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14.1.2005
Weg zum Seppuku
Leben und Tod des japanischen Schriftstellers Yukio Mishima
Von Walter van Rossum

Japanischer Tempel (Bild: AP)
Japanischer Tempel (Bild: AP)
Am 14. Januar 1925 wurde Kimitake Hiraoka in Tokio geboren. Später nannte er sich Yukio Mishima und wurde einer der berühmtesten Schriftsteller Japans. Von Anfang an verstand Mishima sein Leben als Teil seines Werkes. In äußerster Konsequenz dieses Prozesses setzte er seinem Leben am 25. November 1970 öffentlich durch einen rituellen Selbstmord, durch Seppuku - der in Europa geläufiger als Harakiri bezeichnet wird - ein Ende.

In der japanischen Kultur und bei den Japanern finden sich zwei gegensätzliche Wesenszüge: Formempfinden und Roheit. Mitunter sind sie aufs Engste miteinander verknüpft. Unsere Brutalität rührt aus dem Bauch. Sie ist niemals mechanisch oder organisiert wie bei den Nazis. Unser Formempfinden hat mit unseren Sinnen zu tun. Manchmal sind wir berauscht von unserem ästhetischen Empfinden. Und dann brauchen wir wieder die plötzliche Explosion, einen Ausbruch, um uns davon zu befreien.

Mishima entstammte einem wohl situierten, tief traditionellen Elternhaus. Als Schriftsteller entfernte sich Mishima zunächst von dieser Tradition, um sich später als eine Art postmoderner Samurai an ihre Spitze zu setzen.

1949 erschien sein unverkennbar autobiographischer Roman "Geständnis einer Maske", der ihn sofort außerordentlich bekannt machte. Da war Yukio Mishima erst 24 Jahre alt. Mit diesem Buch revolutionierte er die japanische Literatur, indem er Formen der modernen europäischen Literatur in seine Prosa einarbeitete. Das mag auch mit der Ungeheuerlichkeit seines Geständnisses zu tun haben: Er bekannte sich zu homoerotischen Empfindungen. Dazu die Japanologin Ruth Leenhardt:

Er war sicher der erste, der in "Geständnis einer Maske" ein derartig provokatives und ehrliches Geständnis von solchen dunklen und gesellschaftlich nicht akzeptierten Seiten abgelegt hat. Das war also 1949 und da war das sicher neu.

Mit dem "Geständnis einer Maske" begann auch Mishimas lebenslanges und am Ende tödliches Spiel mit der Maske: das halb erlittene und halb manisch inszenierte Paradox von Maskierung und Entblößung, von Kontrolle und Rausch.

Der Schriftsteller verbringt mit großer Disziplin täglich fünf Stunden am Schreibtisch. So entstehen etwa 50 Werke: bedeutende Romane wie "Der Tempelbrand", Erzählungen, Theaterstücke, Tagebücher, Drehbücher, Essays und Pamphlete. Daneben gibt es den verheirateten Vater zweier Kinder. In der Außenwelt jedoch erscheint Mishima als ein sorgfältig inszenierter Dandy, Salonlöwe, Weltmann, der den großen Auftritt liebt.

In seinen Büchern erkundet Mishima das japanische Leiden an der Moderne. Nachdem Japan im 2. Weltkrieg einige Jahre den pazifischen Raum mit seiner Militärmacht grausam beherrscht hatte, wurde es erst 1945 durch die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki zur Kapitulation gezwungen. Dem japanischen Kaiser, der Tenno, wurde von den Siegermächten auferlegt, seiner Gottähnlichkeit zu entsagen und das Land zu demokratisieren. Aufgrund dieser Umstände konnte Japan dann seinen legendären Modernisierungskurs einschlagen. In diesem historischen Prozess kann der Schriftsteller Mishima nur die Entzauberung, die Verflachung, den Materialismus der Moderne entdecken. Europäischer Vorbilder eingedenk flieht er in die Beschwörung der Tradition.

Wir hatten eine lange Samurai-Tradition, in der die Samurai im Bewusstsein ihres Status lebten und Geld verachteten.

Nach dem Krieg lag unsere grausame Seite ganz verborgen. Dennoch ist dieser Wesenszug nach wie vor vorhanden. Wenn auch nur versteckt. Ich mag nicht, wenn die japanische Kultur nur als hübsch friedliches Ikebana dargestellt wird. Wir haben nach wie vor einen sehr ausgeprägten Kampfgeist.

Doch Mishima begnügt sich nicht mit der heiligen Rhetorik des Sinnstifters. Er beginnt, sie am eigenen Leib zu exekutieren. Und er sucht immer neue Bühnen, um seine Existenz als Zeichen aufzuführen.
Ruth Leenhardt unterrichtete in den 60er Jahren als Lektorin in Japan und hat miterlebt, wie sich Mishima in immer neuen Posen darstellte:

Leenhardt: Diese exhibitionistischen Photos - das war dann in der zweiten Hälfte der 60er Jahre. Unter diesen exhibitionistischen Photos, da ist auch eines dabei, wo er sozusagen als Heiliger Sebastian sich abbilden lässt.

Ein bemerkenswert schöner Jüngling war nackt an einen Baumstamm gebunden. (...) Und um seine Nacktheit zu verbergen war um seine Lenden ein grobleinenes weißes Tuch geknüpft. Wären da nicht die Pfeile, die bis zum Schaft in seiner linken Achselhöhle und in seiner rechten Seite steckten, man würde ihn eher für einen römischen Athleten halten, der sich müde ausruht. Die Pfeile hatten sich in das entspannte und junge Fleisch gebohrt und versehrten den Leib von Innen her mit den Qualen der äußersten Agonie und Ekstase.

Leenhardt: Also dieses Bild des Schmerzes hat bei ihm sehr, sehr stark mit Sexualität zu tun. Das war eben aus der europäischen Kultur der Märtyrer, der an den Baum gebunden ist und umgebracht wird, der nackte Männerkörper mit den Pfeilen. In der japanischen Kultur war es eben der Krieger in voller Manneskraft, der sich den Bauch aufschlitzt. Das sind also zwei verschiedene Bilder aus zwei verschiedenen Kulturen, die ihn sehr stark betroffen und berührt haben.

Der nicht einmal 1,60m große Poet trainierte seinen Körper, damit - wie er sagte - "er wert sei zu sterben". Mishima trat jetzt in Gangsterfilmen in der Rolle des Macho auf. In der Verfilmung seiner Erzählung "Patriotismus" spielte er einen Offizier, der zusammen mit seiner Frau Harakiri verübt.

Ich wollte etwas vom Kampfgeist der Samurai wieder beleben, nicht das Harakiri selbst. Mit dieser starken Vision des Harakiri wollte ich junge Menschen wieder inspirieren und anregen, damit sie sich auf den traditionellen Ehrbegriff besinnen und ihn wieder auferstehen lassen: einen Sinn für Verantwortung und ehrenvollen Tod.

Gegen das, was Gottfried Benn die "progressive Cerebration", die fortschreitende Hirnbildung nannte, also gegen die Ernüchterung der instrumentellen Vernunft, setzte Mishima mehr und mehr auf den Rausch der Tat, auf die Ekstase sinnlichen Sinns:

Der Strom des Körpers floss natürlich in den Strom der Tat. Das war unvermeidlich. Bei einem Frauenkörper wäre das nicht der Fall gewesen. Der männliche Körper mit seiner inhärenten Natur und seinen Funktionen zwingt den Mann zum Strom der Tat - dem gefährlichsten Fluss im Dschungel. Dieser Strom fordert den Strom des Schreibens heraus. Ich habe häufig die leichthin gemachte Devise gehört: Feder und Schwert vereinen sich zu einem einzigen Pfad. Doch in Wahrheit können sie sich nur im Augenblick des Todes vereinen. Der Strom der Tat gibt mir die Träume, das Blut, den Schweiß, die ich im Strom des Schreibens einfach nicht finden kann. In diesem neuen Fluss habe ich Begegnungen von Seele zu Seele, ohne mich um Worte kümmern zu müssen. Er ist auch der zerstörerischste aller Ströme. Und ich kann sehr gut verstehen, warum nur sehr wenige Menschen seine Nähe suchen. Dieser Strom kennt keine Großzügigkeit, kennt keine Gnade. Er bringt weder Wohlstand noch Frieden, er gewährt keine Rast. Ich möchte nur eines sagen: Als Mann geboren und als Mann lebend kann ich der Versuchung nicht widerstehen, diesem Strom zu folgen.

Das bliebe nur unerträgliche und abgestandene fundamentalistische Beschwörung des blutigen Ernstes, suchte Mishima - etlicher abendländischer Vorbilder eingedenk - nicht nach einer heroischen Realisierung. Mitte der 60er Jahre gründete er eine Art parafaschistische Gruppe mit Operettenuniformen, die sich zum Ziel setzte, den Tenno - auch gegen seinen Willen - wieder in den Rang der Götter zu erheben und sich auf die Regeln des versunkenen Feudalreiches zu besinnen. Der Wille zum Gehorsam machte ihn ungehorsam. "Zu einer Ethik der Tat" hieß ein großer programmatischer Essay aus dem Jahre 1967.
Es wird Zeit für den letzten Akt:

In der Nacht zum 25. November 1970 schließt Yukio Mishima das Manuskript seines letzten Romans ab. Morgens zieht er die Uniform seiner Schildwachen-Truppe an. Zusammen mit einigen Gefährten begibt er sich zum Gebäude des Oberkommandos der japanischen Streitkräfte. Unter einem Vorwand verschafft er sich Einlass.

Der Japanologe Peter Pantzer erinnert sich an den Ablauf der Ereignisse:

Ich bin an diesem Tag zuhause gewesen, (...) als kurz vor Mittag im Fernsehen die Nachricht eintraf, dass Mishima in einer Kaserne einen General festgenommen hätte und vor Soldaten eine Ansprache hält.

Dann stößt sich Mishima seinen kostbaren Dolch in den Unterleib. Bevor er stirbt, trennt Mishimas Geliebter ihm den Kopf vom Rumpf. Danach bringt sich auch sein Gefährte um.

Harakiri ist eine sehr stolze und angesehene Art zu sterben. Sie hat nichts mit der abendländischen Vorstellung von Selbstmord zu tun, nach der man scheitert. Hingegen bedeutet Harakiri in manchen Fällen auch zu siegen.

Pantzer: Ich bin an diesem Tag (...) nicht mehr weggegangen. Ich musste am nächsten Tag dann in die Stadt fahren und hatte den Eindruck, dass alle alle tief betroffen gewesen waren in irgendeiner Weise. Und zwar in einer Weise, die man nicht ausdrücken konnte. Dass in den U-Bahnen, in den Straßenbahnen, auf der Straße kaum gesprochen wurde. Dass alle Worte, die man wechselte geradezu geflüstert wurden. Es lag eine gedrückte Stimmung über dieser Stadt. Drei Tage lang.
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