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6.12.2004
Wein, Weib und Gesang im Jenseits
Der Himmel in der Glaubensgeschichte
Von Rolf Cantzen

Heute ist Nikolaustag. Kinder stellen am Vorabend ihre Stiefel vor die Tür und freuen sich, wenn St. Nikolaus über Nacht die Stiefel mit Süßem gefüllt hat. St. Nikolaus ist einer der vielen Menschen, die in ihrem Leben Gutes getan haben und von der katholischen Kirche heilig gesprochen wurden. Eine Heiligsprechung ist erst einmal eine irdische Ehrung eines längst Verstorbenen. Was es aber für das ewige Leben im Jenseits heißt, heilig zu sein: darüber gehen - und gingen - die Vorstellungen auseinander. Die alten Griechen stellten sich das Jenseits ganz anders als die Christen vor, und mittelalterliche Christen anders als moderne Christen.

Eins hab' ich mir vorgenommen,
in den Himmel muss ich kommen!


Katholischer Kinder-Katechismus der Bistümer Deutschlands:

Frage: Was ist die größte Freude der Seligen im Himmel? - Antwort?
Die Seligen im Himmel schauen Gott von Angesicht zu Angesicht und sind mit ihm in ewiger Liebe vereint.

Thomas von Aquin, Kirchenvater:

Der wesentliche ewige Lohn des Menschen besteht in der vollkommenen Vereinigung der Seele mit Gott, insofern er Ihn in vollendeter Schau und Liebe genießt.

Mich locken nicht die Himmelsauen.

Heinrich Heine, Dichter.

Kein Engel mit den feinsten Schwingen
Könnt mir ersetzen dort mein Weib;
Auf Wolken sitzend Psalmen singen,
Wär auch nicht just mein Zeitvertreib.
O Herr! Ich glaub, es wär das beste,
Du ließest mich in dieser Welt;
Heil nur zuvor mein Leibgebreste,
Und sorge auch für etwas Geld.


Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein!

... das ist keine an Heine gerichtete Drohung, sondern ein Versprechen, dass Jesus am Kreuz einem sterbenden Leidensgenossen gibt.

Prof. Dr. Bernhard Lang: Wir haben dabei keineswegs von Jesus eine ganz bestimmte Aussage, die im Zentrum seiner Verkündigung in den Quellen erkennbar wären.

Ich kenne jemanden, einen Diener Christi, der vor vierzehn Jahren bis in den dritten Himmel entrückt wurde.

Paulus, zweiter Korinther, 12. - Paulus meint mit diesem "jemanden" sich selbst.

... ob es mit dem Leib oder ohne den Leib geschah, nur Gott weiß es.

Paulus meldet noch, dass das Paradies im 3. Himmel angesiedelt sei und dass er dort "unsagbare Worte" vernommen habe. Das ist alles: Kein Hinweis auf die himmlische Belegschaft, keine Beschreibung der paradiesischen Freuden.

Lang: Eine Auferstehungsvorstellung würde ich historisch zunächst strikt trennen von der Vorstellung eines ewigen Lebens. Ursprünglich ist das geradezu alternativ, sind das zwei verschiedene Ansätze.

Bernhard Lang ist Theologe, Professor für Religionswissenschaft an der Universität Paderborn. Er schrieb Bücher über das Neue und Alte Testament, über die Bibel, über Himmel und Hölle ...

Bernhard Lang betont, dass im Neuen Testament wenig zu finden ist über die Auferstehung der Toten und das ewige Leben im besseren Jenseits.

Lang: Die Vorstellung der Auferstehung bedeutet ursprünglich eine Rückkehr in die materielle Welt, besonders für Menschen, die früh gestorben sind, vor dem natürlichen Tod, etwa als Märtyrer. Gerade als Märtyrer haben sie Anrecht darauf, ihr Leben zu Ende zu führen aber in dieser Welt, in der materiellen Welt. Das dürfte die älteste Vorstellung von Auferstehung sein.

Diese Auferstehung erfolgt sozusagen "ganzheitlich", mit Leib und Seele. Der Leib wird rekonstruiert, verjüngt, sogar ästhetisch optimiert. Diese Variante der Fortexistenz ordnen Religionswissenschaftler einer jüdischen Tradition zu, die sich im 5. Jahrhundert vor Christi herausbildete. Doch hier lebten die aus den Gräbern auferstandenen lediglich tausend Jahre, solange wie die Menschen vor der Sintflut, also nicht ewig. Von einer unsterblichen Seele ist hier noch nicht die Rede.
Im Neuen Testament gibt es neben der jüdischen Tradition auch Hinweise auf die Auffassung ...

Lang: .... dass ein Mensch tot bleibt, aber seine Seele oder sein Personenäquivalent wird himmlisch erhöht und aus dieser Erhöhungsvorstellung von der Erde weg in einen transzendenten Bereich, das wurde auch als Auferstehung bezeichnet, aber das ist eigentlich eine ganz andere Vorstellung als die der konkreten leiblichen Auferstehung.

Die Variante der "Auferstehung" einer Seele im Jenseits stützt sich auf griechische Einflüsse. Platon und seine philosophischen Vorgänger brachten die leibunabhängige Seele in die Diskussion und lehrten, sie sei unsterblich und lebe post mortem weiter - in der christlichen Variante im Himmel oder im Paradies.

Unsterblichkeit ist nicht jedermanns Sache!

... vermutete Kurt Schwitters. Ergänzen ließe sich:

Todsein ist auch kein Vergnügen!

... das glaubten die Menschen der frühen Kulturen Ägyptens, Babyloniens, Israels und Griechenlands.

Unsterblich waren bis dahin nur Götter. Doch die Sterblichen waren nach ihrem Ableben nicht einfach tot. Sie erwartete eine Fortexistenz in der Totenwelt, eine unerfreuliche.

Ich werde meinen Abscheu nicht essen -
mein Abscheu ist Kot, ich esse ihn nicht!


... wehrt sich ein Toter im ägyptischen Totenbuch vergeblich.
In der Schattenwelt des Hades lässt Homer Odysseus erfahren, dass die Toten, die er dort besucht die Lebenden beneiden:

Grauen entsetzlicher Nacht umfängt die verkümmerten Menschen ...

Von Gott verlassen vegetieren die Toten im jüdischen Scheol:

Auf Würmern bist du gebettet, / Maden sind deine Decke.

... so das Buch Jesaja. Mit der Zeit werden die Toten im Scheol von den Lebenden vergessen. Sie verschwinden.

In einem Text des Alten Testamentes aus dem 3. Jahrhundert heißt es:

Die Lebenden erkennen, dass sie sterben werden; die Toten erkennen überhaupt nichts mehr.

Dieser Auffassung waren zur Entstehungszeit des Christentums Teile des Judentums, die Sadduzäer. Sie widersprachen damit dem Glauben an eine befristete Auferstehung, dem Glauben ihrer jüdischen Konkurrenz, der Pharisäer, und Essener. Den Auferstehungsglauben der Pharisäer griffen die Christen auf - und den Glauben an eine "griechische" Seele und ihre Unsterblichkeit.

Lang: Spätere Theologen haben versucht, daraus kohärente Systeme, Glaubenssysteme zu basteln, bei denen immer natürlich dieses große Spektrum verloren geht und bestimmte Aussagen der Tradition einseitig interpretiert werden, so dass sie in ein festes dogmatisches Gebäude passen, in eine Lehre.

... zu dieser Lehre gehört das Gericht über die Toten, wie es aus den Mythen des alten Babylonien, Ägyptens und auch in Griechenland bekannt war.

Ich sah die Toten vor dem Thron stehen. Und die Bücher wurden aufgeschlagen. Die Toten wurden nach ihren Werken gerichtet.

Lang: Die Vorstellung vom Totengericht ist eigentlich eine Vorstellung, die ursprünglich ein Ende aller Dinge sich vorstellt als ein Verwaltungs- und Gerichtsvorgang, wo zwischen gut und böse unterschieden wird.

Die "normalen" Bösen werden ausgelöscht, die besonders Bösen ewig gequält - die Guten leben glücklich in Ewigkeit weiter.

In den Paradiesgärten sind gute und schöne Mädchen,
Huris, verschlossen in Zelten.
Die Runde machen unsterbliche Knaben
Mit Humpen und Eimern und einem Becher von einem Born.
Nicht sollen sie Kopfweh von ihm haben ...


Der Koran - von Allah selbst verfasst! - verspricht kulinarische und erotische Annehmlichkeiten - moderne Koraninterpreten meinen übrigens für Mann und Frau. Doch verstehen sie diese jenseitigen Freuden leider nur als Metaphern, als Bilder. Auch christliche Theologen neigen zu einem entsinnlichten Paradies:

Kein Entzücken unserer fleischlichen Sinne hält den Vergleich mit den Wonnen jenes ewigen Lebens aus.

Doch der Volksglaube, gestützt auf Kunst und Literatur, schuf sich sein eigenes Paradies, im Mittelalter, vor allem in der Renaissance, wie hier in einem Roman:

... eine große Zahl zarter und göttlicher Nymphen in jugendlichem Alter von unglaublicher, die Vorstellungskraft überschreitender Schönheit. Ihre Liebhaber behandelten sie freigiebig und zugänglich mit geselliger Liebe, und auf Wunsch zeigten sie bereitwillig ihre nackten und vollen Brüste.

... gut zu essen und zu trinken gibt es auch. Die von den griechischen und römischen Dichtern der Antike imaginierten Bilder vom Elysium, von den Inseln der Seligen und vom goldenen Zeitalter, verschmelzen hier mit christlichen Vorstellungen.

Lang: Bereits in den frühchristlichen Quellen können wir zwei verschiedene Tendenzen feststellen: Eine Tendenz, die darauf hingeht, dass der Mensch Gott von Angesicht zu Angesicht sehen kann und dass darin das ewige Heil des Menschen besteht und nichts anderem.

Bernhard Lang nennt diese Jenseitsvorstellung theozentrisch.

Lang: Dem aber steht gegenüber die Vorstellung, dass im Jenseits der Einzelne mit seinen Verwandten und Freunden und Standesgenossen vereinigt wird.

... die anthropozentrische Variante: Familien werden wieder zusammen geführt, Freunde treffen und amüsieren sich.

Emanuel Swedenborg war im 18. Jahrhundert des Öfteren besuchsweise "oben" und berichtet in seinen weltbekannten Himmelsreportagen:

So oft ich mit den Engeln von Angesicht zu Angesicht sprach, war ich auch bei ihnen in ihren Wohnungen; es befinden sich in ihnen Säle, Zimmer und Schlafgemächer in großer Anzahl, und Vorhöfe, und ringsumher Gärten, Blumenauen und Felder.

Die post mortem wiedervereinten Eheleute pflegen ein bürgerliches Familienleben, "eheliche Liebe" inklusive. Im Himmel lebt es sich also wie auf Erden, nur besser und viel schöner.

Im 19. Jahrhundert überließen Theologen volksreligiösen Vorstellungen den Himmel. Moderne Theologen äußern sich kaum zu dem, was die Menschen nach ihrem Ableben erwartet.

Lang: Ich glaube sagen zu können, dass die meisten Theologen mit einem Leben nach dem Tod als einer Fortführung des irdischen Lebens nicht rechnen.

Mit dem Tod ist zunächst einmal alles aus. Das Leben ist vorbei, es kommt nicht wieder.

... sagt Karl Rahner, ein maßgeblicher katholischer Theologe und sein evangelischer Kollege Karl Barth versichert:

... uns erwartet kein in irgendeine unendliche Zukunft hinein fortgesetztes und in dieser Zukunft irgendwie verändertes Leben.

Lang: Wenn Sie Andeutungen machen und traditionelle christliche Vorstellungen erörtern über ein Leben nach dem Tod, dann sagen sie eigentlich nur, dass der Mensch in ein göttliches Licht oder ein göttliches Sein eingeht.

Gesundheit nur und Geldzulage
Verlang ich, Herr! O Lass mich froh
Hinleben noch viel schöne Tage
Bei meiner Frau im statu quo!

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