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12.1.2005
"Lesen führt zu Schlaffheit!"
Eine bildungspolitische Debatte im 18. Jahrhundert
Von Ingo Kottkamp

Kann zu viel Lesen vielleicht doch schaden? (Bild: AP)
Kann zu viel Lesen vielleicht doch schaden? (Bild: AP)
Bildung wird heute hoch geschätzt - das zeigt das Entsetzen über die schlechten Ergebnisse deutscher Schüler in den Pisa-Studien. Alle fordern zum Beispiel, dass Schüler mehr lesen sollen. Diese Einstellung hat es nicht immer gegeben. Es gab sogar Zeiten, in denen das Lesen unter Verdacht stand - jedenfalls, wenn das einfache Volk etwas las. So gab es im 18. Jahrhundert eine Menge sentimentaler, reißerischer, obskurer und trivialer Schriften zu lesen. Und über das Lesen dieser Bücher und Zeitschriften entbrannte damals eine heftige "Lesesuchtdebatte".

Über das Lesen nicht nur im 18. Jahrhundert erfährt man viel in dem autobiographischen Roman Anton Reiser von Carl Philipp Moritz. Erzählt wird die oft triste Geschichte einer Jugend etwa zwischen 1760 und 1780. Das Leben des Anton Reiser ist beinahe von Anfang an ein Leben mit Büchern. Mit ihnen verbringt er seine glücklichsten Momente.

Sooft er unter diesen Bäumen ging, lenkten sich seine Gedanken auf erhabene Gegenstände, seine Schritte wurden langsamer, sein Haupt gesenkt und sein ganzes Wesen ernster und feierlicher - dann verlor er sich in dem naheliegenden niedrigen Gebüsch und setzte sich in den Schatten eines Gesträuchs, wo er denn beim Geräusch des nahen Wasserfalls sich entweder in angenehmen Phantasien wiegte oder las.

Lesen ist gut - das ist heute Konsens. Es bildet, es schult den Intellekt, es regt die Phantasie an - was immer das genau und im Einzelnen bedeuten soll. Kinder sollen nicht soviel vor dem Fernseher und Computer hocken, sondern lieber ein gutes Buch lesen.

Im 18. Jahrhundert, besonders in Der zweiten Hälfte, verbreitete sich die Kulturtechnik Lesen in einem bisher unbekannten Ausmaß. Lesen war nicht länger eine reine Gelehrtentätigkeit. Man las jetzt Taschenkalender, Musenalmanache, Moralische Wochenschriften und vor allem Romane: Schauerromane, Ritterromane, empfindsame Romane. War dieses Übermaß an Lesekost auch bekömmlich für die Jugend und für das weibliche Geschlecht? Gehörte das Buch, vormals Inventar der Klöster und Studierzimmer, wirklich in die guten Stuben der Bürger oder gar in die freie Natur? Die neue "Lesesucht" und "Lesewuth" wurde den Gelehrten verdächtig.

Versetzen wir uns in die Academie nützlicher Wissenschaften zu Erfurt. Am 2. Februar 1795 hält hier Johann Rudolph Gottlieb Beyer, Pfarrer an der Bonifaciuskirche zu Sömmerda im Erfurtischen; einen Vortrag...

...Ueber das Bücherlesen in so fern es zum Luxus unsrer Zeiten gehört.
Das Lesen als Unterhaltung und Zeitvertreib ist eines der verführerischsten Vergnügen, welches den, der es einmal gekostet hat, so sehr fesselt und anzieht, daß er sich nicht wieder losmachen kann. Tagelang sitzt der Leselustige auf einer Stelle und betrachtet jedes ernsthaftere Geschäft, daß ihn von seinem Buche abruft, als eine Störung in seinem Vergnügen, die er so lange zu entfernen sucht, als es möglich ist. Und reißt er sich ja einmal loß, um dringende Geschäfte zu verrichten: so thut er sie doch nicht mit Attachement, Lust und Ernst, sondern seine Gedanken sind immer abwesend, und nach halbgethaner Arbeit eilt er wie ein Heißhungriger wieder an seinen Lesetisch, um seine gespannte Neugier zu befriedigen, die jedoch nie gesättiget wird.


Beyer stand mit seinen Warnungen keineswegs allein. Es waren viele und auch viele ernstzunehmende Autoren, die sich an dieser Debatte beteiligten: zum Beispiel Joachim Heinrich Campe, der Verfasser einer deutschen Bearbeitung von Robinson Crusoe. Die vielen Schriften, in denen die Lese- und Lesesuchtdebatte geführt wurde, sind von der Forschung noch längst nicht aufgearbeitet. Wenn man wollte, konnte man sich damals wochenlang in einem der neu gegründeten Lesezirkel oder in einer Leihbibliothek mit diesem Thema beschäftigen: sei es in langen und durchaus anspruchsvollen Abhandlungen wie Johann Adam Bergks Die Kunst Bücher zu lesen, sei es in Predigtsammlungen, Kinderbüchern, Dramoletten, im Journal des Luxus und der Moden, in medizinischen Schriften, in den geschmähten Romanen selbst oder in so genannten Lebens-Regeln, den Vorläufern von Anstands- und Benimmbüchern.

Ob nun die bürgerliche Glückseligkeit und der häusliche Wohlstand dabey gewinnen, [...] wenn der Jüngling, der höhern Wissenschaften sich gewidmet hat, seine beste Zeit mit amüsanter Lektüre hinbringt, oder das Mädchen, statt in häuslichen Verrichtungen sich zu üben, und sich zu einer guten Hausmutter zuzubereiten, sich mit Romanen, Gedichten, Almanachs und Rittergeschichten unterhält [...]?

Zeitverschwendung ist ein klassisches Argument gegen das Lesen. Schon im 17. Jahrhundert kursierte der Vorwurf, unterhaltendes Lesen lenke von der Andacht ab. In Beyers Argument zeigen sich die veränderten Prioritäten der Zeit: jetzt sind es Studium, Arbeit und die Erfüllung der Geschlechterrolle, von der das Lesen abhält.
Die Kritiker waren nicht nur von der Zahl der Lesenden beunruhigt. Auch die Inhalte vieler Neuerscheinungen ließen sie eine verheerende Schwächung und Verzärtelung des Geistes argwöhnen.

Die meisten Schriften, welche zur Modelektüre gehören, geben der Sinnlichkeit, der Weichlichkeit, der falschen Empfindsamkeit, und den thierischen Trieben eine so reichliche Nahrung, daß es gar nicht zu verwundern ist, wenn unsre Jünglinge und Mädchen, Herren und Dames so tändelnde, empfindelnde, weichliche, wollüstige und sinnliche Geschöpfe sind, welche zu Romanhelden, Liebesrittern, Theaterprinzessinnen und galanten Konversationen besser zu gebrauchen sind, als zu ernsthaften Geschäften und solchen Verrichtungen, welche Energie, Stätigkeit, Geduld, Anstrengung und Ausharrung erfordern.
Der Leser oder die Leserin füllt ihre Seele nur mit einer Menge überspannter, schwärmerischer und romanhafter Ideen, träumt sich eine Welt, nicht wie sie ist, sondern wie sie seyn sollte, beurtheilt die Menschen nicht nach der wirklichen Geschichte der Menschheit, sondern nach den erdichteten Erzählungen der Romanwelt.


"Laß das Büchlein deinen Freund sein, wenn du aus Geschick oder eigner Schuld keinen nähern finden kannst." - An diese Worte dachte Reiser, sooft er den Werther aus der Tasche zog - er glaubte sie auf sich vorzüglich passend. - Denn bei ihm war es, wie er glaubte, teils Geschick, teils eigne Schuld, daß er so verlassen in der Welt war; und so wie mit diesem Buche konnte er sich doch auch selbst mit seinem Freunde nicht unterhalten.

Was war zu tun gegen diese Seuche? Die Lesekritiker empfahlen Diät, Auswahl und Zensur. Es erschienen Schriften wie Vom Lesen der Romane und Einleitung und Entwurf zu einer Damenbibliothek. Darin wurde ein Kanon für lesende Frauen aufgestellt. Schließlich machten "Frauenzimmer" einen so großen Teil des damaligen Publikums aus, dass manche Romanautoren sich auf sie spezialisierten und zu 'Damenautoren' wurden. Das zweite Sorgenkind der Lesepädagogen war die Jugend. Deswegen erfuhr die Kinder- und Jugendliteratur in dieser Zeit eine neue Blüte. Sie ist ein Erbe der Lesedebatte, und einer ihrer wichtigsten Autoren war der besagte Joachim Heinrich Campe. Zensur wurde von Staats wegen ausgeübt - zur Zeit der Französischen Revolution oft mit politischem Hintergrund. Und natürlich sollte man maßvoll lesen. Nicht so wie Anton Reiser, der sich während eines besonders verzweifelten Abschnittes seiner Schulzeit ganz der Lesesucht hingibt.

Er ging zu einem Antiquarius und holte sich einen Roman, eine Komödie nach der anderen und fing nun mit einer Art von Wut an zu lesen. - Alles Geld, was er sich vom Munde absparen konnte, wandte er an, um Bücher zum Lesen dafür zu leihen; und da nach einiger Zeit der Antiquarius ihn kennen lernte und ihm ohne jedesmalige Bezahlung Bücher zum Lesen liehe, so hatte sich Reiser, ehe er es merkte, tief in Schulden hineingelesen. Das Lesen war ihm nun einmal so zum Bedürfnis geworden, wie es den Morgenländern das Opium sein mag, wodurch sie ihre Sinne in eine angenehme Betäubung bringen.

Angesichts der Hysterie der Debatte könnte man meinen, ganz Deutschland hätte damals über Büchern gehockt. Das ist nicht der Fall. Die Bücher und Zeitschriften waren teuer, und gerade im ländlichen Raum war die Alphabetisierung noch immer gering. Es ist sehr schwierig, den Anteil der Lesenden an der Bevölkerung zu bestimmen - das ist es übrigens heute noch. Vielleicht zehn, vielleicht auch nur zwei Prozent der damaligen Bevölkerung haben wirklich regelmäßig Bücher gelesen. Trotzdem: ihre Zahl war in wenigen Jahrzehnten stark angestiegen. Vielleicht erklären sich so einige besonders groteske Auswüchse der Lesedebatte.

Die erzwungene Lage und der Mangel aller körperlichen Bewegung beym Lesen, in Verbindung mit der so gewaltsamen Abwechslung von Vorstellungen und Empfindungen führt zu Schlaffheit, Verschleimung, Blähungen und Verstopfungen in den Eingeweiden, mit einem Worte Hypochondrie, die bekanntermaßen bey beyden, namentlich bey dem weiblichen Geschlecht, recht eigentlich auf die Geschlechtsteile wirkt, Stockungen und Verderbniß im Blute, reitzende Schärfung und Abspannung im Nervensysteme, Siechheit und Weichlichkeit im ganzen Körper.

War die Lesedebatte also eine Kuriosität des 18. Jahrhunderts? Ein bizarres Zwischenspiel aus einer versunkenen Zeit? So einfach kann man darüber nicht hinweggehen. Viele Einrichtungen, die uns heute selbstverständlich geworden sind, entstanden im 18. Jahrhundert. Die Kinder- und Jugendliteratur ist dafür nur eines von vielen Beispielen.

Denn es gibt auch heute noch eine Lesedebatte. Wenn man das Wort Lesen durch Fernsehgucken oder Internetsurfen ersetzt - und letzteres ist zum größten Teil ja auch Lesen - dann tauchen die alten Argumente wieder auf. Die Diagnose ist ganz ähnlich: Zeitverschwendung und Verlust des Realitätssinns. Auch die Therapie ist geblieben: Diät, Auswahl, Zensur. Die Parallelen gehen bis in die Diskussion, ob Fiktionen zur Nachahmung reizen. Heute wird gefragt, ob Gewaltdarstellungen Jugendliche zu eigenen Gewalttaten verleiten. Im 18. Jahrhundert ahmten eine ganze Reihe von Lesern der Leiden des jungen Werthers ihr Vorbild mit stilvollen Selbstmorden nach.
Hatten die Lesekritiker vielleicht doch recht? Hat die Lektüre manchen Kopf ziemlich durcheinander gebracht?

Vorzüglich lagerten Reiser und sein Freund sich am Abhang des Steigerwalds mit Blick in das anmutsvolle Tal. Hier saßen sie oft stundenlang und lasen sich aus irgendeinem Dichter wechselweise vor; welches die meiste Zeit eine wahre Mühe und Arbeit und ein peinlicher Zustand für sie war, den sie sich aber einander nicht gestanden.
Wenn man erwägt, wie viele kleine Umstände sich ereignen müssen, um das Stillsitzen und Lesen unter freiem Himmel angenehm zu machen, so kann man sich denken, mit wie viel kleinen Unannehmlichkeiten Reiser und sein Freund bei diesen empfindsamen Szenen kämpfen mußten: wie oft der Boden feucht war, die Ameisen an die Beine krochen, der Wind das Blatt verschlug usw.


Lesen ist gut - nicht unbedingt. Als vor zweieinhalb Jahrhunderten das Lesen zum Massenphänomen wurde, mussten die Gelehrten enttäuscht feststellen, dass Aufklärung und Beförderung der Sitten nicht die einzigen Motive des Lesens sind. Seitdem hinken sie den Phänomenen hinterher. Über die Lesesucht konnte man Bücher lesen, im Fernsehen wird über die Gefahren des Fernsehens diskutiert, und die Suchmaschine im Internet liefert Hunderte von Ergebnissen, wenn man das Stichwort 'Internetsucht' eingibt. Die Argumente gegen das Lesen sind nicht tot. Wie viel von ihnen reaktionäres Vorurteil und wie viel richtige Beobachtungen sind, ist nach wie vor schwer zu entscheiden.
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