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3.1.2005
Über Uhren und Kalender
Geschichte der Zeitbestimmungen
Von Udo Marquardt

Uhr (Bild: AP)
Uhr (Bild: AP)
Zweieinhalb Tage ist das Jahr jung, das soeben begonnen hat und dass wir als das Jahr 2005 bezeichnen. Es ist die Zeitrechnung in der christlich geprägten Welt - die jüdische Welt hat eine andere Zeitrechnung, die islamische ebenso. Und unsere heutige Zeitrechnung ist auch erst im Laufe der Zeit entstanden. Zu ihren Kuriosa gehört, dass sie sich auf Christi Geburt bezieht, dass Jesus Christus aber nach heutigem Kenntnisstand ein paar Jahr vor Christi Geburt -beziehungsweise: vor Beginn unserer Zeitrechnung - geboren ist.

Die älteste Uhr der Welt ist der Himmel. Mit ihm beginnt die Geschichte von Uhren und Kalendern. Auf dreißigtausend Jahre alten Knochen hat man Zeichen gefunden, die sich als zu- und abnehmender Mond während dreier Mondphasen identifizieren lassen. Ein zehntausend Jahre altes Knochenplättchen zeigt die Mondphasen über dreieinhalb Jahre hinweg; dazu die Kerndaten des Sonnenjahres, also die Sonnenwenden und Tag- und Nachtgleichen. Vor allem Priester wurden mit der Beobachtung der Himmelserscheinungen beauftragt. Das ist kein Zufall. Denn, so der Historiker Prof. Dr. Gerhard Dohrn-van Rossum, die Himmelserscheinungen hielt man für vollkommen und göttlich.

Dohrn: Dass sie nicht so regelmäßig sind wie sie scheinen, wusste man nicht. Und der gestirnte Himmel repräsentierte für die Leute Vollkommenheit, Stabilität, Ewigkeit. Und was sie auf Erden erlebt haben, war Unvollkommenheit, Krankheit, Tod, Not, Katastrophen, Seuchen, alles Mögliche. Und daraus entsteht ganz zwangsläufig und, glaube ich, auch für uns ganz leicht verständlich die Vorstellung, dass der gestirnte Himmel das Perfekte schlechthin oder mindestens ein Abbild des Perfekten sei, und dass das irdische Leben die vergleichsweise unvollkommeneren Phänomene seien.

Die Beobachtung des Himmels hatte vor allen Dingen den Zweck, die Gemeinschaft der Menschen zu ordnen. Mit Hilfe der Sterne ließen sich die Zeiten für Aussaat und Ernte bestimmen. So hing in Ägypten die Zeit des Säens vom Nilhochwasser ab. Man wusste, dass der Nil immer dann über die Ufer trat, wenn der Sirius zusammen mit der Sonne aufging. Auch die religiösen Feiertage wurden mit Hilfe der Himmelserscheinungen bestimmt. Das Datum des christlichen Osterfestes ist abhängig vom so genannten Passahmond, also dem Mondmonat, dessen vierzehnter Tag auf den 21. März fällt. Dieses Datum war lange Zeit äußerst schwierig zu berechnen. Immer wieder kam es zu Unstimmigkeiten. Ihnen verdanken wir unseren heutigen Kalender.


Die Ursprünge der christlichen Zeitrechnung gehen zurück auf das Jahr 526. In jenem Jahr gab es wieder einmal beträchtlichen Streit um den Ostertermin. Papst Johannes I. beauftragte deshalb seinen Archivar, den Mönch Dionysius Exiguus, das Problem mit dem Ostertermin endgültig zu lösen. Prof. Dr. Hans Maier, Religionsphilosoph und Kulturtheoretiker.

Maier: Seit der Entscheidung des Konzils von Nizäa, das war 325, liegt der Termin für Ostern auf dem ersten Sonntag nach dem Frühjahrsvollmond. Und das musste nun immer wieder vorausberechnet werden. Das hat in den so genannten dunklen Jahrhunderten, wo man wenig von Physik und Mathematik wusste, immerhin eine ganze Schar von Leuten in Lohn und Brot gesetzt, die den Ostertermin ausrechneten: die so genannten Computisten. Unser Wort computus, also das Grundwort für den Computer, stammt nämlich aus der Osterfestberechnung.

Im Jahre 526 unterschieden sich die Berechnungen der Computisten um mehrere Tage. In dieser Streitfrage nun wollte der Papst ein Machtwort sprechen. Und die Grundlage dazu sollte ihm sein Archivar Dionysius liefern. Der griff auf Altbewährtes zurück. Nach dem Vorbild des Cyrill von Alexandrien machte er sich daran, eine so genannte Ostertafel zu erstellen, auf der die Termine für die nächsten Jahre festgelegt wurden. Allerdings gab es in den Tabellen Cyrills ein Detail, das dem frommen Mönch Dionysius Kopfzerbrechen bereitete. Cyrill hatte, nach ägyptischer Gepflogenheit, die Jahre nach dem Regierungsantritt des römischen Kaisers Diokletian datiert. Dieser Diokletian aber war ein schlimmer Christenverfolger gewesen. Und genau das wollte Dionysius nicht in den Kopf. Wie konnte man das Fest der Auferstehung des Herrn nach jemandem datieren, der dessen Anhänger hatte verfolgen und hinrichten lassen?

Dionysius fasste einen folgenschweren Entschluss. Fortan sollte die Zeitrechnung mit der Geburt Jesu beginnen. Das Problem war nur, niemand wusste genau, wann das war. Dionysius studierte die Evangelien. Er ging von der damals weit verbreiteten Meinung aus, Christus sei an einem 25. März auferstanden. Nun suchte er nach einem Ostertermin in der Vergangenheit, der auf den 25. März gefallen war. Er stieß dabei auf den 25. März des Jahres 784. Wohlgemerkt: 784 nach der vorchristlichen römischen Zeitrechnung, deren Jahreszählung mit der Gründung Roms im achten Jahrhundert vor Christus begann. An diesem 25. März 784 nun musste Jesus auferstanden sein, so Dionysius. Es gab keinen anderen 25. März, der mit Ostern zusammenfiel. Da die Bibel darauf schließen lässt, dass Jesus im Alter von etwa 30 Jahren gekreuzigt wurde, war der Rest eine simple Rechenaufgabe. Wenn Christus am 25. März 784 römischer Zeitrechnung auferstanden war, dann musste er irgendwann im Jahre 754 römischer Zeitrechnung geboren sein. Aus diesem Jahr machte Dionysius das Jahr 1. Die christliche Zeitrechnung war geboren.

Maier: Wesentlich ist, dass man seit damals erstaunlicherweise nach einem Ereignis zählt, das nicht am Anfang der Geschichte steht - die meisten Zeitrechnungen rechnen ja von Erschaffung der Welt oder von der Schöpfung an, so etwa die jüdische bis heute - sondern nach einer Zeitrechnung, die inmitten der Geschichte steht, wo man also vorwärts zählt und rückwärts zählt.

Als Dionysius 526 die Zeitrechnung auf Christi Geburt bezog, hatte das Christentum allerdings nicht die Macht, die neue Zeitrechnung auch durchzusetzen. Erst im Hochmittelalter zwischen 1000 und 1300 wurde die christianisierte Zeit allgemein üblich. Im Laufe dieser achthundert Jahre übernahm die Kirche allmählich die Nachfolge des Römischen Reiches. Damit war sie auch für die immer wieder nötig werdenden Kalenderreformen zuständig. Deren Hauptschwierigkeit bestand und besteht darin, die kalendarisch errechneten Zeiten mit den tatsächlichen Umlaufzeiten der Gestirne zu koordinieren, auf die sich alle Kalender beziehen.

Das tropische Jahr, also die Umdrehung der Erde um die Sonne, hat 365,24 Tage; das im Mittelalter übliche julianische Kalenderjahr rechnet allerdings mit 365,25 Tagen. Um die Differenzen auszugleichen gab es alle vier Jahre einen Schalttag. Das aber war immer noch nicht ganz genau, deshalb vollzog die Gregorianische Kalenderreform im Jahr 1582 eine noch bessere Anpassung des Kalenderjahres an das tropische Jahr. Die Regelung der Schaltjahre wurde verbessert. Und zehn Tage fielen ganz aus. Auf Donnerstag, den 4. Oktober 1582 folgte Freitag der 15. Oktober 1582.

Maier: Gegen die päpstliche Kalenderreform regte sich natürlich Widerstand. Europa war damals konfessionell gespalten. Und obwohl Gregor auch evangelische Gelehrte in die Kommission aufgenommen hatte, setzte sich der reformierte Kalender nur langsam durch. Zuerst in den katholischen Staaten, in den protestantischen erst ab 1700, auch die protestantischen Reichsstände im alten Reich übernahmen ihn um 1700. Deswegen haben zum Beispiel Bach und Händel, beide 1685 geboren, einen julianischen Geburtstag und einen gregorianischen Todestag.

Die Abhängigkeit einer Zeitenwende vom Kalender wird noch deutlicher, wenn man bedenkt, dass die christliche Zeitrechnung keinesfalls die einzig mögliche und vorhandene ist. Es gibt den islamischen Kalender, der das Leben einer halben Milliarde Menschen regelt. Ähnlich wie bei der christlichen Zeitrechnung beziehen sich die Muslime auf ein konkretes historisches Datum; am Beginn ihrer Rechnung steht die Hidschra, die Flucht Mohammeds von Mekka nach Medina. Nach dem christlichen Kalender war das im Jahre 622. Weiter gibt es den jüdischen Kalender, den alten römischen Kalender, einen chinesischen Kalender. Es gibt persische, koptische und buddhistische Kalender, die großen Maya-Zyklen. Ja sogar mit dem Jahr der französischen Revolution sollte einmal ein Kalender beginnen.

Kalender sind Beispiele dafür, wie die Menschen ihr Leben nach den Himmelserscheinungen richten. Während sich eine Agrargesellschaft noch an die natürlichen Rhythmen des Jahreslaufes als Zeitgeber orientieren kann, ist dies allerdings in städtischen Gemeinschaften kaum noch möglich. Es ist deshalb kein Wunder, dass die Einteilung des Tages in Stunden in einem komplexen städtischen Umfeld notwendig wird. Gerhard Dohrn:

Dohrn: Sie wird notwendig, wenn man Wachen einteilen muss, wenn man Gerichtstermine, sagen wir mal Anklagen und Verteidigungsreden auf einen Tag verteilen muss. In allen solchen Zusammenhängen, das sind schon relativ weit entwickelte städtische Zusammenhänge, taucht allererst die Notwendigkeit der Teilung des Tages auf, und da ist sie auch entstanden. Die elementaren Formen der Teilung der Tageszeit sind natürlich die Beobachtung der Schatten, also des Schattenverlaufs an Gebäudekanten, Treppenstufen und und und. Das ist die Vorgeschichte der Sonnenuhren. Eine sicher spätere Form ist die Entwicklung primitiver Auslaufwasseruhren, die allerdings, wenn ich sage spät und primitiv, dann sind wir immerhin schon im dritten Jahrtausend vor Christus in Ägypten.

Von diesen Sonnen- und Auslaufuhren bis zu den ersten mechanischen Uhren ist es ein weiter Weg. Erst um die Wende vom dreizehnten zum vierzehnten Jahrhundert tauchen einfache mechanische Uhren auf. Diese Uhren wurden durch sinkende Gewichte angetrieben. Die wesentliche technische Neuerung dabei war die Uhrwerkhemmung. Mit ihr gelang es erstmals, die Energie des Antriebs gleichmäßig ablaufen zu lassen. Zugleich wurde es möglich, den Tag unabhängig von äußeren Gegebenheiten wie Licht und Dunkelheit in gleichlange Stunden einzuteilen.

Dohrn: Das eine ist die berühmte Erfindung der mechanischen Uhrwerkhemmung, die dürfen wir vermuten in einem klösterlichen Zusammenhang, irgendwann nach der Mitte des 13. Jahrhunderts bei dem Versuch, von den sehr unzuverlässigen Wasseruhrwerkmechanismen wegzukommen und einen Weckmechanismus zu finden. Das ist aber nicht das, was wir mit einer Uhr meinen. Wir meinen mit einer Uhr eine kontinuierliche Teilung des Tages. Und die kommt erst auf mit den öffentlichen Schlaguhren, genauer mit den automatisch die Stunde schlagenden Uhren. Und das ist ein Phänomen, das um 1300 ganz abrupt aus der Welt der Klöster in die Welt der Städte führt.

Die ersten mechanischen Uhren sind so genannte öffentliche Uhren. Das heißt, sie wurden gut sichtbar an Kirchtürmen oder Rathäusern angebracht und zeigen die vierundzwanzig Stunden des Volltages akustisch oder optisch an.

Dohrn: Sie boten eine Möglichkeit, in einem immer komplizierter werdenden städtischen Glocken- und Signalensemble aus Fahnen und Trompeten und allen möglichen Formen der Weitergabe öffentlicher Termine, wenn sie so wollen, auf eine einfache Weise, sehr viele, sehr komplexe Sachverhalte mit einem einzigen Gerät zu regeln. Das ist der Grund für ihre rapide Verbreitung. Damit meine ich einen Zeitraum von ungefähr zwei Generationen. Und das ist der Grund für ihren nachhaltigen, bis heute ja unbestrittenen Erfolg.

Vor allem die Wissenschaftler waren begeistert. 1377 prägte der französische Philosoph Nicole d'Oresme den Ausdruck vom Uhrwerksuniversum. Oresme sah am Himmel dieselben Prinzipien am Werk wie in einer Uhr. Durch die folgenden Jahrhunderte wurde die Uhrenmetapher immer wieder aufgegriffen, um das Funktionieren des Universums zu beschreiben. Zugleich ordnete die Uhr den Zeitrahmen und das Zeitbewusstsein in weiten Teilen Europas neu. Doch bei aller Verbesserung der Uhrentechnik: die Zeit, die die Uhren anzeigten, war von Stadt zu Stadt verschieden. Noch 1874 wurde in Deutschland die Uhren nach den Zeiten von Berlin, Köln, Lübeck, Oldenburg, Elmshorn, Gießen, Frankfurt/Main, Leipzig, München und Stuttgart gestellt. Erst die Eisenbahn sorgte dafür, dass am 1. April 1893 die mittlere Sonnenzeit des fünfzehnten Längengrades östlich von Greenwich zur gesetzlichen Zeit in Deutschland wurde. Gerhard Dohrn:

Dohrn: Obwohl damals Eisenbahnen noch sehr langsam fuhren, hatten die Leute in ihren zum Teil auch fortschrittängstlichen Phantasien die Idee: Woanders ist eine andere Ortszeit und wenn wir das nicht abgleichen, werden die Züge aneinander stoßen. Diese Unfälle, die vielfach beschrieben worden sind, haben gar nicht stattgefunden, denn so schnell waren die Eisenbahnen gar nicht. Und faktisch waren die einzelnen Ortszeiten weder für Postkutschen noch für die frühen Eisenbahnen ein Problem, aber sie wurden im Bewusstsein der Gesellschaft zu einem Problem. … Das Erstaunliche ist für uns, dass, obwohl alle Leute wussten, die wahre Ortszeit ist nicht die Zeit in der Nachbarstadt, erst das moderne Verkehrswesen im Laufe seiner Entfaltung zunächst die nationale und dann die internationale Zeitangleichung, Weltzeit etc. erforderlich gemacht hat.
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