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8.12.2004
Das Deutsche Archäologische Institut in Athen wird 130 Jahre alt
Von Marianthi Milona

Als Bismarck 1871 das Deutsche Reich gründete, wollte der junge deutsche Nationalstaat mit den anderen europäischen Mächten auch auf dem Gebiet der Archäologie konkurrieren. Ein Ergebnis war die Gründung eines Institutes, das es heute noch gibt und das in diesen Tagen 130 Jahre alt wird: das Deutsche Archäologische Institut in Athen.

Prof. Dr. Niemeier: Wie man heute noch Neues entdeckt? Einmal gibt es in den alten Grabungen immer noch Neues zu finden, was man nicht glaubt. Ich werde oft gefragt: Ihr grabt ja jetzt schon seit 130 Jahren, kann man da überhaupt noch was finden? Ein glänzendes Beispiel ist, dass mitten im Keramaikos von Athen diese sensationelle Gruppe von Skulpturen zu Tage kam, die niemand erwartet hätte. Und im Keramaikos wird sogar schon viel länger gegraben, ungefähr 160 Jahre. Also überall sind noch Entdeckungen zu machen.

Das Institut in Rom ist der Ursprung des DAI. Das wurde 1829 auf private Initiative einer Reihe europäischer Gelehrter, nicht nur Deutscher, gegründet. Und 1871, nachdem das deutsche Kaiserreich ins Leben gerufen war, wurde dieses römische Institut zur Reichsanstalt und drei Jahre später wurde dann auch eine Zweigstelle in Athen gegründet.

Am 9. Dezember 1874 gründeten deutsche Archäologen in der griechischen Hauptstadt Athen eine griechische Zweigstelle des Deutschen Archäologischen Institutes. Das Datum war bewusst so gewählt. Kein Tag schien als Eröffnungstag passender zu sein, als der Geburtstag Johann Joachim Winckelmanns, des Gründungsvaters der klassischen Archäologie! Mit seinem Werk "Die Geschichte der Kunst des Altertums" leitete Winckelmann nicht nur eine sehr intensive Beschäftigung mit der griechischen Antike in Deutschland ein. Er begeisterte Dichter und Denker, wie Herder, Schiller, Goethe und Humboldt. Er gab neue Denkanstöße zu einer modernen Bildungspolitik.

Niemeier: Wilhelm von Humboldt, der Bruder des berühmten Naturforschers Alexander von Humboldt, begründete zu Beginn des 19. Jahrhunderts ganz neu das preußische Bildungssystem, dessen Wurzel das humanistische Gymnasium war und das Vorbild für die Ausbildung junger Menschen war. Die griechische Antike, der Mensch der griechischen Antike. Und jeder der in Preußen oder im Deutschen Reich etwas im Staatsdienst werden wollte, der hatte dieses humanistische Gymnasium durchlaufen. Das antike Griechenland hatte immer eine ganz besondere Stellung in Deutschland.

Prof. Dr. Niemeier, Direktor des Deutschen Archäologischen Institutes in Athen, blickt auf eine 130-jährige Erfolgsgeschichte deutscher Archäologie in Griechenland zurück. Bereits 1833, lange vor der Gründung des DAI, brachte der bayrische Prinz Otto und spätere König Otto I. von Griechenland in seiner Gefolgschaft deutsche Archäologen nach Griechenland. Einer von ihnen war Ludwig Ross, der erste Professor für klassische Archäologie an der Universität von Athen, ihm gelang die Gründung des so genannten Griechischen Archäologischen Dienstes. Als einige Jahre später die Entscheidung in Berlin fiel, ein Deutsches Archäologisches Institut in Griechenland zu eröffnen, wurde kurzer Hand der GAD, der Griechische Archäologische Dienst, umbenannt in DAI, Deutsches Archäologisches Institut. Nach Lust und Laune zu graben, wie im Fall von Heinrich Schliemann, das war in jener Zeit undenkbar. Denn zum ersten Mal in der Geschichte der Archäologie bestimmte die griechische Regierung in Zusammenarbeit mit griechischen Archäologen über Zeitraum und Umfang der Grabungsflächen.

Niemeier: Und da war besonders wichtig die Olympia-Grabung, die 1874 begonnen hat, denn da gab es einen richtigen Vertrag, der lange und zäh ausgehandelt worden war. Denn wie damals üblich, wollten auch das deutsche Reich die Funde abtransportieren, nach Deutschland und in den Museen aufstellen. Im 19. Jahrhundert gab es ja viel Wettbewerb und eine Anhäufungspolitik - Antiken in die jeweiligen Museen, British Museum, Louvre, Pergamonmuseum in Berlin zu bringen. Und dieser Vertrag zwischen dem damaligen Königreich Griechenland und dem Deutschen Reich war der Erste, in dem festgelegt wurde, dass die Ausgräber, in diesem Fall die deutsche Archäologen, alle wissenschaftlichen Rechte an der Grabung haben, aber alle Funde, alle Fundobjekte im Land verbleiben. Insofern war diese Olympia-Grabung und der Vertrag beispielgebend.

Griechenland hatte seit dem nationalen Freiheitskampf 1821 in Sachen Archäologie dazu gelernt. Für die Gastarchäologen hingegen war Archäologie noch immer mit Machtpolitik verknüpft. Der Wettbewerb um die besten Ausgrabungsplätze bei den jungen Nationalstaaten wie Deutschland und Frankreich war ein wichtiges Thema. Die Deutschen glaubten, mit Griechenland mehr seelenverwandt zu sein als andere Staaten. Das Land der Griechen mit der Seele suchen - rief schon Goethe aus. Der Antagonismus gegen die romanischen Kulturen und damit gegen Frankreich war unverkennbar. Rom - das passte mehr zu Frankreich. Aber Athen - das musste so sein, wie sich die Deutschen die Antike vorstellten. Waren nicht die Athener (und damit die Griechen überhaupt) den Deutschen geistig so unglaublich nah? - Nun, die Griechen ließen sich bis zum Ende der Verhandlungen nicht beirren. Und der Olympia-Vertrag mit dem Deutschen Reich setzte neue Maßstäbe in der deutsch-griechischen Geschichte der Archäologie.

Niemeier: Da gab es seit der Gründung des neuen griechischen Staates starke Bestrebungen, alles im Lande zu belassen und nicht mehr diesen Antikenraub, der zu Beginn des 19 Jahrhunderts noch üblich war, ich sage, Lord Elgin und die berühmten Parthenon-Skulpturen, so etwas nicht mehr zuzulassen. Und wie gesagt, bei dem Olympia Vertrag ist dies zum ersten Mal gelungen, trotz des Drucks von Seiten des Deutschen Reiches, das nicht zuzulassen. Otto von Bismarck, der Reichskanzler, weigerte sich, die Olympiagrabung zu finanzieren, weil er sagte, was nützt uns das, wenn wir nicht die schönen Marmorskulpturen nach Berlin bringen? Daraufhin hat Kaiser Wilhelm I. aus seiner Privatschatulle die Olympia-Grabung finanziert.

Die Entdeckung und Erforschung Olympias von den Anfängen bis in die Spätantike markierte den Anfang zahlreicher bedeutender Grabungen des DAI in Griechenland.

In Athen muss man natürlich erwähnen den Keramaikos, die Nekropole, den Friedhof vor den Toren Athens, wo nicht nur Gräber, der Friedhof untersucht worden ist, sondern auch die Stadtmauern und Häuser an der Stadtmauer, unter anderem eines, dass Gaststätte war, in der aber auch Prostituierte den Gästen zugefallen waren. Wir kommen also mitten in das pralle Leben Athens.

Vor zwei Jahren machte Prof. Dr. Niemeier die bisher größte Entdeckung seiner beruflichen Laufbahn. Das war am heiligen Tor in der Athener Nekropole. Während er unter einer Straße nach Keramik forschte, um die antiken Straßenkanäle genau datieren zu können, tauchte plötzlich unter dem Kanal ein Marmor- Kouros auf, also die Statue eines Jünglings aus ganz früher Zeit, um 600 v. Chr. Das war die Zeit, als in Athen die ersten großen Marmorplastiken überhaupt von Künstlern hergestellt wurden.

Das sind Momente, die man sein Lebtag nicht vergisst. Man kneift sich in den Arm und sagt: Träum ich oder ist das wahr, ja? Das sind Funde, die die meisten Archäologen nie im Leben machen. Und die, wenn man sie macht, vielleicht ein Mal im Leben geschieht und das ist natürlich, wenn man ein Meisterwerk der archaischen Plastik plötzlich unter sich aus der Erde kommen sieht, das sind Momente, die man gar nicht fassen kann. Voller Glück.

Des weiteren ist das DAI auch mit Traditionsgrabungen im Heiligtum von Samos tätig. Im berühmten Heiligtum, in dem der Tempel des Tyrannen Polykrates stand, wird ständig geforscht. Jetzt vermutet man ganz in der Nähe des Heiligtums sogar eine große Stadt der frühen Bronzezeit des 3. Jahrtausends v. Chr. Mit der mykenischen Burg von Tyrins in der Argolis besitzt das DAI in Athen vier große Traditionsgrabungen in Griechenland.

Die Ziele sind vorgegeben durch unsere Grabungsplätze und was wir machen wollen, diese Grabungsplätze vollkommen zu erschließen und zu erforschen. Um sie dann an den griechischen Staat zurückzugeben und vielleicht dann mal ein neues Projekt zu beginnen. Aber natürlich machen wir das nicht eher, als bis wir die Aufgabe erfüllt haben, die wir auch übernommen haben und die uns übertragen ist von den griechischen Freunden, vom griechischen Staat, diese Grabungsplätze ganz zu erforschen.

Die Suche nach neuen Ausgrabungsflächen ist in Griechenland nicht schwer. Durch systematische Geländeforschungen, so genannten Surveys, gehen Gruppen von Studenten unter der Leitung von Archäologen ganze Landstriche ab, sammeln Scherben, beobachten Mauern. Auf diese Weise werden immer noch neue wichtige Plätze entdeckt. Eine andere wichtige Rolle spielt für die Grabungsforscher der Bauboom in Griechenland, weil man bei den Bauarbeiten sehr häufig auf Antiken stößt. Nach Schätzungen des DAI in Athen wird es in Griechenland auch in den nächsten Jahrhunderten genug zu graben geben.

Wir haben viele Städte, die Pausanias nennt und die bei Homer genannt sind, noch nicht identifiziert oder man streitet sich, welche es sind. Nein, es gibt noch ganze unausgegrabene Städte in Griechenland.

Die Arbeitsweise der Archäologen hat sich seit Gründung des DAI stark verändert. Früher standen Fragen der Stilentwicklung im Mittelpunkt. Man versuchte eine Statue nach stilistischen Kriterien auf fünf Jahre genau zu datieren. Oder man betrieb Meisterforschung und sagte: Diese Skulptur ist von der gleichen Hand geschaffen wie jene. Waren diese Fragen erst einmal geklärt, hörte man recht bald auf weiter zu forschen.

Heutzutage haben wir ganz andere Fragestellungen auch durch Einflüsse aus modernen Wissenschaften, Ethnologie, Soziologie. Heute versuchen wir eben auch die gesellschaftlichen Hintergründe zu klären, aus denen eine solche Kunst entstanden ist und nicht nur als L´art pour l´art, als Kunst an und für sich zu sehen, sondern auch versuchen zu entschlüsseln, wie ist diese Kunst entstanden? Was ist der politische Hintergrund? Was ist ihre Bedeutung, ihre inhaltliche Bedeutung? Denn das Phänomen, dass es Kunst nur der Kunst willen gibt, ist ein Phänomen des 20. Jahrhunderts. Alle antike Kunst war Auftragskunst und zumeist in religiösem Kontext.

Wenn man heute das Deutsche Archäologische Institut in Athen besucht, wird man sich der Bedeutung der Archäologie des 19. Jahrhunderts schnell bewusst. Das schöne klassizistische Gebäude, das das Institut beherbergt, hatte bereits Heinrich Schliemann bauen lassen. Im Jahr 1888, also 14 Jahre nach seiner Gründung, zog das DAI dort ein. In der Phidiasstraße 1 residiert es bis heute. Phidias gilt übrigens als der größte Künstler der klassischen Antike, mit dem sich besonders die deutsche archäologische Forschung sehr beschäftigt hat. Die Bibliothek mit ca. 70.000 Büchern ist mit der Zeit auch zum wichtigen Treffpunkt griechischer Archäologen geworden.

Der Entwurf stammt von Wilhelm Dörpfeld, einem berühmten Bauforscher und Archäologen, der dann auch später hier Direktor war, einer meiner Vorgänger. Ausgeführt hat den Bau auch ein bekannter Architekt nämlich Ernst Ziller, der sehr viele Bauten in Athen geschaffen hat und wie gesagt, das wurde erst von Schliemann an das Deutsche Reich vermietet und nach Schliemanns Tod von seinen Erben an das Deutsche Reich verkauft. Es ist ein sehr schönes Gebäude, noch in seinem Originalzustand weitgehend erhalten.

Jedes Zimmer besitzt ein anderes Deckengemälde und verschiedene Homerzitate sind auf allen vier Seiten der Decke zu lesen. Lieblingssprüche Heinrich Schliemanns, die er persönlich ausgesucht und biblischen Worten gleich, ganz oben an der Decke für alle gut leserlich hat aufmalen lassen. - In diesem Jahr, zum 130. Bestehen des DAI in Athen, werden der deutsche Botschafter und viele Vertreter der deutschen Kolonie in der griechischen Hauptstadt zugegen sein. Dann will Prof. Niemeier in seiner Rede auch davon erzählen, warum es für künftige Generationen von Archäologen in Griechenland nicht mehr so schön sei, in der Vergangenheit zu wühlen - sprich: die Zeugnisse des heutigen Athen auszugraben…

Ich möchte nicht in 2000 Jahren Archäologe sein, denn da könnte man die Baustile nicht mehr so klar definieren wie in der Antike. Also das wird dann vielleicht für unsere Kollegen in 2000 Jahren etwas verwirrend, wenn man etwa im Stadtzentrum Athens ausgräbt und dann hat man postmodern und Klassizismus direkt nebeneinander.
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