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10.12.2004
Lasst meine Bilder nicht sterben
Zum 100. Geburtstag des Malers Felix Nussbaum
Von Günter Beyer

Seit 1998 gibt es in Osnabrück eine Besonderheit. "Museum ohne Ausweg" heißt das Haus, das über 170 Kunstwerke des jüdischen Malers Felix Nussbaum beherbergt. Konzipiert wurde es von dem amerikanischen Architekten Daniel Libeskind. "Museum ohne Ausweg" ist eine vergegenständlichte Metapher des Architekten selbst. Sie steht für einen Bau, der die exilbedingte Rastlosigkeit, die Verfolgung und die Suche des Malers Felix Nussbaum nach Orientierung symbolisiert. Am 11. Dezember vor 100 Jahren wurde der Künstler geboren.

Es gibt Bilder, die vergisst man nicht. Dazu gehört das Gemälde "Selbstporträt mit Judenpass" aus dem Jahre 1943: Ein Mann wird gejagt. In die Ecke getrieben. Ein Mann mit einem gelben Stern am Mantelaufschlag. Er ist erledigt. Die Verfolger haben ihn gestellt, aber sie bleiben unsichtbar: Passkontrolle! Der Gejagte zeigt seinen Ausweis. Über dem Foto sein Name: Felix Nussbaum. Und ein fetter roter Stempelabdruck "Juif / Jood".

Felix Nussbaum ist 38 Jahre, als er "Selbstporträt mit Judenpass" in einem Keller im Brüsseler Exil malt. Eine Bilder-Geschichte der Shoa, erzählt in einem einzigen Bild. Und - es ist Nussbaums eigene Geschichte. Ihm bleibt nicht mal mehr ein Jahr, bis die Wehrmacht ihn und seine Frau Felka im Juni 1944 aufspürt und nach Auschwitz deportiert. Im Versteck entstehen die radikalsten Bilder Nussbaums: Flüchtlinge, abgemagert zu Skeletten. Verfolgte, starr vor Angst. Gerippe, die zum Totentanz aufspielen.

Shulamith Jaari-Nussbaum: Wir waren die kleinen Lieblingscousinen von Felix. Wir waren drei Mädchen. Wir waren immer ganz stolz: Unser Vetter ist Kunstmaler, der Felix.

Shulamith Jaari-Nussbaum und ihre Schwester Auguste haben als einzige Angehörige der Familie Nussbaum den Holocaust überlebt. Seit vielen Jahren wohnen sie in Israel.

Shulamith Jaari-Nussbaum: Felix hat erst ganz lieblich gemalt, ganz witzig, ganz putzig, kleine Figuren, vielleicht weil sein Vater auch klein war, er war ja auch nicht groß. Seine Mutter auch nicht.

Felix Nussbaum erlebt eine sorglose, behütete Kindheit im Kreise einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie in Osnabrück. In der Schule ist er eine Niete, gute Leistungen zeigt er nur im Turnen und ... im Zeichnen.

Felix Nussbaum: Als Kind wollte ich unter vielem Malen mal wieder ein Stück Kuchen haben. Die Bitte wurde abgelehnt mit den Worten: "Mal Dir Kuchen!" Das habe ich dann getan, und es hat mir besser geschmeckt als der im Bäckerladen. So mach ich's noch heute.

Früh interessieren ihn Motive aus der jüdischen Welt. Zur Bar-Mitzwa-Feier eines Vetters widmet Felix ihm eine Zeichnung: Ein Rauchopfer, bei dem in den Umrissen des aufsteigenden Qualms ein bärtiger Prophet schemenhaft Gestalt annimmt. Darunter, vom 16-jährigen Felix brav in Jugendstil-Lettern kalligrafiert: "Bleibe fromm!"

Der Vater, selber ein begeisterter Sonntagsmaler, fördert Felix´ künstlerisches Talent nach Kräften, während die Mutter andere Pläne für ihren Jüngsten hegt.

Shulamith Jaari-Nussbaum: Die Mutter wollte, wie viele jüdische Mütter, einen Advokaten haben oder einen Arzt, ja, sowas. Und das wollte Felix nicht.

Felix setzt sich durch und nimmt 1924 ein Studium der freien Kunst in Berlin auf.

Unübersehbare Vorbilder sind zunächst Vincent van Gogh, der naive Henri Rousseau und später der Surrealist Giorgio De Chirico. Viele Motive bringt er anfangs aus dem heimatlichen Nordwestdeutschland mit: Stadtansichten von Osnabrück und Emden, Packhäuser, Windmühlen. Bilder, die sich zwischen dem Idyll und einem vorsichtigen Tasten nach der Moderne noch nicht recht entscheiden können.

Der Künstler porträtiert seine Mutter als feine Dame, den lebenslustigen Vater malt er als Dandy mit Blume im Mundwinkel.

Glamour und Abgründe im Berlin der "goldenen Zwanziger" scheinen den jungen Mann aus der Provinz abzustoßen. Felix Nussbaum verblüfft durch seine freundliche Harmlosigkeit, auch im persönlichen Auftreten.

Felix Nussbaum: Ich hasse verschmierte Anzüge, flatternde Schleifen und wallende Mähnen - das ganze Bohèmegetue. Ein guter Maler soll wie ein tüchtig arbeitender, ruhiger Bürger aussehen.

Nach und nach schwindet die Umklammerung durch die heimatliche Motivwelt. In seinen "Sportlerbildern" reagiert er auf die moderne Großstadt: Eine Riege jugendlicher Turner, angetreten mit akkurat angewinkelten Füßen. Zwei Ringer und der Kampfrichter, der mit einem gefalteten Handtuch über dem Arm stocksteif dasteht wie ein Kellner, der auf die Bestellung wartet. Kleine, alltägliche Szenen mit einem Schuss Bildwitz.

Nussbaum hat Erfolg. 1927 beschickt er, gerade mal 23 Jahre alt, seine erste Einzelausstellung, der bald weitere Folgen. Zwei Jahre später beziehen er und seine Lebensgefährtin, die aus Warschau stammende jüdische Porträtmalerin Felka Platek, eine gemeinsame Wohnung mit Atelier in der Xantener Straße, Nähe Kurfürstendamm.


Seinen Durchbruch erlebt Felix Nussbaum 1932 mit dem großformatigen Gemälde "Der Tolle Platz". Darin knöpft er sich die altehrwürdige "Preußische Akademie der Künste" unter ihrem Präsidenten Max Liebermann vor.

Felix Nussbaum: Ich zog gegen die Missstände an der Berliner Akademie zu Felde mit einem satirischen Bild, das scharf die geistige Erstarrung und grenzenlose Unfähigkeit der alten Akademiker anprangerte. Es war ein amüsantes Werk, das viel Staub aufwirbelte.

Ausgerechnet dieses Bild gewinnt den so genannten "Rompreis": Der Meisterschüler Felix Nussbaum darf ein Jahr als Stipendiat in der römischen Villa Massimo arbeiten.

Während des Romaufenthaltes, im Dezember 1932, geschieht in Berlin etwas Furchtbares. Einem Freund schreibt der Preisträger:

Felix Nussbaum: Gestern erhielt ich die Nachricht, dass ein Dachstuhlbrand in der Xantener Straße entstand und der größte Teil meiner dort untergestellten Sachen dem Feuer zum Opfer fiel. Alles, alles ist hin. Und nicht zuletzt der Hauptteil meiner Bilder, die ich besitze. Es waren die mir liebsten und auch Deine Lieblingsbilder waren darunter.

Das Gerücht macht die Runde, antisemitische Brandstifter hätten das Feuer gelegt. Felix Nussbaum und Felka Platek beschließen, nicht wieder nach Deutschland zurückzukehren. Es folgen bange Exiljahre in Italien, der Schweiz und Frankreich mit zahlreichen Orts- und Wohnungswechseln. Zwei Jahre lebt das Paar im belgischen Ostende, ab 1937 in Brüssel.

Felix Nussbaum: Seit einigen Tagen haben wir eine Wohnung. Das ist sehr wichtig für mich, denn seit fünf Jahren pilgere ich von einem möblierten Zimmer in das andere. Die waren klein und hatten sämtlich grausam geblümte Tapeten. Gemalt habe ich an der Wand aus Platzmangel. Das soll nun aufhören...

In der Rue Archimède 22 sind er und Felka vorerst zur Ruhe gekommen. Sie heiraten.
Belgien wird damals von einer Koalition aus Liberalen, Sozialisten und einer katholischen Partei regiert; einstweilen können Flüchtlinge sich dort sicher fühlen. Felix malt. Aber er vermisst das anregende Klima der Berliner Jahre, den Austausch mit Kollegen.

Felix Nussbaum: Ohne Echo zu schaffen ist bedrückend. Man steht zwischen unendlich vielen Bergwänden und ruft und schreit, und kein Echo klingt zurück.

Zahlreiche Selbstbildnisse entstehen. Ihnen ist Nussbaums Verstörung und wachsende Verzweiflung anzusehen, die oft in groteske Komik umschlägt. Er malt sich als Grimassen schneidender Clown mit Papiermütze. Er stülpt sich ein Küchensieb als Soldatenhelm über, bindet sich neckisch ein kariertes Geschirrtuch um den Hals. Böse Ahnungen suchen seine Bilderwelten heim: Das Gemälde "Das Geheimnis" fängt die Atmosphäre von Bespitzelung und lauerndem Verrat ein. "Die trostlose Straße" zeigt prophetisch eine schmale Gasse mit ausgebrannten Fensterhöhlen.

Am 10. Mai 1940 überfallen deutsche Truppen Belgien. Das Land wird besetzt. Gleich mit Kriegsbeginn geraten die jüdischen Emigranten als "feindliche Ausländer" ins Visier der belgischen Behörden. Auch Felix Nussbaum wird in Südfrankreich interniert. Er kann jedoch fliehen und schlägt sich ins mittlerweile von der Wehrmacht besetzte Brüssel durch. Zu Felka. Die beiden tauchen bei einem Freund unter.

Von Mai 1942 an müssen auch in Belgien Juden den gelben Stern tragen. Felix Nussbaum verarbeitet die Brandmarkung in seinem bekanntesten Bild, dem "Selbstporträt mit Judenpass".
Ab Sommer 1942 treibt die SS die so genannte "Endlösung" voran. Von den 60.000 in Belgien lebenden Juden wird knapp die Hälfte deportiert.

Die Nussbaums verstecken sich. Ihr ehemaliger Vermieter richtet ihnen eine enge Mansarde in der rue Archimède 22 her.

Für Arbeiten mit stark riechenden Ölfarben ist es dort allerdings zu riskant. Zum Malen schleicht Felix Nussbaum in die rue Général Gratry. Im Keller hat der Kunsthändler Willy Billestraet eine Werkstatt; Farbgeruch fällt hier nicht weiter auf.

Peter Junk: Ich bin diesen Weg mal nachgegangen von seiner Mansardenwohnung zu der Keller-Wohnung, die sein Atelier war ... da gibt's keine Deckungsmöglichkeit. Kein Baum. Keinen tiefen Hauseingang. Also der reine Selbstmord, bei Ausgangssperre diesen absolut deckungslosen Weg zu gehen, der ungefähr 15 Minuten dauerte.

Der Osnabrücker Bibliothekar Peter Junk war in den 70er-Jahren zusammen mit dem Journalisten Wendelin Zimmer der eigentliche Wiederentdecker von Felix Nussbaum. Er hat auch die Spuren des Künstlers im Exil verfolgt.

Peter Junk: Und da ist mir schlagend bewusst geworden, wie sehr die Kunst, die Zeugenschaft: "Ich will malen, um Zeugnis abzulegen. Was mit mir selber passiert, ist mir völlig egal, ich kann jetzt nur noch belegen, was ist." Manchmal sagen solche Erlebnisse mehr als ganze Bücher.

Felix und Felka Nussbaum erfuhren in Brüssel viel Unterstützung. Doch am 20. Juni 1944 riss das Netz der Solidarität.

Peter Junk: Auf jeden Fall ist die Straße am Tage der Verhaftung an beiden Enden abgesperrt worden, mitten in der Nacht, um circa ein Uhr, das alles hat uns der Herr Christian Jacques erzählt, der dabei war, damals ca. 16 Jahre alt. Dann ist - die Wehrmacht war's übrigens, nicht die Gestapo - von hinten durch den Garten in die Erdgeschosswohnung der Jacques eingedrungen, sind gleich nach oben, gezielt in die Mansarde gerannt. Das heißt, sie müssen verraten worden sein.

Sechs Wochen später verlässt der letzte Deportationszug das belgische Sammellager. Eingepfercht in einem der Viehwaggons: Felix und Felka Nussbaum. Wann sie in Auschwitz ermordet wurden, ist nicht bekannt.

Aber die Geschichte des Felix Nussbaum ist nicht zu Ende. Einen Teil seiner Werke hatte er rechtzeitig bei einem Brüsseler Bekannten untergestellt, nach seiner Verhaftung brachten Freunde die Bilder aus Mansarde und Kelleratelier in Sicherheit. Seine Cousinen Shulamith und Auguste Nussbaum retteten einen Großteil seiner Arbeiten für die Nachwelt - gemäß seinem Vermächtnis:

Felix Nussbaum: "Wenn ich untergehe, lasst meine Bilder nicht sterben, zeigt sie der Nachwelt!

Zufälle spielten eine große Rolle, so dass immer mehr Werke des Künstlers unverhofft auftauchten, erzählt Nussbaum-Forscher Wendelin Zimmer:

Wendelin Zimmer: Ein belgischer Antiquitätenhändler, Billestraet, der ist zufällig, Geschäftsreise, in Osnabrück gewesen, hat sich die Ausstellung angesehen, und hat sich dann gemeldet. "Ich kenne diesen Felix, meine Eltern haben ihn bei sich versteckt gehabt, und ich hab eine Menge hervorragender Bilder, die besser sind als alles, was ihr hier in Osnabrück habt.

Seit 1999 zeigt das von Daniel Libeskind geplante Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück ständig 180 Gemälde, Zeichnungen und Gouachen.

Rund 55.000 Menschen besuchen jedes Jahr das "Museum ohne Ausweg", steigen durch hallige Treppenhäuser, erschrecken beim jähen Zuschlagen der schweren Metalltüren. Sie lassen sich in die Tiefe ziehen vom schummrigen, abschüssigen "Nussbaum-Gang", verstanden als "Galerie der verlorenen oder nicht gemalten Bilder". Eben glaubte man noch, festen Beton unter den Füßen zu haben - da überspannen plötzlich Gitterroste klaffende Lücken im Boden und lassen den Blick in die Etage darunter fallen.

Shulamith Jaari-Nussbaum: Felix seine Bilder, die sind von Kunst. Die sind von Kunst, die haben ein Herz, eine Seele. Die Gesichter von meiner Familie hab ich oft darauf gesehen. Ah ja, das wollt ich sagen: Das ist doch das Einzigste, was uns geblieben ist ... ist doch sonst nichts geblieben.
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