene la seguridad y convicción de que dios casi con toda la seguridad, que dios la habia puesto en la tierra para hacer bien las cosas.
Übersetzung: Wenn ich es einmal psychologisch betrachte: Ich wäre nicht gerne der Ehemann Isabels gewesen. Sie muss eine Frau mit einem sehr sehr hartem, untadeligem Charakter gewesen sein. Nicht nur in religiösen Fragen, sondern in absolut allem was ihr Leben betraf - ein harter Charakter, der aus einer unglücklichen, harten und traurigen Kindheit herrührt. Sie war immer von der sicheren Überzeugung geleitet, dass Gott sie auf die Erde gesetzt habe, um ihre Sache gut zu machen.

Der Weg der jungen Infantin zum Thron geht über Bürger- und Erbfolgekriege. Als 17-Jährige entschied sie sich gegen den Willen ihres Halbruders Enrique IV. zur Ehe mit dem Thronerben des benachbarten Königreiches Aragonien Fernando. Der Thronfolger von Aragón überschreitet die Grenze zu Kastilien als Maultiertreiber verkleidet und heimlich wird die Ehe geschlossen. Nicht ohne das sich Isabel ihre Unabhängigkeit als kastilische Königin im Ehevertrag bestätigen lässt.

Nach dem Tod ihres Halbbruders Enrique in Madrid zögert Isabel keinen Moment: Am 12. Dezember 1474 lässt sie sich in Segovia zur Königin ausrufen und schließt ihrer Nichte Juana von der Thronfolge aus. Im folgenden Bürger- und Erbfolgekrieg, in dem Portugal die Interessen Juanas verteidigt, gehen Fernando und Isabel als Sieger hervor.

Seit 1479 herrschen sie gemeinsam über Kastilien und Aragon. Zu einer offiziellen Vereinigung beider Länder kommt es allerdings nicht - aber das Königspaar fühlt sich zur Führung der Christenheit auf der iberischen Halbinsel berufen.
Die folgenden Jahre vergehen mit der Befriedung Kastiliens, das Land ist zerrissen, von Familienfehden und Plünderung geplagt. Das neue, absolutistische Königtum Isabels ist gegen die Interessen der "Granden", des kastilischen Hochadels. In zäher Kleinarbeit stärkt Isabel die Macht der Krone und bricht den Einfluss der "Grandes", der mächtigen Adeligen und der "Cortes", der Ständeversammlung. Dabei stützt sie sich auf die traditionellen Handwerker und den ärmeren Adel.

Ihnen, wie auch den Granden, also allen so genannten "Altchristen" sind die "conversos", die vom Judentum oder vom Islam übergetretenen "Neuchristen" ein Dorn im Auge. Heimlich würden die "Neuchristen" am alten Glauben festhalten, Synagogen und Moscheen besuchen, rituelle Waschungen vollziehen. Isabel setzt die Einheit des Glaubens mit Schwert und Feuer durch, der Kreuzzug gegen die Ungläubigen verbindet sich mit der Jagd nach dem inneren Feind. Bis heute wird der Schrecken der Inquisition ganz eng mit dem Namen Isabels verbunden.

1481 wird mit päpstlicher Genehmigung die Inquisition als spanisches Sondergericht eingeführt, erster Großinquisitor wird Tomás de Torquemada, der Beichtvater der Königin.
Scheiterhaufen flackern in ganz Kastilien auf, vermeintliche Ketzer und Ungläubige werden denunziert, gefoltert und zum Tode verurteilt.
Ihr Geld fällt der Staatskasse zu, für die Vorbereitung kommender Kriege.

Religion und Staatsräson sind die wesentlichen Antriebskräfte der Königin. Ihr Traum ist die Vereinigung der ganzen iberischen Halbinsel unter katholischer Oberhoheit.
Grenzstreitigkeiten und verweigerter Tribut geben ihr 1482 den legalen Vorwand den Krieg gegen Granada zu beginnen, gegen das letzte muslimische Reich der Halbinsel.

Vom einstigen islamischen Großreich Al-Andalus ist nur wenig übrig geblieben - innere Zwistigkeiten und der Kampf um den Thron auf der Alhambra, der maurischen Königsburg, tragen zum endgültigen Niedergang bei.
Nach zehn blutigen Kriegsjahren kapituliert Granada - am 1.Januar 1492.

Über der Alhambra weht jetzt die Fahne mit dem Kreuz. Isabel und Fernando nehmen den Granatapfel, das Wahrzeichen Granadas in ihr gemeinsames Wappen auf. Die Haltung der christlichen Eroberer der maurischen Kultur gegenüber wird von Ablehnung und Bewunderung gleichermaßen bestimmt, sagt die Islamwissenschaftlerin Soha Abouldad von der Universidad Complutense in Madrid:

Soha Abouldad: Se morían de envidia de ver la corte andalusí y el lujo que había en la corte andalusí y el protocolo, el lujo de vestir y comer - todo esto era para ellos digamos el anhelo - querían ser como los andalusies, querían vestir de seda como los andalusies, querian comer como los andalusies.
Übersetzung: Sie starben vor Neid als sie den andalusischen Hofstaat in all seiner Pracht und seinem Luxus sahen, dieses ganze Protokoll, diese Prachtentfaltung in der Kleidung und in den Speisen, all das war für sie etwas Unvorstellbares - sie wollten wie die Andalusis sein, sich in Seide kleiden, und so essen wie sie...

Ein Klagelied der Sefardis, der spanischen Juden. Das neue Spanien sollte ausschließlich katholisch werden - um jeden Preis. Die Zeit des Jahrhunderte langen Mit- und Nebeneinander der drei Kulturen, des Christentums, des Islams und des Judentums auf der iberischen Halbinsel war endgültig vorbei.
Nur drei Monate nach der Eroberung Granadas, am 31. März 1492 geben Isabel und Fernando die von der Inquisition ausgearbeitete Verordnung zur Vertreibung der Juden aus Spanien bekannt:

Hiermit befehlen wir allen Juden und Jüdinnen jeglichen Alters, die in unseren Königreichen und Ländereien leben und arbeiten, bis Ende Juli dieses Jahres mit all ihren Söhnen und Töchtern, Knechten und Mägden und jüdischen Familienangehörigen, kleinen wie großen unsere Königreiche und Ländereien zu verlassen.

Den ungetauften Juden drohen bei Zuwiderhandlung Enteignung und Todesstrafe, die Juden, die sich taufen lassen, werden argwöhnisch von der Inquisition beobachtet. Hunderttausende verlassen Spanien. Die Vertreibung der Juden ist für die spanische Gesellschaft ein geistiger und kultureller Aderlass, sagt der Historiker Luis Suarez von der "Real Academia de la Historia", der "königlichen Akademie für Geschichte" in Madrid:

Luis Suarez: La expulsión de los judios fue un error, impuesto por Europa. No era la idea inicial de Isabel, la idea inicial de Isabel era confirmar las leyes que permitían la estancia de los judios como ya desde el principio del reinado, pero había unas presiones tan fuertes sobre ella que acaba rindiendose y aceptando esta solución.
Übersetzung: Die Austreibung der Juden war ein Irrtum, der von Europa aufgezwungen wurde. Es war nicht Isabels ursprüngliche Idee, sondern Isabels ursprüngliche Idee war es, den Aufenthalt der Juden gesetzlich zu regeln, so wie es seit Anfang ihrer Regentschaft funktionierte, aber es gab so starken Druck, dass sie am Ende nachgab und der Maßnahme zustimmte.

Auch in einem anderen Punkt musste die Königin nachgeben: In den Kapitulationsverträgen von Granada war den Moslems noch die freie Ausübung ihrer Kultur zugesichert worden, und nur wenige waren zum Christentum übergetreten.
Zu wenige, nach Ansicht der Inquisition und der kastilischen Eliten. Der Druck wurde auf die Königin größer - die kulturelle und religiöse Freizügigkeit gefährde die Einheit des Glaubens und des Reiches. Isabel ersetzt den bisherigen Erzbischof Talavera mit seiner behutsamen Missionspolitik durch Jimenes Cisneros, der für eine Politik der gewaltsamen Christianisierung steht - ein glatter Bruch der Verträge:

Soha Abouldad: Y las fuentes arabes lo dicen: De repente se dejo de respetar los tratados que son las capitulaciones, los tratados de sometimientos y entonces de repente empiezan a verse obligados a convertirse.
Übersetzung: Das unterstreichen auch die zeitgenössischen arabischen Quellen: Von einem Moment zum anderen wurden die Übergabeverträge nicht mehr respektiert und plötzlich sahen sich die Einwohner Granadas mit der Zwangschristianisierung konfrontiert.

Wieder brennen die Scheiterhaufen. Noch sind es nur Bücher, die der neue Kardinal von Granada Jimenez Cisneros verbrennen lässt. Die Literatur in arabischer Sprache geht in Flammen auf, denn Arabisch ist die Sprache der Ungläubigen.
Den Moslems in Granada bleibt nur noch die Alternative: Zwangstaufe oder Ausweisung. Auf die Verfolgung der Moslems in Granada bezieht sich der viel zitierte Satz, den Heinrich Heine Jahrhunderte später in seinem Drama Almansor schreibt:

Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher Verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.

Das Jahr 1492 bringt für Isabel aber einen wirklichen Triumph: Mit ihrer Einwilligung ist der Kapitän Cristobal Colón, in Deutschland unter dem Namen Christoph Kolumbus bekannt, in den unbekannten Westen aufgebrochen. Er findet zwar nicht den versprochenen Seeweg nach Indien - wohl aber einen neuen Kontinent - neue Kolonien, die Basis für die Größe des zukünftigen spanischen Weltreiches. Schon mit der Entdeckung der neuen Länder, die noch lange "Las Indias", die indischen Länder heißen werden, beginnt die Versklavung und Ausrottung der Ureinwohner. Aber in ihrem Testament stellt Isabel die neuen getauften Einwohner ganz ausdrücklich unter den Schutz der Krone.

1494, zwei Jahre nach der Eroberung Granadas und der Entdeckung Amerikas verleiht, Papst Alexander IV dem Königspaar den Titel "Reyes Catolicos", die katholischen Könige - Isabel ist auf dem Gipfel ihrer Macht.

Kastiliens Größe und Gloria, der Beginn des spanischen Weltreichs - dargestellt in einem der vielen spanischen Historienfilme aus den 40er Jahren. Die Regentschaft der "Katholischen Könige" wurde zum Gründungsmythos des spanischen Nationalismus, bis in die Gegenwart hinein. Die spanischen Faschisten und die Wortführer der Franco-Diktatur benannten ihren Kampf gegen die Republik, gegen linkes und liberales Gedankengut als "cruzada", als Kreuzzug und als "Reconquista" als Wiedereroberung.

Diese Idealisierung des katholischen Spanien hat aber immer wieder auch vehemente Kritiker gefunden. Juan Goytisolo ist einer der brillantesten spanischen Schriftsteller und ein scharfsinniger Analytiker der spanischen Mentalität:

Juan Goytisolo: La presencia de los elementos semitas en nuestra cultura es lo suficientemente clara como para cualquier persona con un mínimo de cultura no puede no admitirlo. Lo que sí había es una serie de prejuicios y una tendencia, sobre todo de nuestra cultura de derechas de considerar "lo español” solamente en términos puramente occidentales - únicamente se permitía la herencia latina con una aportación germánica pero se rechazaba en bloque toda la aportación semita fuese árabé o judia.
Übersetzung: Die semitischen Elemente in unserer Kultur sind so deutlich, dass jeder, der über ein Minimum an Kultur verfügt, sie nicht ignorieren konnte. Es gab allerdings immer eine ganze Reihe von Vorurteilen und eben diese Tendenz, besonders in der spanischen Rechten, Spanien nur über das Abendländische zu definieren. Man ließ nur das römische und germanische Erbe zu und lehnte vollkommen das semitische Erbe ab, sei es nun arabisch oder jüdisch.

Auch 500 Jahre nach ihrem Tod bleibt Isabel, genannt die Katholische, umstritten - für die einen ist sie die Gründerin des modernen spanischen Staates, für die andere die Verkörperung religiöser Engstirnigkeit. Unumstritten bleibt jedoch die starke und die für ihre Zeit einzigartige Persönlichkeit einer Frau, die sich sicher und selbstbewusst in einer von Männern beherrschten Welt durchsetzte.
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