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19.1.2005
Am Anfang war Lukian von Samosata
Eine kurze Geschichte der "Anderen Bibliothek"
Von Dunja Welke

Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, Herausgeber der "Anderen Bibliothek" (Bild: AP Archiv)
Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, Herausgeber der "Anderen Bibliothek" (Bild: AP Archiv)
1985 hatte Hans Magnus Enzensberger mit seiner besonderen und erfolgreichen Buchreihe "Die Andere Bibliothek" begonnen, nun kündigte er für September seine Herausgeberschaft gegenüber dem Eichborn Verlag. Die Zukunft der AB, wie sie kurz genannt wird, ist noch ungewiss, ihre Geschichte dafür überschaubar. Der erste Band erschien vor zwanzig Jahren am 18. Januar 1985.

Wir drucken nur Bücher, die wir selber lesen möchten,

sagte Hans Magnus Enzensberger vor zwanzig Jahren zum Auftakt der "Anderen Bibliothek". In seiner überraschenden Pressemitteilung vom Dezember 2004 hieß es nun launig:

Was lange währt, muss aber nicht ewig dauern. Gerade weil dieses Unternehmen in den letzten Jahren einige Überraschungserfolge zu verzeichnen hatte - das Humboldt-Projekt, die Aufzeichnungen der Berliner Anonyma und Asfa-Wossen Asserates Manieren-Buch -, scheint uns der ideale Zeitpunkt gekommen, um dem Spiel ein Ende zu setzten.

Die treuen Abonnenten und ambitionierte Buchhändler sehen das anders. Für sie ist das Spiel ein überschaubares und attraktives Alternativprogramm im deutschen Büchermeer. Und die Zukunft ist noch ungewiss. Werden Enzensberger und Greno, wie gemunkelt wird, eine ähnliche Reihe bei der FAZ starten? Wird sich der Eichborn Verlag, dessen Erfolg sich wesentlich auf der "Anderen Bibliothek" gründet, einen neuen Herausgeber suchen?

Gestritten wird augenblicklich um den Zeitpunkt des Enzensberger-Ausstieges. Er hat zum September 2005 gekündigt, obwohl sein Vertrag erst Ende 2007 ausläuft und obwohl Autoren noch bis Mitte 2006 für Editionen der Reihe gebunden sind.

Gegen den gängigen Marktrhythmus von Frühjahr und Herbst erscheint seit Januar 1985 jeden Monat ein Band, der meist überrascht und zugleich auf langfristige Resonanz zielt. So ist ein interessantes und zudem äußerlich schönes Programm entstanden. Der Buchgestalter Franz Greno, in dessen Verlag die Reihe bis 1990 erschien, trumpfte zu Beginn selbstbewusst auf:

Ich habe zum richtigen Zeitpunkt das Richtige getan. Und es ist natürlich so, dass alle, die inhaltlich, aber auch in der Werkstatt, im Verlag insgesamt mitgeholfen haben, die Vielzahl von Buchhändlern, die freudig diese auf eine eigenartige Weise neuen Bücher für eine Branche, die schon fast ganz langweilig geworden ist, die haben Anteil und die sind eigentlich die Sieger.

1990 kaufte Vito von Eichborn "Die Andere Bibliothek", kurz AB genannt, vom Greno Verlag. Franz Greno hatte sich mit der exklusiven Reihe übernommen. Aufgrund effizienter Vertriebsstrukturen und Marketingstrategien erwies sich der mittelständische Eichborn Verlag in Frankfurt am Main als ideale Heimat. Lektor Rainer Wieland erklärt das bis dato funktionierende Konstrukt:

Es ist natürlich schon 'ne sehr ungewöhnliche Struktur, denn die inhaltliche Verantwortung dieser Reihe und auch die verlegerische Verantwortung liegt bei Hans Magnus Enzensberger und bei Franz Greno. Und im Eichborn Verlag sind dann Bereiche angesiedelt wie Pressearbeit, Vertrieb. Und insofern ist das schon 'ne Konstruktion, die ziemlich einmalig im deutschen Verlagsgeschäft ist.

Die jährlich zwölf Titel sind inhaltlich breit gefächert:

Also, es gibt alles. Es gibt die Vielvölkererzählungen, es gibt Romane, Reportagen. Es gibt Einblicke in Literaturen, die uns als deutschen Leser normaler Weise verborgen sind, und es gibt die helfenden Hand- und Nutzbücher. Und zusammen gehalten wird das alles durch den Herausgeber Hans Magnus Enzensberger, der uns schon so ein bisschen seine Lieblingsautoren, seine Lieblingsbücher nahe bringt. Und wenn es eben ein Thema gibt, das ihn sehr interessiert, dann beauftragt er einen Autor und sagt ihm: "Ach, schreib mir doch mal ein Buch darüber!"

Hans Magnus Enzensberger verteidigte das weite Konzept, das die zwanzigjährige Existenz der Reihe garantierte.

Natürlich, dieses berüchtigte "anything goes" ist ja ein Satz, der hat was von einem Bluff an sich. Das will ich ja ganz gerne mal ohne weiteres zugeben. Das war eine Abwehr gegen programmatische Festlegungen, also eine Art Selbstfesselung.

Als erster Band erschienen die "Lügengeschichten und Dialoge" Lukians von Samosata. Damit präsentierte man Programmatisches. Denn der antike Spötter aus dem 2. Jahrhundert nach Christi polemisierte gegen die Massenkultur und behandelte mit leichter Hand ernste Themen. Das hatten auch Enzensberger und Greno mit ihrer neuen Reihe vor. Seither verkaufte sich dieser Auftaktband 20.000 Mal. Was scheinbar bunt und amorph anmutet, ist doch miteinander verklammert, und zwar durch Subjektivität und Unkonventionalität der Autoren und - so ergänzt Lektor Rainer Wieland:

Es sind oft auch Titel, die vom Genre her ein bisschen zwischen den Stühlen stecken. Also, man hat bei Marie Luise Scherer sich gefragt, ja sind es nun Erzählungen? Ist es Literatur? Ist es Reportage? Und diese Texte, die mit den Genres spielen, sind uns eigentlich die allerliebsten, denn Schubladendenken gibt es bei uns nicht. Ich muss sagen, ich finde schon diese Einteilung in Literatur und Sachbuch, die den deutschen Buchmarkt so bestimmt, eigentlich eine wirklich idiotische. Denn uns als Leser geht es ja so, wir wollen unterhalten werden, wir wollen auf hohem Niveau unterhalten werden. Und es interessiert uns eigentlich herzlich wenig, welches Etikett diesem Buch vorne da draufgeklebt worden ist.

Angetreten ist die AB mit kulturpolitischen Ambitionen. Sie wandte sich sowohl inhaltlich als auch gestalterisch gegen die lieblose Massenproduktion von Büchern. Das ist ihr über wirtschaftliche Krisen hinweg und trotz der Umstellung vom Bleisatz zum Offsetdruck 1997 durchaus gelungen. Hans Magnus Enzensberger:

Das ist zwar eine bescheidene Form von Kulturpolitik, aber da steckt schon auch etwas dahinter. Das ist eine Operation, die wird nicht für Sammler gemacht, das ist nicht für den Bibliophilen. ... Also das ist überhaupt nicht die Absicht, sondern eher besteht die Absicht darin, die Permanenz, die Haltbarkeit, die Unverzichtbarkeit des Buches zu verteidigen.

Mit Christoph Ransmayr und Irene Dische, mit W.G. Sebald und Petra Morsbach hat "Die Andere Bibliothek" für die deutsche Gegenwartsliteratur Maßstäbe gesetzt. Als Ransmayrs Roman "Die letzte Welt" 1988 als 44. Band erstveröffentlicht wurde, ist er euphorisch bejubelt worden.

Gedruckt wurde das Buch noch im Bleisatzverfahren auf eigens gefertigtem holz- und säurefreiem Papier in der Nördlinger Werkstatt Franz Grenos. Wunderschöne Ziffernzeichnungen leiten die Kapitel ein. Der Anhang spielt durch unterschiedliche Schriftgrößen und -typen sowie durch ein variables Layout mit dem Repertoire der Gestaltung. Heute kann man Ransmayrs furiosen Ovid-Roman als bescheidene Erfolgsausgabe kaufen.

Insgesamt ist der Roman in 180.000 Exemplaren erschienen. "Das Wasserzeichen der Poesie" von Andreas Thalmayr alias Enzensberger übertrifft diesen Erfolg mit 200.000 Exemplaren sogar noch. In seiner Poetik verrät Enzensberger abgewandelt auch die Rezeptur der "Anderen Bibliothek":

"Warum sollen wir uns neben den berühmten nicht die zweifelhaften und neben den tiefsinninnigen nicht die hanebüchenen Verse anhören? Ist denn von vornherein klar, was die einen und was die anderen sind, was zum ewigen Vorrat deutscher Poesie gehört und was nicht, was uns langweilt und was uns gefällt?

Einem kleinen Kreis von Buchliebhabern ist die Reihe regelrecht Kult. Sie nutzen die Internet-Tauschbörse, um ihrer Sammelleidenschaft zu frönen oder ersteigern über E-bay einzelne vergriffene Bände für 400 bis 500 Euro. Ein junges, studentisches Publikum hat sich allerdings als Abonnent der "Anderen Bibliothek" verabschiedet. Die Berliner Buchhändlerin Renate Georgi beobachtet ein verändertes Kaufverhalten.

Wir hatten vor zehn Jahren noch mehr Abonnenten auf die ganze Reihe, aber das hat sich schlagartig geändert, als der Druck geändert wurde. Also, als der Bleisatz abgeschafft wurde, haben einige Abonnenten sofort gekündigt und die kaufen jetzt nur noch einzelne Bände, die sie attraktiv finden vom Thema her. Aber für junge Leute ist es sehr oft einfach zu viel Geld. Und die warten, bis eine Erfolgsausgabe kommt. Es ist schon so ein Klientel Mitte Dreißig aufwärts, die nach der "Anderen Bibliothek" suchen oder sich mal eins schenken lassen oder es schenken.

Den Erfolg der Reihe, die es seit 1999 auch als ausgewählte Hörbücher gibt, erklärt die langjährige Buchverkäuferin so:

Jeden Monat ein Titel nur, also keine Dutzendware und Massen. Und schon auch, weil sie besonders schön ausgestattet sind und jeder Titel immer ungewöhnlich ist zumindest. Selbst die belletristischen Titel, die Romane, sind ja nicht einfach Zeitgeist, Stapelware, sondern ...da ist jeder was Besonderes. Also ich find das sehr angenehm, dass jeden Monat ein schönes Buch kommt und nicht ein Dutzend auf einmal ... Es ist ein einziger Titel, auf den man wartet. Ich glaub, das macht es aus.

Als die AB vor zwanzig Jahren startete, reagierte der Literaturbetrieb ambivalent. Zwar begrüßte er generell den Versuch, der Verschlampung und Vermassung von Buchproduktion und Buchmarkt entgegenzuwirken, aber mancher Rezensent beargwöhnte den Anspruch als elitär und als "Rückkehr zur Repräsentativkultur".
Enzensberger konterte mit dem Slogan:

Luxus ist kein Verbrechen.

Alexander von Humboldt, 1843. Gemälde von Joseph Stieler (Bild: Eichborn Verlag Frankfurt/© Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Potsdam)
Alexander von Humboldt, 1843. Gemälde von Joseph Stieler (Bild: Eichborn Verlag Frankfurt/© Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Potsdam)
Auf diesem Hintergrund sind die bildungspolitischen Ambitionen des neuen Alexander-von-Humboldt-Projekts sympathisch.

Das Humboldt-Projekt steht in der Reihe einiger Sonderbände der AB. Ich nenne da nur Montaigne, die "Essais" und eine Auswahl aus der Enzyklopädie von Denis Diderot. Es ist das dritte Sonderprojekt und insofern natürlich schon einmalig, weil wir uns zum Ziel gesetzt haben, Alexander von Humboldt wieder auf die Tagesordnung der deutschen Gesellschaft zu setzen und das in Verbindung mit dem zwanzigjährigen Jubiläum der AB zu tun.

Mit den drei Bänden "Kosmos", "Ansichten der Kordilleren und Monumente der eingeborenen Völker Amerikas" und den wieder aufgelegten "Ansichten der Natur" will der Eichborn Verlag in die Schulen gehen und jungen Forschern die Bücher schenken. Eine gute Idee, die langen Atem braucht und in der gegenwärtigen Bildungsmisere nur zu loben ist. Denn Alexander von Humboldt lernte durch sinnliche Anschauung, vermischte Erkenntnis und Poesie und hatte Spaß am Entdecken.

Bislang handelten Hans Magnus Enzensberger und Franz Greno mit der "Anderen Bibliothek" nach der Devise:

Zwölf Mal im Jahr ein Buch, das uns gefällt, weil es uns etwas angeht, weil es uns unterhält, weil wir es brauchen können.

Die Gesamtauflage von drei Millionen Exemplaren gab ihnen Recht. Der Erfolg erklärt auch, weshalb Enzensberger, der immer neuen Ideen anhängt, zwanzig Jahre "Die Andere Bibliothek" herausgab. Aber "gegen das Lebenslängliche als Prinzip" hatte er schon immer etwas. Einvernehmlich jedenfalls will er sich nun vom Eichborn Verlag trennen.

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