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26.1.2005
Krieg und KZ - Als die Alliierten die Lager befreiten
Reihe: neunzehn fünfundvierzig
Von Andreas Baum

Kinder im Vernichtungslager Auschwitz kurz nach der Befreiung durch die sowjetische Armee im Januar 1945 (Bild: AP Archiv)
Kinder im Vernichtungslager Auschwitz kurz nach der Befreiung durch die sowjetische Armee im Januar 1945 (Bild: AP Archiv)
Die Eroberung des Hitlerreiches durch die Alliierten brachte den wenigen noch überlebenden Insassen der Konzentrations- und Vernichtungslager die ersehnte Befreiung. Inzwischen haben Historiker allerdings nachgewiesen, dass das Morden in den Lagern schon früher hätte gestoppt werden können.

Am 7. Mai 1945 meldet das deutsche Programm von Radio Luxemburg das Ende des Zweiten Weltkrieges. Am 4. Mai haben die deutschen Streitkräfte in Nordwestdeutschland und Nordeuropa kapituliert, am 7. ergibt sich Generaloberst Alfred Jodl bedingungslos den Westalliierten. Deutschland ist an allen Fronten geschlagen. Nun kommen auch die Verbrechen des Krieges ans Licht.

Radio Luxemburg: Moskau. Die russische Staatskommission zur Untersuchung von Kriegsgräueln hat einen vorläufigen Bericht über die Untersuchung des Konzentrationslagers Auschwitz in Polen veröffentlicht. Diesem Bericht gemäß übertraf das Lager alle bekannten deutschen Vernichtungslager in Bezug auf Ausrüstung, Organisation, und die massenweise Hinrichtung seiner unglücklichen Opfer. Die Ergebnisse der Untersuchung stützen sich auf die Aussagen von 2800 Überlebenden verschiedener Staatsangehörigkeit, sowie auf deutsche Dokumente, Überreste von Sprengungen, Krematorien, Gaskammern, Leichen, und andere Beweisstücke.

Als sich die sowjetischen Truppen ab dem Spätsommer 1944 näherten, begann die SS mit den Planungen für die Evakuierung des Lagers. Doch erst am 26. Januar ließ die Lagerleitung die Krematorien sprengen. Als die Rote Armee einen Tag später das Lager Auschwitz befreite, fand sie rund 7500 Gefangene in den Stammlagern und den Nebenlagern, die meisten von ihnen krank, erschöpft, dem Tode geweiht. Sofort begannen sowjetische Experten zu rekonstruieren, was hier geschehen war. Der Bericht brachte bis dahin Unvorstellbares ans Licht.

Radio Luxemburg: Hier sind die Ergebnisse:
über vier Millionen Russen, Polen, Franzosen, Holländer, Jugoslawen, Tschechoslowaken, Rumänen, Ungarn, und andere sind seit 1939 hier ermordet worden. Schließlich wurden Tausende von Personen in den Hinrichtungskammern getötet und ihre Leichen verbrannt.


Für fast alle Konzentrations- und Vernichtungslager galt: Es wurde buchstäblich bis zum letzten Augenblick in ihnen gemordet. Der amerikanische Schriftsteller Elie Wiesel, Friedensnobelpreisträger von 1986, war selbst als Jugendlicher in Auschwitz. Er wurde im Januar 1945 ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Obwohl ihm US-amerikanische Soldaten das Leben retteten, ist er nicht ohne Bitterkeit darüber, dass die Befreiung der Konzentrationslager zwar eine Folge des alliierten Krieges gegen die Nazis war, nicht aber dessen vordringliches Ziel.

Wiesel (1986): Kein Armeechef hat seine Pläne geändert, nur um einen Tag eher in Auschwitz anzukommen. In dem Fall der Russen, oder eher in Buchenwald, in dem Fall der Amerikaner. Nur einen Tag eher, das tut weh.
Sie hätten Zehntausende von Opfern retten können. Warum haben sie nie die Eisenbahnlinien bombardiert, die nach Auschwitz führen?


Bombenkrieg: Die gemeldeten starken Kampfverbände über Jütland im Weiterflug nach Osten und über Schleswig-Holstein im Anflug auf Mecklenburg und Nordwestdeutschland. Mehrere Störflugzeuge über Westdeutschland. Ende der Durchsage.

Der 1. April 1944 gilt als der Tag, an dem die Alliierten endgültig die Lufthoheit über Mitteleuropa gewannen.

Danach kam es nie wieder vor, dass US-Bomber zur Vermeidung wahrscheinlicher Verluste auf die Bombardierung eines Ziels verzichteten,

... heißt es in einem militärgeschichtlichen Werk der Air Force. Ab Mai 1944 hatte das 15. US-Luftgeschwader, das von Süditalien aus operierte, seine volle Kampfstärke erreicht und begann mit systematischen Langstreckenbomberangriffen gegen Ziele in Mittel- und Osteuropa. Auch Auschwitz lag nun in der Reichweite alliierter Flugzeuge. Deutsche Abwehrjäger konnten sie nicht mehr aufhalten, weil es kaum noch welche gab. Die Alliierten versuchten mit aller Kraft, der Wehrmacht den Treibstoffnachschub abzuschneiden. Sie bombardierten Ölraffinerien und Fabriken, in denen synthetisches Kerosin aus Steinkohle gewonnen wurde. Eine dieser Anlagen lag in unmittelbarer Nähe des Vernichtungslagers Auschwitz. Der Wissenschaftler und Schriftsteller Gerhard Durlacher, der Auschwitz überlebte, erinnerte sich 1994:

Durlacher: Ich war im August-September in Auschwitz-Birkenau und da war damals ein Bombardement auf die Ölraffinieren und die Buna-Fabrik. Aber die Krematorien und ihre Schienen hatte man nicht bombardiert. Das war 1944, die zweite Hälfte, in der Hunderttausende Ungarn nach Auschwitz geschleust wurden. Es sind Hunderttausende Menschen umgekommen. Pro Tag fast 17 bis 20.000, Und wir haben jeden Tag gewartet und gehofft, dass die Krematorien bombardiert werden. Damals wurde ein Bombardement ausgeführt, aber nicht auf die Krematorien, nicht auf die Schienen, sondern nur auf die Industrien, und eines der Flugzeuge ließ die Bombenlast fallen und Abwehrgeschütz, und da stand ich dabei.

Besuch des Konzentrationslagers Sachsenhausen (Bild: AP)
Besuch des Konzentrationslagers Sachsenhausen (Bild: AP)
Der erlösende Angriff auf die Gaskammern und Krematorien, von den Häftlingen sehnlich herbeigesehnt, kam nicht. Warum dies so ist, ist bis heute eine der ungelösten Fragen des Zweiten Weltkrieges. Als die Einzelheiten des Holocausts nach der Kapitulation im Mai 1945 bekannt wurden und jüdische Organisationen schwere Vorwürfe an die Alliierten formulierten, hieß es zunächst, man habe in London, Washington und Moskau nicht genügend Informationen über die Lager gehabt. Das aber ist bald widerlegt worden. Denn es gab detaillierte Berichte von der Vernichtung der europäische Juden, die ihren Weg durch die Fronten fanden.

Am 30. November 1964 sagt Rudolf Vrba, ein renommierter Wissenschaftler, als Zeuge vor dem Frankfurter Auschwitz-Prozess aus. 1944 war der aus der Slowakei stammende Jude 19 Jahre alt.

Vrba war in Auschwitz Mitglied des so genannten "Sonderkommandos Effekten". Die Aufgabe dieses Kommandos bestand darin, bei der Ankunft jedes Zuges zunächst die Leichen aus den Waggons zu ziehen, um dann das gesamte Gepäck der Deportierten auf Wagen zu verladen. Es wurde sortiert und nach Deutschland versandt. Zehn Monate lang war er bei der Ankunft nahezu aller Züge an der Rampe von Auschwitz-Birkenau dabei.

Die Arbeit war ziemlich, für die SS auch, unangenehm, die Waggone waren oft, da waren manchmal bis zu zehn per cent Tote in den Waggonen, die mehrere Tage schon dort waren, oder schwer Kranke, die hygienischen Verhältnisse in den Waggonen waren manchmal sehr schwierig, was den SS-Leuten nicht sehr gut passte unter die Nase, und die Arbeit wurde mit Stockschlägen sehr schnell befördert.

Später arbeitete Vrba in der Schreibstube. Er gewann Überblick über Zahl und Umfang der eintreffenden Transporte. Er ist einer der wenigen überlebenden Augenzeugen des Massenmordes in den Gaskammern.

Ich habe in der Leichenhalle gesessen und Kaffee getrunken. Und da seh ich, dass ein Mann in einer SS-Uniform herauf kriecht auf diesen Bunker. Mit einer Gasmaske. Und hat eine große Büchse in der Hand. Und öffnet die Büchse und schüttet etwas hinein durch eine Öffnung auf dem Betonklotz. Das hat er geöffnet und hat etwas hereingeschüttet. Und da war mit mir der Kapo der Leichenhalle, ein tschechischer Arzt, der hatte geheißen Lubomir Paschtasch. Und ich sage ihm: Lubomir, schau, was er da macht. Was macht er denn da? Und da hat er mir, Paschtasch, erklärt, das ist doch der Transport, den ihr in der Nacht aufgeladen habt, und jetzt schüttet er Gas herein. Aber sag's keinem, denn das kostet uns das Leben.

Mehrfach schmiedet Rudolf Vrba Fluchtpläne. Am 7. April 1944 gelingt ihm und seinem Freund Alfred Wetzler die Flucht. Im Schutz der Nacht schlüpfen sie zwischen den Wachtürmen durch die Lagerumzäunung und schlagen sich von Birkenau Richtung Süden durch:

Ohne Papiere, ohne Kompass, ohne Landkarte, ohne Waffe.

In der Slowakei finden sie Zuflucht bei einem Bauern. Sogleich beginnt Vrba seinen Bericht zu verfassen. Präzise und sachlich beschreibt er die Gaskammern von Birkenau:

Sie fassen 2000 Personen. Wenn alle drinnen sind, werden die schweren Türen geschlossen. Dann folgt eine kurze Pause, vermutlich bis die Raumtemperatur auf einen bestimmten Wert gestiegen ist. Danach steigen SS-Männer mit Gasmasken aufs Dach und schütten eine Zyanid-Mischung hinein, die bei einer bestimmten Temperatur gasförmig wird. Nach drei Minuten sind alle tot.

Anfang Mai gelangt eine Abschrift des Berichtes in die Hände jüdischer Funktionäre in Budapest. Im Juni erreichen die Informationen die Regierungen in London und Washington. Zeitungen in den USA, in England und in der Schweiz drucken das Unfassbare.

Vrba: Natürlich wirkte das unglaubwürdig in dem ersten Moment. Denn es wurde immer geglaubt, Krieg ist Krieg, aber schließlich und endlich, Deutschland ist ein zivilisiertes Land. Und dann ist die Kommission zu der Ansicht gekommen, dass es nicht möglich war, dass wir nicht die Wahrheit sagen.

Im Juni 1944 ist die Wahrheit über Auschwitz bekannt. Kurz zuvor hat die Deportation der Juden aus Ungarn begonnen. Die Führer der ungarischen Juden wissen nun genau, wohin sie gebracht werden und was dort mit ihnen geschieht. Sie formulieren einen dramatischen Hilferuf an die alliierten Regierungen mit der Bitte um Bombardierung der Eisenbahnlinien nach Polen. Am 24. Juni trifft ein Telegramm eines Spions der Alliierten aus Ungarn in London ein. Es enthält alle Informationen über die Deportationen und nennt die Eisenbahnstrecken, über die die Transporte rollen.

Alle Informanten in der Slowakei und Ungarn ersuchen dringend um Bombardierung dieser Strecken, insbesondere Brücken entlang der Strecke Tschop-Koschice-Preschov als einzig mögliches Mittel zur Verzögerung oder Verhinderung weiterer Deportationen.

KZ Buchenwald (Bild: AP)
KZ Buchenwald (Bild: AP)
Gegen Kriegsende versuchen jüdische Funktionäre immer wieder, alliierte Militärs und Politiker zu überzeugen, die Vernichtungsmaschinerie aufzuhalten. Meist bekommen sie die Antwort, dass dies logistisch nicht möglich sei - obwohl die Industrieanlagen von Auschwitz bombardiert werden und die Bahnstrecken, über die die Züge ins Todeslager rollen, fast täglich von alliierten Bombern überflogen werden.

Auch argumentieren die Generäle, dass ihre Truppen grundsätzlich nicht mit Aufgaben behelligt werden dürfen, die humanitärer Natur seien. Doch auch hierfür gibt es Gegenbeispiele: Im Februar 1944 fliegen britische Bomber einen Angriff auf ein Gefängnis im französischen Amiens, um Kämpfer der Résistance, die dort auf ihre Hinrichtung warten, zu retten. Präzise gelingt es, die Außenmauer und die Wachtürme zu zerstören, ohne unnötige Opfer unter den Inhaftierten: Es galt, ein Zeichen der Solidarität unter Verbündeten zu setzen.

Nahum Goldmann, später Präsident des jüdischen Weltkongresses, war in den vierziger Jahren Repräsentant der Jewish Agency beim Völkerbund. Er erinnert sich später, wie er vergeblich ein solches Zeichen der Verbundenheit für die Juden eingefordert hatte.

Goldmann: Eines der schlimmsten Gespräche meines Lebens hatte ich mit dem englischen General Dill, das war der zweite Oberkommandierende nach Marshall, der in Washington saß. Wir hatten dauernd Telegramme von den jüdischen Untergrundkämpfern, man solle doch die Lager bombardieren. Wenn man sie bombardiert hätte, hätte das monatelang die Vernichtung aufgehalten. Churchill und Eden, das hat sich erst jetzt herausgestellt, waren dafür. Die englischen Beamten haben die Durchführung dieser Sache sabotiert. Und als ich es General Dill sagte, lehnte er es ab, Kugeln und Bomben zu verwenden, für die Rettung der Juden, die sind nur dazu da, damit man den Krieg schnellstens gewinnt.

Welche Folgen nur ein einziger gezielter Angriff auf Auschwitz hätte haben können, hat der US-amerikanische Autor David Wyman zu ergründen versucht. Wären die Vernichtungslager im Sommer oder Herbst 1944 zerstört worden, so argumentiert er, wäre es den schwer bedrängten Deutschen nur schwer möglich gewesen, sie wieder aufzubauen. Ihre Errichtung hätte in Zeiten, als Arbeitskräfte und Baumaterial noch zur Genüge da waren, acht Monate gedauert.

Wären die Gaskammern am 20. August oder früher zerstört worden, so hätte möglicherweise Anne Frank den Krieg überlebt. Sie und ihre Familie wurden am 2. September nach Auschwitz deportiert. Ihr Deportationszug war der letzte, der aus den Niederlanden abging. Später wurden Anne und ihre Schwester nach Bergen-Belsen verlegt, wo beide an Typhus starben. Wären die Tötungsanlagen von Auschwitz am 20. August bereits vernichtet gewesen, so hätte der Zug, dessen Insassen überwiegend für die Gaskammer bestimmt waren, die Niederlande vermutlich gar nicht verlassen...

Das Verhalten des US-Militärs, weiter Teile der Gesellschaft, auch der Kirchen, selbst Präsident Roosevelts war von Gleichgültigkeit geprägt. Das Schicksal der europäischen Juden, so folgert Wyman, haben sie offenbar nicht als ihr Problem empfunden.


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