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27.12.2004
Der Junge, der nicht erwachsen werden will
Peter Pan wurde vor 100 Jahren London uraufgeführt
Von Richard Schroetter

Musical-Version von Peter Pan mit Sandy Duncan in der Hauptrolle (Bild: AP-Archiv)
Musical-Version von Peter Pan mit Sandy Duncan in der Hauptrolle (Bild: AP-Archiv)
Das Peter Pan Jahr ist in England längst angelaufen. Mit Theater- und Ballettaufführungen, mit Galaveranstaltungen u. Benefizkonzerten, mit Filmen und Büchern. Der Erfinder dieser galvanisierenden Figur war der schottische Schriftsteller Sir James Mathew Barrie (1860-1937). Vor hundert Jahren wurde sein Stück "Peter Pan, der Junge, der nicht erwachsen werden wollte" im Duke of York‘s Theatre in London uraufgeführt. Es wurde im Laufe der Jahre zu einem Welterfolg. Peter Pan lieferte Stoff für ein Dutzend Bearbeitungen und Filme - er wurde aber auch zum Sinnbild des infantilen, modernes Erwachsenen, der keine Verantwortung übernehmen will und die Rolle des Kindes bis ins hohe Alter weiterspielt.

In dem jüngsten amerikanischen Spielfilm von Marc Forster Finding Neverland (deutscher Titel: Wenn Träume fliegen können - von US-Kritikern zum besten Film des Jahres gekürt) dreht sich alles um ein Wort, das für eine imaginäre Welt steht und wie ein Phantom die Szene beherrscht: Neverland.

Neverland ist das Inselparadies des Helden Peter Pan, eines kleinen androgynen Jungen, den zwei Eigenschaften auszeichnen, die Kinder und viele Erwachsene von gestern und heute gleichermaßen faszinieren: er kann fliegen und wird nie erwachsen. Peter Pan, so schreibt Ulf Diederichs in seinem Who's Who im Märchen

macht seinem Namen Ehre. Er spielt Flöte, ist mit Blättern und Spinnweben angetan und hübsch von Gestalt. Er hat noch seine ersten Zähne - kann dafür fliegen, sich von seinem Schatten trennen und die Glöckchensprache der Feen verstehen. Auf "Niemandsland" (Neverland) ist er Anführer der "verlorenen Jungen,

Das sind die Underdogs der Welt, die so erklärt Peter Pan:

den Kindermädchen aus dem Wagen gefallen sind und binnen einer Woche nicht abgeholt wurden. Zu diesem Land haben Erwachsene keinen Zutritt.

Doch das stimmt nur halb. Nimmerland bedroht die erwachsene Piratenbande des Kapitän Hook, genannt nach dem eisernen Haken, den er anstatt des rechten Armes trägt. Den richtigen,

hat ihm Peter Pan abgesäbelt und einem Krokodil vermacht, das seitdem Kaptän Hook verfolgt und noch mehr Fleisch von ihm haben will. Doch die tickende Uhr in seinem Bauch verrät es vorzeitig. Auch die Rothäute unter der Führung von Tiger Lily sind Feinde der Piraten. Als sie das Piratenschiff zu entern versucht, wird sie gefangen und schließlich von Peter Pan und seinen Getreuen befreit.

Das sind nur einige Abenteuer dieser Geschichte, die damit endet, dass Peter Pan sich weigert erwachsen zu werden und in seiner Traumwelt bleibt, während Wendy und ihre Brüder in die schnöde Welt der Erwachsenen wieder zurückschickt werden. "Erwachsen und verloren", das ist das Schicksal der anderen, nicht seins. So lehnt er es auch ab, in die Schule zu gehen.

Peter Pan: Schickst du mich dann in die Schule?
Stimme: Ja
Peter Pan: Und dann in ein Büro
Stimme: Ja, ich denke schon.
Peter Pan: Und bald werd ich ein Mann?
Stimme: Sehr bald.
Peter Pan: Ich will nicht in die Schule gehen und ernste Sachen lernen, ich will auch kein Mann werden!


Erfunden hat diese weltbekannte Figur der schottische Schriftsteller J.M. Barrie, ein großer Hundeliebhaber und Kricketspieler, dessen Leben im Laufe der Zeit immer mehr von seinem Peter Pan überschattet wurde.
Die Idee zu dieser Figur speist sich aus frühen Kindheitserfahrungen, wie Barrie seinem Tagebuch anvertraut:

Das Schlimmste an meiner Kindheit war, dass ich wusste, es würde einmal die Zeit kommen, da ich das Spielen aufgeben musste, und wie das gehen sollte, war mir schleierhaft (dieses Entsetzen sucht mich noch immer in meinen Träumen heim, wenn ich mich selbst dabei ertappe, wie ich mit Murmeln spiele, und es mit kaltem Misstrauen betrachte); ich begriff, dass ich heimlich würde weiterspielen müssen.

Heimlich weiterspielen, das tat er, indem er später seine Fantasien zu Papier brachte.
Barrie, der 1909 in der Ritterstand erhoben wird und drei Jahre später zum Baronet, war von kleiner zierlicher Statur, was er Zeit seines Lebens als unkompensierbaren Makel empfand.

Äußerst beschämt darüber, weil ich immer noch so klein bin, dass ich im Zug zum halben Preis fahren kann.

Eigenschaften, die später zur Beliebtheit seines kleinen Helden beitrugen, beunruhigen Barrie an sich selbst. So fürchtet er sich vor einer ernsthaften erwachsen Bindung.
Was ihn jedoch nicht daran hindert, wie der argentinische Schriftsteller Rodrigo Fresán in seinem gerade erschienenen Barrie-Roman Kensington Gardens schreibt, die hübsche Schauspielerin Mary Ansell zu heiraten. Barrie verfolgt ein "unheimlicher Traum", der "immer gleich verläuft":

Ich sehe mich als verheirateten Mann, und dann wache ich mit dem Schrei einer verlorenen Seele auf, klamm und zitternd.
Mein grässlicher Albtraum beginnt immer folgendermaßen. Ich scheine zu wissen, dass ich zu Bett gegangen bin, und plötzlich meine ich, in einer in Nebel eingehüllten Welt aufzuwachen. Als mir klar wird, wo ich bin, löst sich der Nebel auf; und die schwere, unförmige Masse, die nachts lastete, als ich noch klein war, nimmt die Form einer schönen und grausamen Frau an, die einen Brautschleier über dem Gesicht trägt.


Barrie debütierte als Schriftsteller 1888 mit der Novelle Better Dead - "Besser Tot". Als man ihn später befragte, was er von seinem Erstling halte, soll er nur gesagt haben:

Wie der Titel.

Er konnte sich den Spott erlauben, denn innerhalb von wenigen Jahren hatte er es als Schriftsteller zu Ansehen und Ruhm gebracht. Er verkehrte mit Rudyard Kipling und Thomas Hardy, mit dem Erfolgsautor der Schatzinsel Robert Louis Stevenson und vielen mehr. Doch die intensivste und für sein Leben bedeutsamste Freundschaft entwickelte sich zu einer Schar kleiner Kinder, die er bei einem seiner regelmäßigen Spaziergänge mit Porthos, seinem Bernhardinerhund, in Kensingthon Gardens kennenlernte.
Es sind George, Jack und Peter Davies. Später kommen noch Michael und Nico hinzu, the lost boys, wie sie nach dem Tod ihrer Eltern genannt werden. Diese Jungen werden Barries Muse. "Hübsche Buben", schreibt er einmal

sind unter allen Umständen hübsch, und dieser hier sah stets entzückend aus, ob er nun auf dem Boden saß oder geziert dastand in seinem netten Samtanzug, den süßen Rücken dem Feuer zugewandt; und nun stellen Sie sich das Entsetzen und die Entrüstung seiner stolzen und liebenden Mutter vor .. Wenn man das Haus verlässt, trippelt der hübsche Bub höflich mit zur Tür und ... streckt dir seinen hübschen Mund für einen hübschen Kuss entgegen.

Mit den Davies-Boys, die er adoptiert, entwickelt er in unzähligen Gesprächen, in Rollen und Fantasiespielen die Peter Pan-Figur. Es ist ein Geben und Nehmen und Barries glücklichste Zeit. Wie Prometheus, der den Göttern das Feuer raubt, so stilisierte er sich im Nachhinein:

Ich schuf Peter Pan, indem ich euch fünf, meine geliebten Jungs, heftig gegeneinander rieb wie ein Wilder zwei Stöckchen, um eine Flamme zu erzeugen. Nicht anderes ist Peter Pan: Das Ergebnis dieses Funkens, den ich ihnen raubte.

Es war eine geniale Idee, seinen Helden nicht allein Peter zu nennen, sondern ihm auch noch den zusätzlichen Namen Pan zu geben. Pan erinnert an den antiken Satyr und Weidegott. Er war zu Barries Zeit im fin de siècle der Hausgott vieler Reformer, Künstler und Ästheten. Eine der führenden Jugendstil-Zeitschriften nannte sich nach ihm. Dichter, Musiker, Maler und Bildhauer schufen Werke in seinem Namen. Wir erinnern hier nur an Gabriele D‘Annunzio und Knut Hamsun oder an Debussys Nachmittag eines Fauns, in dem Pan auf seiner Flöte die kurze Ewigkeit eines Sommertags beschwört.
Auch von Maurice Hewlett, dem Schriftstellerfreund Barries aus Kensington Gardens existiert ein Theaterstück Pan an the Young Shephard, das mit den Worten beginnt, die auch von Barrie hätten stammen können:

boy, boy, wilt thou be a boy for ever - Junge, willst du denn immer nur eine Junge sein.

Nicht erwachsen werden wollen, ist einer alter Mythos. Prof. Dieter Lenzen, Pädagoge, Kulturwissenschaftler und Präsident der Freien Universität, Verfasser einer Studie über den Mythos Kindheit meint dazu:

Die Geschichte ist über tausend Jahre alt. Sie finden sie in etlichen Epen des Mittelalters des 12. Jahrhunderts. Etliche von den dort auftauchenden Rittern, den späteren Helden, nehmen diesen Weg als Kinder, d.h. sie werden geschildert als sehr kompetente, manchmal eben soldatisch perfektionierte junge Menschen, die deswegen einen gewissen Heilsweg durchlaufen .. weil sie eben diese Oszillation von dem frühreifen Kind und dem nie erwachsen werdenden Kind schaffen, die dann im übrigen häufig auch kein in Anführungsstrichen bürgerliches Leben eingehen, sondern wandernde sind, ewig Wandernde sind, und damit die Heilsgeschichte nachleben. Ich glaube, dass das religiöse Motive, häufig des männlichen Menschen, der auf das normale Leben verzichtet, .... dass diese Figur geradezu erzwingt, dass derjenige eben nicht nur nicht Erwachsener, sondern immer Kind ist.

1901 widmet Barrie den Davies Kindern eine Art Fotoroman Boy Castaway, in dem die lost boys mal als Knappe oder Räuber verkleidet ihre Späße treiben. In seinem nächsten Stück The little white bird taucht die Peter Pan-Figur zu ersten Mal auf, doch erst in dem darauf folgenden wird daraus die populäre Kultfigur.
Merkwürdigerweise fällt Barrie zu diesem Projekt kein zugkräftiger Titel ein. "A play" nennt er es anfangs aus purer Verlegenheit, dann "Peter and Wendy", dann "The great white Father". Er gibt das Skript einem Theater erfahrenen Freund zu lesen, der nur kopfschüttelnd meint:

Ich glaube Barrie hat den Verstand verloren. Das sollten Sie wissen, er wird es ihnen demnächst vorlesen, ich warne sie deshalb, ... er ist völlig übergeschnappt.

Schließlich bekommt Barries amerikanischer Impresario Charles Frohmann, der Buddha des Broadways, ein erfahrener Businessman in Showgeschäft, die Fassung zu Gesicht. Was ihm überhaupt nicht gefällt, ist der Titel. Statt The great white Father schlägt er vor, es griffig Peter Pan zu nennen, ein genialer Einfall wie sich bald herausstellen sollte.
Auch verlangt Frohmann, den Peter Pan mit einer Schauspielerin zu besetzen. Beides akzeptiert Barrie.

"Peter Pan, der Junge, der nicht erwachsen werden wollte", so der Untertitel, wurde am 27. Dezember 1904 im Duke of York‘s Theatre in London uraufgeführt und vom Publikum enthusiastisch aufgenommen. Der große Erfolg führte dazu, dass man es alljährlich im Dezember auf den Spielplan setzte. Barrie machte von dem Stück später auch eine Prosafassung, die heute zu den Klassikern unter den Kinderbüchern gehört.
40 Stücke hat Barrie hinterlassen, viele Romane, kleinere und größere Bücher und persönliche Aufzeichnungen darüber hinaus. Doch sein Name verschwand hinter seiner Figur.
1937 starb Sir James Barrie. Er vermachte, so Erhard Dahl:

Die Tantiemen für alle Theateraufführungen, Filme und Buchpublikationen, die auf seinem Peter Pan basieren, dem Londoner Kinderkrankenhaus Great Ormond Street. Als 1987 nach fünfzig Jahren das Urheberrecht auslief, gelang es Lord Callaghan of Cardiff das House of Lords davon zu überzeugen, das Urheberrecht abzuändern. So ist das Great Ormond Street Hospital auch weiterhin und zwar unbefristet, am Erfolg des Peter Pan beteiligt.

Als Barrie starb, lebten von den fünf Davies Boys nur noch drei. George war 1915 zweiundzwanzigjährig im 1. Weltkrieg in Flandern an der Front gefallen. Michael beging 1921 in Eton Selbstmord. Peter, Nico und Jack überlebten ihren Ziehvater. 1960 brachte sich auch Peter, ein erfolgreicher Verleger um.

Sterben ist immer ein großes Abenteuer

ruft Peter Pan fröhlich aus. Das Macabre dieses Satzes wurde Barrie erst viel später nach dem 1. Weltkrieg richtig bewusst. Da hätte er ihn am liebsten zurückgenommen.

Peter Pan rief unzählige Adaptionen hervor. Bereits 1924 hat Hollywood den Stoff aufgegriffen. Ein Welterfolg wurde Walt Disneys Trickfilmversion von 1953. Auch Steven Spielberg hat das Stück verfilmt.
Bezeichnungen wie "Nimmerland" und der von Barrie erfundene Name "Wendy" gehören heute zum allgemeinen Wortschatz - auch ist der Peter Pan-Kragen ein fester Begriff in der Modebranche.
Der Peter Pan-Mythos ist aber auch von großer kulturgeschichtlicher Bedeutung, mit dem sich die Soziologie, Psychoanalyse unter anderem auseinandergesetzt haben. Das Abdriften in eine fiktive Welt (man denke nur an die Affäre Michael Jackson!) und die Angst vor dem Erwachsenwerden machen Peter Pan, so Andrew Birkin in seiner berühmten Studie "The lost boys", zu einer typisch modernen, aber auch äußerst problematischen, ja "dunklen Figur", die in verschiedenen Verkleidungen und Abwandelungen allgegenwärtig ist".


Literatur: Der Roman von Rodrigo Fresán: Kensington Gardens ist im S. Fischer Verlag erschienen Preis: 24,90 Euro
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