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7.1.2005
Verschleppt 1945 - Deutsche Frauen in sowjetischen Arbeitslagern
Riehe: neunzehn fünfundvierzig
Von Monika Köpcke

Flüchtlinge warten im Oktober 1945 auf einen Zug in Berlin (Bild: AP Archiv/Henry Burroughs)
Flüchtlinge warten im Oktober 1945 auf einen Zug in Berlin (Bild: AP Archiv/Henry Burroughs)
In diesem Jahr wird in vielen Veranstaltungen und vielen Sendungen - auch in unserem Programm - an das Ende des Zweiten Weltkrieges erinnert. Dabei hat sich die öffentliche Erinnerung daran in den letzten Jahren spürbar geändert. Früher waren die Leiden der Deutschen - vor allem am Ende des Krieges - kaum ein Thema. Zuweilen erschien es sogar als anrüchig, angesichts der Verbrechen Nazideutschlands daran zu erinnern, was den Deutschen selbst widerfuhr. Inzwischen haben wir diese Scheu abgelegt - vermutlich, weil nach wie vor die Verbrechen keineswegs unterschlagen werden. Zu den deutschen Opfern, denen Fürchterliches widerfuhr, gehören die Frauen, die 1945 in den Einzugsbereich der Roten Armee gerieten. Zahlreiche Frauen wurden verschleppt und landeten in sowjetischen Arbeitslagern.

Ich bin 16 Jahre und mein Vater war Bürgermeister, und er durfte ja das Dorf nicht verlassen, das war die Weisung von oben. Und erst als die Russen schon fast in unserem Dorf waren, kam die Genehmigung.

Eva-Maria Stege wird 1928 in der Provinz Ostbrandenburg geboren. Als sie sich mit ihren Eltern und Geschwistern im Januar 1945 auf die Flucht Richtung Westen macht, ist es bereits zu spät. Viel zu lange sind die deutschen Propagandaparolen auf Sieg ausgerichtet geblieben. Eva-Maria Stege ist 16 Jahre alt, als ihr Flüchtlingstreck von den rasch vorstoßenden sowjetischen Truppen eingeholt wird.

Ich hatte mich versteckt unter meinem Vater und Mutter im Bett. Die haben mich dann doch gefunden und nahmen mich mit in dieses Gutshaus. Und dort saß schon in der Küche eine Horde Russen und wir mussten Wodka trinken und dann schleppten sie uns in die Schlafstube, rissen uns die Sachen vom Leib und dann ging das die ganze Nacht. Und am nächsten Morgen, wie ich wach wurde, saß eine Frau mit einem Haarkranz um den Kopf und sagte dann: Mädchen, ihr seid Deutsche und alle Deutschen sind Stalins Feinde und Du wirst nach Sibirien kommen. Das können fünf oder 25 Jahre werden und ich rate Dir: Du musst arbeiten und die Sprache lernen.

In diesen Momenten war es nur, dem größten Schmerz zu entgehen. Ich habe still geduldet. Mir sind nie die Kleider vom Leib gerissen worden, im Gegenteil, der eine Soldat hat mir hinterher die Tränen abgewischt und gesagt: Ne platsche, ne platsche, die Worte hatte ich mir gemerkt: nicht weinen. Oder Uhren geschenkt, meinem Vater dann sogar eine Uhr gegeben.

Hildegard Rauschenbach, 1926 in Ostpreußen geboren, macht eine Ausbildung zur Musiklehrerin, als der Krieg sie überrollt. Wie hunderttausende andere Zivilisten auch flieht sie mit ihren Eltern Ende Januar 1945 mit dem Pferdewagen über das Haff. Doch kurz hinter Danzig endet die Flucht. Die Rote Armee ist bis zur Ostsee durchgebrochen, die Flüchtlinge sind vom Deutschen Reich abgeschnitten. Die Familie kommt bei einem polnischen Kleinbauern unter. Eine Woche später erreichen die ersten Sowjetsoldaten das Dorf.

Ein einzelner Kapitan quartierte sich ein, dem musste ich gleich bei der Ankunft einen Knopf am Hosenschlitz annähen, und die Hose quillte an und ich wusste, was das bedeutet, und gab ihm einen Schubs, dass er über das Bett flog . Ich seh' ihn noch vor mir: Er stand auf, ganz rot im Gesicht, die Augen, die glitzerten, und da verstand ich nur 'Patrouille Sibira!'

Am 1. Februar kamen vier Russen und da hat der eine auf deutsch zu uns gesagt: Wir sollen uns verstecken, Stalin lässt alle Deutschen hier abholen, Züge fahren nach Moskau und Richtung Leningrad. Und am nächsten Morgen haben wir da zwei oder drei kalte Pellkartoffeln in die Hand bekommen und wir mussten dann abmarschieren in Richtung Hohenstein. Da haben wir erst mal gesehen, wie grausam das war. Links und rechts in den Chausseegräben lagen die Leiterwagen umgestürzt und Pferde, grausam war das.

Auch Christel Wolf, 1928 in Ostpreußen geboren, wird auf der Flucht Richtung Westen von den sowjetischen Truppen eingeholt. Sie ist 15 Jahre alt, als sie den Viehwaggon besteigt, der sie nach Sibirien bringen wird.

Und die Kälte wurde immer grausamer unterwegs, wir saßen ja nur auf den Bohlen. Das waren bestimmt 35 bis 40 Grad. Aus meiner Klasse war ein Mädchen da, die Gertrud. Die hat immer gesagt: Jetzt fahren sie uns nach Sibirien, also ich konnte das nicht mehr verkraften. Die hat nachher beide Füße bis zu den Knien abgefroren gehabt und wurde amputiert im Lager.

Anfang Februar 1945 verhandelt Stalin auf der Jalta-Konferenz auch über die von den Deutschen zu leistenden Reparationen. Eine Einigung kommt nicht zustande. Was die Westalliierten nicht wissen: Bereits vor Beginn der Jalta-Konferenz hat Stalin in einem streng geheimen NKWD-Befehl die Verschleppung der arbeitsfähigen Zivilisten aus den ostdeutschen Provinzen angeordnet. Die Männer sind an der Front oder zu alt. So sind es mehrheitlich Frauen, die als lebende Reparationen in sowjetische Arbeitslager deportiert werden. Offiziell gibt es keine Zivilverschleppten. Die Frauen und Mädchen verschwinden im allgemeinen Kriegschaos einfach von der Bildfläche.

Wir waren bei der Ankunft so ausgedurstet, dass wir uns alle auf einen Tümpel stürzten, der grün bewachsen war. Und dann brach Typhus aus. Ich kam wegen einer anderen Sache ins Lazarett, da lag ich neben Typhuskranken. Die starben rechts und links von mir.

Jeder hatte mit sich zu tun. Kommen wir noch mal zurück, bleiben wir hier, was machen sie mit uns, überleben wir? Die Sterberate war unheimlich hoch in den ersten vier bis sechs Wochen. Die haben jeden Morgen, bevor es hell wurde, haufenweise, haufenweise Tote raus gefahren.

Und das Schlimme war in der Ziegelei, wenn es im Winter war, da ist ja alles nass, weil ja die Steine mit Wasser abgeschliffen werden, und dann hatte man nasse Filzstiefel. Und da hab ich mir die Füße erfroren, da hab ich heute noch Probleme. Und ich seh' mich heute noch an der Baracke entlang kriechen auf allen vieren.

Im Herbst kamen wir dann ins endgültige Lager Schadrinsk. Da war die Fabrik (russisch) die stellt Autoteile her. Ich gehörte zur Transportkolonne, die alles Material für die Fabrik heranschaffen musste. Wir haben mit Eisenteilen, mit Koks, mit Kohle, mit Zement, große Messingrollen, die bis zu 350 Kilo wogen, die haben wir zu zweit eine Stange durchgesteckt und auf Lkw gehoben. Wir haben also pro Person mitunter zwei Zentner geschleppt und ich begreife das heute nicht, dass wir das geschafft haben.

Und dann hat der Arzt, der alte Herr, immer angerufen, für mich ein Bett außerhalb des Lagers zu kriegen. Der Posten am Lager hat gefragt, wo ich hinfahre und der Arzt hat gesagt: Merde Kandidate, das heißt so viel wie Todeskandidatin auf russisch. Und nach sechs Wochen war ich wieder so weit, da haben sie mich entlassen. Und wer kam mich abholen? Der alte Doktor, der mich gerettet hat und die russische Krankenschwester. Also, det war ne Begrüßung. Die haben mich umarmt und waren so glücklich, dass ich wieder da war. Da muss ich sagen, bewundernswert diese Menschen zu uns. Ich war ja nur ne Deutsche, ne.

Wir hatten immer, immer Hunger. Das führte dazu, dass wir betteln gingen. Und das ist ein Phänomen, das ich nie vergessen habe. Die russische Zivilbevölkerung hat uns, und wenn's eine Kartoffel war, gegeben, obwohl sie selbst nichts hatten. Es ist was dran an der russischen Seele. Es war nicht nur, dass sie uns eine Kartoffel oder zwei oder drei gaben, es war Mitleid.

Dann bekamen wir überhaupt keinen Zucker. Aber einmal gab es dann doch Zucker. Und das seh' ich noch. Da sitz ich auf der Pritsche, halte den Beutel so und ganz langsam ein Löffel nach dem anderen. Das war wie Weihnachten und Ostern zusammen.

Ich war immer ein fröhlicher Mensch, ein Optimist. Ach komm, wir singen ein Lied. In der Baracke haben wir meistens Choräle gesungen. Aber waren wir auf dem Lkw, dann haben wir vorne gestanden auf der Kabine drauf und die dicke Walja immer: Singt doch mal das schöne Lied. Und denn haben wir: Deutschland, Deutschland, über alles (singt, bricht ab und lacht). Das ist ne schöne Melodie und das wollt sie immer wieder hören.

Wir haben unsere Kindheit halb verloren, unsere Jugend verloren, wir konnten unseren Beruf nicht weiter fortführen. Wir kamen zurück, na ja, wat seid ihr denn überhaupt, so ungefähr.


Mit den ersten Heimkehrertransporten kommt Christel Wolf, die im Winter 1945 auf der Flucht von sowjetischen Truppen eingeholt worden war, im September 1946 zurück nach Deutschland. Aber nach Hause? Die ostpreußische Heimat ist verloren, ihre Mutter findet sie erst nach einem Jahr über den Suchdienst des Roten Kreuzes in Mecklenburg. Wegen ihrer Mutter bleibt Christel Wolf in der sowjetischen Zone. Sie zieht nach Ostberlin, heiratet, bekommt eine Tochter und arbeitet bis zu ihrer Rente als Lohnbuchhalterin. In der DDR muss sie sich verpflichten, über ihre Vergewaltigung und Verschleppung zu schweigen. Doch in ihrer Kaderakte wandert der Vermerk 'Sibirien' mit in die Zukunft. Ein Makel, der sie zu einer Risikoperson macht, geht von ihr doch die Gefahr einer 'Verleumdung des Großen Bruders' aus.

Als Ostpreußin hab ich ja nen Rückgrat gehabt, von Hause schon, selbstständig erzogen worden und so. Die haben's schwer gehabt hier mit mir im Osten. Ich bin ja auch über 20 Jahre observiert worden. Also die erste Zeit hat mich das gestört, überall wird auf die Finger geguckt. Dann denke ich, lass sie doch machen, da hab ich drüber gelacht, die nehm' ich gar nicht für voll.

Bei mit im Betrieb nachher, da waren so drei Männer zusammen, die erzählten sich: Ja, wir Soldaten in Sibirien im Lager und so. Da sag ich ganz schüchtern: Ich war auch in Sibirien. Da sagte einer. Die Freunde haben - man nannte die Russen die Freunde bei uns - die Freunde haben niemand nach Sibirien gebracht, der nichts verbrochen hat. Also hat man mir unterstellt, ich habe zu Nazizeiten Verbrechen begangen, trotzdem ich erst 16 Jahre war, und das haben diese Schweine hier gar nicht berücksichtigt, und vor allem, weil ich in so einem Dorf j.w.d. gelebt habe. Aber das war denen egal.

Als Eva-Maria Stege, die im Januar 1945 von sowjetischen Soldaten vergewaltigt und verschleppt worden war, 1949 aus dem sibirischen Arbeitslager in die DDR kommt, nimmt die Staatssicherheit sie sofort unter Beobachtung. Ihre Post wird kontrolliert, ihr Telefon abgehört, bis zum Mauerfall werden Spitzel auf sie angesetzt. Eva-Maria Stege hat große Startschwierigkeiten: Sibirien und die Stasi verfolgen sie bis in ihre Träume, sie leidet immer wieder unter schweren Depressionen. Sie lebt in Ostberlin, heiratet, bekommt einen Sohn und arbeitet bis zu ihrer Invalidenrente als Bürokraft und Ankleiderin. In den achtziger Jahren engagiert sie sich in der Bürgerrechtsbewegung und knüpft zahlreiche Kontakte nach Osteuropa.

Ich wollte mit Russen sprechen, wollte ihnen das sagen, dass ich dort war, und dass ich meine, ich hätte etwas von der deutschen Schuld abgetragen. Das meine ich auch, dass ich einen Anteil daran habe an dieser Schuld, die wir auf uns geladen haben durch die Verbrechen an Russland.

Und dann kam mich mein Mamachen holen, die ich immer klein und dick gekannt habe. Mein Bruder, das war so ein kleiner Lachodder, der sagte, als wir manchmal abends zu Nachbarn gingen und wir Kinder tobten so vorneweg und meine Mutter mit ihren kleinen Schritten trippelte, sagt der: Mamachen, kuller lieber, kommst schneller vorwärts. - lacht - Ja, und jetzt seh ich sie als kleines schmales gebücktes Frauchen im schwarzen Mantel.

Im Herbst 1948 trifft Hildegard Rauschenbach ihre Mutter in einem Heimatlosenlager in Pirna wieder. 1950 heiratet sie nach Westberlin und bekommt einen Sohn. Die schwere Arbeit in Sibirien hat ihren Rücken kaputt gemacht, sie leidet unter Alpträumen und Depressionen. Einen Beruf kann sie nicht ausüben. 1952 bekommt sie über das bundesdeutsche Heimkehrergesetz 600 Mark Entschädigung für die dreieinhalb Jahre Zwangsarbeit. Ansonsten interessiert man sich nicht für ihr Schicksal. Die Bundesrepublik steckt im Aufbaufieber und will von den düstern Geschichten der vergewaltigten und verschleppten Frauen nichts hören. Schon bald geraten sie zwischen die 'Aufarbeitungs-Fronten': Von der einen Seite instrumentalisiert, um die eigenen Verbrechen zu schmälern, von der anderen beiseite gewischt als 'Strafe für Auschwitz'. Hildegard Rauschenbach findet einen eigenen Weg der Auseinandersetzung: 1984 veröffentlicht sie ihre Erlebnisse in einem Buch, das in den neunziger Jahren auch in Russland erscheint. In Deutschland sammelt sie Spenden für ein Kinderheim in Schadrinsk. Zweimal hat sie den Ort ihrer Verschleppung in den letzten Jahren besucht.

Sibirien war irgendwie ein Synonym für was Schreckliches. Kälte, Steppe, Weite. Aber was mir dort an Natur auch jetzt im Nachhinein, als wir die zwei Mal zu Besuch waren, ... diese Birkenalleen! Das hat mich so fasziniert. Ob es im Herbst die Färbung war oder im Frühjahr. Auch die Winterlandschaft. Ich hab die so aufgenommen, hab die fotografisch fixiert. Das waren Dinge, die auch ein Zipfelchen Freude gaben. Wenn so die Sonne als roter Ball aufkam und aus den Schornsteinen der Rauch aufstieg und der Schnee glitzerte, das vergesse ich nie. //
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