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17.12.2004
Zwergstaat zwischen Deutschland und Holland
Das Ende von Neutral-Moresnet 1919
Von Eduard Hoffmann und Jürgen Nendza

Der Vertrag von Versailles 1919 beendete die Existenz von Neutral-Moresnet: Die Vertreter der Alliierten vor der Vertragsunterzeichnung: David Lloyd George (England), Vittorio Orlando (Italien), Georges Clemenceau (Frankreich) und Woodrow Wilson (Präsident USA) (Bild: AP-Archiv)
Der Vertrag von Versailles 1919 beendete die Existenz von Neutral-Moresnet: Die Vertreter der Alliierten vor der Vertragsunterzeichnung: David Lloyd George (England), Vittorio Orlando (Italien), Georges Clemenceau (Frankreich) und Woodrow Wilson (Präsident USA) (Bild: AP-Archiv)
Die Geschichte beginnt im Europa des Jahres 1815. Die stürmischen Zeiten sind vorbei. Napoleon ist besiegt. Österreich, Russland, Preußen - die alten Feudalmächte beraten in Wien, wie die neue Landkarte Europas aussehen soll. In der Schlussakte des Wiener Kongresses wird die Aufgliederung des nördlichen Teiles des französischen Kaiserreichs beschlossen und der neue Grenzverlauf zwischen Preußen und dem Vereinigten Königreich der Niederlande festgelegt.

Der Grenzverlauf ist klar geregelt - nur an einem Punkt gibt es ein Problem. Im Departément Ourthe (heute das Gebiet der belgischen Provinz Lüttich) liegt die kleine Gemeinde Moresnet - einen Steinwurf vom heutigen Dreiländereck bei Aachen entfernt. Dort lassen die Grenzbestimmungen des Wiener Kongresses sehr unterschiedliche Lesarten zu. Ein kleines, 344 Hektar umfassendes Teilgebiet der Gemeinde Moresnet mit 256 Einwohnern wird zum Zankapfel zwischen Preußen und den Niederlanden.

Dabei geht es nicht um irgendeinen Flecken Land mit saftigen Weiden und glücklichen Kühen. Der Ort ist begehrt, weil er Bodenschätze enthält. Seit der Römerzeit wird auf dem dortigen "Altenberg" Zinkerz abgebaut.

Alfred Bertha: Dieses Zinkerzvorkommen war jetzt gerade interessant geworden, weil 1805 etwa ein Lütticher Chemiker ein Verfahren entwickelt hatte, wie man aus Zinkerz reines Zink gewinnen konnte, und reines Zink wurde nun ein neuer Werkstoff, ein neues Metall auf dem Weltmarkt. Fakt war, dass hier in diesem Mittelteil der Gemeinde Moresnet das größte damals bekannte Zinkerzvorkommen Europas lagerte.

Alfred Bertha vom Geschichtsverein Kelmis an der heutigen deutsch-belgischen Grenze bei Aachen. Das Interesse Preußens und der Niederlande an der wirtschaftlichen Ausbeutung des Bergwerkes ist groß. Sie bilden eine gemeinsame Kommission, um sich über den Grenzverlauf zu einigen. 50 Mal tagt die Kommission - aber der Grenzverlauf bleibt umstritten. Stattdessen einigen sich Preußen und Holländer im Aachener Grenzvertrag am 26. Juni 1816 auf eine Dreiteilung der Gemeinde Moresnet:

Der westliche Teil wird den Niederlanden zugeordnet, der südliche Preußen. "Der Teil der Gemeinde Moresnet", so heißt es im Aachener Grenzvertrag, "der Gegenstand eines Streites ist, (wird) einer gemeinschaftlichen Verwaltung unterworfen und (darf) von keiner der beiden Mächte militärisch besetzt werden".

Das strittige Gebiet unterliegt von nun an einer provisorischen, zweistaatlichen Verwaltung, in der erklärten Absicht, sich beizeiten erneut um eine einverständliche territoriale Zuordnung zu bemühen. Dieses Provisorium erhält den Namen "Neutral-Moresnet" und begründet die über 100-jährige Geschichte eines der kuriosesten Zwergstaaten Europas.

Da sich Preußen und die Niederlande nicht auf neue Zivilgesetze einigen können oder wollen, erhält Neutral-Moresnet einen zivilrechtlichen Status, der ebenso absurd wie anachronistisch ist.

"Was das Zivilrecht betrifft",

so verkündet der Lütticher Generalstaatsanwalt Beckers,

"so besteht kein Zweifel, dass dieses Gebiet durch die diesbezüglichen Gesetze beherrscht wird, die 1814 in Kraft waren".

Napoleon Bonaparte auf einem Gemälde des französischen Malers  Paul Delaroche (Bild: AP Archiv)
Napoleon Bonaparte auf einem Gemälde des französischen Malers Paul Delaroche (Bild: AP Archiv)
Somit bleibt für Neutral-Moresnet der "Code Napoléon" gültig, das Zivilgesetz des untergegangenen französischen Kaiserreiches.

Für Bürger von Neutral-Moresnet, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten, sind entweder niederländische - später belgische - oder preußische Gerichte zuständig, so Alfred Bertha und der Historiker Dr. Herbert Ruland:

Der Richter musste dann, sei es in Eupen oder Aachen oder Aubel / Verviers - die belgische Seite - musste dann nach französischem Recht, nach französischen Gesetzen Recht sprechen. Er musste, auch wenn das in Aachen war, ein Urteil verkünden "im Namen des Volkes" - welchen Volkes - im Namen des Volkes in französischem Recht über einen Bürger, der nicht Deutscher war, nicht Franzose und nicht Belgier, sondern neutral. Dieser code napoléon sieht zum Beispiel drakonische Strafen vor für Eigentumsdelikte.

Herbert Ruland: Ein Arbeiter aus Luxemburg bekam von einem Karussellbesitzer noch den Lohn von einer Kirmes von sieben Franken, der hat ihm den verweigert auszuzahlen, dann hat er sich selber einen Schuldschein gefälscht und hat sich irgendwo die sieben Franken geholt, da hat man ihn dann zu sechs Jahren Kerker verurteilt, aber das Urteil ist dann - das war der übliche Weg damals - auf dem Gnadenweg, den man sowohl auf der preußischen Seite dann beschreiten konnte oder auf der belgischen Seite, in das damals übliche Strafmaß umgewandelt worden, das war dann ein halbes Jahr Gefängnis.

Die immensen Zinkerzvorkommen sorgen für wachsende Prosperität in dem Zwergstaat. Von 1837 an betreibt die Lütticher Bergwerksgesellschaft "Societé des Mines et Fonderies de Zinc de la Vieille Montagne" in Neutral-Moresnet Zinkabbau und -verarbeitung auf internationalem Niveau. Sie errichtet moderne Fabrik- und Lagerstätten. Der wirtschaftliche Aufschwung lockt Arbeitskräfte an. Die Einwohnerzahl steigt von 256 im Jahre 1816 auf 4.668 im Jahre 1914.

Die Bergwerksgesellschaft schafft eine völlig neue Infrastruktur, unter anderem richtet sie eine Schule und Sparkasse ein und schafft sowohl eine katholische als auch eine evangelische Pfarrei. Wenn es allerdings um soziale Rechte der Minenarbeiter geht, ist die Bergwerksgesellschaft keinen Deut arbeiterfreundlicher als etwa das preußisch-deutsche Kaiserreich. Im Gegenteil: Die rechtliche Konstruktion des Zwergstaates Moresnet schafft die kuriose Situation, dass Gewerkschaftsbestrebungen auf geradezu anachronistische Weise unterdrückt werden - mit einer Bestimmung, die noch aus den Zeiten der Französischen Revolution stammt, so der Historiker Herbert Ruland:

1901 wollten einige Arbeiter nicht mehr Almosen, sondern Mitbestimmung, sie traten in den Gewerkschaftsverein christlicher Bergarbeiter Deutschlands ein, und dann hat die Gesellschaft alle Register gezogen, die ihr zur Verfügung standen. Man hat zunächst in einem kleinen Schmierblättchen, das hieß "Das freie Wort", da hetzte der Herausgeber, der auch auf der Lohnliste der Gesellschaft stand, gegen die Gewerkschaft, der katholische Pfarrer, der ja auch auf der Lohnliste stand, der hetzte von der Kanzel gegen die Gewerkschaft, ja, dann flogen Leute raus, die in der Gewerkschaft waren, und dann entsann man sich eines Gesetzes der französischen Republik, dem Les Chapelier-Gesetz von 1794, das den Zusammenschluss von Arbeitern in Gewerkschaften verbot, und so wurde dann 1901 die Gewerkschaft gezwungen, in diesem Ort in die Illegalität zu gehen - ein Zustand, den es in Mitteleuropa zumindest damals in keinem Land mehr gab.

Dennoch entwickelt sich Neutral-Morsnet zu einer blühenden Oase. Aufgrund seines provisorischen Sonderstatus werden Staatssteuern wie Grund- und Personensteuern oder die Mobiliensteuern auf Türen und Fenster eingefroren, Gemeindesteuern für Berufseinkommen, Hunde oder Getränkeausschank werden erst nach Jahrzehnten eingeführt.

Die gemeinschaftliche Verwaltung von Neutral-Moresnet funktioniert trotz unterschiedlicher Interessen reibungslos. Einzig die belgische Revolution im Jahre 1830 ließ die einverständliche Verwaltungskooperation vorübergehend stocken.

Mit der Abspaltung Belgiens von den Niederlanden treten die Niederlande auch ihre Ansprüche bezüglich Neutral-Moresnet ab. Belgien obliegt nun gemeinsam mit Preußen die Verwaltung des neutralen Gebietes.

Auf belgischer und preußischer Seite errichtet man getrennte Zollbüros, wodurch Moresnet zu einer Art "Steuerparadies" wird. Von nun an kann man hier zu günstigen Preisen einkaufen und für seine Produkte bei der Ausfuhr den jeweils vorteilhafteren preußischen oder belgischen Steuertarif wählen. Die günstigen Einkaufsmöglichkeiten animieren aber auch zu reger Schmuggeltätigkeit im neuen Vierländereck zwischen Neutral-Moresnet, Preußen, Belgien und Holland. Herbert Ruland:

Man durfte damals 25 Gramm Kaffee mit über die Grenze bringen und, ich glaub, 100 Gramm Speck, aber selbst das lohnte sich zu holen offiziell zollfrei, weil es so viel billiger war. Kaffee war ja absoluter Luxus, Kaffee wurde gestreckt mit Chiccoree, aber was z. B. auch geschmuggelt wurde, war Salz, weil die Salzsteuer in Preußen viel höher war als in Belgien.

In den Zeiten belgisch-preußischer Verwaltung gibt es immer wieder Versuche, die provisorische Regelung von "Neutral-Moresnet" endgültig zu klären. Doch keiner der unterbreiteten Vorschläge ist konsensfähig. Selbst das Angebot Belgiens, bei einer Überlassung des strittigen Gebietes zugunsten des deutschen Reiches auf koloniale Ansprüche zu verzichten, bleibt erfolglos.

Alfred Bertha: Einige Wochen vor dem Ersten Weltkrieg, da gibt's noch eine Anfrage aus dem belgischen Außenministerium, ob man nicht Neutral-Moresnet tauschen könne gegen ein Stück Kongo. Kongo war belgische Kolonie und in Afrika war Deutschland ja in Ruanda präsent, könnte man also da ein Stück Kongo zu Ruanda schlagen, und Deutschland würde in Neutral-Moresnet auf seine Rechte verzichten.

Neutral-Moresnet entwickelt sich zu einem lebendigen Vielvölkerstaat en miniature. 1914 sind 10 Prozent der Ansässigen gebürtige Neutral-Moresneter, 10 Prozent Niederländer und jeweils 40 Prozent Belgier oder Deutsche.

In der gut hundertjährigen Geschichte dieses Zwergstaates gibt es sogar Ansätze zu einem Unabhängigkeitskampf. Im Jahr 1886 gründet der weltbürgerlich denkende Oberarzt Dr. Wilhelm Molly mit einigen philatelistischen Freunden einen eigenen Postdienst nebst Postanstalt, die "Kelmiser Verkehrs-Anstalt zu Neutral Moresnet". Acht Briefmarken werden gedruckt und ausgegeben. Doch Preußen empört sich über "die Schändung des Postmonopols". Unter Bezug auf die für Moresnet gültige Gesetzgebung des ehemaligen französischen Kaiserreichs, die den Postdienst als Staatsmonopol festlegt, wird die eher symbolische Unabhängigkeitsgeste unverzüglich verboten.

Zwanzig Jahre später erwägt Dr. Molly zusammen mit dem französischen Professor Gustave Roy die Gründung eines neutralen Esperanto-Staates in Moresnet.

Esperanto wurde von dem polnischen Humanisten Dr. Ludwig Lazarus Zamenhof als künstliche Weltsprache im Sinne einer universellen Völkerverständigung entwickelt, die neben der Muttersprache als Zweitsprache gelernt werden sollte.

Das neutrale Gebiet von Moresnet, im Zentrum dreier Landesgrenzen und -sprachen gelegen, wird als privilegierter Ort der Völkerverständigung angesehen und am 18.August 1908 auf dem 4. internationalem Esperanto-Kongress in Dresden zur Hauptstadt der Esperanto-Bewegung erklärt. Esperanto-Schulen sprießen aus dem Boden, und sogar eine eigene Flagge wird entworfen.

Ruland: Das wirkt auch bis heute nach, Esperanto ist immer noch ein Thema in Kelmis , man kann immer noch Kurse dort besuchen, es wird teilweise sogar an Schulen gelehrt, es gibt ein Lied, Kelmis heißt auf Esperanto Amikejo, hört sich auch sehr schön an, drückt Freundschaft aus, und es gibt sogar einen Amikejo-Marsch in Esperanto.

Die Esperanto-Euphorie und der Geist der Völkerverständigung werden mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges und der völkerrechtswidrigen Besetzung des neutralen Belgien durch das deutsche Militär jäh gestoppt. Für die wehrpflichtigen Bewohner von Neutral-Moresnet hat der Kriegsbeginn teils absurde und fatale Konsequenzen.

Alfred Bertha: Es gibt Familien im Ort, wo z. B. die Tochter einen Belgier geheiratet hat, also eine deutsche Familie, die Tochter heiratet einen Belgier, 1914 wird der Sohn, Preuße, einberufen und der Schwiegersohn, Belgier, einberufen, und beide stehen sich dann in Flandern gegenüber. Solche Fälle, die waren natürlich hart in den Familien, und nach dem Krieg hat es auch einige Zeit gedauert, ehe man den Preußen alles verziehen hat.

Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges verschwindet Neutral-Moresnet von der Bildfläche. Die Existenz dieses 103 Jahre alten zwergstaatlichen Provisoriums wird durch den Versailler Vertrag beendet. Gemäß Artikel 32 erkennt Deutschland die volle Staatshoheit Belgiens über das strittige Gebiet von Neutral-Moresnet an.

Heute gehört Moresnet zur Gemeinde Kelmis in der deutschsprachigen Gemeinschaft Ostbelgiens. Sichtbar erinnern nur noch 55 Grenzsteine an den untergegangenen Zwergstaat. Im Bewusstsein der Menschen jedoch ist die Geschichte Neutral-Moresnets immer noch wach.

Alfred Bertha: Der Kelmiser sagt immer noch sehr gerne, er sei ein Neutraler. Er wird nur sehr ungern mit den anderen, mit den Nachbarn in einen Topf geworfen. Er fühlt sich immer noch, wenn es ein richtiger Kelmiser ist, nicht nur einer von den vielen in den letzten 20 Jahren Zugezogenen, dann fühlt er sich immer noch als etwas besonderes.

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