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13.12.2004
Strahlkraft eines Intellektuellen
Der Bürgerrechtler und Physiker Andrej Sacharow
Von Jochen R. Klicker

Der Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow freut sich am 9.10.1975 über die Bekanntgabe des Friedensnobelpreises an ihn. (Bild: AP-Archiv)
Der Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow freut sich am 9.10.1975 über die Bekanntgabe des Friedensnobelpreises an ihn. (Bild: AP-Archiv)
1975 erhielt der Physiker Andrej Sacharow den Friedensnobelpreis. Mit ihm wurde die Bürgerrechtsbewegung in der Sowjetunion geehrt, deren Leitfigur und Wortführer der Atomphysiker war. Zur Entgegennahme des Preises durfte Sacharow nicht nach Oslo reisen. Seine Frau Jelena Bonner nahm an seiner Stelle die Ehrung entgegen. Die Preisvergabe erschwerte die Lebensbedingungen des Ehepaares erheblich. Man beschuldigte Sacharow und seine Frau, konterrevolutionäre und antisowjetische Aktivitäten gegen die sozialistische Ordnung zu verfolgen und sie über illegale persönliche und Presse-Kontakte im "kapitalistischen Westen" publik zu machen. Sieben Jahre Verbannung in die Industriestadt Gorki an der Wolga waren die staatliche Quittung für den Einsatz Sacharows für die Menschenrechte. 1986 wurde er rehabilitiert und hoch geehrt. Andrej Sacharow starb vor 15 Jahren.

23. Dezember 1986, frühmorgens.
Im Blitzlichtgewitter bedankt sich Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow nach seiner Rückkehr aus siebenjähriger Verbannung noch auf dem Bahnhof bei der Weltöffentlichkeit, dass sie sich für seine Freilassung eingesetzt habe. Und bei Michail Gorbatschow für den persönlichen Anruf, mit dem der Parteichef mitgeteilt hatte, dass Sacharow - zusammen mit seiner Frau Jelena Bonner - nach Moskau heimkehren dürfe.

Noch kein halbes Jahr zuvor hatte der Generalsekretär der Kommunistischen Partei (KPdSU) ganz anders reagiert. Da hieß es noch, der Atomphysiker werde keine Erlaubnis bekommen, seinen Verbannungsort und die Sowjetunion auch nur vorübergehend zu verlassen, weil er sein Vaterland verraten habe und militärisch-wissenschaftlicher Geheimnisträger sei. Denn immer noch galt, was die offiziöse und einflussreiche Wochenzeitung Literaturnaja Gaseta elf Jahre zuvor aus Anlass der Verleihung des Friedensnobelpreises gewettert hatte:

Nicht für seine Forschungen erhielt das sowjetische Akademiemitglied diese Auszeichnung, sondern für langjährige antisowjetische Propaganda, die das Komitee für die Verleihung des Nobelpreises auch noch schändlicherweise als "Kampf für den Frieden" bezeichnet.

Doch was Partei und Staat als Vaterlandsverrat und antisowjetische Propaganda denunzierten, war für den Querdenker und Systemkritiker alles andere als das.

In seinem unmittelbar vor der Preisverleihung erschienen Buch "Mein Land und die Welt" hatte er deutlich gemacht, dass er das Konzept einer freiheitlich verfassten Sowjetunion forderte, die sich dem Grundsatz der Gerechtigkeit für alle verpflichtet fühlte. Und er hatte auch konkrete Einzelheiten genannt:

Ich will die Betriebe reprivatisieren - vielleicht außer der Schwerindustrie und dem Verkehr. Ich will das Dienstleistungsgewerbe, den Kleinhandel, die Schulen und das ärztliche Versorgungssystem entstaatlichen. Ich will die Landwirtschaft - jedenfalls zum Teil - aus der Kollektivierung wieder herausführen. Ich will die Zwangsarbeit verbieten und das Streikrecht erlauben. Ich will jedem Bürger innerhalb und außerhalb der Grenzen Freizügigkeit gewähren. Ich verlange die Errichtung eines Mehrparteiensystems und das Sezessionsrecht für jede einzelne Republik der Sowjetunion.

Sacharow rechnet selbstverständlich damit, dass Partei und Regierung ihn dafür öffentlich demütigen werden. Er bietet trotzdem dem Regime sein Ehrenwort an, nach der Entgegennahme des Preises aus Oslo unverzüglich nach Moskau zurückzukehren. Doch stattdessen bekommt er Rede- und Ausreiseverbot. Post und Telefon unterliegen verschärfter Überwachung. Trotzdem gelingt es Sacharow, seine Dankesrede außer Landes zu schmuggeln und Jelena Bonner zuzuspielen, die sich gerade wegen einer Augenoperation in Italien aufhält. Seine Frau verliest den Text beim Festakt am 10. Dezember 1975. Darin heißt es:

Ich bin überzeugt, dass internationales Vertrauen, gegenseitiges Verständnis, Abrüstung und internationale Sicherheit undenkbar sind ohne die Offenheit der Gesellschaft, ohne Informations- und Gesinnungsfreiheit, ohne die Freiheit zu reisen und das Aufenthaltsland zu wählen. ... Ich verteidige die These von der primären, entscheidenden Bedeutung der politischen und Bürgerrechte bei der Gestaltung der Geschicke der Menschheit. Entsprechend diesem Anliegen ist der Titel meiner Nobelpreis-Rede gewählt: "Frieden, Fortschritt, Menschenrecht."

Sozusagen das Licht der Weltgeschichte betritt Andrej Sacharow Ende 1944, als der junge Physiker von 23 Jahren über "Beziehungen" seines Vaters die Möglichkeit bekommt, die Aufnahmeprüfung für die sowjetische Akademie der Wissenschaften abzulegen. Er besteht. Sein Prüfer, der Physiker Igor Tamm, holt ihn gleich in seine eigene Forschungsgruppe, die sich mit den Prinzipien der thermonuklearen Reaktion beschäftigt. Im Klartext: Mit Atomreaktoren und Atomwaffen. Bereits im Herbst 1947 verteidigt Sacharow seine Dissertation über ein Thema aus dem Bereich des sowjetischen Atomenergieprojektes mit Auszeichnung.

Anfang November 1952 zündeten die Amerikaner auf einem Atoll im Pazifik ihren ersten thermonuklearen Sprengkörper auf Wasserstoffbasis. Sacharow - voll in die Kernwaffenforschung integriert - wird von Wissenschaftlern, Politikern und Militärs zur Arbeit angetrieben. Endlich - am 12. August 1953 - wird sein erstes "Produkt" getestet. In einem hermetisch abgeriegelten Testgelände in der Kasachischen Steppe. Sacharow erinnert sich an diesen Tag:

In diesem Augenblick blitzte am Horizont etwas auf, dann erschien ein sich schnell vergrößernder weißer Ball - sein Widerschein erfasste den gesamten Horizont. Ich riss die Brille herunter, und obwohl mich der Wechsel von Dunkel zu Hell blendete, konnte ich noch die sich ausbreitende gewaltige Wolke sehen, unter welcher der purpurrote Staub auseinander stob. ...

... Dann erreichte uns die Stoßwelle: ein ohrenbetäubender Schlag und ein Stoß gegen den ganzen Körper, darauf ein dumpfes, lang anhaltendes Getöse, das langsam, erst nach vielen Sekunden erstarb.


Es folgt eine Flut von Ehrungen: Die Akademie der Wissenschaften wählt Sacharow zum Vollmitglied. Mit 32 Jahren ist er der jüngste Akademiker, der jemals aufgenommen worden ist. Auf Vorschlag der militärischen Führung bekommt er den Leninorden verliehen. Dem folgt der höchste zivile Ehrentitel, der "Held der sozialistischen Arbeit". Und schließlich erhält er auch noch den mit 500.000 Rubel dotierten Stalinpreis.

Knapp 30 Jahre später notiert der nach Gorki verbannte Systemkritiker zu seinem damals beginnenden Gesinnungswandel:

Zwischen 1953 und 1968 machten meine gesellschaftspolitischen Ansichten eine große Evolution durch. Insbesondere war in den Jahren 1953 bis 1962 mein Mitwirken an der Entwicklung der Thermonuklearwaffe und der Vorbereitung und Durchführung von Thermonuklearversuchen von immer klarerem Erkennen der dadurch aufgeworfenen moralischen Probleme begleitet. Darum trat ich seit Ende der 50er Jahre aktiv für die Einstellung oder Begrenzung von Kernwaffenversuchen ein. ... Seit 1970 ist die Verteidigung der Menschenrechte, sowie die Verteidigung von Menschen, die politischen Übergriffen zum Opfer gefallen sind, für mich an die erste Stelle meines Wirkens getreten.

Mit zunehmend kritischer Distanz gegenüber dem Sowjetsystem war die Eskalation der Konflikte mit Partei und Staat vorprogrammiert. Es beginnt mit einer Kontroverse mit Sowjetmarschall Nedelin im Jahre 1955:

Sacharow gibt seiner Hoffnung Ausdruck, dass die getesteten nuklearen Waffen niemals angewendet werden. Verärgert antwortet der Marschall, dass bei der Entscheidung strategischer Fragen die militärische Führung sicher ohne selbsternannte Ratgeber auskomme.

Im Jahre 1961 Jahre legt sich Sacharow mit Chruschtschow, damals die Nummer 1 der Sowjetunion, direkt an.

Bei einem Bankett steckt der Physiker dem Generalsekretär eine Notiz zu, in der er für die Einstellung der Nuklearversuche eintritt. Mit hochrotem Gesicht kanzelt der Generalsekretär Sacharow ab. Er solle sich nicht "bemühen", den Politikern zu diktieren, was diese zu tun und zu lassen hätten. "Ich wäre ein Schwächling und nicht Vorsitzender des Ministerrats, wenn ich auf solche Leute wie Sacharow hören würde". Von Stund an wird der Oppositionelle in Wissenschaft und Gesellschaft zunehmend isoliert.

Was Sacharow nicht daran hinderte, immer nachdrücklicher für die Durchsetzung der Menschenrechte in der Sowjetunion zu kämpfen; sich öffentlich für politisch Verfolgte - und insbesondere in psychiatrischen Kliniken Weggesperrte - einzusetzen, den Missbrauch der natürlichen Ressourcen anzuprangern; ein Moratorium für Nukleartests einzufordern; und last but not least Unterstützung im westlichen Ausland zu suchen.

In jahrelanger Arbeit entstand ein Essay, den er später "Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit" nannte. Ab Frühjahr 1968 kursierten davon die ersten maschinenschriftlichen Exemplare im politischen Untergrund der Sowjetunion. Wenige Monate später trat Andrej Sacharow aus dieser geheimen Welt heraus: Die New York Times druckte seinen Text in voller Länge ab und machte damit den Systemkritiker weltberühmt. Der Staat schlug sofort zurück, indem er den Physiker von der Mitarbeit an Geheimprojekten ausschloss.

Und dann kam der 21. August 1968.
Die Moskauer Morgenzeitungen berichten, dass 29 Divisionen des Warschauer Paktes auf Bitte der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei und einiger Regierungsmitglieder in die CSSR einmarschiert sind. Der Mehrzahl der Moskauer sind die Ereignisse gleichgültig. Nur sieben Dissidenten demonstrieren vor dem Kreml und werden von KGB-Agenten festgenommen.

Sacharow erzählte später, dass er zunächst nur unter Schock gestanden hätte. Dann aber sei ihm schnell bewusst geworden, dass er an diesem schwarzen Tag endgültig die Überzeugung verloren hätte, ...

... dass die in der Sowjetunion verwirklichte Staatsform überlegen und Verbesserungen gegenüber aufgeschlossen sei.

Mit der Besetzung Prags beginnen die zwölf Jahre, in denen der Bürgerrechtler immer lauter und eindringlicher wider alles Unrecht in der Sowjetunion protestiert. Was wiederum den Staat veranlasst, einen immer brutaleren Nervenkrieg gegen das Ehepaar Sacharow zu führen. Als auch der Nobelpreis keine spürbare Erleichterung für Sacharow persönlich bringt und selbst lebensbedrohliche Hungerstreiks auch für andere nichts erreichen lassen, beginnt er zu resignieren. Kurz vor der Aberkennung aller Orden, Auszeichnungen und Preise sowie seiner Verbannung nach Gorki erklärt er in einem AP-Interview:

Ein solches Leben macht einen müde, und man kann es nicht lange ertragen. Zwar fühle ich mich moralisch befriedigt, doch bin ich realistisch genug zuzugeben, dass wir keine konkreten Erfolge erzielen. Ich lebe nur noch unter Hochspannung. Doch habe ich von einem solchen Leben, von einem solchen Schicksal wirklich genug.

Als sich Sacharow vom Regimekritiker zum entschiedenen Regimegegner gewandelt hat, schicken ihn der Staatsanwalt und das KGB schließlich in die Verbannung. Nicht ohne vorher auch noch alle seine Manuskripte, Dokumente und Unterlagen beschlagnahmt zu haben.

Der Verbannungsort - die Industriestadt Gorki an der Wolga - war für Ausländer gesperrt. Und die wenigen Besucher aus dem Inland, die einen Besuch wagten, wurden nach allen Regeln feindseligen Misstrauens kontrolliert. Langsam aber sicher werden Andrej Sacharow und Jelena Bonner zur Unperson.

Als Gorbatschow die beiden endlich nach Moskau zurückkehren lässt, hat der Nobelpreisträger nur noch drei Jahre zu leben - und diesmal hoch geehrt!

Der offizielle Nachruf vom 14. Dezember 1989 nennt ihn ...

... einen bedeutenden Gelehrten und gesellschaftlich Tätigen, einen Mann von Ehre, Aufrichtigkeit und tiefen humanistischen Überzeugungen, dem schweres Unrecht zugefügt wurde.
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