MerkMal
MerkMal
Montag bis Freitag • 16:15
20.12.2004
Händler an der Hammaburg
Geschichte Hamburgs
Von Anette Schneider

Ein Passant läuft bei Regenwetter über eine Fußgängerbrücke in der Hamburger Innenstadt, im Bildhintergrund die Hamburger St. Michaelis-Kirche, der so genannte "Michel" (Bild: AP Archiv)
Ein Passant läuft bei Regenwetter über eine Fußgängerbrücke in der Hamburger Innenstadt, im Bildhintergrund die Hamburger St. Michaelis-Kirche, der so genannte "Michel" (Bild: AP Archiv)
Ist dir bekannt, dass ein unglückliches Geschick und Karl der Große Hamburg zwischen dem dreiundfünfzigsten und vierundfünfzigsten Breitengrad angesiedelt haben, nahe den Lappen und Grönland, in einer geographischen Lage, welche ausgerechnet das abscheulichste aller Klimate ihr eigen nennt?

So fragt 1835 der in Hamburg lebende französische Gelehrte Jacob Gallois, und fährt fort:

Während der einen Hälfte des Jahres ist das Wetter schlecht, und während der anderen regnet es.

Hamburg. Freie und Hansestadt. Stadtstaat. Freie Reichsstadt...

Gisela Jaacks: Die Hamburger haben sich immer als weltoffen dargestellt.

... Eine Stadt mit vielen Privilegien - für wenige.
Gegründet anno 810, auf schwierigem Grund:

Jaacks: Sumpf. Und dann aufgeschütteter Sand und Steine. Ansonsten: Nichts los. Und die Elbe: Ein weit verzweigtes, aber ziemlich versumpftes Flüsschen.

Fortan standen einige Hütten am Sumpf. - Doch weshalb wollte Karl der Große hier eine neue Stadt gründen?
Gisela Jaacks, Direktorin des Museums für Hamburgische Geschichte.

Jaacks: Das hatte einen missionsstrategischen Grund: Er wollte die Länder nördlich seines Reichs einverleiben. Und das ging am besten, indem er sie christianisierte. Dann hatte er nämlich rein rechtlich einen Anspruch darauf, nun als Kaiser und Herrscher auch dieses Reiches zu gelten.

Auf die Hütten folgte die Hammaburg, deren Reste vor einigen Jahren bei Bauarbeiten entdeckt wurden: Inmitten der Stadt kann man im Keller eines Bürohauses den historischen Kern der 1,7 Millionen-Metropole bewundern. Unter Glas liegen dort einige Steinhaufen.

Obwohl die zu bekehrenden Heiden die Hammaburg mehrfach niederbrannten, wurde die Siedlung immer wieder aufgebaut: Die Lage, an der sich mehrere Schifffahrts- und Landwege kreuzten, hatte sich als günstig erwiesen.

Jaacks: Wenn solche Wege sich treffen, dann treffen sich auch Handelsgüter dort, dann kann man sich ansiedeln, dann kann man von diesem Treffen der Handelswege auch sich Erfolg versprechen, indem man selbst Handel treibt, weil man es dann nämlich weiter transportiert. Da siedeln sich dann auch Handwerker an. Es verspricht schlichtweg Gewinn.

Genau damit lockte der neue Lehnsherr Adolf von Schauenburg immer mehr Händler an. Und bereits 1189 konnte er verkünden:

Kaiser Barbarossa gewährt den Hamburgern freien Handelsverkehr und Zollfreiheit von der Niederelbe bis zur Mündung.
Sie dürfen Fische fangen und Vieh weiden, ohne Abgaben dafür zahlen zu müssen.


Dieser Freibrief gilt als die Geburtsstunde Hamburgs.
Nicht zufällig enthält das "Barbarossa-Privileg" genau das, was die Händler an der Hammaburg gegenüber Lübeck konkurrenzfähig machen sollte...

Jaacks: Barbarossa kümmerte sich natürlich nicht im mindesten um Hamburg. Das war weit weg. Letztlich ist das natürlich hier von Hamburg aus so vorformuliert, dass das genau das traf, was man brauchte.

Für die nächsten 700 Jahre bestimmte vor allem die Aristokratie unter den Kaufleuten, "was man brauchte". Die Herren gründeten einen Rat, deren Ämter erblich waren. Der erließ Handelsverordnungen, setzte Steuern und Sonderabgaben fest, überwachte die Einhaltung der Gesetze und besaß die absolute Gerichtsbarkeit.

Bier!

Die Stadt wuchs. Mit ihr die Gewerbe. Kupfer, Tuch und Leder wurden verarbeitet, Getreide und Holz umgeschlagen und...

Bier!

... produziert. Der Gerstensaft ist wichtigstes Exportgut und wurde in die Niederlande verkauft, nach England, Portugal und Russland. Im 15. Jahrhundert kamen auf 10.000 Einwohner 500 Brauereien.

Pelze aus Russland, Holz aus Norwegen, Tuch aus den Niederlanden, Wein aus Frankreich, alles traf in Hamburg ein, wurde hier verkauft oder umgeschlagen und weiter transportiert. Um diesen Status samt aller Zollvorteile zu sichern, entwickelte der Rat gegenüber Bedrohungen von außen seine ganz eigene Strategie.

Neutral bleiben. Sich stets zurück halten. Lavieren. Und notfalls lieber Geld zahlen als Fremdherrschaft und damit den Verlust von Zoll- und Handelsprivilegien riskieren.

So hielt man sich möglichst aus den Kriegen der Hanse heraus und zahlte lieber Kriegsgeld, anstatt Schiffe gegen Angreifer zu schicken.
1510 wurde Hamburg freie Reichsstadt. Das heißt: Sie unterstand allein dem Kaiser.

Jaacks: Es geht eigentlich immer auf die kaufmännischen Interessen zurück. Man will einen Stadtstaat haben, man will Reichsprivilegien haben, das heißt also zur freien Reichsstadt werden, weil man eben seinen Handel sichern will.

40.000 Einwohnern zählt Hamburg im 16. Jahrhundert und ist damit eine der größten Städte in deutschen Landen. Ein Viertel der Bewohner sind Zugereiste.

Jaacks: Die Hamburger haben sich immer als weltoffen dargestellt.

Solange es ihren Interessen nutzte: Bürgerrechte erhielt von den Fremden nur, wer ausreichend Geld besaß und keine Konkurrenz darstellte. Also vor allem Kaufleute, die neue Handelswege und Märkte eröffneten.
Mittlerweile hatten sich die reichen Hamburger Gewerbetreibenden eine politische Institution erkämpft: die Bürgerschaft. In ihr durfte sitzen und sie durfte wählen, wer ausreichend Grund und Immobilien besaß. Noch 1800 waren das ganze 300 Männer.

Pfeffersäcke!

Jaacks: Pfeffersack ist einfach eine Umschreibung derjenigen, die mit den teuren Gewürzen handeln, denn Pfeffer war der Inbegriff eines teuren Gewürzes. Und das wurde zum Synonym einfach des Kaufmanns, der mit der ganzen Welt Handel trieb und dafür unheimliche Gewinne einheimste.

Pfeffersäcke!

Ist auch die Lieblingscharakterisierung des Hamburgers durch Heinrich Heine, Sohn der Stadt, aus der er schleunigst floh.
Der erste Dichter der Epoche würde hier an geistiger Entkräftung eingehen...

Notiert sein Zeitgenosse Jakob Gallois.

... die Luft ist zu drückend und mit den Miasmen der Geschäftstüchtigkeit erfüllt, kurz, viel zu hamburgisch, als dass hier nicht alles Geistige schon im Keim erstickt würde.

Johann Sebastian Bach erhielt hier keinen Organistenposten. Lessings Nationaltheaterprojekt scheiterte auf Grund allgemeinen Desinteresses. Johannes Brahms verwehrte man eine Anstellung. - Alle kehrten der Stadt den Rücken.

Jaacks: Die Hamburger haben sich immer als weltoffen dargestellt.

Bürgerschaft und Rat ging's auch bestens: 1813, nach den "Schreckensjahren" der Franzosenherrschaft, stellten sie die alten Machtverhältnisse wieder her und ließen als Dank dafür das "Hammonia-Lied" komponieren.

Heil über dir, Hammonia!
Stadt Hamburg an der Elbe Auen,
Wie bist du stattlich anzuschauen!
Mit deinen Türmen hoch und hehr


Die wenigen, die weiterhin demokratische Verhältnisse fordern, leben nun in Hamburg besonders gefährlich.

Wer auf der Straße räsoniert,
Wird unverzüglich füsiliert;
Das Räsonieren durch Gebärden
Soll gleichfalls hart bestrafet werden.

Vertrauet Eurem Magistrat,
Der fromm und liebend schützt den Staat
Durch huldenreich hochwohlweises Walten,
Euch ziemt es, stets das Maul zu halten.


So Heinrich Heine in der Satire "Krähwinkels Schreckenstage”.
In Hamburg verläuft die Revolution von 1848 wie alle Rebellionen zuvor: die von den Bürgern erstrittene neue Verfassung wird lange verhandelt - und dann vom Rat der Kaufleute ignoriert.

Jaacks: Rat und Bürgerschaft - oder später Senat und Bürgerschaft sind eigentlich ein genaues Spiegelbild dieser Interessen der Kaufmannschicht. D.h., die setzen sich zusammen und sagen: "Wir vertreten unsere Privilegien gemeinsam!", "Wir vertreten unsere Interessen gemeinsam!", "Wir kämpfen um unsere Privilegien!"

Ich mag das Verhältnis unserer Armen zu der ganzen Zahl der Einwohner nicht ausdrücken. Wie elend ist hier das Ansehen und der Aufzug des geringen Volkes! So ist es mir noch in keiner großen Stadt vorgekommen.

Bekennt der Arzt Johann Georg Büsch 1786. In den engen Altstadtvierteln, in denen vor allem Tagelöhner leben, brechen regelmäßig Brände und Seuchen aus. Doch Rat und Bürgerschaft unternehmen nichts. Ergebnis: Die letzte Cholera-Epidemie Europas wütet in Hamburg - 1892.

Bis um 1900 dominieren in Hamburg Gewerbe und Handel, nur langsam siedelt sich Industrie an, entsteht eine Arbeiterklasse. Doch wegen des völlig veralteten Wahlrechts verändert auch das nichts: Während die Hamburger bei den Reichstagswahlen von 1890 mehrheitlich SPD wählen, bleibt nach den Bürgerschaftswahlen alles beim Alten: hier dürfen nur 3,5 Prozent der Einwohner wählen - die Reichen.
Erst die Novemberrevolution von 1918 und die Weimarer Republik führen dazu, dass nach wenigen Jahren SPD und KPD die größten Fraktionen im Senat bilden.

Jaacks: Die Hamburger haben sich immer als weltoffen dargestellt.

Mit der Wahl vom 5. März 1933 wird die NSDAP stärkste Partei der Bürgerschaft. Danach wird aufgeräumt. Vor allem unter Kommunisten: mit vielen anderen werden die Arbeiterführer Etkar André, Bruno Tesch und später Ernst Thälmann ermordet.

Carl Krogmann: In Anerkennung, Dankbarkeit und Verehrung hat der Senat beschlossen: Der Rathausmarkt wird von heute an Adolf-Hitler-Platz heißen...

Verkündet im April 1934 der regierende Bürgermeister Carl Krogmann.

Krogmann: ... Der Senat hat ferner beschlossen, die Bebelallee in Adolf-Hitler-Straße umzubenennen als sichtbaren Ausdruck dafür, dass der Reichskanzler die große Tat vollbracht hat, die uns Deutschen lebensfremde Idee des Marxismus zu vernichten.

Doch eines steht fest:

Jaacks: Die Hamburger haben sich immer als weltoffen dargestellt.

Weshalb sie auch nach 1945 weiter an dieser Legende stricken und gern behaupten, Hamburg sei während des Nationalsozialismus liberal geblieben.

Weizsäcker: Mit meinem Antrittsbesuch bezeuge ich der Stadt Hamburg und ihren Einwohnern hohen Respekt vor Hamburgs republikanischer Tradition und seiner Weltoffenheit. Besonders weil Weltoffenheit nicht immer die Hauptstärke in unserem Vaterland war, konnte Hamburg als die kosmopolitische Leistung der Deutschen bezeichnet werden.

Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1984.
Hamburg ist geprägt von liberal-demokratischem Bürgersinn, der Krämerseele der Kaufleute und großbürgerlichem Hochmut.
In den 80er Jahren erfand die örtliche Polizei den "Hamburger Kessel": mitten in der Stadt umzingelte sie etwa 800 junge Atomkraftgegner und hielt sie dreizehn Stunden lang fest.
In den 90er Jahren erreichten engagierte Bürger die Einführung eines Rechts auf Volksbegehren. Inzwischen versucht der Senat, es wieder abzuschaffen. Und so gilt für Hamburg, was der Lieblingssohn der Stadt, Uwe Seeler, gern wiederholt:

Uwe Seeler: Ich kann mich nicht verändern. Ich bin so, wie ich bin, und bin auch so geblieben.
-> MerkMal
-> weitere Beiträge