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22.12.2004
Das Milieu der Dichter
Zum 200. Geburtstag des französischen Literaturkritikers Charles-Augustin Sainte-Beuve
Von Christoph Vormweg

Der französische Literaturbetrieb begeht nicht nur die runden Geburtstage seiner Großschriftsteller. Auch Großkritiker werden gewürdigt: so der vor 200 Jahren geborene Charles-Augustin Sainte-Beuve. Keiner hatte im 19. Jahrhundert mehr Einfluss auf Gedeih und Verderb der Neuerscheinungen, keiner kannte "das Milieu der Dichter" besser als er.

Ich bin nur ganz ich selbst mit der Feder in der Hand und in der Stille meines Arbeitszimmers. Lassen Sie mich also, sehr verehrter Herr Minister, auch weiterhin als Freiwilliger der Sache der Literatur dienen, indem ich sie, wann immer sich die Gelegenheit dazu bietet, mit den Themen in Verbindung bringe, die sich auf die Gesellschaft, die Ordnung und das praktische Glück beziehen.

Literaturpäpste sind begehrte Männer. Und nicht immer konnte Charles-Augustin Sainte-Beuve - wie 1852 bei der Ablehnung des Rufs an die Pariser Sorbonne-Universität - der Versuchung des öffentlichen Amts widerstehen. Doch stets bereute er seinen Schritt und floh, sobald sich Gelegenheit bot, das Katheder, um wieder im stillen Kämmerlein über Büchern und Rezensionen zu brüten.

Als historische Figur hat es Sainte-Beuve derweil bis auf die Pariser Theaterbühne geschafft. Doch stand er im Erfolgsstück "État critique", "Kritischer Zustand", inszeniert vor zwei Jahren von Kino-Regisseur Gérard Jugnot, nicht unter literarischen Gesichtspunkten im Mittelpunkt, sondern unter emotionalen. Denn zu Beginn seiner Karriere als Literaturkritiker hatte er sich ausgerechnet in die Ehefrau seines Freundes, des aufstrebenden Großschriftstellers Victor Hugo verliebt. Von heute aus überrascht allerdings weniger das Dreiecksspektakel als die Frühreife der Protagonisten. Denn Hugo und Sainte-Beuve waren im hauptstädtischen Literaturbetrieb bereits als Mittzwanziger feste Größen. Selbst der alte Goethe, der regelmäßig die Pariser Zeitschrift "Le Globe" studierte, für die Sainte-Beuve schrieb, schwärmte fernab im zersplitterten Deutschland von dieser "Gesellschaft junger energischer Männer":

Nun aber denken Sie sich eine Stadt wie Paris, wo die vorzüglichsten Köpfe eines großen Reiches auf einem einzigen Fleck beisammen sind und in täglichem Verkehr, Kampf und Wetteifer sich gegenseitig belehren und steigern; wo das Beste aus allen Reichen der Natur und Kunst des ganzen Erdbodens der täglichen Anschauung offensteht.

Es sind die Romantiker, die in den Jahren vor der Revolution von 1830 für literarische Aufbruchsstimmung in Paris sorgen. Denn sie stellen die klassischen Stilgesetze in Frage. Sie wollen nicht länger nur das Schöne und Erhabene darstellen, sondern auch das Hässliche, das Ungeregelte und Schlechte. Auch Sainte-Beuve verkehrt, nachdem er Victor Hugos "Oden und Balladen" wohlwollend besprochen hat, in dessen "Cénacle", dem tonangebenden romantischen Dichterkreis. Nicole Casanova, Saint-Beuves Biographin:

Das war eine außergewöhnliche Gruppe: all diese extrem brillanten, sehr jungen, hoch begabten, überdies schönen Romantiker. Doch dann tauchte bei ihnen ein kleiner, rothaariger Mann auf, der nach nichts aussah und es sehr schwer hatte, sich in diesem Milieu einzunisten: das war Sainte-Beuve. Ich habe mir gesagt, das es vielleicht amüsant sein könnte, näher zu sehen, wer diese Person war, die den anderen nicht ähnelte, die unglücklich war und in der Liebe ständig scheiterte. Selbst mit seinen Gedichten - denn die lagen ihm am meisten am Herzen - war Sainte-Beuve gegenüber Hugo, Vigny und Musset nicht konkurrenzfähig. Aber er hat natürlich auf anderen Gebieten geglänzt.

Nicht nur seine Hässlichkeit behindert Sainte-Beuve bei seinen ersten Auftritten in den literarischen Salons. Auch seine Herkunft. Geboren am 23. Dezember 1804 in Boulogne-sur-Mer an der französischen Kanalküste, bespötteln ihn die Brüder Goncourt als "intelligenten Provinzler". Was die beiden Lästermäuler nicht wissen: Sainte-Beuves größtes biographisches Handicap - seine Kindheit ohne Vater - ist gleichzeitig sein Trumpf. Denn der lesehungrige, kurz vor seiner Geburt gestorbene Steuerbeamte hatte ihm eine Bibliothek hinterlassen: mit Büchern voller Randbemerkungen.

Seine Kenntnisse hat er mir übermittelt, als er mich zeugte; und seit der Kindheit liebte ich die Bücher, literarischen Notizen und die schönen Auszüge aus den Werken großer Autoren, kurz: alles, was auch er liebte.

Sogar die Handschrift des Vaters hatte Sainte-Beuve zu seiner eigenen gemacht. Mehr noch: Durch die Orientierung am abwesenden Vorbild war er - trotz eines hartnäckigen Hangs zur Melancholie - zu einem frühreifen, ja altklugen Schüler geworden. Dem Medizin-Studium in Paris hatte er jedoch nichts abgewinnen können. Erst als ihm 1827 ein ehemaliger Lehrer das Tor zum Journalismus öffnete, war Saint-Beuve in seinem Element:

Seine große Intelligenz erlaubte ihm, schwierige Dinge sehr gut zu verstehen. Vor allem war er ein großer Kenner des 16. und 17. Jahrhunderts. Mit der Romantik hatte er aber stets Probleme. Anfangs hat er sich bemüht, sie zu verstehen, ja, er hat sie, ohne es wirklich zu wollen, 1828 mitbegründet: mit seiner "historischen und kritischen Darstellung der französischen Lyrik und des französischen Theaters im 16. Jahrhundert". Dieses Buch und Victor Hugos Vorwort zum "Cromwell"-Drama gelten als die beiden Gründungstexte der französischen Romantik. Denn Saint-Beuve hat darin mit Ronsard und den Schriftstellern der "Pléiade" die Vorläufer der Romantik bestimmt.

Der Erfolg seiner literarhistorischen Betrachtungen befriedigt Sainte-Beuve jedoch nicht. Er möchte ein Vollblutschriftsteller wie sein neuer, bewunderter Freund Victor Hugo sein, der mit seinem Drama "Hernani" 1830 einen Theaterkrieg anzettelt und nur ein Jahr später seinen weltberühmten "Glöckner von Notre-Dame" lanciert. Sainte-Beuve wohnt nur zwei Häuser neben Hugo und besucht ihn mehrmals am Tag. Oft jedoch nimmt Adèle Hugo die Besuche und Aufwartungen für ihren Ehemann entgegen. Denn wenn Victor schreibt, duldet er keine Störung. Seine Arbeitswut bringt Adèle und Saint-Beuve näher. Nicole Casanova:

Er hat Adèle weiter den Hof gemacht, und sie sind - ich glaube 1832 - ein Liebespaar geworden. [...] Komischerweise haben nur die Männer Sainte-Beuve sein Leben lang hässlich gefunden. Ich bin nie auf ein Zeugnis einer Frau gestoßen, die das behauptet. Sein Sekretär, Troubat, hat am Ende seines Lebens gesagt, man müsse ihn reden sehen: Da sei er verführerisch, dermaßen springe ihm die Intelligenz aus den Augen. Und er wollte auch verführen!

Adèle ist Sainte-Beuves große Liebe. Doch auch wenn sie sich bis an ihr Lebensende schreiben, erlebt er diese Liebe als Scheitern - zumal sie die Freundschaft mit Victor Hugo kostet. Noch ein weiteres Scheitern muss sich Sainte-Beuve im Alter von 33 Jahren eingestehen. Er nimmt Abschied von seinem Jugendtraum, ein großer Dichter zu werden. Stattdessen begründet er mit seinem mehrbändigen Werk "Port Royal" das Genre der religiösen Literaturgeschichte. Sein Lebenselexier jedoch wird die Literaturkritik. Sie nimmt immer mehr Raum in seiner täglichen Arbeit ein.

An Sainte-Beuve gefällt mir, dass sein Literaturkritik die einzige ist, die mir annehmbar erscheint. Das heißt: Sie ist sehr subjektiv. Denn man kann an ein Buch herangehen, wie man will. [...] Und Sainte-Beuve hat sich den Schriftstellern eben von der biographischen Seite her genähert. Warum auch nicht? Das macht man heute noch so.

Nicht nur das Werk zählt für Sainte-Beuve, auch die Erkundung des Milieus, aus dem der jeweilige Dichter stammt. Mit dieser literaturkritischen, die Lebens- und Zeitumstände einbeziehenden Konzeption macht er sich aber nicht nur Freunde. Immer wieder wird ihm Blindheit vorgeworfen - vor allem gegenüber großen Schriftstellern. So verkennt er Stendhal und unterschätzt Balzac. Sainte-Beuves Rezensionen - so der Chor seiner Kritiker, zu denen sich später auch Marcel Proust und Friedrich Nietzsche gesellen - fehle es an Tiefe. Mehr noch: er neige zur Rachsucht.

An Sainte-Beuves Dominanz im Pariser Literaturbetrieb ändern solche Seitenhiebe allerdings wenig. Seine große Zeit kommt nach dem Staatsstreich Louis Napoléons. Über fast zwei Jahrzehnte hat er - mit einer vierjährigen Unterbrechung - jeden Montag seinen großen Auftritt in der Presse. Seine 20 bis 30 Manuskriptseiten langen "Causeries du lundi", zu deutsch Montagsplaudereien, fordern ihm einen spartanischen Arbeitsrhythmus ab. Sainte-Beuve, der Moralist, für den Literaturkritik Ordnungsgewinn bedeutet, findet Mustergültiges in den Werken von George Sand, Alfred de Musset und Alexis de Tocqueville. Sorge bereitet ihm jedoch die Inflation der Neuerscheinungen.

Mit den neuen Gewohnheiten muss man sich abfinden, mit der literarischen Demokratie ebenso wie mit dem Heraufkommen all der anderen Demokratien. [...] Zu schreiben und etwas drucken zu lassen, wird immer weniger etwas Besonderes sein.

Im Alter bezieht Sainte-Beuve das Haus seiner verstorbenen Mutter in der damals noch provinziell anmutenden Rue du Montparnasse. Bis dahin politisch eher angepasst, radikalisiert er sich. Er fordert mehr Pressefreiheit und eine bessere Ausbildung für Mädchen. Ja, zum Senator des Kaiserreichs ernannt, platzt ihm einmal der Kragen. Nicole Casanova, Sainte-Beuves Biographin:

Die Regierung - ich sage die Regierung, weil ich nicht mehr weiß, von welchem Ministerium das ausging - die Regierung hatte den Versuch unternommen, die städtischen Bibliotheken zu säubern. Ausgangspunkt war eine Bibliothek in Saint-Etienne. Da wollte man alles aus dem Verkehr ziehen: Hugo, Renan et cetera - also da geriet Saint-Beuve außer sich, da hat er mitten im Senat den Kopf verloren. Es war ihm völlig egal, wen er beleidigte. Denn selbst Chateaubriand war betroffen. Das war schlimmer als der Index. Deshalb hat Sainte-Beuve gerufen: "Einen habt Ihr aber vergessen, aus dem Verkehr zu ziehen! Ihr habt Molière, Ihr habt Tartuffe vergessen.

Das Ende des Kaiserreichs erlebt Charles-Augustin Sainte-Beuve, der am 13. Oktober 1869 an einem hühnereigroßen Blasenstein stirbt, nicht mehr. Auch nicht den deutsch-französischen Krieg, den er geahnt und vergeblich bekämpft hat. Tausende Trauernde folgen seinem Sarg auf den Friedhof Montparnasse. Da er sich jede religiöse Zeremonie verbeten hat, ist kein Priester darunter. Dafür literarische Schwergewichte wie Gustave Flaubert, der schon am Tag von Sainte-Beuves Tod geklagt hatte:

Mit wem soll ich mich jetzt noch über Literatur unterhalten?
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