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29.12.2004
Aufbruchstimmung
Silvester 1954
Von Winfried Sträter

Konrad Adenauer, 1949 (Bild: AP)
Konrad Adenauer, 1949 (Bild: AP)
Uns geht es gut, aber die Aussichten sind nicht gut. So könnte man die Situation und die Stimmung in unserem Land an der Jahreswende 2004/2005 beschreiben. Wir leben in einem Wohlstand, von dem frühere Generationen nur hätten träumen können. Aber es gibt das verbreitete Gefühl, dass es bergab geht. Die Massenarbeitslosigkeit bleibt trotz einschneidender Reformen ein unlösbares Problem. Die Gewerkschaften verlieren ihre Macht, sodass Löhne gesenkt und Arbeitszeiten verlängert werden. Das drückt auf die Stimmung. Vor 50 Jahren war die Situation - jedenfalls in der Bundesrepublik - genau umgekehrt: Da waren die Bürger noch vergleichsweise arm, die Folgen des Weltkrieges waren noch lange nicht überwunden, aber es ging spürbar bergauf. Der Rückblick aufs Jahr war insgesamt sehr erfreulich und man blickte erwartungsfroh in die Zukunft.

Weihnachten im Wunderland. Die gute handgestickte Decke auf dem Tisch, ein Häkeldeckchen unter der Blumenvase. Mutter sitzt im Polstersessel und trinkt eine Tasse Bohnenkaffee, Vater hat die neue Krawatte umgebunden und erzählt, wie sie gehungert haben damals, vor zehn Jahren, an der Front. Und dass sie sich ein Leben nach dem Krieg gar nicht mehr vorstellen konnten. Großvater auf dem Sofa meint, dass es damals, 14/18, noch viel schlimmer war mit dem Hungern. Mutter möchte, dass sie aufhören mit den alten Geschichten. Die Kinder spielen unter dem festlich geschmückten Tannenbaum mit ihren Geschenken. Heinz hat ein Tretauto bekommen, Anneliese einen Puppenwagen. Und in der Ecke steht das Lebkuchenhaus. Auf dem Schränkchen daneben die große Bescherung dieses Festes: der Fernseher.

1954. Satt essen. Nicht mehr frieren. Genug Kohlen zum Heizen. Mutter hat endlich einen neuen Wintermantel, Vater einen neuen Anzug und neue Schuhe. Man spürt: es gibt ein neues Leben nach Krieg und Nachkriegszeit…

Was die Bundesbürger vom neuen Jahr erwarten, wollen die Meinungsforscher wissen. Die Lage wird besser, meint die Mehrheit. Die privaten Verhältnisse, die Wirtschaft, die Politik. Allerdings - die armen Brüder und Schwestern im Osten. Die sind leider nicht dabei. Die sind in der Zone gefangen. Damit sie zu Weihnachten eine Freude haben, werden ihnen Westpakete geschickt, mit Kaffee, Obst, Kleidung - Dingen, die knapp sind in der Ostzone. Oder man ist zu Besuch bei den Verwandten im Osten. In der Weihnachtszeit sind die Interzonenzüge berstend voll - 300 Prozent Auslastung.

Umfrage 1954: Nach dem Ergebnis einer Umfrage bei einem repräsentativen Ausschnitt der Bevölkerung der Bundesrepublik und West-Berlins sehen dem Jahr 1955 mit Befürchtungen entgegen: 18 Prozent. Mit Hoffnungen: 54 Prozent. Mit Skepsis: 13 Prozent. Unentschieden: 15 Prozent.

1954. Es geht wieder aufwärts. Der Zusammenbruch liegt neun Jahre zurück. Viel Arbeit steht bevor. Die Arbeitstage sind lang, vom frühen Morgen bis zum Abend in der Fabrik. Auch noch am Samstag. Und danach dem Verwandten helfen, der es geschafft hat, dass er für sich und seine Familie ein Häuschen bauen kann. Jetzt schon, 1954. Stein auf Stein. So viel wie möglich in Eigenarbeit. Man schuftet. Alle schuften. Die Feiertage: eine wohl verdiente Verschnaufpause.

Eigentlich geht es den Leuten 1954 noch nicht so gut. In der DDR ohnehin nicht, wo immer noch Lebensmittel rationiert sind und alle möglichen Engpässe das Alltagsleben erschweren, wo Ulbricht mit harter Hand regiert und alle Kommunisten werden sollen. Im Westen aber auch nicht. Wie viele Männer sind noch vermisst! Wie viele noch in russischer Kriegsgefangenschaft. Wie viele suchen und finden sich nicht. Der Suchdienst des Roten Kreuzes ist ein fester Bestandteil des Radioprogramms.

Die Nachkriegsarbeitslosigkeit ist im Westen noch nicht ganz überwunden. Knapp 1,3 Millionen Arbeitslose sind zum Jahresende gemeldet. Entscheidend ist aber: Es werden immer weniger. Gegenüber dem Vorjahr ist die Arbeitslosenzahl deutlich zurückgegangen. Und die Leute verdienen mehr: durchschnittlich 3900 DM im Jahr. 1949 waren es noch knapp 2700 DM gewesen. Kohle- und Stahlindustrie erleben einen Boom, es wird gebaut und in Wolfsburg rollen unaufhörlich neue Volkswagen vom Band. Das Ausland staunt über das bundesdeutsche Wirtschaftswunder.

"Wir sind wieder wer": Dieses Gefühl macht sich im Westen breit. Spätestens seit dem 4. Juli.

Ein Land im Freudentaumel. Auch die, die sich für Fußball gar nicht interessieren, werden von der Welle nationaler Begeisterung erfasst.

Welch ein Sieg nach dem verlorenen Krieg! "Wir sind wieder wer": ein ganz neues Lebensgefühl. Adenauers Deutschland ist was anderes als die Weimarer Republik nach der Niederlage 1918. Mit Adenauers Deutschland kann man sich anfreunden.

Ich möchte für einen Augenblick die Zeit nach dem 1. Weltkrieg in ihr Gedächtnis zurückrufen,

sagt Bundeskanzler Konrad Adenauer am 15. Dezember 1954 in einer Regierungserklärung.

Damals wurde in Deutschland von einer Reihe schwerer innerer Unruhen erschüttert. ... Erzberger und Rathenau wurden ermordet. .. Die Lage wurde oft so unhaltbar, dass der Ausnahmezustand ausgerufen werden musste. .. Ich glaube, dass wir heute im Vergleich dazu mit Genugtuung auf die Lage der Bundesrepublik sehen können.

Im Oktober 1954 sind die Pariser Verträge abgeschlossen worden: wenn sie in wenigen Monaten in Kraft treten, ist Westdeutschland wieder frei: die Besatzungsherrschaft ist zu Ende. Der neue Staat wird NATO-Mitglied, ein fester Bestandteil des westlichen Bündnisses. Psychologisch und politisch haben die Bundesbürger wieder festen Boden unter den Füßen. Adenauer bringt das in seiner Regierungserklärung im Dezember vor dem Bonner Bundestag zum Ausdruck:

Ihnen allen ist die Entwicklung seit dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft noch in deutlicher Erinnerung. Die meisten von uns haben selbst planend und handelnd mitgewirkt, um aus dem Chaos den Weg zu einem demokratischen geordneten Staatswesen zu finden. Es ist gelungen, der Bevölkerung der Bundesrepublik eine sichere wirtschaftliche Existenz zu verschaffen. Trotz der riesigen Lasten, die der Krieg und seine Folgen dem Staat auferlegt haben, konnten wir sozial gesunde Verhältnisse herstellen. Konnten wir die wirtschaftlich Schwachen, die Opfer der Diktatur und des Krieges schützen. Alle Schichten und Stände der Bevölkerung haben mit ihrer Arbeit und ihrer bewiesenen politischen Einsicht dazu beigetragen, Deutschland aus dem Chaos wieder herauszuführen.

Damit sagt Adenauer, was eine große Mehrheit der Bundesbürger, die den ersten bescheidenen Wohlstand genießt, empfindet.

Im Osten hat es Staatspräsident Wilhelm Pieck in seiner Silvesteransprache 1954 nicht so leicht, überzeugend ein positives Bild von der wirtschaftlichen Entwicklung in der DDR zu zeichnen.

Mit dem geringsten Aufwand an Arbeitszeit, an Roh- und Hilfsstoffen, Energie und Kohle den höchsten Nutzen zu erreichen: das ist der Weg zur weiteren Verbesserung der Lebenshaltung aller Werktätigen. Wenn in Industrie und Landwirtschaft, in Handel und Verkehr jeder Werktätige nach diesem Grundsatz handelt, dann wird das Jahr 1955 tatsächlich zum erfolgreichsten Jahr unseres ersten Fünf-Jahr-Planes werden. Dann schaffen wir alle Voraussetzungen, dass der zweite Fünf-Jahr-Plan uns noch größere Erfolge bringen wird, als uns der erste bereits gebracht hat. Von dieser Gewissheit erfüllt wünsche ich allen Schaffenden der DDR ein erfolgreiches, frohes und gesundes neues Jahr.

Deutsche Welten 1954. Die DDR will eine neue Gesellschaft und einen neuen Menschen schaffen, kommt aber beim Wiederaufbau nur mühsam voran (und muss auch noch Reparationen an die befreundete Siegermacht zahlen). Die Bundesrepublik besinnt sich auf alte Ordnungen und will keine Experimente. Weil die Wirtschaft brummt, werden die Bonner Politiker immer selbstbewusster. Im Selbstverständnis auch der Bundesbürger ist die Bonner Republik - Deutschland. Die DDR nur die sowjetisch besetzte Zone. Adenauers Deutschland kann damit werben, dass es demokratische Hoffnungen erfüllt, von denen die Nation seit 1848 geträumt hat:

Sichere Rechtsverhältnisse herrschen. Es ist nahezu Vollbeschäftigung eingetreten. Die öffentlichen Finanzen sind gesund. Jedermann kann in persönlicher Sicherheit und in Freiheit leben und seiner Arbeit nachgehen.

Vollbeschäftigung und gesunde öffentliche Finanzen: gute, alte Adenauerzeit…

Es geht bergauf in Westdeutschland. Wirtschaftlich. Aber das ist nicht alles. Wenn Mutter aus dem Küchenfenster guckt und sieht, wie Nachbars Junge mit dem Moped losbraust, dann macht sie sich Sorgen. Sie ahnt, dass da etwas nicht stimmt. Der Junge trifft sich mit anderen in einer sehr merkwürdigen Clique. Er hat keine ordentlichen, gerade gescheitelten Haare mehr, ist ziemlich aufsässig und seine Freunde belästigen mit ihren Mopeds und ihrer Frechheit die Leute. Ein paar Mal ist schon die Polizei gekommen. Eine Nachbarin hat neulich erzählt, das seien die "Halbstarken".

Unter der Oberfläche gärt es. Die Erwachsenen reden so gar nicht darüber, wie es früher wirklich war, bis 1945. Die Vergangenheit soll keine Schatten mehr werfen. Aber irgendwas ist da, irgendwas macht die Erwachsenen so unerbittlich streng. Die Halbstarken spüren das, sie wollen ein bisschen mehr Freiheit, nicht immer stramm gescheitelt durchs Leben gehen. Aus Amerika wehen die Winde der Freiheit herüber. Rock´n´Roll. Die erwachsenen Deutschen sehen diesen Kultur- und Sittenverfall mit Argwohn. Noch ist es zu früh, den Panzer zu knacken, mit dem sich die Erwachsenen im Nachkriegsdeutschland schützen. Die Wut der Jungen über die Starrheit der Älteren muss sich noch weiter aufstauen - bis sie sich in den 60er Jahren eruptiv entlädt.
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