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3.12.2004
Vor 50 Jahren: Wiederbewaffnung Ost
Der Aufbau der NVA
Von Ralf Geißler

NVA-Soldaten in Ostberlin, 1989 (Bild: AP)
NVA-Soldaten in Ostberlin, 1989 (Bild: AP)
Vor 50 Jahren legte die DDR ihre Karten offen. Schon lange lief verdeckt der Aufbau einer Armee, während in Westdeutschland noch um die Wiederbewaffnung gestritten wurde. Im Oktober 1954 hatte sich Bundeskanzler Adenauer in Bonn durchgesetzt und mit der Aufnahme der Bundesrepublik in die NATO den Weg für die Wiederbewaffnung frei gemacht. Wenige Wochen später erklärte Walter Ulbricht öffentlich, dass auch die DDR eine eigene Armee aufbaut.

Reportage Parade: Genosse Generaloberst, ich melde Ihnen das erste mechanisierte Regiment der ersten mechanisierten Division zum Appell angetreten, zur Übergabe der Fahne und zur Leistung des Schwurs.
Tag Genossen Soldaten, Genossen Unteroffiziere und Genossen Offiziere.
Guten Tag, Genosse Generaloberst.


30. April 1956. Zum ersten Mal marschiert die Nationale Volksarmee der DDR durch Ost-Berlin. Die Soldaten tragen graue Uniformen und Gewehre. Elf Jahre nach Kriegsende ertönen in der Öffentlichkeit wieder zackige Kommandos.

Reportage Parade: Gruppenteile stillgestanden. Zur Grußerweisung Achtung. Präsentiert das Gewehr. Die Augen links.

Nie wieder deutsche Soldaten - das war die Meinung der meisten Deutschen nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg. Doch bereits 1948 hatte in der Sowjetischen Besatzungszone die heimliche Wiederbewaffnung begonnen. Der sowjetische Diktator Joseph Stalin befahl, im besetzten Ostdeutschland kasernierte Polizeitruppen aufzustellen. Ein Teil der Männer wurde in Kriegsgefangenenlagern der Sowjetunion rekrutiert. Die neuen Polizisten waren ehemalige Wehrmachtssoldaten. Zu ihnen gehörte auch der spätere NVA-Generalleutnant Gerhard Kunze, der seine Erinnerungen niederschrieb.

Die meisten Kriegsgefangenen waren tief deprimiert und wollten von Militär, Partei und Politik nichts mehr wissen. Mit zunehmender Dauer der Kriegsgefangenschaft stieg aber die Sehnsucht nach den in der fernen Heimat lebenden Frauen, Kindern, Verwandten und Freunden. So kam es, dass ein Teil der Kriegsgefangenen sich zur Volkspolizei verpflichtete - in der Hoffnung auf eine schnellere Heimkehr.

Die kasernierten Polizei-Truppen wurden zunächst still und heimlich aufgestellt. In der Öffentlichkeit durften sie sich bis 1952 unter keinen Umständen in Uniform zeigen. Dienstgrade und Abzeichen wurden so gestaltet, dass sie möglichst wenig an eine Armee erinnerten. Während der Osten die Wiederaufrüstung verdeckt betrieb, wurde in Westdeutschland ab 1949 ganz offen über die Aufstellung einer Armee diskutiert.

Rundfunkansager: In Deutschland und in der Welt ist eine lebhafte Diskussion entbrannt zu der Frage: Soll es wieder deutsche Soldaten geben?

Es war vor allem Bundeskanzler Konrad Adenauer, der auf eine westdeutsche Armee drängte. Er wollte sie in ein europäisches Verteidigungsbündnis einbinden und so eine Ausdehnung des kommunistischen Machtbereichs auf Westdeutschland verhindern.

Adenauer: Es wurde die Frage der Schaffung deutscher Truppenverbände diskutiert, die aber nur mit leichten Waffen versehen sein sollten und die den Westalliierten den Rückzug decken würden.

Adenauers Drängen nach einer Bundeswehr beschleunigte auch im Osten die Wiederbewaffnung. Ab 1952 sprach die DDR-Führung ganz offen von ihren kasernierten Polizeitruppen. Pläne zur Gründung einer regulären Armee bestritt SED-Chef Walter Ulbricht auf einer Pressekonferenz aber energisch.

Reporter: Dietrich, Nordwestdeutscher Rundfunk. Im Kommuniqué über die Sitzung des Ministerrats vom vorigen Freitag wurde ein Gesetz über die Regierung angekündigt. Ist in diesem Zusammenhang bereits die Schaffung eines Verteidigungsministeriums vorgesehen?
(Lachen im Saal)

Walter Ulbricht: Sie stellen so konkrete Fragen, dass ich gleich antworten kann. (Lachen im Saal) Herr Dietrich, in Ihrer Frage kann ich sie einfach beantworten. Bei uns ist nicht die Schaffung eines Verteidigungsministeriums vorgesehen.

Tatsächlich lief die Militarisierung der DDR zu diesem Zeitpunkt bereits auf Hochtouren. Die Kasernierte Volkspolizei hatte 1952 schon mehr als 30.000 Mann unter Waffen. Im gleichen Jahr gründete die DDR-Regierung die Gesellschaft für Sport und Technik (GST). Hauptaufgabe der Organisation war die vormilitärische Ausbildung. Bei ihr konnte man Schießen, Funken und Fallschirmspringen lernen. Trotzdem stellte es SED-Chef Ulbricht immer so dar, als treibe ausschließlich der Westen die Aufrüstung voran.

Ulbricht: Nachdem durch den Separatpakt Westdeutschland in die Hauptkriegsaufmarschbasis der USA in Europa verwandelt werden soll, muss die Friedenspolitik der Deutschen Demokratischen Republik ergänzt werden durch die Schaffung nationaler Streitkräfte zur Verteidigung der Heimat.

Mit diesen Worten kündigte Walter Ulbricht 1952 erstmals offiziell die Gründung einer ostdeutschen Armee an. Aber es sollte noch vier Jahre dauern, bis die Truppen wirklich standen. Im Westen verzögerte Frankreich die Integration der Bundesrepublik in ein westliches Verteidigungsbündnis, und die DDR-Führung wollte unter keinen Umständen der erste deutsche Staat mit Soldaten sein. Im Oktober 1954 wurden die Pariser Verträge unterzeichnet: Sie regelten die Aufnahme der Bundesrepublik in die NATO und erlaubten dem westdeutschen Staat den Aufbau von Streitkräften. Daraufhin begann auch die DDR offiziell mit dem Aufbau der NVA.

Zunächst wurde die Verfassung angepasst, denn der ursprüngliche Text sah gar keine Armee vor. Die Regierung fügte einen Paragrafen ein, der den Dienst an der Waffe zur ehrenvollen Pflicht erklärte. Im DDR-Fernsehen begründete Chefkommentator Karl Eduard von Schnitzler diesen Schritt:

Schnitzler: Die Verteidigungsbereitschaft ist nicht nur eine uns aufgezwungene Notwendigkeit. Sie ist ein unlöslicher Bestandteil des Aufbaus des Sozialismus. Sozialismus und Frieden aber sind eine Einheit. Darum haben wir in der Deutschen Demokratischen Republik allseitige Verpflichtungen. Wir sind ein Bestandteil des Friedenslagers. Mit ihm sind wir alles, ohne es sind wir nichts. Deswegen sind wir nicht nur in der großen einigenden Idee Brüder. Wir müssen auch Waffenbrüder sein.

Anders als ihre Waffenbrüder verzichtete die DDR-Führung zunächst auf die allgemeine Wehrpflicht. Die NVA war in ihren Anfangsjahren eine Freiwilligenarmee. Das unterschied sie auch von der westdeutschen Bundeswehr. Nach Ansicht der SED wertete die Freiwilligkeit die NVA moralisch auf. Und so hoffte man, dass sich ausreichend junge Männer zum Dienst an der Waffe melden würden.

Bergmann: Es ist mir eine große Freude, als alter Bergarbeiter Euch die Glückwünsche aller Braunkohle-Kumpels zu überbringen. Auch aus unserem Betrieb hat sich ein guter Produktionsarbeiter, der Jugendfreund Siegfried Hering, in die Reihen der Volksarmee gemeldet. Ich wünsche Dir, lieber Siegfried, viel Erfolg in unserer Armee.
Siegfried: Danke! Ich bin Mitglied der Freien Deutschen Jugend und Angehöriger der Gesellschaft für Sport und Technik und konnte mich schon auf die militärische Ausbildung vorbereiten. Als von der Bezirksleitung der FDJ der Aufruf kam, unsere Volksarmee zu stärken, war es meine Aufgabe, mich zu melden.

Doch nicht jeder zeigte so viel Enthusiasmus wie dieser Bergmann. Nach ihrer Gründung kämpfte die NVA zuvorderst um ein positives Image. Die Freie Deutsche Jugend musste an den Schulen massiv werben, um ausreichend Interessenten für die NVA zu bekommen. Der Rundfunk war voll von Berichten, die das aufregende Leben der Soldaten und Soldatinnen schilderten. Hier der Auszug aus einem Interview mit der ersten NVA-Pilotin der DDR.

Reporter: Heute ist 'ne ganz schöne Waschküche, wie man in der Fliegersprache sagt. Waren Sie heute oben?
Pilotin: Ich bin erst vor kurzer Zeit wieder runter gekommen. Aber es stimmt, das Wetter ist sehr schlecht. Die Wolken ziemlich tief. Sehr diesig.
Reporter: Ja. Wackelt das da sehr in der Maschine?
Pilotin: Ach, es geht, auszuhalten.
Reporter: Das macht Ihnen gar nichts mehr aus, Sie haben gar keine Angst mehr, wenn Sie nach oben gehen?
Pilotin: Ich habe keine Angst, aber vielleicht haben Sie Angst.
Reporter: Wieso? Ich fliege doch nicht.
Pilotin: Fragen Sie mal Genossen Hauptmann.
Reporter: Jetzt komme ich ein bisschen in Verlegenheit. Wenn Sie jetzt Ja sagen, dann werde ich mit der Genossin Leutnant fliegen können.
Reporter im Flieger: Mit der rechten Tragfläche streifen wir jetzt eine Wolkenbank und wenn ich zur linken Tragflächenseite herunterschaue, dann sehe ich die Landschaft wie in einer großen Spielzeugschachtel. Was jetzt passiert ist, meine Hörerinnen und Hörer, das kann ich Ihnen nur in Stichworten sagen. Die Maschine stellte sich auf den Kopf, drehte sich rum. Mir wurde auf einmal ganz schwer hier oben auf den Schultern und ich bin froh, dass mir der Magen nicht mit nach oben geschossen ist.

Doch alles Werben für die Volksarmee half nichts. Und so versuchte es die Regierung schließlich mit massivem Druck. Ab 1958 bevorzugten die Universitäten Bewerber, die zuvor bei der NVA gedient hatten. Weil auch das nichts half, führte die Regierung 1962 doch noch die Wehrpflicht ein. Inzwischen war die Mauer gebaut worden. Die jungen Männer konnten sich dem Zwangsdienst an der Waffe nicht mehr durch Flucht entziehen. Verteidigungsminister Heinz Hoffmann begründete das Wehrpflichtgesetz in der Volkskammer.

Verehrte Abgeordnete. Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in der DDR schafft keine neue politische Situation. Sie trägt lediglich der Lage Rechnung, die durch die erwiesene Schuld des westdeutschen Imperialismus in Deutschland entstanden ist: der Existenz zweier deutsche Staaten und zweier Armeen mit völlig unterschiedlichem Charakter.

Hoffmann betonte, dass die Bundesrepublik schon längst eine Wehrpflicht habe. Da sei es nur konsequent, wenn auch die DDR die jungen Männer künftig zum Waffendienst verpflichte. In der offiziellen Sprachregelung war das Volk begeistert, dass nun endlich jeder junge Mann zur Volksarmee musste.

Umfrage: Die Kollegen der großen Schmiede sind der Meinung, es hätte schon eher kommen müssen, die Wehrpflicht, damit wir viel stärker und intensiver diesen Kräften in Westdeutschland entgegentreten können.
Ja, die Kollegen sind bestrebt, dass sie ihren Plan erfüllen und übererfüllen. Aber sie sehen auch, dass es notwendig ist, dass die jüngeren Kollegen jetzt zur Wehrpflicht ziehen und die ihre Arbeit noch mit übernehmen, dass die Arbeit trotzdem geschafft wird.
Ich möchte zum Abschluss zu diesen Worten noch sagen, dass die Kollegen des Ernst-Thälmann-Werks geschlossen hinter dem Gesetz der Wehrpflicht stehen, um dadurch unsere Republik zu schützen und den Frieden zu sichern.


Mehr als 2,5 Millionen Soldaten dienten bis zum Ende der DDR in der Nationalen Volksarmee. Ein ziviler Ersatzdienst war nicht vorgesehen. Wer nicht schießen wollte, musste als so genannter Bausoldat in Sondereinheiten dienen. Offiziell beschwor die Armeeführung Kameradschaft und Einsatzfreude. Schon Kinderlieder handelten von den Heldentaten der Soldaten. Doch das offizielle Bild hatte nur wenig mit der Realität zu tun. Der Alltag war oft geprägt durch Willkür der Vorgesetzten, stupide Arbeiten und widerspruchslosen Gehorsam. Den meisten Männern blieb ihre Dienstzeit bei der NVA in unguter Erinnerung.
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