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1.12.2004
Wenn wir in der Kirche gen Himmel schauen
Die Entstehung der Kreuzgewölbe
Von Elke Heinemann

Die Advents- und Weihnachtszeit ist die Zeit, in der sich die Kirchen füllen. Auch Menschen, die ansonsten wenig religiös sind, lassen sich von der Aura einer Kirche beeindrucken. Mit ihren oft mächtigen Gewölben gehören die Kirchbauten schon seit dem Mittelalter zu den eindrucksvollsten Bauten unserer Städte. Die Erfindung des Kreuzrippengewölbes war eine der großen architektonischen Leistungen des hohen Mittelalters, mit der der Bau gigantischer, himmelwärts strebender Kirchtürme möglich wurde. Nicht von ungefähr wurde der Blick gen Himmel gelenkt: denn seit dem 12. Jahrhundert konzentrierte sich die Scholastik darauf, Gottes Willen zu erkennen und zu verstehen.

Der Anfang ist bekannt. Am Anfang schuf Gott die Erde, die vollkommen überflutet war. In dem heiligen Wasser ließ Gott ein Gewölbe entstehen, das die Fluten voneinander trennte. Dieses Gewölbe nannte Gott "Himmel".

Das Bauwerk, von dem ich erzählen will, ist in den beiden letzten Dritteln des 12. Jahrhunderts überall in Europa entstanden. ... Tausende von Menschen haben mitgeholfen, dieses Bauwerk zu schaffen: ... Mönche, deren Stimmen im Chorgesang miteinander verschmolzen und die ohne Grabinschrift in der bloßen Erde bestattet wurden - am Ort ihres Schaffens, mitten unter den Steinen der Baustelle.

Am Ende fanden sie alle zur Erde zurück, die asketischen Erbauer himmelwärts strebender Klosterkirchen, von denen der bekannte französische Mediävist Georges Duby erzählt. Unter Aufsicht ihres so strengen wie charismatischen Ordensvaters Bernhard von Clairvaux hatten zahllose Zisterzienser-Mönche um 1139 damit begonnen, in allen Teilen Europas eine gewaltige Architektur der Enthaltsamkeit zu errichten. Ungefähr zur selben Zeit entwarf der mächtige Benediktiner-Abt Suger in Saint-Denis bei Paris eine prunkvolle Sakralarchitektur, die ebenfalls sofort in ganz Europa Verbreitung fand. Schon 1144 bezeugte Robert de Mont-Saint-Michel den Bau einer Kathedrale, der dieser neuen architektonischen Inszenierung des Lichts folgte, die die Trennung von Himmel und Erde aufzuheben schien.

In diesem Jahre zum ersten Mal sah man in Chartres die Gläubigen sich vor Karren spannen, die mit Steinen, Holz, Getreide und wessen man sonst bei den Arbeiten an der Kathedrale bedurfte, beladen waren. Wie durch Zaubermacht wuchsen ihre Türme in die Höhe. So geschah es nicht nur hier, sondern fast allenthalben in Francien und der Normandie und anderswo.

So begann in der Zeit der Kathedralen die Stilepoche der Gotik. Ihre Begründer, der Zisterzienser Bernhard und der Benediktiner Suger, waren nicht nur Antagonisten. Zwar kritisierte Bernhard den Prunk Sugers, zwar belächelte Suger die Askese Bernhards. Aber beide verfolgten ein mystisches Ziel: Erleuchtung durch die ekstatische Vereinigung mit dem Mensch gewordenen Gott. Gelegenheit zur Verschmelzung erhielten die Gläubigen in weiträumigen, Licht durchfluteten Kirchen, die der Sonne so nahe wie möglich kamen. Denn nach langen, vergeblichen Versuchen, die unterirdischen Kreuzrippengewölbe der mönchischen Grabkammern in himmelhohe Kirchendecken zu transformieren, gelang den Statikern um 1180 die revolutionäre Erfindung des Schwibbogens, einer aufgemauerten Stütz- und Tragekonstruktion, die den Traum, Himmel und Erde miteinander zu verbinden, in einer neuen Architektur des Erhabenen Wirklichkeit werden ließ.

In Wirklichkeit ist im Gewölbe eines der wichtigsten Elemente jener Sprache zu sehen, die die abendländischen Mönche damals erschufen. Einer Sprache, die ein Ausdruck der natürlichen und der übernatürlichen Welt sein wollte, und die zugleich Forschung, ein Weg der Initiation und ein Pfad zu einem ... Verständnis der unsichtbaren Wirklichkeiten war. Vielleicht suchten die Benediktineräbte ... in der gesamten Kirche die geheimnisvolle, schöpferische Atmosphäre zu verbreiten, in der sich die Bestattungsriten als Ankündigung der Wiederauferstehung gewöhnlich unter den Gewölben der Krypta und der Vorhalle entfalteten. Auf jeden Fall gibt es keinen Zweifel, dass das Gebäude durch den Verzicht auf das Holz und die Verwendung des Steins für die Deckenkonstruktion in seinem Material selbst eine substantielle Einheit erobern wollte, die es besser in die Lage versetzte, das Universum zu bedeuten, welches selbst als totale Einheit im göttlichen Willen enthalten war. Darüber hinaus hatte das Gewölbe einen günstigen Nebeneffekt, es verbesserte die akustischen Werte eines Gebäudes, das in seiner Hauptfunktion als Raum für den Choralgesang dienen sollte. Und schließlich und vor allem führte das Gewölbe den Kreis in die architektonischen Rhythmen ein, das heißt, ein Bild von der kreisförmigen Zeit, eine vollkommene, unendliche Linie und folglich das deutlichste Symbol der Ewigkeit, jenes Himmels, als dessen Vorzimmer die Klosterkirche sich verstand.

Die Kirche sollte aber nicht nur Vorzimmer des Himmels sein, sondern auch dessen Vertretung auf Erden. Ein neues, kosmisches Raumgefühl regte die mystischen Bauherren dazu an, die Klosterkirchen und Kathedralen immer größer und prächtiger zu gestalten. Wichtigste Inspirationsquelle der verwinkelten, viel türmigen, hoch aufragenden gotischen Sakralarchitektur war die Beschreibung des Himmlischen Jerusalems in der Offenbarung des Johannes.

Und er zeigte mir die heilige Stadt, das Jerusalem, welches von Gott aus einem Himmel herabkam. Sie hatte den Strahlenglanz Gottes. Ihr Glanz war wie der köstliche Edelstein, wie der kristallene Jaspis. Groß und hoch waren ihre Mauern; zwölf Tore hatte sie und über den Toren zwölf Engel. Die Mauer der Stadt hatte zwölf Grundsteine, auf diesen standen die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes. Ihre Mauer war aus Jaspis gebaut, die Stadt war reines Gold, wie leuchtender Kristall. In der Mitte ihrer Straßen stand des Lebens Holz.

So lenkte man den Blick der Gläubigen in der Kirche gen Himmel, in den die hohen Stimmen der Chorknaben aufstiegen. Die Kreuzrippe trug das dekorative Deckengewölbe der gotischen Kathedrale, die von einem nach außen verlegten, neu entwickelten Gerüst aus Strebebögen und -pfeilern gestützt und emporgehoben wurde. Aufgrund dieser Sicherung konnte das Innere als ein Raum gestaltet werden: Lichtdurchlässiges, von Spitzbögen, Triforien und Arkaden durchbrochenes Mauerwerk löste die geschlossenen Scheidewände ab, die den klar strukturierten, schlichten romanischen Kirchenbau in eine Vielzahl gleich großer Einzelräume unterteilt hatten. Allerdings war die neue gotische Bauweise nicht denkbar ohne das Erbe der Romanik, dem ersten nachantiken Monomentalbaustil, mit dem sich das christliche Abendland erstmals in architektonischer Einheit präsentiert hatte. Jedoch konnten die Erfinder der Gotik auf die gerade entdeckten altgriechischen Abhandlungen über Geometrie und Arithmetik zurückgreifen. Und das Kreuzrippengewölbe, das nun in neu entwickeltem Formenreichtum vom Keller zum Dach aufstieg, war aus der römischen Antike bekannt. Stern-, Netz- Zellen- Fächergewölbe symbolisierten die Vielfalt der Schöpfung im ungeteilten, einheitlich gefassten Inneren der Kirche, das den Abt Suger zu kosmischen Visionen inspirierte.

... als ich innigst durchdrungen in der Verzückung über die Schönheit des Hauses Gottes den Zauber der farbenprächtigen Gemmen erfuhr und sie mich durch die Verwandlung des Materiellen ins Immaterielle zum Nachdenken über die Vielfalt der heiligen Tugenden anregten, vermeinte ich plötzlich, mich selbst ganz wirklich in einer fremden Gegend des Universums zu befinden, die es vorher weder im Morast der Erde noch in der Reinheit des Himmels gegeben hatte, als könne ich mit Gottes Gnaden auf anagogische Weise von hinieden zur Höheren Welt empor getragen werden.

Die Himmelssymbolik der Kirchendecken wurde im Verlauf des Mittelalters zunehmend durch dekorative Elemente betont. Gitterwerk überzog die Wände, stieg fächerförmig zu den Gewölben auf, durchdrang sie und sank in Form tief herabhängender Gewölbeabschlüsse wieder zur Erde zurück. Bündelpfeiler und Rippenanfänger wurden nicht zu einheitlichen Bahnen zusammengezogen, sondern in differenzierte Gewölbefelder aufgefächert. Ein ornamentales Spiel, ersonnen von handwerklich erfahrenen Spezialisten, die ein zeitgenössischer Bericht vorstellt.

Bei diesen großen Bauarbeiten gibt es gewöhnlich einen obersten Meister, der alle anderen allein durch das Wort befehligt und selbst nur selten oder nie Hand anlegt. Die Meister der einfachen Maurer sagen dann meist mit dem Zirkel in der Hand zu den anderen: 'Schneide mir das hier durch'. Sie arbeiten nicht und erhalten doch den höchsten Lohn.

Diese Männer meditierten nicht über das Wort Gottes, inspirierten sich nicht, wie Suger und Bernhard, am Heiligen Licht. Ihnen ging es nicht um himmlische Wahrheit, sondern um irdische Schönheit, um technische Verfeinerungen wie die zunehmend bizarre Ornamentierung der Fächergewölbe. Gleichwohl korrespondierte dieser Ästhetizismus mit der theologischen Krise des ausgehenden Mittelalters: Die zersetzende Kritik der wachsenden mystischen Bewegung an den scholastischen Versuchen, Gottes Wille mit dem Verstand zu durchdringen, mündete in einem gesteigerten Interesse am emotionalen Erleben, das sich am Dekorum sakraler Gewölbebauten entzünden konnte - ganz, wie es der Abt Suger gewünscht hatte. Besonders deutlich manifestierte sich der Widerstand gegen den Rationalismus in der Architektur einstiger scholastischer Zentren wie Oxford und Cambridge, wo man noch heute in den Universitätsgebäuden ornamentale Kombinationen aus Fächer-, Stern- und Netzgewölben bewundern kann. In England war es auch, wo Ende des 18. Jahrhunderts die gotische Architektur wieder entdeckt, weiterentwickelt und ästhetisch begründet wurde durch eine neue Philosophie der Empfindsamkeit, die, wie zuvor die christliche Mystik, Kritik am Rationalismus übte. Die Überbetonung des Gefühls bestimmte sogar die Architektur der Phantasie: Der Politiker Horace Walpole, Erbauer des ersten neugotischen Landsitzes, "Strawberry Hill" bei London, erfand 1764 mit seiner "gotischen Geschichte" "Die Burg von Otranto" das Genre des Schauerromans. Vor allem die Flucht der Heldin durch unterirdische Gewölbekammern rief bei den zeitgenössischen Lesern einen köstlichen Schrecken hervor.

Worte können das Grauenhafte an dieser Situation der Prinzessin nicht malen ... Für geraume Zeit blieb sie in einer Agonie der Verzweiflung zurück. Schließlich fühlte sie, so leise es möglich war, nach der Tür und schlich sich, sobald sie den Eingang gefunden hatte, zitternd in das Gewölbe, aus dem die Seufzer und Schritte zu ihr gedrungen waren. Es gab ihr eine Art jähen Glücksgefühls, als sie einen gebrochenen Strahl des Mondlichts zwischen den Wolken durch die Decke des Kellergewölbes schimmern sah, das eingestürzt schien, und durch das ein Bruchstück aus Erdwerk oder Gemäuer - sie konnte nicht entscheiden, was von beidem - nach unten durchhing. Es sah so aus, als sei dieses Bruchstück nach unten durchgeschlagen. Rasch eilte sie auf diese Öffnung zu, da gewahrte sie den Umriss einer menschlichen Gestalt, die ganz dicht an die Wand gelehnt stand.

So fiel am Ende das Gewölbe - zumindest im englischen Schauerroman - vom Dach zurück in den Keller, vom hohen Himmel hinab in die Tiefe der Erde.

Literatur:
Georges Duby: Die Zeit der Kathedralen. Kunst und Gesellschaft 980-1420, (1976) Ffm. (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft) 1992

Georges Duby: Der heilige Bernhard und die Kunst der Zisterzienser, (1979), Ffm. (Fischer Taschenbuch Wissenschaft) 1991

Horace Walpole: Die Burg von Otranto. Eine gotische Geschichte. Aus dem Englischen von F.L.W. Meyer, Zürich (Manesse) 2000

Hans H. Hofstätter/Henri Stierlin: Architektur der Welt (Romanik und Gotik), Berlin (Benedikt Taschen Verlag) o.J., zitiert nach Gotik (abgekürzt H/S/G)
dtv-Atlas zur Baukunst in zwei Bänden, München (Deutscher Taschenbuch Verlag) 1992 (9)

dtv-Atlas zur Philosophie, München (Deutscher Taschenbuch Verlag)1991
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