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15.12.2004
"Mittags schlossen die Läden"
Vom Verschwinden der Pause
Von Susanne Balthasar

Mach mal Pause... (Bild: AP)
Mach mal Pause... (Bild: AP)
Wir leben heute in einer paradoxen Situation: Es gibt immer weniger Arbeit, immer mehr Arbeitslose, aber die Arbeitenden sollen immer länger arbeiten. Vorbei sind die Zeiten, in denen Arbeitszeitverkürzungen und Pausen bei der Arbeit das Thema der Kämpfe zwischen Kapital und Arbeit waren. Auch die Debatte um Ladenschlusszeiten ist längst zugunsten der Liberalisierung und damit der Verlängerung der Öffnungszeiten entschieden. Ruhezeiten, Auszeiten, Pausen werden immer seltener in unserem Alltag.

"Die schönsten Pausen sind lila...."
"Augenblick verweile doch, du bist so schön"
"Mittagspause von 1 bis 3."


Werner Castorf: "Mittags, mittags gehe ich nach Hause zu meiner Frau und esse und dann lege ich mich eine halbe Stunde hin, dann ist die Pause vorbei."

Werner Castorf, Inhaber des Jalousienfachhandels Castorf, macht Pause. Mittagspause. Ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit. Heute gibt es in der Innenstadt von Berlin kaum Läden, die sich diesen Luxus noch leisten.

Werner Castorf: "Die Mittagspause machen? Das werden sicher nicht viele sein. Wenn ich 30 Jahre jünger wäre, würde ich es mir auch nicht erlauben, mittags zuzumachen. Aber es geht leider nicht anders."

Als Werner Castorf 30 Jahre jünger war, standen mittags die Geschäfte still. Jetzt ist er 83 Jahre alt und die altmodische Unterbrechung des Tagesgeschäfts gilt als wirtschaftliche Unvernunft, ist aber in hohem Alter eine biologische Notwendigkeit.

Die Pause: Ausspannen, ausruhen, entspannen. Oder Anspannen, Entspannen, Anspannen. Denn: Ohne Arbeit keine Pause - zumindest laut Duden:

Die Pause: "a) Unterbrechung einer Tätigkeit. b) Kurze Zeit des Ausruhens, Rastens"

Dass diese Zeit immer kürzer wird, hat Dietrich Henckel, Professor am Institut für Stadt- und Regionalforschung an der Technischen Universität Berlin mit dem Spezialgebiet Zeit, beobachtet:

Dietrich Henckel: "Es ist die Beschleunigung, es ist der wachsende Arbeitsdruck. Und das, was man früher in der Mittagspause tat, wird jetzt nebenher erledigt. Man sitzt am Computer, lässt sich in der Mittagspause von Kollegen ein Brötchen mitbringen und schiebt das während der Arbeit am Computer noch in den Mund. Also, insofern kann man durchaus vermuten, und es gibt sehr viele Anzeichen dafür, dass die Pause verschwindet und man kontinuierlicher arbeitet. Und auch in der Produktion wird versucht, wenn es denn überhaupt noch Pausen gibt, diese Pausen durch Wartungsarbeiten zu füllen, oder die Pausen so zu legen, dass nicht alle gleichzeitig Pause machen, sondern nur ein Teil der Belegschaft, damit die Maschinen weiter laufen können."

Das war auch mal anders.

"Was keine Pause kennt, ist nicht dauerhaft."

Dieser Satz des römischen Philosophen Ovid belegt: Die Pause ist ein uraltes Kulturgut. Von der Antike bis zur frühen Neuzeit rasteten die Menschen morgens, mittags und abends. Allerdings nicht geregelt, zumindest nicht nach der Uhr. In den Agrar- und Feudalgesellschaften, in der der größte Teil der Bevölkerung in der Landwirtschaft arbeitete, gab die Natur den Rhythmus vor. Wolfram Fischer, erimitierter Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Freien Universität Berlin:

"Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit hing es natürlich auch noch viel stärker von den Jahreszeiten und vom Wetter ab, wenn zum Beispiel Erntezeit war und ein Gewitter drohte, gab es natürlich keine Pause, wenn das Wetter ruhig war, konnte man Pausen einlegen und es war selbstverständlich, dass man drei bis vier Pausen machte. Frühstück, zweites Frühstück und nachmittags auch noch mal eine Pause und im Sommer arbeitete man von sieben Uhr morgens bis zehn Uhr nachts. "

Im Winter musste allerdings mit der Nachmittagsdämmerung die Sense beizeiten zur Seite gelegt werden. Licht und Wetter als natürliche Arbeitszeitregelung - so hätte es immer weiter gehen können, wenn nicht zwei technische Erfindungen das menschliche Zeitgefühl aus dem uralten Takt gebracht hätten:

Wolfram Fischer: "Bis Mitte des 19. Jahrhunderts gab es ja keine Eisenbahnen. Also mussten die Leute, wenn sie etwas transportierten oder zur Arbeit gingen, sehr viel laufen.

Mit der Eisenbahn haben die Zeitgenossen zum ersten Mal wahrgenommen, dass alles schneller geht. Aber das ging natürlich nicht von einem Tag auf den anderen, aber die Zeitgenossen haben sehr stark damals empfunden, dass es anders wird, dass alles schneller geht, man kann mehr schaffen, alles geschieht schneller, es rauscht an einem vorbei."


Am Ende rauscht auch die freie Zeit vorbei. Wenn alles schneller geht, könnte man meinen, ist Muße gewonnen. Tatsächlich verlief die Entwicklung genau anders herum: Die Erfindung der Eisenbahn und die sich entwickelnde industrielle Produktion brachten in den Gesellschaften Europas die Effizienz hervor: in derselben Zeit mehr schaffen und damit die Produktivität erhöhen.

Und dann gab es da noch die andere wichtige Erfindung: das Gaslicht. Fortan konnte auch im Dunkeln gearbeitet, die Nacht zum Arbeitstag gemacht werden. Auch im Winter konnte in den Fabriken der frühen Industriegesellschaften rund um die Uhr geschafft werden. Jetzt diktierten der Kapitalismus und die Maschinen die Arbeitszeiten.

"Alle Arbeitsschutzbestimmungen sind aufgehoben, Schichtzeiten und Arbeitsverbote gelten nicht mehr. Im Bergbau und in den Fabriken verrichten die Frauen Schwerstarbeit. Sie schieben die Kohlewagen, sortieren die Kohlen am Leseband, arbeiten in den Stahlwerken und Maschinenfabriken in der Produktion. Zwölf Stunden Arbeitszeit ohne Pause sind die Regel."

Die Einführung von Ruhezeiten auch in der industriellen Produktion war seit Mitte des 19. Jahrhunderts eines der großen Themen der Arbeiterbewegung. Auf internationalen Kongressen wurde der arbeitsfreie Sonntag gefordert. Ein Berliner Sanitätsrat kritisierte heftig das pausenlose Arbeiten:

"Der auf den letzten Rest abgespannte, auf den letzten Tropfen ausgetrocknete Körper gleicht einem Fasse ohne Boden. … Die Natur nimmt Rache an der ihr angethanen Vergewaltigung…"

Aber da es genug Arbeitskräfte gab und da es auf den einzelnen Arbeiter nicht ankam, war der Kampf um einen humaneren Arbeitsrhythmus langwierig.

Wolfram Fischer: "Erst in der Weimarer Republik sind verschiedene Gesetze erlassen worden zur Arbeitszeit, die aber nicht die Pause gesetzlich regelten, weil das Gewohnheitsrecht war."

Mittagspause in der Kantine (Bild: dradio.de)
Mittagspause in der Kantine (Bild: dradio.de)
Zu ihrem Recht kam die Pause erstmals in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg: Westdeutschen Arbeitnehmern wurde das Recht zum Ausruhen tarifvertraglich zugesichert. Nachdem in der Industrialisierung die Pause der Ausbeutung zum Opfer gefallen war, profitierten nun die Beschäftigten vom Wettkampf der Systeme zwischen Ost und West. Der Westen musste beweisen, dass er so sozial war, wie der Osten vorgab. So profitierten breite Schichten vom Wirtschaftswunder - mit höheren Löhnen, kürzeren Arbeitszeiten und… Pausenzeiten während der Arbeit. Soziale Marktwirtschaft statt Sozialismus.

In den 70er Jahren, als in der Bundesrepublik die Gewerkschaften ihre volle Macht entfaltet hatten, erreichte die Pausenfreundlichkeit einen Höhepunkt: Die Steinkühler-Pause, benannt nach Franz Steinkühler von der IG Metall, sicherte jedem Mercedes-Arbeiter in der Stunde fünf Minuten Pause zu.

In den Betrieben der DDR waren solche Vereinbarungen nicht nötig. Pausen gehörten auch so zum realsozialistischen Arbeitsalltag…

Knut Beulich: "Man kann sagen, dass man ungefähr 50 Prozent der Arbeitszeit damit verbracht hat, sich über Pausen auf die Arbeitszeit zu konzentrieren."

Knut Beulich hat in den 80er Jahren in Ostberlin in einem Elektronikbetrieb gearbeitet:

Knut Beulich: "Ein typischer Arbeitstag sah so aus, dass man um sieben früh in die Firma kam, sich dann bis um acht bei Kaffee mit den Kollegen auf den Arbeitstag eingestimmt hat, das ging dann auch leicht mal bis um neun, wo die Frühstückspause dann offiziell begann...

"Um neun, wo dann die Frühstückspause begann und man dann runtergeschlendert ist in die Kantine ...und schon in der Schlange an der Brötchenausgabe dauerte es ziemlich lange, also allein das Anstehen hat länger als die offiziellen 15 Minuten gedauert und um zehn fing dann die effiziente Arbeitszeit an. "


Die dauerte bis eins, als die Mittagspause begann. Das Ideal der pausenreichen Arbeitsgesellschaft sieht heute wie ein historisches Zwischenspiel aus: der Zusammenbruch des sozialistischen Systems und die Globalisierung haben den Lebensrhythmus verändert. Im Jahr 2004 dreht sich die Diskussion nicht mehr um Arbeitszeitverkürzung, sondern um Arbeitszeitverlängerung, samt Eindämmung der Pausen.

Der Daimler-Manager Jürgen Hubbert bezeichnete die Steinkühler-Pause kürzlich als "Baden Württembergische Krankheit". Zeit ist Geld und Geld knapp. Der Ladenschluss wird ausgeweitet und schließlich abgeschafft, die Wochenarbeitszeit verlängert, der Samstag zum Normalarbeitstag, und die Sonntagsarbeit ist auch schon mal in die Debatte geworfen worden. Der Tages- und Wochenrhythmus löst sich auf. Dietrich Henckel von der Technischen Universität Berlin:

"Es gibt keine klaren Amplituden mehr; wenn die Mehrheit der Gesellschaft um neun anfängt und um fünf aufhört zu arbeiten, haben sie ganz klare Spitzen und Amplituden des Rhythmus und in dem Maße, wie das flexibilisiert und jeder zu unterschiedlichen Zeiten anfängt und zu unterschiedlichen Zeiten aufhört, nehmen die Schwankungen ab.

Also die Spitzen werden gekappt und die Täler füllen sich auf und es wird ein viel gleichförmigerer Rhythmus, und das ist im Grunde das, was mit der gleichförmigeren Gesellschaft beschrieben wird, also ein linearer Rhythmus: Es passiert alles immer gleichzeitig und auf ähnlich hohem Niveau. Es stimmt natürlich nicht völlig, aber die Tendenz geht mit Sicherheit in diese Richtung. "


Immerhin: Die Pause sendet wieder erste Lebenszeichen. Und das aus der Ecke, aus der sie in der Geschichte am Heftigsten unter Beschuss stand: der Welt der Wirtschaft. Die Nachrichten vom Burn-Out-Syndrom und anderen zeitgenössischen Stresskrankheiten sind inzwischen in den Chefetagen angekommen.

Dietrich Henckel: "Ich teile die Auffassung, dass die Pause auf dem Rückzug ist. Aber gleichzeitig gibt es eine Gegenbewegung. Untersuchungen haben gezeigt, dass nach der Pause effizienter gearbeitet werden kann. Im Management findet eine Rehabilitierung im Sinne der Pause, eine Rehabilitierung des Mittagsschlafs. Aber auch das wird dann in Begriffe gepackt, die wieder mit Effizienz zu tun haben: Power Napping."

Power Napping. Man muss das Tun auch mal lassen können. Skeptischer formuliert: die zeitgemäße Kreuzung von Arbeits- und Auszeit.

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