MerkMal
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7.2.2005
Rosenmontag in Wahnmoching
Kultur und Karneval in München am Beginn des 20. Jahrhunderts
Von Udo Marquardt

Die Karnevalszeit ist die Zeit der Verkleidungen. Geschminkt, maskiert und kostümiert laufen die Narren durch die Straßen und feiern ihre Feste. Im Grunde werden die Menschen in diesen Tagen zu Künstlern - zu Verwandlungskünstlern. Kein Wunder, dass auch professionelle Künstler fasziniert sind von den Verwandlungsmöglichkeiten, die der Karneval bietet. MerkMal erzählt darüber, wie eine Kulturschickeria in München Karneval gefeiert hat, zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

München am Sonntag, den 22. Februar 1903. Es ist Fasching. Wir befinden uns in Schwabing, Leopoldstraße 87, in der Wohnung des Dichters Karl Wolfskehl, in der gerade ein antiker Maskenzug stattfindet.

Es lag doch viel heidnischer Glanz und Schimmer über dieser Nacht - bei einigen war es vielleicht nur allgemeine frohe Feststimmung - (…) - bei anderen wohl auch eine tiefe Entrücktheit aus der heutigen Welt. So Delius, der als römische Matrone in schwarzen Gewändern erschienen war; auf dem Kopf trug er einen schwarzen Schleier und in der Hand einen metallenen Triangel, dem er mit einem Stäbchen melodische Töne entlockte. Und auch bei dem Professor, der den indischen Dionysos darstellte, in purpurrotem Gewand mit Weinlaubkranz und einem langen goldenen Stab.

Die Beschreibung dieses legendären Faschingsfestes von 1903 verdanken wir Franziska Gräfin zu Reventlow. Schriftstellerin, Malerin, Lebenskünstlerin. Die Königin von Schwabing. Die Faschings-Szene stammt aus ihrem 1913 erschienen Roman "Herrn Dames Aufzeichnungen", wohl dem Schlüsselroman über die Schwabinger Boheme zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wie keine andere ist Franziska zu Reventlow geradezu prädestiniert, dieses Buch zu schreiben. Denn sie ist die Schwabinger Schlüsselfigur, so Petra Seifert, Germanistin und Leiterin literarischer Spaziergänge durch München.

Seifert: Sie war der Mittelpunkt, der absolute Mittelpunkt der Schwabinger Boheme. Und zwar sowohl des George Kreises, für die sie die heilige Hetäre, die heidnische Madonna mit dem Kind war, als auch für diejenigen, die zwar zur Schwabinger Boheme gehörten, aber nicht zum George-Kreis, also zum Beispiel Frank Wedekind. Sie war deshalb Mittelpunkt der Schwabinger Boheme, weil sie dieses Leben jenseits von Bürgerlichkeit, jenseits von Konformismus, jenseits von Konventionen, die damals für eine Frau um die Jahrhundertwende galten, lebte, und das sehr konsequent.

Geboren wird Franziska zu Reventlow 1871 in Husum. Die Eltern sind adelig, der Titel der Gräfin echt. Schon früh zeigt sich ihre rebellische Natur. Anstatt zu stricken, liest sie lieber fortschrittliche Romane. An ihrem einundzwanzigsten Geburtstag reißt Franziska aus. Sie will Malerin werden. Dass sie dazu nach München geht, ist kein Zufall; ebenso wenig ist es Zufall, dass sie in Schwabing wohnt. Die bayerische Hauptstadt ist die deutsche Kunststadt an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, das leuchtende Isar-Athen. Und Schwabing ist weitaus mehr als nur ein Stadtteil nördlich des Siegestores. Schwabing ist ein Geisteszustand. Franziska zu Reventlow erfindet dafür den Namen Wahnmoching.

Wahnmoching heißt wohl ein Stadtteil, aber das ist nur ein zufälliger Umstand. Er könnte auch anders heißen oder umgetauft werden, Wahnmoching würde dennoch Wahnmoching bleiben. Wahnmoching im bildlichen Sinne geht weit über den Rahmen eines Stadtteils hinaus. Wahnmoching ist eine geistige Bewegung, ein Niveau, eine Richtung, ein Protest, ein neuer Kult oder vielmehr der Versuch, aus uralten Kulten wieder neue religiöse Möglichkeiten zu gewinnen - Wahnmoching ist noch vieles, vieles andere, und das werden Sie erst allmählich begreifen lernen.

Tatsächlich ist das Schwabing der Jahrhundertwende ein regelrechter Tummelplatz späterer Berühmtheiten. Die Gebrüder Thomas und Heinrich Mann wohnen hier ebenso wie die Maler des Blauen Reiters oder Lenin. Eine zentrale Rolle spielen die so genannten Kosmiker. Sie meint Franziska zu Reventlow, wenn sie schreibt, in Wahnmoching mache man den Versuch, aus "uralten Kulten wieder neue religiöse Möglichkeiten zu gewinnen".

Die Kosmiker, das sind Stefan George, Ludwig Klages, Alfred Schuler und Karl Wolfskehl. Dichter, Philosophen, Schwärmer. Sie eint eine seltsame Mischung aus Irrationalismus, Schwärmerei, Zivilisationskritik und Lebensfreude. Eine Mischung, die in Schwabing schnell zu einer Attraktion wird, denn allen in Wahnmoching geht es um das gleiche:

Seifert: Man lebte eigentlich für das Leben selber. Leben war Lebenssinn. Klingt heute ein bisschen komisch. Man versuchte eine bestimmte Form, möglichst nah wieder an das, was man sich vorstellte, was Leben ist, was Lebensfreude ist; was aber nicht nur Lebensgenuss ist, sondern auch Leben mit allen Facetten, das heißt Freud und Leid, Lust und Trauer, alles zusammen zu bringen und das auch auszudrücken.

Ein wesentlicher Ausdruck für den Schwabinger Lebenshunger sind die Feste, die überall gefeiert werden. Vor allem in der Faschingszeit vergeht fast kein Abend ohne einen Ball oder Maskenzug.

Seifert: Das eine das waren diejenigen, die so eher dem etwas unkomplizierten Lebensgenuss frönten, die auch bei den verschiedenen Faschingsfesten, bei der Bauernkirchweih, bei den Atelierfesten, bei Gauklerball mitmachten.

Die Beschreibung eines solchen volkstümlichen Festes stammt von Mieze Römermann, einer Freundin von Ludwig Klages. Es handelt sich um die Elendenkirchweih beim Rabenwirt in Pullach, an der fast ganz Wahnmoching teilnimmt.

Ich hatte mich als zerlumptes Zigeunermädchen kostümiert … Als wir bei Wolfskehl uns mit den anderen Schwabingern treffen, um zusammen ins Isartal zu fahren, kommt auch Stefan George herein, um uns alle prüfend zu betrachten, kommt auf mich zu und sagt mit seiner schnarrenden Stimme sein Urteil, dass ich die beste Maske sei. Die Reventlow war als Hingerichtete erschienen mit einem feinen roten Strich um den Hals und im Arme-Sünder-Kleide …

Es ging mit der Tram und Eisenbahn bis Grosshesselohe, wo uns lange Bauernschlitten erwarteten, jeder mit vier dicken Rössern bespannt, Fackelreiter zur Seite, so wurden wir nach Pullach geleitet, wo beim Rabenwirt sich das fahrende Volk ein Stelldichein gab. Ich saß vor auf dem Schlitten (..) und sah bald selig in den klaren Sternenhimmel hinauf, bald auf das bunte Volk um mich her. Dann Halt! Da waren wir. Ich trete ein, sofort sind Masken um mich, die mit mir tanzen wollen… - ich fliege von einem Arm in den anderen, ich tanze, bis ich beinahe umfalle, sehe überhaupt keinen einzelnen mehr, über mir Tannengwinde, bunte Fahnentücher, Lichter, rote Lichter, Kränze, sich drehende Lichterkränze, Musik, Musik, bacchantisches Treiben.

Doch nicht allen in Wahnmoching genügt es, bis zum Umfallen zu tanzen. Die Kosmiker hatten durchaus eine andere Vorstellung vom Fasching, so Petra Seifert.

Seifert: Dann gab's diejenigen, die das ideologisch enger fassten, die auch einen Begriff dafür hatten: die Lebensgluten, das war der George-Kreis, und die feierten eine Art Bacchanalien, spätantike Orgien - waren allerdings harmloser als der Begriff Orgie vermuten lässt. Und die hatten die Idee, dass Leben richtig noch vorhanden war in der Spätantike und dass man dieser Form, diesen Lebensgluten, nacheifern, nahe kommen müsste, indem man eben spätrömische Feste nachfeiert.

Und so trifft man sich am 22. Februar 1903, um einen antiken Maskenzug zu veranstalten. Stefan George geht als Caesar, Alfred Schuler als Persephone, der Dichter Henry von Heiseler als Hermes. Dem Maskenzug folgt das "Antike Fest". Karl Wolfskehl hält den Stab des Dionysos und Schuler gibt die Urmutter, die Magna Mater. Ernst und erhaben soll es zugehen, doch nicht immer klappt es mit der Erhabenheit, wie Franziska zu Reventlow bei Wolfskehl mit seinem Dionysosstab beobachtet.

Beim Tanzen raste er wild daher, und seine Augen rollten (...). An Rauschfähigkeit fehlte es ihm sicher nicht, und er lebte ganz in seiner Rolle, wenn es so nennen darf - außer bei einer kleinen Szene. Maria verfiel in einem animierten Moment darauf, an seinem ungeheuren goldenen Stab empor zu klettern - er schaute sie froh entgeistert an, hielt ihr den Stab hin, und der Stab brach in der Mitte durch. Schade, aber in diesem Moment versagte sein heidnisches Empfinden, und er wurde ärgerlich. Nach meinem Gefühl dürfte Dionysos sich nicht ärgern, wenn Bacchantinnen oder Hermaphroditen etwas entzweibrechen.

Doch Humor, wie ihn die Gräfin hat, ist Sache der Kosmiker nicht. Sie meinen es bitter ernst. Ein Zeitgenosse spottet deshalb über sie:

Feierlich sein ist alles! Sei dumm wie ein Thunfisch, temperamentlos wie eine Qualle, stier besessen wie ein narkotisierter Frosch, aber sei feierlich, und du wirst plötzlich Leute um dich sehen, die vor Bewunderung nicht mehr mäh sagen können.

Franziska zu Reventlow ist nicht die einzige, die den Rosenmontag in Wahnmoching beschrieben hat. Auch der heute fast vergessene Romancier Oscar A. Schmitz hat an dem "Antiken Fest" bei Karl Wolfskehl teilgenommen. In seinem 1912 erschienen Roman "Bürgerliche Boheme" macht er aus dem Faschingsfest ein Sommerfest. Wolfskehl heißt bei ihm Österrot.

Ich fühle, wir wandeln im Augenblick eine verbotene Straße. Diese Menschen wollen keine Männer und Frauen sein. Sie wollen Mädchen und Epheben bleiben und den unentschiedenen, berauschenden Spannungszustand der Jugend bis über die Lebensreife hinaus verlängern. So etwas wie dieses gemeinsame Bad - es war ein glühender Augenblick - aber fühlen Sie nicht, so etwas darf man nie wiederholen, dann würde es hässlich und gemein oder zum mindesten gewollt und gesucht werden, wie das, was diese Apostel tun, die heute Nacktkultur predigen. Wir sind an die Grenze solchen heute möglichen heidnischen Daseins gelangt, wie es Österot nennt, und dies Fest ist die letzte Ausschöpfung. Oh, wenn wir nur stark genug sind, aufzuhören, ehe der Rest schal wird!

Der Rest wird tatsächlich bald schal. Nach dem Rosenmontag beginnt auch in Wahnmoching der Aschermittwoch. Ende 1903 machen die Kosmiker Klages und Schuler mit ihren abstrusen Theorien plötzlich Ernst. Sie stellen sich die Frage: Wer ist Schuld am Untergang der heidnischen Substanz? Ihre Antwort darauf: die Juden. Wenn das aber so ist,- was ist dann mit den jüdischen Freunden in Schwabing? Was ist vor allem mit dem Juden Wolfskehl? An Stefan George stellen Klages und Schuler die Frage:

Was bindet Sie an Juda?

... und fordern den radikalen Bruch mit Wolfskehl. George weigert sich. Der Kreis der Kosmiker zerbricht. Die Stimmung in Wahnmoching verändert sich langsam. Franziska zu Reventlow reist jetzt immer öfter ins Ausland. 1910 verlässt sie München endgültig. In der Künstlerkolonie von Ascona schreibt sie ihren Schwabing-Roman. "Herrn Dames Aufzeichnungen" erscheint 1913. In diesem Jahr kommt Adolf Hitler in München an. Ein Jahr später beginnt der Erste Weltkrieg.
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