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10.1.2005
Wenn's draußen friert und drinnen kalt ist
Geschichte der Wärmflasche
Von Peter Kaiser

Nach einem langen Winterspaziergang tut das Aufwärmen mit einer Wärmflasche gut. (Bild: AP)
Nach einem langen Winterspaziergang tut das Aufwärmen mit einer Wärmflasche gut. (Bild: AP)
Im Zeitalter der Zentralheizungen kennen wir es kaum noch, dass man nicht gegen die winterliche Kälte ankommt. Trotzdem hat man immer mal wieder kalte Füße und versucht, sie irgendwie aufzuwärmen. Manchmal hilft da noch die gute, alte Wärmflasche. Vor Zeiten war es der warme Ziegelstein, der in schlecht geheizten Wohnungen kalte Füße wärmen sollte.

Wo heute vielleicht jemand sagen würde, ihhh, es riecht ja so merkwürdig nach, es hat wirklich etwas Gummiartiges, wenn Gummi auch noch warm wird, wie heiße Autoreifen oder so.

Vor Leibesgrimmen, Colica vor Milz,
Gedärm oder Magen,
da mancher sich überspeiset hat,
bringt ihre Wärme guten Rat.


Der Begriff "kleiner Freund aus Gummi", den würde ich jetzt aber nicht für Wärmflasche benutzen.

Wenn sie auf den Bauch gelegt wird,
und wo der Blasen-Stein sich rührt,
hilft ihre Wärme trefflich wohl.


Und zurzeit keinen Freund habe, der mich wärmen kann, und deswegen benutze ich eine Wärmflasche (…) Damit das Bett warm wird.

Und an Hand und Füß das Zipperlein,
die warme Flasch auch lindert fein.


Ein Heiler, um 1750

Frau: Seelische Nähe weiß ich jetzt nicht, aber Körperwärme. Als Ersatz für Körperwärme. Das glaube ich schon.

Guntram Torkowski/Museum Schleswig: Es wird allgemein angenommen, dass das im 16. Jahrhundert auftauchte. Wo praktisch Flaschen zweckentfremdet worden sind im Winter als Wärmflasche.

Das heutige Standardmodell des großen Schlafzimmerschatzes besteht weitgehend aus PVC. Erhältlich ist die Wärmflasche in der Regel glatt oder als so genannte "Halblamelle". Macht man sich die Mühe, ihre Maße zu erfahren, so wird man - ohne Überzug - vom Fuß bis zum Kopf, sprich: Ausguss, exakt 32 cm in der Länge messen, und in der Breite 20,5 cm. Der Schatz ist also klein, oft wenig ansehnlich und selten gut riechend. Dennoch: unter der Bettdecke ist die Wirkung der Wärmflasche großartig.

Also mit kalten Füßen kann ich schlecht einschlafen, und dann brauche ich eine Wärmflasche. Wenn ich allein abends im Bett liegen sollte. Wenn ich nicht alleine im Bett liege, sondern ein Mann daneben ist, Männer sind ja immer ein bisschen wärmer und haben ja auch immer warme Füße…

Natürlich ist es immer schöner mit einer Frau. Aber manchmal ist die ja nicht zur Hand, und dann ist eben die Wärmflasche da.

…dann ist es natürlich ganz schön, wenn man da unten an den Füßen ein warmes Fußpaar hat, wo man sich so drankuscheln kann. Also da ist eine Wärmflasche natürlich nur ein schlechter Ersatz.

Ich habe auch angenehme Gefühle, alleine schon vom Geräusch her, das die macht, wenn man sie füllt. Wenn die so komisch blubbert, auch wie die sich anfässt. Ich habe sogar noch die alte Wärmflasche aus meiner Kindheit.

Das Bedürfnis, an kalten Tagen das Bett nicht nur als Ruhestätte von einem anstrengenden Tag zu benutzen, sondern als Ort zum Auftanken von Wärme, ist zutiefst menschlich und Jahrhunderte alt. Doch sich etwas vorher Angewärmtes mit unter die Decke zu nehmen: das hat einen anderen, wenn auch ebenso menschlichen Ursprung.
Guntram Torkowski ist Volkskundler im Volkskundemuseum in Schleswig.

Guntram Torkowski: Man ist sich da nicht ganz sicher, weil es keine Wärmflaschenforschung gibt, aber es wird allgemein angenommen, dass das im 16. Jahrhundert auftauchte. So um 1520 vielleicht. Man kennt zum Beispiel Wärmekugel oder den Wärmeapfel. Das sind so ungefähr 15 cm im Durchmesser messende Hohlkugeln, und die hat man ursprünglich tatsächlich im liturgischen Gebrauch gehabt. Und dann so ab dem 14. Jahrhundert hat man eben erkannt, dass das eben auch sehr praktisch ist für, ja, die Zwecke des Handwärmens. Hat sich also diese Kugel mit glühenden Kohlen, mit heißem Eisen gefüllt und in eine Ledertasche getan und konnte eben die Hände daran wärmen. Nicht nur in der Kirche, sondern auch zu anderen Zwecken.

Der Weg von der Hand zu den Füßen, zum Bauch, Rücken oder zur Brust war von da an nicht mehr weit. Denn was auf der Kanzel oder im Chor wärmte, konnte auch im Bett seinen Dienst tun. Und bestanden jene kirchlichen Wärmekugeln anfangs noch aus Buntmetall, Messing zum Beispiel, so wurden schnell andere Materialien verwendet.

Torkowski: Angefangen hat das Ganze wohl mit Zinnflaschen. So eben ab dem 16. Jahrhundert. Zinn ist ein sehr guter Wärmeleiter, ist auch gut zu bearbeiten, so dass man daraus sehr gut Flaschen herstellen konnte. Dann kam eine Zeit, wo sehr viel Kupfer verwendet worden ist, weil es nicht nur ebenfalls ein sehr guter Wärmeleiter, gut zu bearbeiten ist, sondern eben auch durchaus sehr repräsentativ aussieht. Und dann kommt die Zeit eigentlich, wo allerhand andere Metalle verwendet werden. Man kann sagen also Aluminium, Weißblech, bis in die heutige Zeit fast noch.

War noch die Wärmekugel mit glühenden Kohlen oder einem heißen Stück Eisen gefüllt, das sich langsam abkühlte, so veränderte sich die Kugel im Laufe der Zeit. Sie streckte sich, vielleicht wie der Schläfer, und nahm andere Formen an. Wie die einer Bettpfanne:

Torkowski: Man muss sich das so vorstellen, das sind große Pfannen mit Deckel, meistens aus Messing, oder auch aus Kupfer, aus Eisen, die hatten einen sehr, sehr langen Stiel, und da konnte man eben in diese Pfanne heißes Material einfüllen. Und dann hat man das zwischen Laken und Bettdecke gelegt, und im Bett hin- und herbewegt eine Zeitlang, um das Bett eben vorzuwärmen und auch die Feuchtigkeit zu vertreiben. Da hat man es raus genommen, wenn man schlafen wollte und an die Stubenwand gehängt, war auch ein Repräsentationsobjekt, weil es sehr schön aussah, aber das war so, um vorzuwärmen, weil die Schlafräume oft nicht beheizt waren.

Auch in puncto Wärme gab es die Standesunterschiede zwischen Arm zu Reich. Die Armen, die zwar auch froren, sich aber keine reich verzierte Bettpfanne leisten konnten, waren in ihrer Not allerdings erfinderisch.

Torkowski: Da hat man eben auf das zurückgegriffen, was ohnehin vorhanden war. Also zum Beispiel der heiße Ziegelstein, der dann eben an der Feuerstelle angewärmt wurde. Oder auch, wie gesagt, Steingutflaschen, die zweckentfremdet wurden. (…) Und diese Steinhägerflaschen, das ist ja eigentlich ein Korn, die hatten eine relativ dicke Wandstärke und waren von daher sehr praktisch, weil sie die Wärme lange gespeichert haben. Im Gegensatz zu den normalen Steingutflaschen, die etwas dünnere Wände hatten.

Als die ehemaligen Schnapsflaschen mit heißem Wasser gefüllt und dann immer flacher wurden, damit sie nicht aus dem Bett rollen konnten, war die charakteristische Wärmflaschenform fast geboren. Fast. Denn betrachtet man alte Wärmflaschen, wie etwa im Volkskundemuseum in Schleswig, so ist man verwundert über seltsam anatomisch geformte Wärmgeräte mit Ösen an den Seiten.

Torkowski: Ja, die haben also Körperformen gehabt. Man konnte sich an diese Ösen Riemen binden, und sich dann die heiße Wärmflasche, je nach Bedarf, an den Rücken, an die Nieren, oder vor den Bauch schnallen. Das gab es nicht nur als Flaschen, sondern auch als Wärmesteine. Und man sieht eben, dass eine Wärmflasche nicht nur im Gebrauch war, um Wärme zu erzeugen, sondern auch, um bestimmte Krankheitsbeschwerden zu lindern. Das war damals schon der Fall.

Dass die Wärmflasche ein wichtiges medizinisches Instrument ist, gilt heute ebenso wie damals. Seit die Gummiwärmflasche, die es seit etwa 120 Jahren gibt, für jedermann erhältlich ist, lindert sie größere oder kleinere Beschwerden.

Wenn mir der Nacken so wehtut, wenn er so verspannt ist, und mir da eine Wärmflasche reinzulegen, oder wenn mir der Rücken wehtut, meistens dann so. Eine Zeit lang habe ich es mal für den Bauch gehabt, wenn ich sie benutzt habe. Aber eher für den Rücken. Die Wärme tut auf jeden Fall gut, klar. Vor allem wenn ich so Rückenschmerzen im Taillenbereich habe, auf der Höhe. Da hilft nichts anderes, dann machst du irgendwelche Verrenkungen, um das zu entspannen, aber das bringt's natürlich nicht.

Als Ersatz gibt es ja diese Körnerkissen oder inzwischen auch diese Gelkissen. Und diese Körnerkissen sind eigentlich auch gut. Um die in den Nacken zu legen, sind die Körnerkissen fast besser, weil die sich besser anschmiegen um den Hals herum.

Na, die Alternative habe ich schon gesagt. Das sind nicht die Dinkelkissen oder Kirschkernkissen, sondern die zweibeinigen wärmenden Menschen, (…) die zweibeinigen Wärmflaschen kann man nicht sagen.(…) nein, so ein Kirschkernkissen oder ein Dinkelkissen finde ich, ist nicht so die richtige Alternative. Obwohl ich ja sonst so ne Öko-Tante bin, aber das irgendwie doch nicht. Ich glaube, das hat eher doch was mit Tradition zu tun, dass einem irgendwie doch das mit der Wärmflasche und heißes Wasser vertrauter ist.

Irgendwann kam das auf, meine Kinder, die wollten irgendwann eine andere Wärmflasche. Die fanden die irgendwie, weiß ich nicht, zu heiß oder zu nackt, jedenfalls kamen dann die Tiere. Die Wärmflaschen, die so ein Fell um haben oder Figuren darstellen, wir haben noch so einen Papageien hier hängen als Wärmflasche, und na gut, es war ja auch okay für die, aber ich brauchte die nicht.

Meine Mutter erzählt aus ihrer Kindheit, aus ihrer Jugend, von Steinen, ein großer Stein, der angewärmt wurde. Der mit in den Ofen, oder auf den Ofen gelegt wurde, und der dann mit ins Bett genommen wurde. So haben die das früher gemacht. Klar, Wärme ist eines der menschlichen Grundbedürfnisse. Also irgendwie Wärme zu beschaffen, den Winter zu überleben, das ist in unseren Breitengraden ein ganz existentielles Bedürfnis. Das ist ja auch ganz verständlich.

Torkowski: Ja, Wärme ist natürlich ein menschliches Grundbedürfnis, und wir haben heute oft vergessen, weil wir eben in Zeiten der Zentralheizung oder des Nachtspeicherofens leben, dass Wärme was ganz Kostbares ist und dass im Grunde Wärme früher nicht überall verfügbar gewesen ist. Also wenn man sich zum Beispiel das Bauernhaus vorstellt, also hier ein niederdeutsches Fachreihenhaus, dann kann man davon ausgehen, dass ein Raum geheizt war, und da hat man sich dann versammelt, um bestimmte Arbeiten durchzuführen. Aber die Diele zum Beispiel oder auch die Scheune, die waren natürlich nicht beheizt. Und da sind solche Wärmeutensilien ganz wichtig gewesen, wenn man Handarbeiten machen musste im Winter. Um sich eben ein Mindestmaß an Wärme auch zu sichern.

Die Wärmflasche ist ja auch so etwas, was man leicht mit dem Weicheitum assoziieren könnte, also Männer und Wärmflaschen, oh Gott, ja. Aber da stehe ich eigentlich lange schon drüber. Und ich habe halt andere Felder, wo ich mich beweisen kann als Mann. Da brauche ich also nicht die Wärmflasche zu leugnen. (…) Über diese Gedanken bin ich hinaus.

Wie man die Wärmflasche auch mag: als Standardmodell "Halblamelle" mit 1,5 oder zwei Litern Fassungsvermögen, in Herzform oder verpackt in einer Tierplüschfigur, mit und ohne Kräuertäschchen, an den Füßen, dem Bauch oder sonstwo: wenn es draußen friert und drinnen kalt ist, dann wird die Wärmflasche schnell zu einem multifunktionalen "Wohlfühlgegenstand".

Ja, das war ganz nett. Erst haben wir noch alle zusammengesessen. Wir kamen völlig verfroren rein, hatten so eine Wanderung gemacht, durch den Schnee, und da sind wir dann alle so da rein, brrrr, so am Bibbern, und es war total warm da drin, (…) da waren wir im Harz mit einer ganzen Truppe, haben eine Wanderung gemacht, eine Schneewanderung gemacht, kamen zurück in dieses anheimelnde Gasthaus, in dem wir da auch gewohnt haben. Der hatte oben Zimmer vermietet, und den Leuten, denen besonders kalt war, denen hat er dann eine Wärmflasche gemacht. Und die haben dann auf der Bank gesessen, die haben alle da um den großen Tisch herumgesessen, und die Leute, denen er eben eine Wärmflasche gemacht hat, die saßen auf der Wärmflasche oder die hatten ihre Füße auf der Wärmflasche oder so. Und dann hatten wir alle einen steifen Grog vor uns stehen, und das war total Klasse. Also das war so richtig urgemütlich.

Und manchmal ranken sich um den kleinen Schatz im Schlafzimmer auch sehr eigenartige Geschichten.

Ein Freund von mir zum Beispiel, der freut sich abends im Bett mit seiner Wärmflasche darüber, dass er jetzt nicht im Stau steht. Nee, wirklich. Der hört immer Radio abends. Der macht abends, das stimmt jetzt wirklich, der macht abends das Radio an und hört noch mal Nachrichten. Und nach den Nachrichten kommen immer die Staumeldungen. Und das hört er sich wirklich an, obwohl er damit ja gar nix zu tun hat. Einfach, weil er sich dann freuen kann, er liegt mit der Wärmflasche im Bett, und andere Leute stehen draußen im Auto im Stau.

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