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9.12.2004
Empfehlung von Sachbüchern
Vorgestellt von Ulf Dammann und Winfried Sträter

Allee in Brandenburg (Bild: AP Archiv)
Allee in Brandenburg (Bild: AP Archiv)
Gerd Heinrich (Hg.):
Kulturatlas Brandenburg
L&H-Verlag Hamburg 2004
Preis 16,80 Euro

vorgestellt von Winfried Sträter

Preußen ist ein sehr merkwürdiges historisches Gebilde. Längst untergegangen spukt Preußen noch in den Köpfen herum wie in einem virtuellen Raum: preußische Tugenden, Pflichtbewusstsein, starker Staat.

Zu Lebzeiten dehnte sich Preußen mit einer merkwürdigen Beliebigkeit in alle möglichen Richtungen hin aus - bis es Großmacht war, im Deutschen Reich aufging und mit Hitlerdeutschland unterging. Geblieben ist - Brandenburg: diese flache, karge Landschaft, aus der heraus sich die Großmacht Preußen entwickelt hat. Ein Bundesland, das vielleicht vergleichbar ist mit einem Provinzfußballclub (nehmen wir beispielsweise: Energie Cottbus), der sich mit einem ambitionierten Trainer in die Eliteliga hocharbeitet, dann aber abstürzt, den Coach entlässt und wieder in die Provinz zurückkehrt.

Wer die Entwicklung dieses Landes verfolgen will, findet vorzügliches Anschauungsmaterial in dem "Kulturatlas Brandenburg", den das "Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte" vor wenigen Wochen veröffentlicht hat. Der Titel "Kulturatlas" führt ein wenig in die Irre, der Untertitel hilft weiter: "Geschichte und Landeskunde im Überblick". Das Buch stellt nur am Ende Kulturstätten (genauer gesagt: Museen) des Landes vor; vor allem aber vermittelt es anhand von Karten, Schaubildern, alten Stadtansichten und knappen Texten einen guten Überblick über eineinhalb Jahrtausende brandenburgischer Entwicklung.

Im 7. Jahrhundert wandern slawische Stämme in den brandenburgischen Raum ein, ein halbes Jahrtausend beherrschen sie das Land, bis im 12. Jahrhundert die deutsche Ostwanderung die slawische Kultur und den slawischen Einfluss zurückdrängt. Doch die slawische Besiedlung ist nicht spurlos verschwunden:

"Aus dem slawischen Halbjahrtausend sind viele Orts- und Landschaftsnamen erhalten geblieben. Städte wie Lebus an der Oder, Pritzwalk, Prenzlau in der Uckermark oder Zossen und Teupitz im Süden von Berlin belegen das…"

Brandenburg wird christianisiert. Eine Karte über Besitzverhältnisse im 14. Jahrhundert zeigt, dass große Teile der Ländereien diversen Rittern und der Kirche gehören - bis sich die Hohenzollern-Kurfürsten der Reformation anschließen, Klosterbesitz einverleiben und einen "frühmodernen Landesstaat" aufbauen.

Entvölkerung: dieses Problem ist im heutigen Brandenburg wieder akut. Im 17. Jahrhundert hatte der Dreißigjährige Krieg für eine Entvölkerung katastrophalen Ausmaßes gesorgt.

"Als am 1. Dezember 1640 Kurfürst Friedrich Wilhelm die Herrschaft in Brandenburg antrat, war die Bevölkerungszahl gegenüber 1618 als Folge von Krieg, Hunger und Flucht fast um die Hälfte gesunken."

Die Antwort des neuen Landesherrn ist die aktive Ansiedlungspolitik, die dem Land nebenbei den Ruf der Toleranz einbringt, den es sich heute erst wieder verdienen muss.

Der Kulturatlas dokumentiert anschaulich die Ansiedlungspolitik des 17. und 18. Jahrhunderts. Und den Aufstieg des brandenburgisch-preußischen Staates zur Militärmacht kann man auch an der Landkarte ablesen: wie sich rund um Berlin das Militär breitmacht. Nach 1945 sind es dann sowjetische Garnisonen, die riesige Flächen besetzen und unzugänglich machen.

Eli Barnavi:
Universalgeschichte der Juden. Ein historischer Atlas.
dtv 2004
Preis: 39 Euro

vorgestellt von Ulf Dammann


"Zu viel Geschichte, zu wenig Geographie - dieser berühmte Aphorismus, mit dem Sir Isaiah Berlin versuchte, das Los des jüdischen Volkes kurz und bündig auf einen Nenner zu bringen - kam mir bei der Lektüre der Korrekturfahnen dieses Buches in den Sinn"

… schreibt Eli Barnavi, Herausgeber des historischen Atlasses über die Geschichte der Juden, im Vorwort, um sogleich zu fragen: "Nicht genug Geographie?" In der Tat, eine berechtigte Frage, denn für kein anderes Volk war Geographie von größerer Bedeutung. Während sich die Geschichte der anderen Nationen in der Regel auf einem relativ genau bestimmbaren Territorium abspielte - auch wenn sich Staatsgrenzen wie im Falle des polnischen Volkes immer wieder verschoben -, spielte sich die Geschichte des jüdischen Volkes auf der ganzen Welt ab. Also eher zuviel Geographie, nicht zu wenig. Aber so hat es Berlin ja auch nicht gemeint. Für ihn stand Geographie für "nationale Geographie", an der es den Juden mangelte, für das allzu lange Fehlen eines eigenen Territoriums.

Der Band "Universal-Geschichte der Juden" zeigt - und dafür ist ein historischer Atlas ein wirklich hervorragend geeignetes Medium - wie das jüdische Volk vom Beginn vor 4.000 Jahren an wanderte, vertrieben wurde und wieder zurückkehrte nach Palästina, erobert und besetzt und wieder vertrieben und verfolgt und in buchstäblich alle Welt zerstreut wurde.

Das "geistige, wirtschaftliche und politische Zentrum (der Juden) hat sich viele Male von einer Region in eine andere verschoben: Palästina, Ägypten, Mesopotamien, Spanien, das Ottomanische Reich, Osteuropa, Deutschland und in jüngster Zeit der Westen, vor allem die USA, und schließlich Israel."

Sogar in Zeiten eines relativ starken israelitischen Zentrums in Palästina wie in den Jahrhunderten vor Christi Geburt, als in Jerusalem der zweite Tempel entstand, lebte ein großer Teil der Juden in der Diaspora. Und heute, mehr als 2.000 Jahre später, leben Juden in aller Welt, sind in ihren Heimatländern integriert - obwohl es seit mehr als 50 Jahren endlich einen jüdischen Staat gibt, dessen Existenzberechtigung nicht mehr bestritten wird.

Der historische Atlas beginnt mit zwei Kapiteln über Raum und Zeit: über das jüdische Verständnis von Raum, besser von den Räumen, in denen sich die Juden permanent bewegten, und über die Zeit, die von ihnen nicht als eine gerade, sondern als mehrfach unterbrochene Linie begriffen wird. Danach folgt das Buch dem jüdischen Volk weitgehend chronologisch durch die Jahrhunderte - beginnend im 20. Jahrhundert vor Christus, als aus der Verbindung mehrerer Stämme das Volk Israel entstand. Auf 200 anschaulichen Karten, ergänzt durch 580 Abbildungen, begleitet der Leser die Juden durch Raum und Zeit, begreift die weltumspannende israelische Geographie, kann sich vertiefen in eindrucksvolle Fotos und farbenfrohe Darstellungen. Die Texte sind sehr informativ, aber trocken und selten anschaulich, sie bilden leider keine wirkliche Einheit mit dem grafischen Teil des Buches. So animiert der historische Atlas eher zum Blättern und Stöbern als zum Durchlesen. Dennoch: Wer will, erfährt hier auf leicht zugängliche Weise alles Wesentliche über die Geschichte des jüdischen Volkes, aber nicht - und das war eine bewusste Entscheidung des Herausgebers - über den Judaismus oder den jüdischen Glauben. Denn dann wären es noch weit mehr als die 320 großformatigen Seiten geworden.

DeutschlandRadio: Geschichte zum Hören - 1945.
DeutschlandRadio 2004 (3 CDs und Booklet) Preis: 22,90 Euro
Erhältlich im Buchhandel, im Online-Shop des DeutschlandRadios oder per Telefon unter der Nummer: 0180 - 3333 678

vorgestellt von Winfried Sträter

"Mit zahllosen Geschützen und Salvengeschützen begann noch während der Dunkelheit um 4 Uhr ein pausenloses Trommelfeuer mit einer Wucht, die wir selten erlebt haben."

An den Seelower Höhen tobt die Schlacht um Berlin. Die Rote Armee bricht den letzten großen Widerstand der Wehrmacht und erreicht wenig später die Reichshauptstadt.

Unser Mikrophon ist auf einem Auto aufgestellt, das in Richtung Berlin rollt. Vor uns erstreckt sich das Panorama des südlichen Teils der Hauptstadt. Das Auto nähert sich der Frontlinie. Wir überqueren einen Kanal. Überall ist die Zerstörung zu sehen, die von unserer Luftflotte herbeigeführt wurde. Vor uns ein riesiges Gebäude, ein Haus mit 15 Etagen. Von der obersten Etage aus kann man das Zentrum von Berlin sehen. Es ist von Bränden hell erleuchtet.

Hitler begeht Selbstmord. Wenige Tage später ist der Zweite Weltkrieg zu Ende. Das Drama der letzten Kriegsmonate, die Stunde Null und den Überlebenskampf nach dem Krieg dokumentiert eine Neuauflage der CD "Geschichte zum Hören 1945", die DeutschlandRadio anlässlich des 60. Jahrestages des Kriegsendes herausgibt.

Feldgottesdienst mit Überlebenden des Konzentrationslagers Bergen Belsen. Das Ende des Krieges ist für sie das Ende eines Alptraums. Die Edition "Geschichte zum Hören 1945" dokumentiert erschütternde Augenblicke dieser Befreiung, der oft ein lebenslanges Trauma folgte. In den besetzten Zonen regierten die Siegermächte. Vor allem aber regierte die Not. Hunger und Kälte im Winter. Der Kölner Erzbischof Frings verurteilte in seiner Weihnachtsansprache 1945 diejenigen, die mit der Not Geschäfte machten.

Umso schärfer aber sind diejenigen zu verurteilen, die die Lebensmittel, die sie erzeugt haben, unter Missachtung ihrer Ablieferungspflicht gegen überhöhte Preise oder nur gegen wertvolle Sachgegenstände veräußern. Solche verstoßen gegen die Gerechtigkeit und gegen die Liebe.

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