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11.2.2005
Der Bombenkrieg - Erinnerungen an Dresdens Inferno
Reihe: neunzehn fünfundvierzig
Von Peter Kirsten

Blick vom Dresdener Rathausturm auf die zerstörte Stadt 1945 (Bild: AP Archiv)
Blick vom Dresdener Rathausturm auf die zerstörte Stadt 1945 (Bild: AP Archiv)
Vor 60 Jahren nahte das Ende des Zweiten Weltkrieges. Hitler und Goebbels gaben unverdrossen Durchhalteparolen aus, während die Wehrmacht immer weniger in der Lage war, den Angriffen der Alliierten standzuhalten. Die Luftwaffe schaffte es kaum noch, die deutsche Bevölkerung vor den alliierten Bombern zu schützen, und so kehrte der Bombenkrieg in das Land zurück, das zu Beginn des Krieges die Städte der Gegner verwüstet hatte. In der Nacht vom 13. auf den 14. Februar wurde Dresden weitgehend zerstört.

Pfarrer Fritz: Die Glocke, die mittags läutet, ist die Friedensglocke, trägt den Namen des Propheten Jesaja und trägt die Inschrift: "Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen."

Stephan Fritz, der Pfarrer der wieder aufgebauten Frauenkirche in Dresden. Seit dem 1. Februar 2005 ist die obere Plattform ganz dicht unter dem goldenen Turmkreuz für die Besucher zugänglich. Wer hier oben steht, hat einen freien Rundblick auf die Altstadt und Neustadt Dresdens, die am 13. und 14.Februar 1945 Zielgebiet der Bombenangriffe war:

Das Datum eines Angriffs wird von der Wetterlage bestimmt. Für die Nacht des 13. Februar sagen die Meteorologen über Dresden einen klaren Himmel voraus. Das Britische Bomber Command informiert die Rote Armee, deren Frontlinie 150 Kilometer von der sächsischen Metropole entfernt verläuft. Am Nachmittag des 13. Februar steigen von englischen Flugfeldern 245 Lancaster - Maschinen der 5. Bomberflotte zum Nachtangriff auf. Widerstand ist nicht zu erwarten. Die Stadt ist verdunkelt, keine Straßenbeleuchtung, es gibt noch Kinos und auch einige Gaststätten haben geöffnet. Es ist ein Faschingsdienstag. 21.40 Uhr wird Luftalarm ausgelöst, 20 Minuten später erreichen die ersten Bomber die Stadt:

Bergander: Als erstes trafen die so genannten Beleuchter über Dresden ein…

Götz Bergander, heute Historiker und Chronist des Geschehens, lebte als Siebzehnjähriger mit seinen Eltern in der Friedrichstadt, ein Bezirk westliche der Altstadt.

…Das waren hochfliegende Bomber, die weiß und grün brennende an Fallschirmen hängende sehr stark strahlende Leuchtbomben abwarfen. Sie leuchteten das Stadtgebiet aus, dadurch fanden die heraneilenden Moskito-Bomber die Stadt sehr gut, sie lag schon ausgeleuchtet unter ihnen und sie konnten bis auf ungefähr 300 Meter heruntergehen im Sturzflug und ihre Leuchtbomben mitten in den vorgesehenen Zielablaufpunkt, das war das Ostragehege, markieren. Sie warfen dort wiederum rot brennende Leuchtbomben ab, die sehr lange Zeit brannten.

Nachdem das Zielgebiet ausgeleuchtet und markiert ist, erteilt der über Dresden kreisende Masterbomber 22.11 Uhr den Befehl zum Angriff. Das Flächenbombardement beginnt.
Die Strategie, die dem Angriff zugrunde liegt, wurde fast auf den Tag genau drei Jahre früher beschlossen. Am 14. Februar 1942 erging an die britische Royal Air Force die Direktive zum "moralischen Flächenbomben", mit der die Zerstörung von Siedlungsgebieten zum vorrangigen Ziel erklärt wurde. Diese Wende blieb unter britischen Politikern nicht unwidersprochen:

Natürlich haben die Deutschen angefangen, aber wir nehmen uns ja auch sonst nicht den Teufel zum Vorbild.

Solche Bedenken änderten nichts an der wachsenden Intensität der Angriffe. Erstes Ziel der neuen Strategie war die Hansestadt Lübeck. Sie wurde am Palmsonntag 1942 zerstört.
Vom August bis Oktober ließ der Oberbefehlshaber des Britischen Bomberkommandos Arthur Harris ein Flugblatt in vier Millionen Exemplaren verbreiten:

Warum wir das tun? Nicht aus Rachsucht - obwohl wir Warschau, Rotterdam, Belgrad, London, Plymouth, Coventry nicht vergessen. Wir bomben Deutschland, eine Stadt nach der anderen immer schwerer, um euch die Fortführung des Krieges unmöglich zu machen. Das ist unser Ziel. Wir werden es unerbittlich verfolgen. Stadt für Stadt: Lübeck, Rostock, Köln, Emden, Bremen, Wilhelmshaven, Duisburg, Hamburg - und die Liste wird immer länger. Lasst euch von den Nazis mit ins Verderben reißen, wenn ihr wollt. Das ist eure Sache... In Köln, im Ruhrgebiet, in Rostock, Lübeck oder Emden mag man der Ansicht sein, dass wir mit unseren Bomben schon allerhand geleistet haben. Wir sind anderer Ansicht. Was ihr bisher erlebt habt, wird nicht zu vergleichen sein mit dem was kommt, sobald unsere Produktion von Bombenflugzeugen erst zu einem Strom anschwillt und die amerikanische sich verdoppelt und vervierfacht.

Um Mitternacht vom 13. zum 14. Februar 1945 bewegt sich ein etwa 200 Kilometer langer Strom von 550 Lancaster-Bombern zum zweiten Angriff auf Dresden zu. Diesmal ist es ganz leicht das Zielgebiet zu finden:

Bergander: Die Besatzungen berichten auch, dass sie schon aus 150 Kilometern Entfernung einen roten Schein gesehen haben, der immer größer wurde und dass sie so etwas selbst noch nicht gesehen hatten, die Feuer, auf die sie zuflogen.

Bei den beiden Nachtangriffen fallen auf Dresden 1400 Tonnen Minen- und Sprengbomben und 1100 Tonnen Brandbomben. Dieses Gemisch löst den verheerenden Feuersturm aus, der Stadt und Menschen verbrennt. Keller bieten keinen Schutz mehr, weil Hitze und Sauerstoffmangel Leben unmöglich machen. Die, die es noch können, fliehen aus der Innenstadt in die Außenbezirke oder wenigsten auf die Elbwiesen oder in den Großen Garten, eine Parkanlage von fast zwei Quadratkilometern Fläche:

Palucca: Da habe ich nun ganz Schreckliches durchgemacht…

Die Tänzerin und Tanzpädagogin Gret Palucca gründete 1925 in Dresden eine Schule für den modernen Tanz und lebte seit dieser Zeit in der Stadt.

…Ich wohne mitten in der Stadt und im Hause, wo ich wohne, sind fast alle umgekommen und zwar weil die haben sich nicht mehr rausgetraut. Wir waren ja im Keller, ungefähr dreiundsechzig Menschen und da habe ich mir gesagt, nee also hier muss man ja umkommen, weil da überhaupt kein Bunker nichts war. Da bin ich dann ins Feuer raus gelaufen, bin dann noch über eine Mauer gesprungen. Noch eine Schülerin, wir sind die einzigen gewesen, die raus gekommen sind. Und ich habe Fürchterliches durchgemacht dann auch im Großen Garten, ganz schreckliche Dinge, und ich habe zwei Jahre gebraucht, bis ich das überwunden hatte überhaupt. Ich habe immer angefangen nachts zu schreien, weil ich diese Bilder sah.

Fleischer: Der Große Garten, der fast bis ans Stadtzentrum heranreicht…

Wolfgang Fleischer, Historiker am Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden.

….spielt in der Nacht vom 13. zum 14. Februar insofern eine interessante Rolle, viele Dresdner suchten aus dem Feuersturm dort Zuflucht, angrenzender Zoo eingeschlossen. So und der Masterbomber der Engländer, der ja über dem Zielgebiet kreist, stellt fest, dass also eine große Fläche dicht am Stadtzentrum nicht brennt wie die anderen Stadtteile und er beordert immer neue Bomberstaffeln heran, die dieses Gebiet in Brand setzen. Die Leidtragenden sind die vielen Dresdner gewesen, die dort Zuflucht gesucht hatten, die natürlich jetzt von den Sprengbomben, den Luftminen getötet worden sind. Und auch die viele Tiere, die aus dem Zoo geflüchtet sind, die Gelegenheit hatten, nachdem ihre Gehege zerstört waren, die dann, was die Zeitzeugen auch immer wieder schildern, im Großen Garten herumirrten.

Ein dritter Angriff fand zur Mittagszeit des 14. Februar statt. An das Geschehen bei Tag knüpfen sich bis heute leidvolle Erinnerungen an Tieffliegerangriffe auf Menschen, die sich in den Großen Garten und auf die Elbwiesen geflüchtet hatten. Den Berichten von Zeitzeugen stehen die Urteile von Historikern gegenüber. Im Feuersturm von Dresden kamen 35.000 Menschen um. Das Unbegreifbare für die Bevölkerung: ihre Stadt wurde in wenigen Stunden in Schutt und Asche gelegt, sie existierte nicht mehr. Damals wusste noch niemand, dass so etwas einmal in Sekunden geschehen kann. Das Trauma, das hier entstand, prägte Biografien, Berichte und Legenden. Die Oral History, die mündliche Überlieferung, war weit verbreitet. Was vom Geschehenen mitgeteilt werden konnte, erzählten Eltern ihren Kindern und später Großeltern ihren Enkeln:

Mann: Im Zoologischen Garten, der ist doch dort gewesen.
Frau: Der ist auch kaputt gegangen.
Mann: Den haben sie auch bombardiert.
Kind: Die armen Tiere.
Mann: Die Tiger und Löwen…
Frau:…die haben neben den Menschen gelegen.
Mann: Vielleicht nicht alle, die wurden dann zum Teil eingefangen.
Frau: Das ist dann durchgekommen, hat doch in den Zeitungen gestanden … die haben Hilfe gesucht bei den Menschen, sich bei den Menschen hingelegt und da sind noch so viele kaputt gegangen.

Die Spätphase des Krieges verlangte noch unzählige Opfer auf allen Seiten. Dresden war in dieser Phase nicht die erste und nicht die letzte Stadt Deutschlands, die durch Flächenbombardements zerstört wurde. Mit der Ausweitung dieser Strategie wurden die Bedenken der britischen Politiker, die von Anbeginn vorhanden waren, größer. Selbst Premier Winston Churchill zeigte sich bei der Analyse der Zerstörungen Dresdens erschüttert. Ein Zurück war durch die Verhärtungen in diesem Krieg nicht mehr erreichbar. 1984 offenbarte der renommierte Physiker Freeman Dyson, der während des Krieges im Forschungszentrum des Bomber Commands arbeitete:

Ich habe mich krank gefühlt von dem, was ich wusste. Ich habe mich viele Male dazu entschlossen, dass ich die moralische Pflicht hatte, auf die Straße zu rennen, um dem britischen Volk zu sagen, welche Dummheiten in seinem Namen begangen wurden. Aber ich hatte nicht den Mut dazu.

Pfarrer Fritz: Ich erinnere mich noch sehr gut, das ist teilweise immer noch so im Dresdner Bewusstsein; es war ein völlig, völlig unnötiger Angriff und es war eine Kulturstadt, die überhaupt nicht damit gerechnet hat. Das mag auch das Erleben der damals Betroffenen wirklich widerspiegeln. Aber wenn wir uns das genau überlegen, war auch selbst selbst die Kulturstadt Dresden keine völlig unschuldige Stadt.

Die Dresdner Bürger waren von jeher stolz auf ihre Stadt der Künste mit dem Zwinger, dem Grünen Gewölbe, der berühmten Gemäldegalerie und der Frauenkirche, stolz auf ihren Kreuzchor und die Semperoper, auf die Technische Hochschule mit ihrem exzellenten Weltruf. Hier lehrte vor 1933 der Romanist Victor Klemperer. Am 13. Februar 1945 war er in der Stadt unterwegs um jüdischen Bürgen die Deportationsbefehle zu überbringen. Der Angriff rettete ihm und manchen seiner Leidensbrüder das Leben. Der für den 16. Februar geplante Transport nach Theresienstadt konnte nicht mehr stattfinden.

Die Dresdner hatten für ihre prachtvolle und verwundbare Stadt Schonung erhofft. Der mörderische Krieg, der von Deutschland entfacht worden war, hatte sie ihnen nicht gewährt. In die Erinnerung der Älteren an das persönliche Leiden mischt sich bis heute Trauer um diese unerfüllte Hoffnung und das von ihnen erlebte Sterben der Opfer. Die heute wieder aufgebaute Frauenkirche ist mit den verbrannten alten Steinen in ihren Mauern ein Mahnmal und zugleich ein Zeichen der Versöhnung:

Pfarrer Fritz: Ich denke, die Richtung unseres Erinnerns heute muss sein, der historischen Wahrheit Recht zu geben, es muss sein zu würdigen, dass wir sechzig Jahre nach dem Kriegsende eine wieder aufgebaute Stadt Dresden haben, dass große Leistungen vollbracht wurden. Wir sind nicht mehr in der Stunde Null wie das so getan wird, wenn man mit Grablichtern durch die Stadt zieht wie die Rechtsextremen das tun. Und wir leben mit den Völkern, mit denen sich Deutschland damals im Krieg befand heute in europäischer Nachbarschaft und Freundschaft. Und das ist ein enorm hohes Gut, das wir uns nicht nehmen lassen wollen. Die Kirche, in der wir uns befinden, wird gekrönt von einem Turmkreuz, das ein Geschenk des britischen Volkes ist.
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