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29.11.2004
Zentrum Europas vor 1000 Jahren
Geschichte Sachsen-Anhalts
Von Paul Stänner und Winfried Sträter

Magdeburger Dom (Bild: AP Archiv)
Magdeburger Dom (Bild: AP Archiv)
In Arneburg bei Stendal wurde vor wenigen Wochen ein neues Zellstoffwerk eingeweiht, das modernste in Europa. 580 Arbeitsplätze wurden dadurch geschaffen, auch im Umkreis des Werkes werden neue Arbeitsplätze entstehen. Solche Nachrichten sind besonders wichtig in einem Bundesland, das seit der Wiedervereinigung besonders stark unter dem Zusammenbruch der Industrie, der Arbeitslosigkeit und der Abwanderung zu leiden hat. Dabei hat das heutige Problemland Sachsen-Anhalt nicht nur schöne Landschaften wie den Harz und die fruchtbarsten Böden in der Magdeburger Börde - es ist auch ein sehr geschichtsträchtiges Land. Vor 1000 Jahren war die Gegend um Magdeburg sogar ein Zentrum Europas.

Hoch- und wertgeschätzte Anwesende!
Es entsteht auf rechter Stelle
ein wohlgeordnet Badehaus.
Der Kranke taucht sich in die Quelle
und tritt erfrischt und stark hinaus.


Eine Baustelle in Sachsen-Anhalt. Richtfest eines Badehauses in Bad Suderode in den Neunzigerjahren.

Ehemalige Bürgermeisterin und Kurdirektorin: Wir wollten unbedingt Arbeitsplätze schaffen, in dieser Region hat es einen starken Arbeitsstellenabbau gegeben, also musste was kommen, Industrie wird's nicht wieder geben, also bleibt nur Tourismus.

Arbeitsplätze schaffen: das ist immer noch das Hauptproblem dieses Bundeslandes, das mitten in Deutschland liegt und doch Grenzland ist - zum Westen, wo die Löhne höher und die Arbeitsmöglichkeiten größer sind. Hinzu kommt: kein Bundesland hatte es nach der Wende so schwer gehabt, eine eigene Identität zu entwickeln wie Sachsen-Anhalt. Bezeichnend: der erbitterte Streit um die Frage, welche Stadt 1990 Landeshauptstadt werden sollte. Nach monatelangem Ringen setzte sich Magdeburg gegen Halle durch.

Auf der Suche nach einer historischen Identität unternahm die Landeshauptstadt Magdeburg im Jahr 2001 einen weiten Ausflug in die hochmittelalterliche Geschichte - und siehe da: Sachsen-Anhalt hat eine bedeutende Geschichte: Vor 1000 Jahren war die Landschaft zwischen Magdeburg und Merseburg deutsches Kernland.

Der Harz: Tiefe Schluchten, enge Wege. Brocken und Bodetal. Hexentanzplatz. Goethes Faust. Ein deutsches Gebirge wie kein zweites. Hier begann vor über 1000 Jahren die deutsche Geschichte. Mit einem politischen Erdbeben. Jahrhunderte lang hatten die Franken die Könige in Mitteleuropa gestellt. Dann, im Jahr 919, wurde erstmals ein Sachse zum König erwählt: Heinrich I.; das widerspenstigste Heidenvolk stellte nun christliche Könige und Kaiser.

Welch eine Kehrtwendung. Im 8. Jahrhundert hatte Karl der Große Jahrzehnte lang verbissen gegen die heidnischen Sachsen gekämpft. Seinen Hauptwidersacher, Herzog Widukind, hatte er so lange gejagt, bis der sich schließlich beugte und taufen ließ. Die sächsischen Adligen witterten die historische Chance. Indem sie sich dem christlichen Frankenkaiser unterwarfen, verschafften sie sich in ihren eigenen Stammlanden den Freiraum, um selbst mächtig zu werden. Die geschickteste sächsische Familie war die der Liudolfinger aus dem Harzvorland. Sie wurden die mächtigsten Sachsen und im 10. Jahrhundert mit den Ottonen-Kaisern die mächtigsten Herrscher Europas.

Heinrich I. war der Vater Ottos des Großen. Ganz Mitteleuropa litt zu seiner Zeit unter den ungarischen Reiterheeren, die immer wieder plündernd und mordend durch die Lande zogen. Heinrich gelang es, den Ungarn einen Waffenstillstand abzutrotzen. In der gewonnenen Zeit ließ er Burgen bauen, mit denen er dann den nächsten Ansturm der Ungarn abwehren konnte. Und sein Sohn, Otto der Große, errang im Jahr 955 den entscheidenden Sieg gegen die Ungarn, die sich daraufhin zurückzogen und friedliche christliche Europäer wurden.

Vater des Vaterlandes und Imperator!

So verehrten die Zeitgenossen den siegreichen König. Mit Hilfe des Papstes griff Otto nach den Sternen: Im Jahr 962 ließ er sich in Rom zum Kaiser krönen - wie eineinhalb Jahrhunderte vor ihm Karl der Große. Aus einem losen Verbund von Herzogtümern hatten Heinrich und Otto vom Harzvorland aus ein einheitlich regiertes Reich geformt. Damals kam der Name "tiudisk", "diutisk" - deutsch - in Umlauf. Magdeburg, die heutige Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt, wurde Ottos des Großen Lieblingspfalz und zugleich Erzbistum.

Straßenbauarbeiten in Wittenberg an der Elbe. Im Stadtzentrum wird Kopfsteinpflaster verlegt. Die historische Rekonstruktion der Stadt ist weit fortgeschritten. Wittenbergs Innenstadt ist heute wahrscheinlich ansehnlicher als je zuvor. Wittenberg wartet auf seine Gäste. Hotels und Gaststätten könnten einen Massenansturm verkraften. Wenn nur die Amerikaner wieder so frei reisen würden wie früher, vor dem 11. September 2001. Denn die Amerikaner sind besonders erpicht darauf, jene Stadt zu sehen, in der ein kleiner Mönch die christlich-abendländische Welt aus den Angeln hob. Martin Luthers Thesen - angeblich an die Tür der Schlosskirche von Wittenberg angeschlagen - beendeten 1517 die Alleinherrschaft der römisch-katholischen Kirche auf dem europäischen Kontinent. Kirchenspaltung, Protestantismus: Ausgangspunkt dieser umwälzenden Bewegung am Beginn der europäischen Neuzeit war Wittenberg.

Wittenberg war damals ein kleines Residenzstädtchen. Das ziemlich mächtige Herrschergeschlecht der Wettiner hatte sich aufgespalten, sodass der Kurfürst Friedrich der Weise Anfang des 16. Jahrhunderts ein überschaubares Gebiet regierte. Die armselige Kleinstadt Wittenberg baute er zu einer ansehnlichen Residenz aus, und da er machtpolitisch nicht viel ausrichten konnte, sollte ein hervorragendes Geistesleben seiner Herrschaft in Wittenberg Glanzlichter aufsetzen. Er gründete also eine Universität, förderte die Wissenschaften und gewährte Martin Luther den nötigen Schutz, als dieser dem Papst den Fehdehandschuh hinwarf. So erlangte Wittenberg ohne Kriege und Eroberungen Weltgeltung.

Mit der Reformation ist von Sachsen-Anhalt aus die neuzeitliche Welt verändert worden. Weit weniger bedeutsam, aber auch nicht ganz unbedeutend ist ein sachsen-anhaltinischer Beitrag zur neuzeitlichen Militärgeschichte. Denn da gab es den Fürsten Leopold I. von Anhalt-Dessau, einen volkstümlichen Haudegen, der als "der alte Dessauer" legendär wurde. Natürlich war er nicht immer alt - ein Gemälde zeigt ihn in seinen jüngeren Jahren als durchaus feschen Mann mit Schnauzbart und wallender Löwenmähne. Er war ein enger Freund des preußischen Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. und baute mit ihm zusammen das preußische Heer auf.

Der "alte Dessauer" war es, der den gefürchteten preußischen Drill erfand und ihn seinen Soldaten einbläute, bis die sich mit einer Willenlosigkeit und Exaktheit bewegten, als seien sie mechanische Teile einer Kampfmaschine. So wurde Preußen Militärmacht.

Auf ganz andere Weise machte sich ein Enkel des "alten Dessauer" einen Namen: Fürst Friedrich Franz.

Hier ist's jetzt unendlich schön. Es ist, wenn man so durchzieht, wie ein Märchen, das einem vorgetragen wird, und hat ganz den Charakter der Elysischen Felder.

So schwärmte Dichterfürst Goethe über das Werk des anhaltischen Fürsten, den alle "Väterchen Franz" nannten. Es war der Park von Wörlitz, der Goethe so in Begeisterung versetzte. Franz hatte die Ideen zu seinem "Gartenreich" von seinen Bildungsreisen, vor allem von Reisen nach England, mitgebracht. In Wörlitz schuf er 1764 den ersten Landschaftspark in englischem Stil auf deutschem Boden.

Im 19. Jahrhundert erlebte das Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt einen wirtschaftlichen Aufschwung. In Halle und der näheren Umgebung wuchs die chemische Industrie, während in Magdeburg die Schwermaschinenindustrie, unter anderem der Lokomotivbau, immer bedeutender wurde. In Dessau gründete der Erfinder Hugo Junkers nach dem Ersten Weltkrieg die Junkers Flugzeugwerke. Hier entstand das erste Ganzmetallflugzeug der Welt und damit die Mutter aller Passierflugzeuge. Berühmt wurde 1932 die dreimotorige Ju 52 mit ihrer unverwechselbaren Wellblechhaut. Die Nazis schätzten die Qualität von Junkers Maschinen. Aber Hugo Junkers schätzte die Nazis nicht - seine beharrliche Weigerung, für ihre Rüstung zu arbeiten, reizte insbesondere Hermann Göring. Der sorgte dafür, dass Junkers enteignet und aus Dessau vertreiben wurde. Hugo Junkers starb 1935 in Bayern.

Zwei Jahre zuvor hatten die Nazis das Bauhaus aus Dessau vertrieben, in der Architekten, Maler, Fotographen, Stoffkünstler und Designer mit neuen Materialien experimentiert und eine Ästhetik der Moderne geschaffen hatten.

Magdeburg, 16. Januar 1945. Fast 900 amerikanische und britische Bomber greifen die Stadt an und verwüsten 90 Prozent des Stadtzentrums. Es ist die zweite Totalzerstörung der Stadt. Die erste erlitt Magdeburg 1631, im Dreißigjährigen Krieg. Auch Städte wie Dessau oder Halberstadt sind am Ende des Zweiten Weltkrieges Trümmerwüsten.

So leicht, wie es in Johannes R. Bechers Hymne klingt, ist der Wiederaufbau für die DDR nicht. Aber auf alten Standorten entstehen neue Industrien, volkseigene Kombinate. Der Raum Halle - Bitterfeld wird zum Chemiezentrum der DDR. Hier soll auch der "neue Mensch" geformt werden: Im Kulturpalast von Bitterfeld verkünden die Kulturpolitiker der SED 1959 und 1964 den "Bitterfelder Weg".

Greif zur Feder, Kumpel, die sozialistische Nationalliteratur braucht dich!

So lautet die zentrale Losung. Sie richtet sich an Arbeiter und Schriftsteller gleichermaßen - die Arbeiter sollen selbst ihre Situation in Romanen und Erzählungen schildern, die Schriftsteller werden aufgefordert, in die Betriebe zu gehen und dort das Leben der Arbeiterklasse kennen lernen. Franz Fühmann steigt in die Kupferschächte im Mansfelder Land hinab, Christa Wolf begibt sich in den Waggonbau Ammendorf.

Das Land Sachsen-Anhalt gibt es zu dieser Zeit schon nicht mehr. Die SED hat 1952 die Länder abgeschafft. Sachsen-Anhalt ist aufgeteilt in die Bezirke Magdeburg und Halle.

9. November 1989. Nach dem Mauerfall und im Vorfeld der Wiedervereinigung erleben die Länder eine Renaissance. Auch Sachsen-Anhalt soll wieder ein Land - nach der Wiedervereinigung ein Bundesland - werden.

Doch die Freude wird durch den monatelangen Hauptstadtstreit zwischen Magdeburg und Halle getrübt, den schließlich Magdeburg, die heimliche Hauptstadt des Ottonenreiches, gewinnt. Einen richtigen Landesfürsten hat Magdeburg allerdings bis heute nicht hervorgebracht. Sachsen-Anhalt ist das Bundesland mit den meisten Regierungswechseln. Mal CDU, mal SPD, mal Rot-Grün, mal nur Rot, mal Schwarz-Gelb: Fast die ganze Farbpalette der bundesdeutschen Demokratie haben die Sachsen-Anhaltiner seit 1990 schon ausprobiert. Sie sind auf jeden Fall die experimentierfreudigsten Wähler der Bundesrepublik.
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