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4.2.2005
Fromme Wünsche
Philipp Jacob Spener und der Pietismus in Deutschland
Von Karl Friedrich Gründler

Die Politik des alten und neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten George W. Bush ist geprägt durch sein fundamentalistisch-christliches Weltbild. Dazu gehören Bibelfrömmigkeit, sittenstrenger Lebenswandel und missionarischer Eifer. Dieses Gedankengut brachten europäische Einwanderer nach Amerika, englische Puritaner und deutsche Pietisten. Philipp Jacob Spener, der Begründer des Pietismus, kam selbst nie nach Amerika. Er wirkte 20 Jahre lang in Frankfurt am Main als Pfarrer und verstarb am 5. Februar 1705, also vor 300 Jahren, in Berlin.

Philipp Jacob Spener wurde 1635 im Elsass geboren. Sein Vater ist Rat und Archivar bei den Grafen von Rappoltstein. Der kleine Philipp Jacob wächst in einem religiös geprägten Elternhaus auf, wie er später selbst beschreibt:

Diese meine lieben und nun seeligen Eltern haben mich sobald darauf durch das Bad der Heiligen Tauffe, dem Bunde Gottes einverleiben, und folglich in meiner Kindheit an gottseeliger Aufferziehung nach ihrem Vermögen nicht ermangeln lassen.

Bereits mit 16 Jahren beginnt Spener mit Glaubenseifer das Studium der alten Sprachen und der Theologie in Straßburg, wo sich einige Verwandte unter den Professoren befinden. Spener studiert mit Erfolg und strebt eine akademische Karriere an.
Wären da nicht die Zwistigkeiten zwischen den Lutheranern, zu denen Spener zählt und den Reformierten, den Anhängern der Schweizer Theologen Johannes Calvin und Ulrich Zwingli. Prof. Johannes Wallmann.

Wallmann: Er war bei der lutherischen Orthodoxie, also bei seiner Kirche etwas in Zweifel geraten, weil er den Reformierten Sympathien zollte. Und damals war sehr stark der Streit zwischen den Lutheranern und den Reformierten und er hatte deshalb wahrscheinlich keine Chance eine theologische Professur für lutherische Theologie in Straßburg zu erringen und hat sich deshalb auf eine Geschichtsprofessur gerüstet.

So wird Spener zunächst prominenter Experte für Ahnenforschung und Wappenkunde mit zahlreichen Kontakten zu Adligen im ganzen Reich. Statt der erhofften Geschichtsprofessur wird ihm von der Freien Reichsstadt Frankfurt am Main 1666 die Leitung des Pfarrkollegiums angeboten. Mit nur 31 Jahren wird er den dortigen Pfarrern vom Rat der Stadt vor die Nase gesetzt. Durch seine bedächtige, ausgleichende Art findet Spener jedoch bald Anerkennung unter den Kollegen und entwickelt seine eigenen Vorstellungen von Gemeindearbeit.
Als Aufsehen erregende Neuerung führt er am Sonntagnachmittag eine offene Bibelstunde ein, das so genannte "Collegium pietatis".

Wallmann: Neu war, dass sich da eine Gruppe von Christen außerhalb des Gottesdienstes traf, um die Bibel zu lesen, und sich gegenseitig zu besprechen und zu fördern in Fragen des christlichen Glaubens. Es waren ja solche Konventikel, wie man sie damals nannte, seit der Reformationszeit verboten worden. Und insofern war es damals etwas ganz außergewöhnliches, dass sich Spener außerhalb des Gottesdienstes solcher Versammlungen annahm und sie abhielt, wo dann auch Laien die Bibel auslegen und über die Bibel sprechen konnten.

Die wöchentliche Bibelstunde wird bald zum Markenzeichen des Pietismus. Spener lädt auch reformierte Gläubige und Frauen in die Versammlungen. Letztere dürfen allerdings nicht das Wort ergreifen. Spener hat vor allem Zulauf von Gläubigen, die den obligatorischen Gottesdienstbesuch als unzureichend empfinden. Prof. Dorothea Wendebourg

Wendebourg: Zum Gottesdienst zu gehen, gehörte zu den Christenpflichten, die im Rahmen der christlichen Disziplin eingeschärft wurden. Und da ging auch jeder. Die Kirchen waren voll. Man hatte gar keine Alternative. Aber viele Christen empfanden das als nicht hinreichend. Da saß man, da sang man da hörte man zu usw. aber es war ihnen nicht persönlich genug. Sie wollten einen Ort haben, wo sie selbst über ihre Frömmigkeit und aus ihrer Frömmigkeit heraus sprechen konnten.

Der Bibeltreff entspricht vor allem auch Speners Vorstellung von der Sonntagsheiligung, dem gottgefälligen Leben am Feiertag: statt Tanz, Kartenspiel und Trunk sollen sich die Gläubigen um die Bibel versammeln. Und mit der aktiven Beteiligung von Laien verwirklicht er seine Vorstellung vom sogenannten "allgemeinen Priesterturm". Jeder Gläubige, und dabei beruft er sich auf Luther, könne seinem Gott selbst gegenübertreten ohne Vermittlung eines ordinierten Priesters.

1675 veröffentlicht Philipp Jacob Spener sein Reformprogramm "Pia Desideria", zu Deutsch: "Fromme Wünsche". Darin beklagt er die Verweltlichung und den mangelnden Glaubenseifer seiner Mitmenschen.

Leben nicht die allermeisten - auf die großen Herren gesehen - in den Sünden und Weltlüsten, die das Hofleben zumeist mit sich bringt und fast unzertrennlich damit geachtet wird? Andere Magistratspersonen suchen den eigenen Nutzen, dass man aus solchem Leben mit Seufzen folgern muss, dass nur wenige unter ihnen wissen, was das Christentum sei.

Ist das nicht ein Jammer, dass wir blinden und verstockten Deutschen die rechte und wahre Religion durch unseren Unverstand, durch unordentliches Leben verjagen? Niemand denkt daran, sich zu bessern.


Von seinen Kollegen erwartet Spener wahre Frömmigkeit statt theologischer Gelehrsamkeit.

Doch das allerbetrüblichste ist, dass bei so vielen Predigern ihr Leben und der Mangel an Glaubensfrüchten anzeigt, dass es ihnen selbst an Glauben mangelt. Und dasjenige, was sie für Glauben halten und aus dem heraus sie lehren, ist durchaus nicht der rechte Glaube... sondern eine menschliche Einbildung. Da sie aus der Schrift aber allein deren Buchstaben ohne Wirkung des Heiligen Geistes... haben, sind sie von dem wahren himmlischen Licht und Glaubensleben ganz entfernt.

Spener ruft seine Mitchristen auf, sich intensiv der Bibel zu widmen und den Glauben zugleich durch Nächstenliebe ins Leben umzusetzen.

Man soll sich daran gewöhnen, nicht leicht eine Gelegenheit außer Acht zu lassen, wo man dem Nächsten eine Liebestat erweisen könnte. Und doch ist dabei zugleich das eigene Herz fleißig zu durchforschen, ob auch das aus wahrer Liebe gewirkt oder andere Absichten damit verbunden worden sind.

Der Gedanke, täglich die eigenen Handlungen und Gefühle zu erforschen, ist im Zeitalter des Barock, 300 Jahre vor unserer therapiegewöhnten Gesellschaft, völlig neu.

Wendebourg: Während die Reformation jedenfalls lutherischer Prägung eigentlich die Maxime gehabt hat: Guck von dir weg auf Christus. Das definiert Dich neu, kommt jetzt die Gegenbewegung: nein, du musst dich selbst angucken! Du musst in dich gehen, du musst sehen, ob du den Glauben auch fühlst. Du musst Deine Werke beobachten, ob sie gut genug sind. Deinen Tageslauf, ob er dem Evangelium entspricht. Diese Wendung zurück auf das Ich, das ist etwas Typisches für den Pietismus.

Außerdem will Spener das Theologiestudium mit Predigtübungen und Disputationen in deutscher Sprache praxisnäher gestalten. Glauben soll mehr wiegen als trockenes Wissen und wohl geschnitzte Reden.

Denn es ist gewiss, ein mit weniger Gaben ausgestatteter Mensch, der aber Gott herzlich liebt, wird auch mit geringeren Talenten und Gelehrsamkeit der Gemeinde Gottes mehr nutzen als ein doppel-doktor-mäßiger, nichtiger Weltnarr, der zwar voller Kunst steckt, aber von Gott nicht gelehrt ist.

Die Reaktion auf Speners Schrift ist eher lau. Zwar bekommt er in 300 Zuschriften vor allem Zustimmung. An einigen Fürstenhöfen und in eigenen Reichsstädten gründen sich Bibelkreise. Eine Studienreform setzt jedoch nur ganz langsam ein. In Frankfurt selbst gelingt es Spener als Beispiel der Nächstenliebe ein privat gefördertes Armen- Waisen- und Arbeitshaus der Stadt einzurichten. Seine Amtskollegen vor Ort verhalten sich reserviert gegenüber Speners Reformbemühungen. Und zunehmend bekommt er Schwierigkeiten mit den Aktivisten in der eigenen Gemeinde, die meinen,

Wendebourg: es reicht eigentlich nicht, die Kirche zu reformieren dadurch, dass man viele kleine Zirkel gründet, die dann wie Hefe von Innen her das Ganze der Kirche durchsäuern sollen. Sondern das Ganze der Kirche ist nicht zu retten. Wir müssen ausmarschieren und reine kleine Kirchen gründen. Er hat versucht das zu verhindern, musste aber erfahren, dass er dass nicht verhindern konnte. Das ganze diskreditierte natürlich seine eigene Arbeit, sodass er bald selber als eine Art Vater dieser Separation galt. Das machte für ihn das Leben in Frankfurt immer schwieriger. Er musste doch am Ende konstatieren, dass er mit seinen eigenen Kirchenreformbemühungen dort gescheitert war.

Einige seiner Anhänger wandern nach Pennsylvania aus um ihre "reine, kleine Kirche" in Germantown, heute ein Stadtteil von Philadelphia, zu gründen.
Spener selbst wird der Anfeindungen und Auseinandersetzungen in Frankfurt überdrüssig. 1686 folgt er gern der Berufung zum kurfürstlichen Oberhofprediger in Dresden, dem bedeutendsten Posten für einen evangelischen Theologen in Deutschland überhaupt.

Trotz seines Scheiterns in Frankfurt gilt er unter den Theologen Deutschlands als pietistischer Meinungsführer. Mit Briefen und Publikationen greift er in den Streit zwischen Reformern und Orthodoxen ein. Nicht immer mit Erfolg. So muss er 1690 das Verbot von pietistischen Bibelstunden in Sachsen hinnehmen. Das Verhältnis des Kurfürsten Johann Georg III. zu seinem Beichtvater Spener ist zu diesem Zeitpunkt bereits zerrüttet.

Wendebourg: Spener war alles andere als jemand, der kuschte vor der Obrigkeit. Er hielt diesem Kurfürsten vor, dass er nicht wie ein Christ lebe. Er trinke zuviel, er hure zuviel. Es gab immer wieder Zusammenstöße, bis der Kurfürst sagte, wenn dieser Spener hier bleibt in Dresden, muss ich meine Residenz wechseln. Schließlich kam es nicht ganz so weit. Sondern der Kurfürst von Dresden einigte sich mit dem Kurfürst zu Brandenburg in Berlin, dass der ihn doch wegholen solle. Und auf diese Weise hat man das Problem gelöst.

In Berlin wird Spener Probst an der Nikolai-Kirche, wirkt für zahlreiche Menschen persönlich und in Briefen als Seelsorger und streitet weiter für seine Glaubensgrundsätze mit den orthodoxen Lutheranern. Seine stupende Lutherkenntnis kommt ihm dabei zugute. Außerdem kann er mehrere verfolgte Glaubensbrüder in preußischen Pfarrämtern unterbringen, zum Beispiel in Halle den bereits aus Leipzig und Erfurt vertriebenen pietistischen Aktivisten August Hermann Francke. Der setzt dort die Spenersche Theorie in die Praxis um.

Wendebourg: Und er gründet dann eben dieses Imperium des Waisenhauses in Halle, das ja bald nicht nur ein Waisenhaus ist, sondern eine Art Industriezentrum und eine Ausbildungsstätte für Pfarrer. Also Francke ist wirklich ein praktisches Genie, Francke sieht auch darauf, dass Mission getrieben wird. Dass also Pietismus sich jetzt nicht nur innerhalb Deutschland ausbreitet, sondern auch den Rest der Welt umfasst.

Am 5. Februar 1705 frühmorgens stirbt Philipp Jacob Spener. Seine Vorstellungen vom gottgefälligen Leben, die Versammlung um die Bibel, die persönliche Heiligung und Verantwortung vor Gott tragen pietistische Missionare nach Indien, Afrika und Grönland.
Besonders spürbar geblieben ist der Einfluss pietistischer Auswanderer in den USA bis in die hohe Politik hinein. Und es sind amerikanische Evangelikale und Erweckungsbewegungen, die dem Pietismus heute in Deutschland erheblich Konkurrenz machen.

Literatur: Martin Brecht (Hg.), Geschichte des Pietismus, Bd. 1, 1993, 279-389.
Philipp Jacob Spener: "Umkehr in die Zukunft" Berlin 1988
Helmut Appel: "Philipp Jacob Spener" Berlin 1964
Magdalene Maier-Petersen "Der 'Fingerzeig Gottes' und die 'Zeichen der Zeit' Stuttgart 1984
Johannes Wallmann: "Kirchengeschichte Deutschlands seit der Reformation" Berlin 1973
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