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17.1.2005
"Solo Sunny"
Regisseur Konrad Wolf und sein letzter Film
Von Thomas Klug

Bei den Westberliner Filmfestspielen gab es den Golden Bären für die Hauptdarstellerin und den Kritikerpreis für die Gesamtleistung, das Kino "International" war 19 Wochen lang ausverkauft - das kannte man bis dahin nicht. In kurzer Zeit hatte der Film eine Million Zuschauer - in einem Land von nur knapp 17 Millionen Einwohnern. Regisseur des Films war Konrad Wolf, genannt Konny. Am 17. Januar 1980 war die Uraufführung von "Solo Sunny" im Ostberliner Kino International.

Sie sind für mich unglaubwürdig, auch wenn Sie die Wahrheit über den Krieg sagen, wenn Sie unsere Sorgen, unsere Konflikte nicht genauso überzeugend gestalten.

Der Brief eines jungen Mannes, den Konrad Wolf erhielt und den er 1977 auf einem Filmkongress verlas:

Können Sie es nicht oder dürfen Sie es nicht?

Vielleicht war dieser Brief der Auslöser für Konrad Wolf, sich genau jenen Stoff für seinen letzten Spielfilm auszusuchen, der so gar nicht typisch für ihn erscheint:

Filmausschnitt Solo Sunny: Man müsste eine ganz andere Musik machen, Jazz müsste man spielen. Genau. Jazz und ein bisschen Revolution machen.

Kohlhaase: Mit Wolf war es so: …er lebte in Berlin, seitdem er wieder in Deutschland war. Aber es war nicht die Stadt seiner Kindheit und seiner Jugend, nicht in der Weise, wie es auf mich zutraf. Und so hatte der Stoff eine gewisse Exotik für ihn. Nun war es aber so mit ihm - das ist sowohl eine Dimension seines Gewissens wie auch seines Talents oder seines Talents. Oder kein Gewissen ohne Talent oder wie man will: Er ging nicht vor die Tür, um nur die Dinge zu sehen, die man vorher schon wusste, also um Belege für seine vorgefertigten Ansichten zu finden, sondern er ging eigentlich herum, um etwas zu entdecken. Und stellte dann auch das, was er vorher darüber gedacht hatte, sofort in Frage.

Filmausschnitt: Meine Damen und Herren, ich begrüße Sie in diesen doch sehr hübschen Haus. Meine Damen und Herren: Kunterbund und immer rund - unter diesem Motto darf ich Ihnen ein kleines Programm von ausgewogener Qualität ansagen. Apropos Qualität: sagt doch neulich ein Bekannter von mir, Schuhe aus der eigenen Produktion lassen sich nicht tragen. Ich sage, was soll denn das, mein Freund, prima lassen die sich tragen, in der Hand, wenn sie gut verpackt sind.

Das Unterhaltungsprogramm ist mehr Imitat, denn große Show. Die Bühne ist mehr Verschlag als Ort der Illusionen. Und der Moderator des Tingeltangels ist von den eigenen Sprüchen gelangweilt.

Filmausschnitt: Sie müssen nicht denken, dass es von selber pfeift. Da haben wir einen besonders qualifizierten Mitarbeiter.

Ein Wanderzirkus ohne Attraktion auf Tournee durch die Republik - immer fünf Tage die Woche.

Filmausschnitt: Ich teste mal eine Pointe: Wie findet Ihr "Kuhbusenmasseur"? Was soll denn das sein? Ausdruck für einen Melker, auf ein ländliches Publikum zielend.

Zwei Tage der andere Alltag in Berlin, der nicht einmal versucht, eine bunte Abwechslung zu sein. Hinterhöfe ohne Romantik. Nachbarn ohne Diskretion. Müll und Langeweile, aber auch Phantasie und Sehnsüchte. Wenige DEFA-Filme haben die DDR so gezeigt.

Filmausschnitt: Ist ohne Frühstück.
Was soll den das? Deinetwegen bin ich extra nicht arbeiten gegangen.
Ist auch ohne Diskussion.
Das finde ich aber auch ausgesprochen unfreundlich. Weshalb hast du mich dann mitgenommen. Wo ist denn das Klo?
Halbe Treppe tiefer, da ist der Schlüssel.


Anecken nicht als Lebensprinzip, aber als bewusstes Akzeptieren als Folge der eigenen Geradlinigkeit. Solo Sunny ist die Geschichte einer Sängerin, die sich gängigen Kompromissen verweigert, die sich ihren Stolz bewahren möchte, weil sie sonst nicht viel hat, was anderen auf die Schnelle als wichtig erscheint. Diese Ingrid Sommer, genannt Sunny, will einfach nur sie selbst sein, egal ob ein Verehrer sie bedrängt oder die Staatsmacht sie belehrt:

Filmausschnitt: Fräulein Sommer, laute Musik, Männerbekanntschaften, Tauben im Schrank.
Wer erzählt denn so einen Quatsch, Frau Pfeiffer etwa?
Es gibt Beschwerden, denen wir nachgehen müssen.


Der Film "Solo Sunny" ist ein kritischer, intensiver, fast illusionsloser Blick auf die vielfältige Begrenztheit jener Republik, die sich deutsche und demokratische nannte. Vielmehr aber ist es ein Blick auf Menschen, die voller Unbehagen stecken, aber auch Lust haben auf ein eigenes Leben, das nicht Kopie sein soll, nicht verwechselbar. Kein leichtes Unterfangen in Gesellschaften, in denen die Obrigkeit gern vereinnahmend von "unseren Menschen" spricht.

Filmausschnitt: Wollen Sie sich dazu äußern?
Nein, dazu will ich mich nicht äußern.


Ein Blick auf Konrad Wolf ist immer auch ein Blick auf die Familie. Mehr vielleicht, als bei anderen Familien. Da ist Friedrich Wolf, der Arzt, Kommunist und erfolgreiche Dramatiker, als dessen Sohn Konrad Wolf 1925 im schwäbischen Hechingen geboren wird. Und da ist Markus Wolf, der knapp drei Jahre ältere Bruder, der langjährige Leiter des DDR-Auslandsgeheimdienstes.

Wolf: In unserer Sicht auf die Welt, auch dann in der zunehmend kritischen Sicht auf das, was in unserem Land, in der DDR, sich abspielte, waren wir sicher sehr, sehr ähnlich.

Wolfgang Kohlhaase, der Drehbuchautor und Co-Regisseur von "Solo Sunny" hat insgesamt vier Filme mit Konrad Wolf gedreht:

Kohlhaase: Die Wolfs, wie ich das sehe, hatten einen bestimmten, engen, familiären Zusammenhang….Das ist sicherlich auch durch die Emigration entstanden und durch den Krieg. Die haben ja in Moskau in der Emigration weder im Luxus, noch ohne Gefahr gelebt.

Die Zeit der Emigration beginnt 1933. Zunächst in die Schweiz und nach Frankreich. Im darauf folgenden Jahr schließlich nach Moskau. Konrad Wolf war neun Jahre alt, als er das erste Mal auf dem Roten Platz stand. Erst elf Jahre später wird er wieder deutschen Boden betreten - als sowjetischer Staatsbürger und in der Uniform der Roten Armee. Die Jahre in Moskau waren seine Kindheit und Jugend. Sie haben ihn geprägt - auch hinsichtlich seines späteren Berufes. Markus Wolf erinnert sich:

Wolf: Wir beide natürlich in Moskau sehr eifrige Filmgänger, aber er hat mich sicher noch übertroffen in der Anzahl der besuchten Vorstellungen z.B. von dem Tschapajew-Film. Dann gab es sicher eher zufällig seinen frühen Auftritt in dem Film "Die Kämpfer".

Das war ein filmisches Lehrstück von Gustav von Wangenheim, gedreht mit Emigranten. Der zehnjährige Konrad Wolf spielte an der Seite von Alexander Granach, Lotte Loebinger, Robert Trösch, und Ernst Busch. Vielleicht fiel da schon die Entscheidung von Konrad Wolf, sein Leben dem Film zu widmen, dann aber hinter der Kamera:

Wolf: Von ihm gibt es eine Zeichnung, auf der er zu sehen ist, hinter einer Filmkamera stehend, also wie sie damals waren, mit einer Kurbel, so wie er das dachte. Und seinem dazu aufmontierten Foto als Jugendlicher, als Kind. Er hatte ja noch keinen Schulabschluss. Den musste er noch, als er aus der Armee entlassen war, der Sowjetarmee entlassen war, nachholen. Das hat er dann getan, hat den russischen Schulabschluss nachgeholt im Abendstudium und hat sich dann beworben an der Filmhochschule in Moskau, wie er dann sagte, ohne große Hoffnung, angenommen zu werden. Aber als Teilnehmer des Krieges wurde er dann an die Filmhochschule aufgenommen und hat seinen ganz frühen Berufswunsch erfüllen können.

Der Krieg begann für Konrad Wolf im Dezember 1942 mit der Einberufung in die Rote Armee. Als neunzehnjähriger war er an den Kämpfen um Berlin beteiligt. Ein knappes Vierteljahrhundert später dreht er darüber einen Film "Ich war 19", jenem seiner Filme, der am stärksten mit seiner Biographie verwoben ist. Das war 1968. Nach dem Kriegsende hatte er abgewogen zwischen dem Zurückgehen nach Moskau und dem Bleiben in Berlin. Die Entscheidung für Berlin war keine leichte. Die Sowjetunion blieb für ihn die Zeit der Kindheit und Jugend, einer Zeit, die keinen völlig loslassen kann. Eine innere Zerrissenheit bahnte sich an. Markus Wolf:

Wolf: Wir fühlten uns ja auch schon sehr stark als Sowjetbürger, den Sowjetbürgern zugehörig. Wir fühlten uns auf der anderen Seite mit Deutschland als antifaschistischem Deutschland, wie wir uns das vorgestellt hatten, wieder verbunden, wollten unseren Beitrag dazu leisten.

Die DDR selbst machte es Konrad Wolf nicht immer leicht. Im Jahr 1957 wurde sein Film - "Sonnensucher" verboten.

Wolf: Der Film griff dieses heiße Thema der Arbeit in der Wismut, also im Uranbergbau auf. Sicher auch ein Grund, weshalb er erst nach 18 Jahren aufgeführt werden konnte.

Da aber waren die Themen der Zeit schon andere Konrad Wolf resignierte nicht. Nicht von außen erkennbar. Er blieb Mitglied der SED, er wurde Präsident der Akademie der Künste der DDR.

Wolf-Rede: Vor fast zehn Jahren gab das VI. Plenum des Zentralkomitees Analysen und Ausblicke, die für die Entwicklung der Künste in unserer Gesellschaft nach wie vor bedeutsam sind.

Seine öffentlichen Reden, wie diese von 1981 auf dem 10. SED-Parteitag, lassen nichts von seiner Zerrissenheit, von seinen Zweifeln ahnen. Der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase:

Kohlhaase: Dissidenz war ja aus vielerlei Gründen jenseits jeder Erwägung. Er hat versucht, Simplifikation zu bekämpfen, Vermittlung herzustellen. Das war nicht nur eine sehr unbequeme, sondern manchmal auch nicht sehr aussichtsreiche Geschichte. Man stand in einer Art Spagat und nicht sehr elegant da in solchen Fällen.

Nach der Ablösung von Walter Ulbricht durch Erich Honecker gab es neue Hoffnungen in der DDR. Eine kurze Tauwetterphase hatte begonnen. Doch dann wurde alles anders. Der Liedermacher Wolf Biermann wurde während einer Tournee durch die Bundesrepublik vom Politbüro ausgebürgert. Es war ein Paukenschlag. Führende Künstler und Intellektuelle protestierten. Es war das Jahr 1976. Der Präsident der Akademie der Künste der DDR hieß Konrad Wolf.

Wolf: Während dieser bekannten Biermann-Affäre, der Ausbürgerung Wolf Biermanns, gab es auf ihn schon einen erheblichen Druck, sich gegen diese Erklärung zu wenden, die ja andere, ihm sehr nahe stehende Intellektuelle abgegeben hatten, als Präsident der Akademie der Künste auszudrücken. Und das, was er dann nach ein paar Tagen des Nachdenkens abringen lies, entsprach sicher nicht ganz seinen Vorstellungen.

Der selbst aus einem Land Vertriebene fand nicht die richtigen Worte als ein anderer vertrieben wurde, diesmal aus einem Land, das er als das seine verstand. Vielleicht war er deshalb vorsichtig. Konrad Wolfs Filme waren anders. Weniger unglückliche Rücksichtnahme. Weniger Kompromisse. Die eigene Zerrissenheit jedoch konnte Konrad Wolf nicht überwinden.

Wolf: Ich habe ihn ja nun in den letzten Tagen vor seinem Tod erlebt. Da waren seine Gedanken in Moskau. Er war ja schon etwas verwirrt durch die Medikamente und alles, was er bekam. Und er sagte mir: Ich lebe jetzt in der Metrostation im Zentrum von Moskau, Platz der Revolution. - Die Station ist auf drei Etagen, das muss man dazu wissen - so fühle ich mich jetzt. Ich weiß jetzt nicht mehr genau in der Jugend da, bin ich mit meinem Träumen dort, bin ich in Deutschland, du musst mir helfen, wo ich jetzt bin. Und das sagte er mir russisch.

Aber er, der Zerrissene konnte eines, er konnte Menschen vereinen, noch im Tode, wie sich Wolfgang Kohlhaase erinnert:

Kohlhaase: Wenn ich an diesen traurigen Tag denke, wo er ja doch sehr früh verstorben ist, dann muss ich sagen, betrauert haben ihn Leute in der DDR, die miteinander nicht gesprochen haben. Er war eine Figur darüber, jemand der Leute verbinden konnte, die sich nicht sehr verbunden fühlten.

1982, noch nicht einmal 58 Jahre alt, starb Konrad Wolf in Berlin. Im Jahr 2000 wollte ein brandenburgischer Kulturminister der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg den Namen Konrad Wolf streichen. Er zog sich selbst den Spott eher konservativer Zeitungen zu. Die Babelsberger Hochschule heißt noch immer Konrad Wolf, während der damalige Kulturminister in die wohlverdiente Vergessenheit geraten ist.
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