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28.1.2005
Mahatma Gandhis Erbe
Eine kurze Krankheitsgeschichte zum Welt-Lepra-Tag
Von Jochen R. Klicker

Mahatma  Gandhi im Jahr 1931 (Bild: AP Archiv)
Mahatma Gandhi im Jahr 1931 (Bild: AP Archiv)
Jeden letzten Januar-Sonntag begehen die Vereinten Nationen den Welt-Lepra-Tag - möglichst dicht am Todestag von Mahatma Gandhi, der am 30. Januar 1948 von einem fanatisierten politischen Gegner erschossen wurde. Der diesjährige Gedenk-Sonntag ist deshalb ein besonderer, weil die WHO beabsichtigt, im Jahr 2005 die Lepra als ausgerottet zu erklären.

Gandhi: Trauert nicht um Eure Krankheit, denn ein kranker Geist ist schlimmer als ein kranker Körper! Möge Gott Euch Frieden schenken.

Das schrieb Indiens größter Staatsmann, Mahatma Gandhi; den Kranken in einem Lepra-Hospital in Madhya Pradesh.

Damals - also in den 30er Jahren - war die Lepra noch nicht heilbar. Umso nachhaltiger kümmerte sich der Mahatma um die Leprakranken; pflegte sie; scheute keinen Körperkontakt, ließ einigen in seinem persönlichen Ashram eine Unterkunft bauen; nahm sie sogar in sein engeres Gefolge auf.

Mehr oder minder "zufällig" auf die Lepra als politische Aufgabe gestoßen war der Mahatma bei seiner Arbeit für und mit den Kastenlosen, den so genannten "Unberührbaren", die von jeder Teilhabe am Leben der traditionellen hinduistischen Gesellschaft ausgeschlossen blieben. Erst mit einem Fasten "bis zum Tode" hatte der Moralist gegen alle Vorurteile seiner eigenen Anhänger aus höheren Kasten erzwungen, auch diese Unberührbaren als aktive Mittäter im indischen Freiheitskampf zu akzeptieren. Ähnlich erklärte er in seinem berühmt gewordenen politischen 18-Punkte-Programm für den postkolonialen, unabhängigen indischen Staat die Lepra-Arbeit zur wichtigen sozialpolitischen Aufgabe und mobilisierte dafür die medizinische Wissenschaft seiner Zeit.

Dazu rund 70 Jahre später Thorsten Beil von der deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe, einer in diesem Aufgabenbereich besonders erfolgreichen Nichtregierungsorganisationen:

Thorsten Beil: Es gibt in Indien viele Lepra-Kranke seit Jahrhunderten. Mahatma Gandhi hat einmal gesagt, dass Indien vielleicht neben Schwarzafrika die Heimat der Lepra-Kranken ist. Und er als Inder hat sich in der Pflicht gesehen, etwas für die Lepra-Kranken zu tun. Er ist zu den Ausgestoßenen hingegangen, hat sie gepflegt, hat sie berührt, was auch ein Bruch eines Tabus war. Denn Lepra-Kranke - so hat man damals gesagt - berührt man nicht! Die darf man nicht berühren! Aber er hat es getan. Er hat keine Angst gezeigt vor Ansteckung. Er hat also auf die Not und das Elend der Lepra-Kranken hingewiesen und auf die Pflicht, den Lepra-Kranken zu helfen in Indien. Und deswegen nehmen wir den letzten Sonntag im Januar zum Anlass, auf die Not der Lepra-Kranken hinzuweisen. Denn der letzte Sonntag im Januar ist der Todestag Gandhis.

Und trotz solchen ernsten Charakters des Tages eine Feier, gar ein Fest an diesem letzten Januar-Sonntag, dem von den Vereinten Nationen ausgerufenen Welt-Lepra-Tag?

Beil: Am Welt-Lepra-Tag wird sicherlich nicht nur gefeiert, sondern auch ermahnt und drauf hingewiesen von den Organisationen in der Dritten Welt, dass Lepra immer noch ein Problem ist. Es wird aber auch gefeiert, dass Lepra jetzt heilbar ist. Das ist sicherlich ein großer Erfolg. Lepra ist seit den 80er Jahren heilbar. Dadurch konnte hunderttausenden von Menschen das Schicksal erspart werden, als Aussätzige, als behinderte Menschen zu leben. Ihre Krankheit wurde frühzeitig erkannt und dadurch konnten sie ein normales Leben weiterführen. Das ist sicherlich ein Grund zum Feiern. Aber der Welt-Lepra-Tag ist auch ein Anlass zu sagen: Lepra ist immer noch ein Problem. Es gibt jährlich Hunderttausende von Menschen, die weltweit neu an Lepra erkranken.

Es scheint, dass die Lepra - oder der Aussatz, wie die Krankheit lange Zeit genannt wurde - schon zu den frühgeschichtlichen Gebrechen der Menschheit gehört. Bereits im Alten Testament der Bibel werden Anweisungen dafür gegeben, wie die Krankheit zu erkennen und der Erkrankte zu behandeln sei. Nämlich als "Unreiner", der als sichtbar von Gott gestrafter Sünder auffällig gekennzeichnet und aus der menschlichen Gemeinschaft ausgestoßen wird:

Der Aussätzige ... soll eingerissene Kleider tragen und das Kopfhaar ungepflegt lassen; er soll den Schnurrbart verhüllen und ausrufen: Unrein! Unrein! Solange das Übel besteht, bleibt er unrein. ... Er soll abgesondert wohnen, außerhalb des Lagers soll er sich aufhalten.

Offenbar hatte der Schreiber des 3. Mose-Buches Erfahrung damit, dass ein Teil des "Aussatzes" heilbar, ein anderer jedoch unheilbar war. Wir vermuten heute, dass die Priester im Alten Israel wegen des ähnlichen Erscheinungsbildes diagnostisch noch nicht zu unterscheiden wussten zwischen der Krätze und der "echten" Lepra. Wegen der Furcht vor der Ansteckungsgefahr wurden die Kranken jedenfalls ausnahmslos deutlich stigmatisiert.

Thomas von Stamm ist Facharzt für Lepra und Tuberkulose und arbeitet als medizinischer Berater vor allem in Asien. Er meint zur Frage der gesellschaftlichen Ausgrenzung:

Thomas von Stamm: Die Ursprünge dieser Ausgrenzung sind mir nicht bekannt. Aber Sie wissen, dass es schon zu biblischen Zeiten so war, schon zu Zeiten von Jesus Christus so war, dass die Leprösen sozusagen die am schlimmsten ausgegrenzten Kranken waren. Die "Aussätzigen" eben. Und das hat sich im ganzen Mittelalter bis in die Neuzeit auch fortgesetzt in Europa. Es hat eine richtige Parallelgesellschaft gegeben von Leprösen, die in ihren Leprosarien gelebt haben und die von der Außenwelt abgeschottet waren. Paradoxerweise ist es sogar zu bestimmten Zeiten so gewesen, dass auch Gesunde versucht haben, zu dieser leprösen Gesellschaft dazu zu gehören. Weil auf der einen Seite war die Ausgrenzung, auf der anderen Seite war die Verpflichtung der Wohlhabenderen, der Habenden, diesen armen Menschen zu helfen. Die Leprosarien auch in Deutschland wurden in der Regel recht großzügig mit Spenden bedacht - Nahrungsmittel- und Sachspenden -, so dass der eine oder andere Arme besser dran war, wenn er unter den Leprösen gelebt hat, als wenn er einfach nur als "armer" Bettler sein Leben gefristet hat.

Und ein bisschen von dieser Parallelgesellschaft hat sich bis heute erhalten - in abgelegenen Gebieten der so genannten Entwicklungsländer zum Beispiel. Thomas von Stamm:

Von Stamm: Es gibt eigentlich dort Ausgrenzung, wo die Krankheit relativ selten ist. Und damit also großen Schrecken hervorruft, wenn sie jemand hat. Das kann man jetzt nicht bestimmten Ländern zuordnen. Sondern ich denke, dieses Phänomen ist allgemein gültig. Je seltener die Lepra ist, oder je seltener sie wird, desto empfindlicher und sensibler reagiert die Umwelt auf diese Erkrankung. Wenn man sich eine Umgebung denkt, die in Indien so aussieht, dass vielleicht in einer Slum-Umgebung relativ viele Lepra-Fälle vorkommen, dann ist es eine relativ normale Erkrankung. So dass dieser Spruch "Lepra ist heilbar!" auch so von den Menschen verstanden wird. In abgelegeneren Gebieten, wo die Lepra selten ist und oft erst spät erkannt wird, wenn sie eben die typischen Verstümmelungen haben, die ja nicht von der Lepra hervorgerufen werden, sondern die Folgen der Gefühllosigkeit sind. ... in so einer Umgebung werden die Menschen nach wie vor ausgegrenzt.

Seit dem Jahr 1986 gilt: Lepra ist heilbar! Im Klartext: Mit Hilfe einer sechs- bis zwölfmonatigen Behandlung mit Antibiotika ist die Krankheit zum Stillstand zu bringen. Ansteckung wird unmöglich gemacht. Und es drohen auch keine physischen Entstellungen mehr. Was jedoch immer noch nicht zu "heilen" ist, das ist die Angst vor dem Leprösen selbst. Denn infolge der jahrtausendealten, tief verwurzelten, religiösen und sozialen Vorurteile erscheint auch der geheilte Aussätzige den meisten Menschen durch seine Krankheit für immer gezeichnet. Auch viele Irrtümer müssen immer wieder als Begründung für Abstand und Isolierung herhalten. Der wichtigste Irrtum lautet:

Die Lepra ist eine hochinfektiöse Tropenkrankheit, die zu chronischem Siechtum und schwersten Entstellungen führt.

Der Seuchenexperte Stefan Winkelle hält dagegen:

Die Lepra ist eine sehr gering ansteckende, also verhältnismäßig schwer übertragbare Schmutzkrankheit. Wenn sie nach einer Inkubationszeit von vier bis vierzig Jahren ausbricht, ist sie mit einer Antibiotika-Therapie relativ leicht zu heilen. Und Folgeschäden wie zum Beispiel gelähmte und gekrümmte Finger, die zur so genannten Krallenhand führen, sind mit den Mitteln der Neurochirurgie sowie der plastischen Chirurgie samt nachgehender Physiotherapie ebenfalls zu beheben. Nur an einer Stelle fehlt es weiterhin: Der wissenschaftlichen Forschung ist es bisher nicht gelungen, einen Impfstoff zu entwickeln, so dass eine generell vorbeugende Impfung immer noch nicht möglich ist.

Nochmals der medizinische Berater der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe Thomas von Stamm:

Von Stamm: Die Lepra ist eine Krankheit der Armut. Man findet sie in den Ländern, wo arme Menschen auf engem Raum zusammen leben, wo schlechte hygienische Verhältnisse bestehen und die Ernährungssituation schwierig ist.

Mit anderen Worten: Im reichen West- und Mittel-Europa sowie andernorts, wo Wohlstand herrscht, ist die Lepra ausgestorben. Thomas von Stamm:

Von Stamm: In Deutschland, in Mitteleuropa hat sich die Lepra schon zum Ende des Mittelalters zurückgezogen. Eigentlich weiß keiner so ganz genau, woran es gelegen hat. In Norwegen, wo ja auch das Lepra-Bakterium entdeckt wurde ...

... im Jahre 1873 durch den jungen Arzt Armauer Hansen, der in einem Pflegestift für Aussätzige in Bergen arbeitete ...

Von Stamm: ... in Norwegen war die Krankheit bis vor historisch gesehen relativ kurzer Zeit endemisch - das heißt also vorhanden. Aber in Norwegen steckt sich niemand mehr an. Man sagt, dass die Lepra mit den Auswanderern, die zu den Ärmsten gehört haben damals, in die Neue Welt davon gesegelt ist, und in der Neuen Welt die Umgebungsbedingungen und die sozialen Bedingungen so anders waren, dass sie sich nicht mehr weiter entwickeln konnte. Die Lepra in Norwegen ist ausgestorben. In Estland sind es sicherlich noch alte Fälle. Man kann davon ausgehen, wenn sich die soziale Lage nicht verschlechtert, dass auch dort die Lepra irgendwann zum Stillstand kommt. Auch in Malta gibt es immer noch einzelne neue Fälle jedes Jahr, die Trotz der "Ausrottung" - in Anführungszeichen -, die schon vor zehn Jahren stattgefunden hat, dann doch immer wieder auftauchen und behandelt werden.

Es kann also angesichts solcher Situationen gar nicht die Rede davon sein, dass die Lepra demnächst ausgerottet sein wird - wie es die WHO, die Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen, nach dem Vorbild des Sieges über die Pocken nun auch für die Lepra erhofft und entsprechend propagiert hat.
Dies ist zumindest voreilig gewesen, denn immer noch stehen dem weltweiten Sieg über die Lepra zwei entscheidende Gründe entgegen. Thorsten Beil von der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe gibt die medizinische Antwort:

Beil: Ohne einen Impfstoff, der entwickelt wird, kann Lepra laut den Medizinern nicht ausgerottet werden. Wir brauchen einen Impfstoff; erst dann kann man Lepra endgültig besiegen.

Das langjährige Vorstandsmitglied des Deutschen Aussätzigen-Hilfswerkes, der Tropenmediziner Professor Klaus Fleischer, wirft der WHO sogar vor, mit ihren Siegesmeldungen kontraproduktiv zu wirken:

Wenn die Weltgesundheitsorganisation wirklich wie geplant im Jahre 2005 erklären sollte, dass Lepra weltweit unter Kontrolle sei, hätte vor allem Indien mit seinen 72 Prozent aller Neuerkrankungen eine vordergründige Rechtfertigung, die aktive Fall-Suche ganz einzustellen, um Kosten zu sparen. Wenn aber die Risikogruppen nicht mehr beobachtet und Mediziner und Krankenschwestern nicht mehr in Erkennung von Lepra geschult werden, baut sich eine stille, aber große Zahl von Kranken wieder auf. Nicht heute, nicht morgen, aber vielleicht in zehn Jahren hat dann Indien wieder ein riesiges Problem mit Lepra.

Aber der Experte Thomas von Stamm bleibt letztendlich gesundheitspolitisch optimistisch:

Von Stamm: Das ist etwas euphorisch und ist wahrscheinlich etwas übereilt beschlossen worden im Jahre 2001, als die World Assembly, also die Weltversammlung der WHO, beschlossen hatte, dass bis zum Jahre 2005 die Lepra überall in jedem Land unter 1 pro 10.000 Menschen als Neuerkrankung gesenkt werden sollte. Das Tempo zu erreichen, ist in einigen Ländern nicht zu schaffen. Ich bin da aber optimistisch, dass die WHO nächstes Jahr auch erkennt, dass es Dauerlauf ist, gegen die Lepra zu kämpfen, und nicht ein Spurt.
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