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24.1.2005
Krieg und KZ - Das System der Vernichtungslager
Reihe: neunzehn fünfundvierzig
Von Joanna Wiórkiewicz

Kinder im KZ Auschwitz kurz nach der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee, 1945 (Bild: AP)
Kinder im KZ Auschwitz kurz nach der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee, 1945 (Bild: AP)
Vor 60 Jahren ging der Zweite Weltkrieg in seine letzte Phase. Hitlerdeutschland, das 1939 ausgezogen war, um die Welt zu unterwerfen, wurde vom Westen und vom Osten her besetzt. Briten und Amerikaner näherten sich dem Rhein. Die Rote Armee startete ihre Winteroffensive und befreite die Insassen der Vernichtungslager in Osteuropa.

"Endlösung". Zum ersten Mal tauchte dieses Wort in einem geheimen Protokoll auf, das einige Männer in Nazi-Uniform am 20. Januar 1942 in Berlin-Wannsee unterschrieben. Zu einer Zeit, als die Vernichtungsmaschine schon lief. Nach den Vorstellungen Himmlers jedoch nicht effizient genug. Zur so genannten "Bereinigung der Volkstumsfragen" wurde auf der Wannsee-Konferenz daher die "Operation Reinhard" beschlossen: eine Tarnbezeichnung für die systematische Ermordung aller Juden in den fünf Distrikten des besetzten Polen, die man als Generalgouvernements bezeichnete: Warschau, Lublin, Radom, Krakau und Galizien mit dem Sitz in Lemberg.

1939 besetzte Deutschland mit dem Überfall auf Polen das europäische Land mit der größten jüdischen Bevölkerung: 3,1 Millionen Bewohner, rund zehn Prozent der polnischen Gesamtbevölkerung, waren Juden. Sie wurden in Ghettos eingesperrt und in Konzentrationslager deportiert. Im Sommer 1941 folgte der Überfall auf die Sowjetunion. Ein halbes Jahr später beschloss die Wannseekonferenz die so genannte "Endlösung".

Aus "transport-logistischen Gründen" entschied sich die Wannseekonferenz für die Errichtung von Vernichtungslagen im Osten des Generalgouvernements. Die topographische Lage war für den Plan äußerst günstig: abgelegen und weit entfernt von den Augen Europas, doch zentral genug, um ohne allzu großen Aufwand schnell per Bahn Massen von Menschen in Viehwaggons zur Vernichtung anliefern zu können. Mit den rasch nach Osten vorrückenden deutschen Streitkräften kamen die Einsatzgruppen der SS: mobile Tötungskommandos, deren Aufgabe darin bestand, das Leben von Juden auszulöschen, besonders in Gegenden mit reger jüdischer Kultur - in Ostpolen, Westrussland und in Baltikum.

Die damals 18-jährige Renate Süssmann lebte in dem Ghetto in Plaszów bei Krakau:

Süssmann: Die Leute sprachen furchtbare Sachen: dass es gibt Belzec, Sobibór, Treblinka, Majdanek, Auschwitz. Habe ich gefragt - was für eine Rettung gibt es für uns? Keine. Nur Selbstmord.

Belzec bei Lemberg, Sobibór und Majdanek bei Lublin, Kulmhof in der Nähe von Lodz: hier wurden innerhalb von drei Jahren nach den Bekenntnissen der Hauptverantwortlichen über zwei Millionen Juden ermordet. Dazu brauchten die Nazis erstaunlich wenig Personal:100 SS-Leute zählte der "Einsatzstab Reinhardt". Dazu kamen noch Polizisten, Bahnpersonal, Sacharbeiter in der Verwaltung und tausend Ukrainer und Litauer als Hilfswillige, so genannte "Hiwis".

Die Teilnahme an der Aktion war für alle freiwillig. Voller Stolz präsentierte der Brigadeführer Odilo Globocnik im August 1942 Himmler die "Hochleistung" der Todesfabriken, in denen mit Kohlenmonoxid getötet wurde. Belzec: 15.000 Personen pro Tag, Sobibor: 20.000, Treblinka: 25.000.

Die Leichen wurden am Anfang in riesigen Gruben verscharrt, später wieder ausgegraben und auf Rosten aus alten Schienen unter freiem Himmel verbrannt. Nach der verlorenen Schlacht um Stalingrad wurde die "Aktion Reinhard" im Sommer 1943 energisch weiter getrieben. Das Lager Belzec wurde aufgelöst. Doch in Treblinka und Sobibór kam es zum Aufstand der Häftlinge, der einigen wenigen das Leben rettete.

Um die Spuren zu beseitigen, wurden die Lager geschleift und die Flächen neu begrünt. An manchen Stellen wurden sogar Bauernhöfe angelegt. Die Weiterführung der so genannten "Endlösung" wurde mehr und mehr auf das KZ Auschwitz übertragen.

Die "Aktion Reinhardt" brachte den Deutschen enorme Vermögenswerte ein. Bereits im Sommer 1942 waren rund 50.000 Reichsmark in Papier, Devisen, Münzen und Schmuck sowie tausend Waggons Textilien und Pelze erbeutet. Bei der endgültigen Abrechnung am 5. Januar 1944 betrug der Wert der Beute: 178.745.960,59 RM. Diese Zahlen beinhalten nicht Werte - wie Immobilien -, die den Menschen vor ihrer Deportation geraubt wurden.

Krematorium in Auschwitz (Bild: AP Archiv)
Krematorium in Auschwitz (Bild: AP Archiv)
Das Konzentrationslager Auschwitz existierte schon seit 1940. Zuerst war es für sowjetische Kriegsgefangene und die polnischen intellektuellen Eliten vorgesehen: Lehrer, Ärzte, Akademiker, Ingenieure, Priester. Himmlers Kalkül: ein Volk ohne Eliten ist leicht zu versklaven. Mit der Zeit und wegen der anrückenden Ostfront wurde das KZ Auschwitz auch zum Vernichtungslager für Juden aus ganzer Europa ausgebaut. Dabei wurden die Häftlinge als Arbeitskräfte für die Kriegswirtschaft eingesetzt. Ganz gezielt hatte die IG Farben ihre neueste Fabrik in direkter Nähe von Auschwitz errichtet.

In Oktober 1944 sollte auch das Ghetto in Plaszow aufgelöst werden. Die junge Renate Süssman kam mit einem der Transporte nach Auschwitz und sollte auf der Stelle vergast werden. Doch dann passierte ein Wunder: als die Frauen kahl geschoren und schon nackt in der Gaskammer standen, war das Giftmittel Zyklon B ausgegangen. Renate Süssman wurde zum Arbeitskommando für den Straßenbau geschickt. Jeder Arbeitstag fing um drei Uhr früh mit einem Appell an:

Süssman: Der Appell dauerte immer von drei Uhr bis zehn Uhr morgens. Es regnete, es gab Schnee, wir hatten keine Unterwäsche, Strümpfe auch nicht. Diese Appelle waren Vernichtungsappelle. Die Aufseherinnen, die Deutschen, sind gekommen nach einer gut durchgeschlafenen Nacht, gemalt, nach gutem Frühstück, sehr schön angezogen und sind raus gelaufen wie Tiere. So haben sie geschlagen und geschrieen auf uns. Ohne Grund. Wenn zum Beispiel eine von uns hat schlecht gestanden, die Aufseherin hat uns gesagt: "Heute habt ihr keine Suppe. Und morgen auch nicht". So war es jeden Tag.

Eine andere Frau, Helena Bohle-Szacki, erinnert sich:

Bohle-Szacki: Es lässt sich nicht alles erzählen… Diese Kleinigkeiten... Zum Beispiel: man hat mir mein Löffel geklaut. Das war eine reine Katastrophe. Weil ohne Löffel - wie konnte ich dieses bisschen Flüssigkeit essen? Und das war - ich gebe es zu - der einzige Diebstahl in meinem ganzen Leben - ich habe jemandem anderen den Löffel geklaut. Ich weiß nicht wem, aber ich habe ihn geklaut.

Aufgrund des organisatorischen Talents von Adolf Eichmann stieg seit Ende März 1942 die Zahl der Massentransporte von Juden aus ganz Europa von Monat zu Monat an. Hatten Juden vorher nur einen kleinen Teil der Häftlinge gebildet, stellten sie fortan die größte Gruppe. Ankommende Transporte wurden nicht mehr registriert, sondern unmittelbar nach der Selektion ermordet.

Auf die Transporte aus Westeuropa folgten Juden aus Ländern, mit denen Deutschland verbündet war und deren Regierungen in die Deportation eingewilligt hatten: Rumänien, Kroatien, Finnland und Norwegen, später Bulgarien, Italien und Ungarn. Zur Jahreswende 1942/43 kamen noch hinzu Jugoslawien, Dänemark, Griechenland und der südliche Teil Frankreichs.

Blick auf Baracken im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau (Bild: AP)
Blick auf Baracken im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau (Bild: AP)
Im Sommer 1944 erreichte die Massenvernichtung einen letzten Höhepunkt. Bis zu 10.000 ungarische Juden traten täglich an der neu errichteten "Judenrampe" zur Selektion an, auch Juden von Rhodos, Korfu und Kreta. 70.000 Juden aus Lodz, dem letzten aufgelösten Ghetto im besetzen Polen. Ein Zug mit 2000 Juden aus Theresienstadt war am 30. Oktober der letzte jüdische Massentransport. Zweitgrößte Opfergruppe waren nichtjüdische Polen. Die drittgrößte Opfergruppe waren Sinti und Roma aus ganzer Europa.

Auszug aus dem Verhör von Rudolf Höß, dem Kommandanten von Auschwitz-Birkenau in Nürnberg 1946:

Herr Höß, wenn der Zug angekommen war, wurden die Gefangenen dann in derselben Weise ausgeladen wie bei den früheren Exekutionen?

Höß: Ja.

Wohin gingen sie anschließend?

Höß: Dann wurden diejenigen, die arbeitstauglich waren, ausgesondert, und die übrigen gingen zu diesem neu errichteten Krematorium.

Wenn also ein Zug mit 2000 Personen ankam, gingen die 2000 an den beiden Ärzten vorbei, und diese nickten einfach, den da zur Arbeit, und den da in die Anlage?

Höß: Ja.

Wie lange hielt sich ein Arbeiter im Durchschnitt?

Höß: Das hing davon ab, wo er arbeitete und womit er beschäftigt war.

Wie viele Stunden täglich musste er arbeiten?

Höß: In einer Rüstungsfabrik zehn Stunden. Es hing auch vom Weg zur Arbeitsstelle ab. Auch davon, ob sie im Freien arbeiteten oder in geschlossenen oder auch in unterirdischen Räumen.

Aber trotzdem gelang es Auschwitz, eine ziemlich große Zahl zu vernichten, einige Millionen dürften es doch gewesen sein?

Höß: Ich beziehe mich auf die Aussage Eichmanns mir gegenüber im März 1944, als er zum Reichsführer Himmler gehen und ihm berichten musste, dass seine Dienststellen dem Lager mehr als zweieinhalb Millionen überstellt hatten.

Sind Sie im Augenblick etwas durcheinander?

Höß: Der Grund, warum ich mich an die Zahl von zweieinhalb Millionen erinnere, ist der, dass man mir mehrfach gesagt hat, in Auschwitz seien vier bis fünf Millionen vernichtet worden, doch das stimmt nicht. Wir hatten einen Befehl vom Reichsführer SS, alles Material über Zahlen sofort zu vernichten und keine Unterlagen über die durchgeführten Hinrichtungen aufzubewahren.

Die zweieinhalb Millionen waren Menschen, die nach Auschwitz geschickt wurden, oder hingerichtet wurden?

Höß: Hingerichtet und vernichtet.

Dann sind also noch zahlreiche weitere ins Lager Auschwitz verbracht worden?

Höß: Ja. Nach dem von mir bereits genanten Prozentsatz müssen Sie noch 20 bis 30 Prozent hinzurechnen, die für die Arbeitseinsätze verwendet wurden.

Und was war mit der halben Million, die auf andere Weise umkam?

Höß: Das waren diejenigen, die an Krankheiten im Lager starben.

Das Deutsche Reich verwertete die Toten: Zahngold wurde von Degussa eingeschmolzen und barrenweise an die Reichsbank überstellt. Menschenhaar wurde zu Garn gesponnen und zu Filz für die Kriegsindustrie verarbeitet, es diente auch zur Herstellung von Matratzen und Seilen; zu den Abnehmern, die 50 Pfennig für das Kilo zahlten, gehörten die Bremer Wollkämmerei und die Filzfabrik Alex Zink bei Nürnberg. Asche wurde nicht nur als Dünger ausgebracht, sondern auch als Füllmaterial beim Straßen- und Wegebau und zur Wärmeisolation für Lagerbauten verwendet. Menschliches Knochenmehl verkaufte die SS an eine Düngemittelfirma.

Zwischen dem 20. und 26. Januar 1945 zog die SS ihre Posten nach und nach aus Auschwitz ab. Die Krematorien wurden gesprengt, die 30 riesigen Baracken angezündet. In den letzten sechs Tagen wurden "nur noch" 700 Menschen getötet und verbrannt. In der letzten Nacht zum 26. Januar wurde auch das letzte Vernichtungsanlage gesprengt.

Gedenkveranstaltung im Vernichtungslager Majdanek (Bild: AP)
Gedenkveranstaltung im Vernichtungslager Majdanek (Bild: AP)
Am Nachmittag des 27. Januar 1945, einem Samstag, befreiten Soldaten der 60. Armee der Ersten Ukrainischen Front das Lager Auschwitz samt seinem Nebenlager. Sie stießen auf mindestens 600 Leichen. In Birkenau und Monowitz waren noch etwa 7000 Häftlinge am Leben. Viele waren bereits so schwach, dass sie das lange herbeigesehnte Ereignis kaum mehr wahrnahmen.

Bohle-Szacki: Das war auch eine Reaktion von manchen Frauen, die sagten: Konnten Sie uns nicht etwas später befreien, so dass wir etwas Suppe noch gegessen haben? Also dieses bisschen Flüssigkeit war wichtiger in den Moment als die Befreiung. Wir waren alle unbeschreiblich verhungert. Das ist schwer zu erzählen.

Anita Lasker, die dem berühmt gewordenen Mädchenorchester von Auschwitz angehörte, schreibt:

Anita Lasker: Ich würde einiges darum geben, wenn ich wenigstens eine blasse Vorstellung davon vermittelt könnte, wie es sich anfühlte, befreit zu werden. Jahrelang waren wir durch alle Extreme von Emotionen gezerrt worden: Elend, Entbehrungen, Verzweiflung, Angst, Hunger, Hass… Unsere Erlebnisse und Erfahrungen lagen außerhalb dessen, was normalerweise einem Menschen im Laufe einer langen Lebensspanne zugemutet wird. Plötzlich gab es Raum um uns herum. Es war schwer zu fassen… Ich war neunzehn Jahre alt und fühlte mich, wie neunzig.

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