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21.1.2005
Sturmfest und erdverwachsen
Geschichte Niedersachsens
Von Frank Politz

Leuchtturm in Ostfriesland (Bild: AP)
Leuchtturm in Ostfriesland (Bild: AP)
Niedersachsen gehört zu jenen Bundesländern, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg, unter der Herrschaft der Besatzungsmächte, geschaffen wurden. Niedersachsen lag im Machtbereich der Briten, und der Raum zwischen Nordsee, Münsterland, Lipperland, Kassel und der damaligen Zonengrenze war in alter Zeit aufgesplittert in diverse Fürstentümer.

Der deutscheste aller Volkssänger, Heino, mit dem Niedersachsenlied. Eine stramm-kernige Komposition, verfasst 1934. Angeblich unbeeinflusst vom ideologischen Geist der damaligen Hitlerzeit. Auch heute noch inoffizielle Hymne des republikweit zweitgrößten Flächenlandes, nach Bayern.

Sturmfest und erdverwachsen - die Niedersachsen? Die gibt's gar nicht, historisch betrachtet. Carl-Hans Hauptmeyer, Geschichts-Professor an der Uni Hannover:

Hauptmeyer: Es gibt - wenn - die Friesen und die Alt-Sachsen, die einmal das heutige Niedersachsen besiedelt haben. Das geht aber weit zurück, das ist schon 1500 Jahre her. DIE Niedersachsen kann es insofern nicht geben, weil bereits die alten Sachsen in verschiedene Stammesgebiete zergliedert waren, mit unterschiedlichen Kulturkreisen. Und die Niedersachsen kann es nicht nach 1945 geben.

Weil nach Kriegsende einfach nichts da war, woran man aus VOR-NS-Zeiten hätte anknüpfen können. Keine gemeinsame Geschichte, keine einheitliche Identität. Niedersachsen hat vorher schlicht nicht existiert. Das heutige Bundesland - übrigens das einzige sowohl mit einer Meeresküste, an der Nordsee, als auch mit einem Mittelgebirge, dem Harz, es ist ein Kunstprodukt; erschaffen von der einstigen Besatzungsmacht in Norddeutschland, den Briten.

Schritte in die Vergangenheit. Zurück zum Anfang des Landes. Ins niedersächsische Staatsarchiv, ins Büro von Manfred von Boetticher. Er leitet das Archiv. Auf einem Tisch in seinem Zimmer liegt ein sichtlich betagtes Buch mit angegilbten Seiten: Eine Sammlung alter Anweisungen der Briten aus den ersten Nachkriegsjahren. Von Boetticher schlägt das Buch an einer bestimmten Stelle auf und erklärt:

Von Boetticher: Wir haben hier die Verordnung Nr. 55 der britischen Militär-Regierung. Durch diese Verordnung wurden die vier Länder Braunschweig, Hannover, Oldenburg und Schaumburg-Lippe zu einem neuen Land Niedersachsen zusammengefasst. Die alten gerade genannten Länder, die seit dem 'Wiener Kongress' innerhalb Deutschlands wichtige Territorien darstellten, hörten seitdem zu bestehen auf. Diese Verordnung trat zum 1. November 1946 in kraft.

Die frühere Eigenständigkeit zu verlieren: für so manche Oldenburger war das ärgerlich. Sie wollten lieber einen Weser-Ems-Staat. Zusammen mit Schaumburg-Lippe strebten sie später erneut nach Souveränität. Doch erstmal kamen sie unter das Dach Niedersachsens. Erster Ministerpräsident des neuen Landes wurde 1946 Hinrich-Wilhelm Kopf. Ein Mann aus der SPD. Mithin jener Partei, die die Nazis 1933 - ebenso wie die KPD - verboten hatten. Nach dem Untergang des Dritten Reiches wurde die SPD neu gegründet, in Niedersachsen. Treibende Kraft dabei war Kurt Schumacher.

Wennigsen. Eine Kleinstadt am Deister, südwestlich von Hannover: Anfang Oktober 1945 läuft dort die erste Partei-Konferenz der Sozialdemokratie seit 1933 - die Geburt der Nachkriegs-SPD. Fast auf den Tag genau ein Jahr später, im Oktober 1946, folgt ein weiteres, ebenfalls erst später bedeutsames Ereignis: Angeheuert von einem britischen Offizier treffen sich in Hannover ein paar junge Journalisten, darunter auch Rudolf Augstein. Gemeinsam mit den anderen macht er ein neues Wochenmagazin. Daraus wird "Der Spiegel". Zudem entsteht in der Stadt noch ein bis heute bekanntes Druckwerk: Henri Nannens "Stern". Und in etwa zur gleichen Zeit startet auf Initiative der Briten Deutschlands erste neue Industrieschau: die Hannover-Messe. Den Alltag jedoch dominieren andere Dinge: Versorgungsmängel, Wiederaufbau und Flüchtlings-Probleme. Die "Welt im Film" berichtet 1947:

"Welt im Film": Der Flüchtlingsstrom, der sich seit zwei Jahren über die Grenzen Deutschlands ergießt, ist noch nicht verebbt. Zu den zehn Millionen ordnungsmäßig Ausgesiedelten kommen in letzter Zeit in verstärktem Maße die illegalen Grenzgänger, die außerhalb jeder geregelten Rückführung in die westlichen Zonen Deutschlands einsickern.

Haupt-Aufnahmeländer für Deutsche aus dem Osten sind Schleswig-Holstein, Bayern und Niedersachsen. Dort ist für die Flüchtlinge und Vertriebenen politisch ein Mann zuständig, der später Regierender Bürgermeister Berlins wird: der Theologe Heinrich Albertz. Er ist der erste Flüchtlingsminister des Landes:

Albertz: Es kam wie Wasser über die Dämme. Aber es war kein Wasser, sondern es waren Menschen. Es war fast unmöglich, sie zu verteilen.

Denn es fehlte vor allem an Wohnraum und Verpflegung für die weit über zwei Millionen Flüchtlinge. Sie einzugliedern, dauerte noch viele Jahre. In den 50ern aber ging es langsam wieder bergauf. Das Wirtschaftswunder begann. Und das rollende Symbol dafür kam aus Wolfsburg:

Der Urvater aller Volkswagen, der Käfer. VW-Historiker Manfred Grieger:

Grieger: Alles das, was in den 50er Jahren sich entwickeln konnte, basiert auf diesem einen Auto. Ohne die Deviseneinkünfte der Bundesrepublik in den frühen 50er Jahren, die mit diesem Exportmodell geschaffen worden waren, hätte es, glaube ich, auch die Verteilungsspielräume der 50er Jahre am Ende gar nicht gegeben.

1951 läuft in Hannover die erste Bundesgartenschau. Im Frühjahr '54, kurz vor der Fußball-WM in der Schweiz, besiegt Hannover 96 die Kaiserlauterner Spitzen-Elf um Fritz Walter mit 5:1, holt sich somit die deutsche Fußballmeisterschaft. Im Juni 1959 kommt in Osnabrück ein gewisser Christian Wulff zur Welt - der heutige Regierungschef Niedersachsens. Im selben Jahr wird in Hildesheim ein Kind geboren, das wie so viele andere in dieser Zeit schwere Missbildungen aufweist - durch Contergan. Trotzdem wird der Junge später als Klassik-Sänger ein Weltstar: Thomas Quasthoff.

Die 60er Jahre sind in der Bundesrepublik eine Dekade sozialer und wirtschaftlicher Konsolidierung. Die Gesellschaft veränderte sich - durch die Studentenproteste gegen Ende des Jahrzehnts, in dem auch die deutsche Teilung mit dem Bau der Berliner Mauer vollendet wurde. Niedersachsen war von der deutschen Teilung besonders stark betroffen. Mit rund 550 Kilometern verlief der längste Teil der deutsch-deutschen Grenze entlang der niedersächsischen Landesgrenze.

Oktober 1963: Schweres Gruben-Unglück in der Nähe von Salzgitter. 29 Bergleute sterben. Elf Kumpel aber, die einige bereits für tot halten, können noch zwei Wochen später gerettet werden, dank eines Zufalls. Das Wunder von Lengede.

Sommer 1967: Eintracht Braunschweig ist Meister der Fußball-Bundesliga. Im gleichen Sommer wird Westdeutschlands TV-Programm bunt: Auf der Berliner Funkausstellung setzt Willy Brandt per Knopfdruck das Farbfernsehsystem PAL in betrieb - die Erfindung eines Ingenieurs aus Hannover.

Juli 1968: Der Vater der Atom-Kernspaltung, Otto Hahn, stirbt. In jener Stadt, an deren Uni er zuletzt gearbeitet hat: in Göttingen. Die deutsche Hochschule, an der die mit Abstand meisten Nobelpreisträger tätig waren bzw. sind: insgesamt über 40. Ende der 60er Jahre ist aber auch Göttingen Schauplatz der Studentenbewegung, erzählt der Geschichts-Professor Carl-Hans Hauptmeyer:

Hauptmeyer: Hier gab es manche Revolten, manche Proteste. Aber an der Universität Hannover beispielsweise, damals noch Technische Hochschule, war dies deutlich geringer. Gemessen an Frankfurt oder Berlin waren die Erhebungen minimal.

Niedersachsen in den 70ern. Schlagzeilen kommen unter anderem aus dem Automobilbau, der Fußball-Werbung und dem hannoverschen Rathaus.

Januar 1972: Karriere-Beginn für Herbert Schmalstieg. Der SPD-Mann wird neuer Oberbürgermeister Hannovers - und ist das immer noch. Mit über 30 Amtsjahren mittlerweile der dienstälteste OB der ganzen Republik:

Schmalstieg: Der Reiz des Amtes lag und liegt darin, dass Kommunalpolitik etwas ist, was man spürt, was man sehen kann in einer Stadt, wenn sich was verändert; und vor allen Dingen, dass man direkten Kontakt zu Menschen hat.

März 1973: Der Fußball-Club Eintracht Braunschweig macht als erste Mannschaft in der DFB-Geschichte Trikot-Werbung - für einen Likör aus der Nachbarstadt Wolfenbüttel. Ein Jahr darauf, 1974, bringt VW in Wolfsburg den Golf auf den Markt, das inzwischen weltweit meistgebaute Auto. Februar 1976: Regierungswechsel in Niedersachsen. Das Ende der Dauerherrschaft der SPD. Neuer Ministerpräsident wird Ernst Albrecht. Der Christdemokrat bleibt lange im Amt, die ganzen 80er Jahre über. Eine Dekade des politischen Umbruchs und technologischen Wandels.

Unter anderem in der Musikindustrie. Auf die gute, alte Schallplatte folgt die CompactDisc. 1982 produziert in Hannover die Deutsche Grammophon, heute: Universal, die ersten CDs der Welt in Serie. Ebenfalls in Hannover entsteht 1986 die CeBIT. Inzwischen international die größte und bedeutendste Computer-Fachmesse überhaupt. Und drei Jahre darauf, 1989, wird in Hannover wieder 'was sehr Bekanntes gemacht: die Begleitmusik zum Ende des Ost-West-Konflikts in Europa:

Der "Wind of Change" von den Scorpions - im übertragenen Sinne bläst er in den 90ern auch in Niedersachsen.

Mai 1990: Macht- und Politikwechsel im Lande. Der CDU-Mann Ernst Albrecht geht. Neuer Ministerpräsident wird ein Sozialdemokrat - Gerhard Schröder. Anfang Juni 1998: Eschede, eine Gemeinde in der Südheide bei Celle, wird auf schreckliche Art und Weise weithin bekannt. Als Ort des bislang schwersten Zug-Unglücks in der deutschen Eisenbahngeschichte mit rund 100 Toten. Knapp vier Monate später, Ende September '98: Rot/Grün gewinnt die Bundestagswahl. Der neue Kanzler heißt Gerhard Schröder:

Schröder: Liebe Freundinnen, liebe Freunde: Nach 16 Jahren ist heute die Ära Helmut Kohl zu Ende gegangen.

Schröder wechselt von der Landes- auf die Bundesebene. Zuvor hatte er als niedersächsischer Regierungschef noch kräftig dabei mitgemischt, dass in Hannover zu Beginn des neuen Jahrtausends eine Mega-Veranstaltung lief:

Die erste Weltausstellung auf deutschem Boden: Von den Besucherzahlen und vor allem den Finanzen her ein Flop. Über eine Milliarde Verlust bringt sie, die EXPO 2000. Rund zweieinhalb Jahre darauf, Februar 2003: abermals Macht- und Politikwechsel in Niedersachsen. SPD-Regierungschef Sigmar Gabriel wird abgewählt. Der CDU-Mann Christian Wulff übernimmt das Amt und will es einstweilen auch behalten:

Wulff: Ich wollte Ministerpräsident werden, hab' neun Jahre Opposition durchgehalten, und jetzt sollte man mich auch mindestens neun Jahre erstmal als Ministerpräsident machen lassen.

Niedersachsen heute - knapp gefasst ein Bundesland mit Schwierigkeiten, die andere auch haben: mit Struktur-, Arbeitsmarkt- und Finanzproblemen. Doch man kann's auch positiver sehen. Wie der niedersächsische Landtags-Präsident, Jürgen Gansäuer:

Gansäuer: Ich finde, diese menschliche Vielfalt, die landschaftliche Vielfalt, die vielen unterschiedlichen, extrem unterschiedlichen Gegebenheiten, die sind so wunder-schön, dass man dieses Land eigentlich nur gern haben kann.
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