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25.1.2005
Krieg und KZ - Die Todesmärsche
Reihe: neunzehn fünfundvierzig
Von Winfried Sträter

Das Konzentrationslager Auschwitz (1945) (Bild: AP Archiv)
Das Konzentrationslager Auschwitz (1945) (Bild: AP Archiv)
Als im Winter 1945 die Alliierten immer tiefer ins Deutsche Reich vordrangen, näherten sie sich auch den Konzentrationslagern. Doch die Wachmannschaften ergriffen nicht einfach die Flucht, sondern schickten die Insassen auf einen letzten Marsch: den so genannten Todesmarsch.

Im Konzentrationslager hatten die Häftlinge noch Lieder gesungen, mit denen sie sich Mut gemacht hatten. Nun hatten sie die Lager verlassen. Sie waren draußen. Die Front der Alliierten rückte näher. Der Krieg ging zu Ende. Sie waren auf der Straße, aber sie waren immer noch Gefangene der SS. Sie mussten marschieren. Es waren Märsche ins Ungewisse. Todesmärsche. So nannten die Häftlinge sie.

Es dauerte nicht lange, plötzlich lag ein Toter schon auf dem Weg, über den wir drüber weg stiegen. Völlig gelb im Gesicht - und tja.

Wolfgang Szepansky. Erinnerung an den Todesmarsch von Sachsenhausen in Richtung Lübecker Bucht, den er mitgemacht hat.

Dann waren wir ein Stück marschiert, und dann war plötzlich ein SS-Führer da, los, Ihr lauft zu langsam, und wenn Ihr nicht, los, weiter, weiter, weiter, und wenn nicht, Maschinengewehr ist schnell aufgestellt, dann bleibt keiner von Euch am Leben. Also los, marschieren, immer marschieren.

Todesmärsche. Sie waren das allerletzte Kapitel der nationalsozialistischen Herrschaft. In einer Enzyklopädie steht:

Erzwungene Märsche großer bewachter Gefangenenkolonnen über lange Strecken unter sehr schlechten Bedingungen, in deren Verlauf die Gefangenen brutal misshandelt und viele von ihren Wachen ermordet wurden. Der Begriff wurde von den Häftlingen der nationalsozialistischen Konzentrationslager geprägt und später von Historikern übernommen.

Schon 1940 hatte es einen solchen Todesmarsch gegeben. Die SS hatte 800 jüdische Kriegsgefangene der polnischen Armee von einem Lager bei Lublin in ein Lager hundert Kilometer weiter westlich marschieren lassen. Von den 800 hatten nur wenige Dutzend den Marsch überlebt.

Die Zeit der Todesmärsche begann im Sommer 1944. An der Ost- und an der Westfront starteten die Alliierten ihre großen Offensiven. Die Westmächte landeten in der Normandie und näherten sich wenige Wochen später der französisch-deutschen Grenze. Im Osten rückte die Rote Armee unaufhaltsam weiter vor. Im Juni '44 verlief die Front noch in Weißrussland, im August standen die sowjetischen Truppen bereits mitten in Polen, unmittelbar vor Warschau.

Eine Reihe der schlimmsten Konzentrations- und Vernichtungslager lag in Polen. Im Sommer 1944 gerieten sie in die Reichweite der feindlichen Armeen. Auschwitz, Oswiecim, liegt - im Süden Polens - nicht viel weiter westlich als Warschau. Ende Juli 1944 wurde in Warschau ein Lager geräumt, das auf den Ruinen des Warschauer Ghettos hergerichtet worden war. Dreieinhalb tausend Menschen wurde befohlen, nach Westen zu marschieren. Dies war der erste größere Todesmarsch. Nach 130 Kilometern wurden die Gefangenen auf Güterzüge verladen und nach Dachau transportiert. Weniger als 2000 kamen dort im August lebend an.

In Auschwitz wurden weiter die Menschen vergast. Bis zum November 1944. Da ordnete Himmler die Einstellung der Vergasungen an.

In den ersten Januartagen begann die Sonne etwas mehr zu wärmen, und die Berge hoben sich deutlich vom hellen Himmel ab. Alle Krematorien von Birkenau waren verschwunden. Nur in Auschwitz war eins übrig geblieben. Es lief sich merkwürdig auf der glatten, schneebedeckten Erde. Die Temperatur war sehr niedrig, und der Schnee knirschte unter unseren Füßen. Wir konnten nicht vergessen, dass wir auf die Asche von Millionen Verbrannter traten. Wir liefen in der Sonne über ihre Asche, über die verwischten Spuren des schrecklichsten Verbrechens. Wir liefen, als ob hier nichts geschehen wäre. Ich selbst fing allmählich an zu bezweifeln, dass sich all das tatsächlich ereignet hatte. Am 5. Januar gelang es uns, deutsche Frontnachrichten zu hören: Das Oberkommando der Wehrmacht teilte mit, dass "die seit langem erwartete Offensive der sowjetischen Truppen entlang der gesamten Frontlänge begonnen hatte". Endlich rückten sie vor, das bedeutete, dass sie also in ein paar Tagen Auschwitz erreichen würden.

Krystyna Zywulska, Häftling Nr. 55908 in Auschwitz-Birkenau über die Jahreswende 1944/45 im Lager.

Wenige Tage vergehen, und das Lager wurde geräumt. Endlich, endlich, endlich, dachten viele Häftlinge. Endlich den furchtbarsten Ort auf Erden verlassen. Kranke nahmen all ihre Kraft zusammen, um mit den Gesunden zu gehen. Der italienische Häftling Primo Levi, der als Kranker im Bett lag und im Lager zurückblieb, verabschiedete sich von seinem Freund Alberto.

Auch er war froh und vertrauensvoll wie alle, die gingen. Alle Gesunden (abgesehen von einigen Wohlberatenen, die sich in letzter Minute auszogen und in ein Bett legten) gingen in der Nacht zum 18. Januar 1945 fort. Es mögen 20.000 gewesen sein, aus verschiedenen Lagern. Fast alle kamen während des Evakuierungsmarsches ums Leben, unter ihnen Alberto.

Krystyna Zywulska: In feierlicher Stimmung, von der Bedeutung des Augenblicks ergriffen, schritten wir durch das Lagertor. Die Last der Rucksäcke spürten wir nicht, und keine von uns machte sich Gedanken, wohin dieser Weg führte.
Dann gingen wir durch Auschwitz-Stadt. Wir gingen wie im Traum. In Auschwitz sahen wir, dass die Familien der SS-Männer eiligst evakuiert wurden. Sie auch! Ich war hocherfreut.


Am 18. Januar 1945 begann mit Todesmärschen und Todeszügen die Räumung des Lagers Auschwitz. Martin Friedländer, ein Jude aus Berlin, der 1944 in Auschwitz eingeliefert worden war:

Wir stapften da in dem Schnee daher und verschiedene sind zusammengebrochen, sind natürlich umgebracht worden. Wer nicht mehr weiter konnte, durfte auch nicht am Leben bleiben.
Während des Marsches haben wir weder zu Essen noch zu trinken bekommen. Der Marsch, der dauerte ungefähr, weiß ich, ungefähr 22 bis 24 Stunden. In einem durch. In der Nacht durch. Wir waren ja irgendwie schwach gewesen, nicht so stark, wenn wir auch im Grunde genommen jüngere Menschen waren, aber mehr als 20 oder mehr Kilometer sind wir nicht vorwärts gekommen. Schätze ich. Ich weiß nicht, ob's 30 Kilometer waren. Dafür hab ich keinen Begriff.

Und dann irgendwo auf freier Strecke kamen wir an Bahngleise, freie Strecke, stand 'n Güterzug, und da mussten wir einsteigen, wir waren ungefähr 90 Mann in dem einen Viehwagen drin, wir hatten noch Glück, dass bei uns, also in dem Wagen, in dem ich drin war, war unser Arzt, der aus Ungarn war, auch als Häftling, und ein Rabbiner, und ich war ja der einzige politische Gefangene als Jude in dem Transport, wir hatten immer darauf geachtet, dass ungefähr 30 Mann sich zwei Stunden hingehockt haben und sich ausgeruht haben und die anderen 60 mussten stehen, und nach zwei Stunden haben sich die andern dann hingesetzt, hingehockt, weil wir nicht liegen konnten, wir hatten Tote, und die Toten haben wir an die Tür hingelegt, und unsere Notdurft, weil wir die nirgends weiter verrichten konnten, haben wir auf den Toten verrichtet, und nach dem zweiten Tage hielt der Zug auf freier Strecke, und da wurden die Toten ausgeladen, und da wurde der Waggon etwas mit den Fäkalien gesäubert, und es gab - jeder hat eine Hand voll Makkaroni bekommen. Außerdem etwas Wasser, und dann ging es weiter, und der Transport ging nach Mauthausen.

Das ist der so genannte Todesmarsch von Auschwitz, wie man da sagte, ins Reich. Weil ja Österreich auch zu Deutschland gehörte. Zu der Zeit. Mauthausen ist ja in Österreich.


Krystyna Zywulska: An beiden Seiten jeder dritten Fünferreihe liefen Posten mit Hunden. Die dressierten Hunde schnaubten und zerstörten jede Hoffnung auf Flucht. 60.000 Menschen hatten das Lager verlassen. Hinter jeder 4000-köpfigen Gruppe fuhr ein mit Hunden bespannter Schlitten, der mit Maschinengewehren gefüllt war. Daneben das Vernichtungskommando. Und überall um uns herum Hunde. Die freudige Stimmung, in der wir das Lager verlassen hatten, war spurlos verschwunden. Verzweiflung überkam uns.
Die überlebten, landeten in verschiedenen Lagern - in Gross-Rosen, in Buchenwald, in Dachau oder in Mauthausen. Mindestens 15.000 Menschen überlebten die Züge nicht.


Friedländer: Bei uns auf dem Transport, in unserm Viehwagen, wo wir waren, hatten wir nur sechs Leichen. Aber im Grunde genommen in den andern Güterwaggons, die Viehwagen, da waren ungefähr 20 bis 30 Leichen gewesen. Die rausgeholt wurden, und zwar weil's darin keine Ordnung gab. Bei uns im Viehwagen war eben das Glück gewesen, dass der eine Arzt da war, auf den man doch gehört hatte, und vor allen Dingen auf den Rabbiner, der ja auch als Häftling war, der auch mit uns zusammen für Ordnung gesorgt hat.

Kreuz und quer durch das untergehende Reich und die noch besetzten Territorien der Nachbarländer trieben die SS-Männer in den letzten Monaten des Krieges ihre Gefangenen. Von einem Lager in ein anderes. Von Blechhammer nach Groß-Rosen. Von Seerappen in Ostpreußen an die Ostsee und dort ins Meer, wo sie sie mit Maschinengewehrsalven erschossen. Von Stutthof nach Lauenburg. Von Groß-Rosen nach Dora-Mittelbau, Flossenbürg, Bergen-Belsen, Sachsenhausen. Von Lieberose mitten durch Berlin nach Sachsenhausen. Von Nordhausen im Harz 885 Kilometer nach Flintsbach am Inn. Von Ohrdruf 395 Kilometer nach Dachau. Von Halberstadt 510 Kilometer nach Gießen. Todesmärsche.

Es war ein gespenstisches Bild auf den Straßen des deutschen Reiches. Für zigtausende bedeuteten die Märsche den Tod. Auf die, die überlebten, wartete in vielen Fällen am Zielort der Tod: durch Erschießen oder durch Ertränken.

Wolfgang Szepansky: Es war einfach ein Gehen und Gehen. Und ich weiß, dass mir einige russische Gefangene erzählt hatten, sie waren bei der russischen Armee, sie waren eingekesselt, und sie marschierten Tag und Nacht, und sie marschierten, und sie schliefen im Marschieren. Und wir sind nicht Tag und Nacht marschiert, wir haben nachts auch schlafen können. Aber es war so ähnlich. Ein Marschieren, ein Marschieren ohne besondere Gefühle, möcht ich beinahe sagen. Man läuft einfach. Immer weiter. Und die Angst, ich weiß nicht. Angst ist so nutzlos. In diesem Fall. So hilflos. Vielleicht, wenn ich Angst gehabt hätte, hätte ich nicht weiter marschieren können. Immer weiter. Weiter. Und wenn irgendwie ne Chance war, sich hinzusetzen, haben wir das auch gemacht. Die SS lief ja auch neben uns. Die wurden ja auch müde. Dann konnte man sich auch mal ausruhen.

Martin Friedländer: Man hat nichts empfunden. Man war ja sowieso nur ne Herde Vieh. Man war ja nur eine Nummer. Letztes Mal, dass ich meinen Namen gehört hatte, war, als ich vorm Lagertor stand in Auschwitz, als aufgerufen wurde: Friedländer. Da hab ich zum letzten Mal meinen Namen gehört. Man war nur noch eine Nummer. Es ist nur noch die Nummer 179.968. Man war ja nur noch ein Stück Dreck.




Mauthausen war für Martin Friedländer nur eine Zwischenstation. Als nächstes wurde er nach Hannover verfrachtet. Und vom KZ in Hannover wurde er mit seinen neuen Mitgefangenen wieder auf die Straße geschickt, auf den Todesmarsch nach Bergen-Belsen.

Friedländer: 6. April. Und da begann der Marsch, und mittendrin im Marsch, ich wusste schon durch die ausländischen Zwangsarbeiter, wie es in Bergen-Belsen zuging, und habe mir vorgenommen, auf dem Wege nach Bergen-Belsen zu flüchten. Was ich auch getan habe. Bin ungefähr 20 km von Hannover, und zwar in Isernhagen, bin ich geflüchtet, wurde auf der Flucht angeschossen, das war freies Feld, ungefähr 100 Meter weiter war der Wald. Deswegen hab ich mir gesagt, ich hab mir ausgerechnet, ungefähr 50 Meter läufste geradeaus, eh die'n Karabiner von der Schulter haben und durchgeladen haben und auf mich schießen, dann biste die ersten 50 m geradeaus weg, und dann die zweiten 50 Meter im Zickzack.

Friedländer gehörte zu den wenigen, denen die Flucht gelang. Auch die Polin Krystyna Zywulska rettete sich während des Marsches: In einem unbewachten Moment sprang sie in einen Heuhaufen am Straßenrand und versteckte sich, bis der Zug vorüber war.

Vor mir lag ein verträumtes Dorf. Keine Drähte mehr um mich herum. Ich war außer mir vor Freude, im Taumel der Begeisterung wollte ich tanzen und schreien: Ich bin frei! Ich bin frei! Ich werde leben!

Einer der letzten Todesmärsche wurde am 21. April 1945 im Lager Sachsenhausen befohlen. 30.000 Häftlinge wurden auf den Todesmarsch über Landstraßen in Richtung Ostsee geschickt. Es ging zu, wie auf allen Todesmärschen: Es gab kaum etwas zu essen und zu trinken, wer nicht mehr weiter konnte, wurde erschossen, wohin der Marsch führen sollte, wurde von der SS niemandem gesagt. Die Häftlinge konnten lediglich ahnen, dass das Ende des Krieges unmittelbar bevorstand. Nach knapp zwei Wochen, am 2. Mai 1945, erreichten sie Schwerin. Vor der Stadt übernachteten sie. Am anderen Morgen waren ihre Bewacher verschwunden. Wolfgang Szepansky, der den Marsch mitgemacht hatte:

Die SS war weg. Und das war für uns das Zeichen, jetzt sind wir frei. Und wir sind dann eben nach Schwerin weitermarschiert, und da kam uns die englische Truppe entgegen, und wir winkten begeistert, und sie winkten auch. Aber wir waren so ausgehungert, dass die Begeisterung so groß gar nicht war. Möchte ich fast sagen. Man war so am Ende eigentlich mit seiner Kraft. Und ich muss sagen, ich hab Blut gespuckt.

Die Überlebenden können immerhin Geschichten mit einem guten Ende erzählen - zumindest mit einem vorläufig guten, da oft genug die Freiheit nicht die Befreiung von den erlittenen Leiden bedeutete. Und es bleibt die Erinnerung: Überleben oder Sterben, das lag für die KZ-Häftlinge in den letzten Monaten des Krieges, als sie die Lager bereits hinter sich gelassen hatten, so dicht beieinander, dass es noch im Nachhinein erschrecken lässt.

Szepansky: Ich habe viel später die Lübecker Bucht besucht. Da gibt es Friedhöfe. In jedem Ort gibt es einen Friedhof. Und ich hab diese Friedhöfe besucht. Und auf jedem Friedhof fand ich Gräber von ehemaligen Häftlingen. Und zwar gleich in die Hunderte. Und das war so. Es gab …das Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg, diese Häftlinge sind zum großen Teil auf Schiffe verladen worden, und zwar auch das große riesengroße Passagierschiff, das Schiff Arkona. Und dieses Schiff Arkona wurde in der Ostsee versenkt. Mitsamt den Häftlingen. Und wir sollten ebenfalls bis Lübeck marschieren, auf die Schiffe verladen werden und im Meer versenkt werden. Sie wollten uns alle umbringen.


Literatur:

Enzyklopädie des Holocaust, hg. Eberhard Jäckel, Peter Longerich, Julius H. Schoeps, Argon Verlag
Krystyna Zywulska: Wo vorher Birken waren, Überlebensbericht einer jungen Frau aus Auschwitz-Birkenau, 1949 / 1979, Kindler-Verlag

Primo Levi: Geschichte von zehn Tagen, in: Auschwitz, Zeugnisse und Berichte, hg. H. G. Adler, Hermann Langbein, Ella Lingens-Reiner, EVA 1979

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