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9.2.2005
Der Kaiser trägt ein Genie zu Grabe
Von Claude Keisch

Als sei man in eine legendenhafte Renaissance zurückversetzt, da Fürsten sich vor den Künstlern verneigten: Am 13. Februar vor 100 Jahren war die eigens in Schwarz und Silber drapierten Kuppelrotunde des Alten Museums Schauplatz eines der großen Kulturereignisse des sterbenden Kaiserreichs: der Trauerfeier für den in seinem 90. Jahr gestorbenen Adolph Menzel - nein: Prof. Dr. von Menzel, wie er seit kurzem hieß, Exzellenz, Ritter höchster Orden, Kanzler der Friedensklasse des Ordens pour le mérite; der Hofprediger sprach vor der Kaiserfamilie, den Ministern, dem diplomatischen Corps.

Die Veranstaltung in diesem Pantheon schien einem hohen Staatsdiener zu gelten, nicht dem viel umfassenden, freien Künstlergeist, dem Maler der "Berlin-Potsdamer Eisenbahn" wie des "Flötenkonzerts" und des "Eisenwalzwerkes", dem unendlich vielseitigen Zeichner. Als sollte gerade das Eigentliche gelöscht werden?! - Wilhelm II. hatte die Hoftrauerequipage und Ehrenwachen zur Verfügung gestellt, die Trauerfeier inszeniert, den Wortlaut des offiziellen Nachrufs angeordnet und der Kranzschleife bestimmt:

Dem Ruhmeskünder Friedrichs des Großen und seiner Armee - in unwandelbarer Dankbarkeit - Wilhelm II. und seine Armee.

"Und seine Armee" - das ist die auch damals verfassungswidrige Sprache eines absoluten Monarchen. Wilhelm II., dem die Kunst ausschließlich zur Abstützung der eingerichteten Macht diente und der sie in die erstickende Umarmung eines radikalen Konservatismus nahm -

Völker Europas, schützt eure heiligsten Güter.

… (vor den fremden Barbaren nämlich, und das deutsche Kaiserreich drängte auch zur Kolonialmacht). Von einigen deutschen Landesfürsten kulturpolitisch längst überholt, verschanzte sich Wilhelm II. hinter wenigstens einem unbestrittenen Genie: Menzel, dessen Werk aber fälschend ausgeleuchtet werden musste: der überwiegende Teil ausgeblendet, der Rest, die historischen Darstellungen, patriotisch uminterpretiert und gleichsam als Verlängerung der Reihe der Berliner Hohenzollerndenkmäler missbraucht. Den Künstler selbst überschüttete er mit Gunstbezeugungen, um ihn zur offiziellen Person umzubauen. Als der 83-Jährige den Schwarzem Adlerorden und das Adelsprädikat erhielt, schrieb die Vossische Zeitung missbilligend:

Seine Freunde sollen lernen, ihn fortan von Menzel zu nennen.

Dass die ganze Gilde der Künstler durch diese Ehrung erhöht werde, wie ihr Empfänger höflich meinte, leugnete Gerhart Hauptmann, dessen Drama "Die Weber" wenig zuvor Unruhe auf die deutschen Bühnen getragen hatte:

Jedes wahre Genie hat etwas von Jesus Christus, und man denke sich diesen mit dem Schwarzen Adlerorden; es wäre doch furchtbarste Blasphemie. Ein Mensch wie Menzel, welcher Auszeichnungen annimmt, sinkt unter sich [...], er verrät den Gott in sich.[...].

Der Alte stand aber seit Jahrzehnten zu Hof und Staat nur in gesellschaftlicher, nicht in Arbeitsbeziehung. Einmal, es war Jahrzehnte her, hatte er ein politisches Bild - für Wilhelm I. - gemalt, dessen Krönungsfeier. Und dazu behauptet:

Das Bild, und allerdings in der Fassung, zu der ich mich begeistert fühlte, war mir [...] vom ersten bis letzten Strich keine Marter. Im Gegentheil ein Feld fortwährend interessanter lehrreicher Aufgaben und Uebungen. Ferner: hat keinerlei Dreinreden oder Intriguiren und was dahin gehört stattgefunden. [...] Man hat mich völlig souverän walten lassen.

Nein! Wir wissen, dass der Auftraggeber, und zwar mehrmals, tief greifende Änderungen verlangte. Vertrag ist Vertrag! Doch für Menzel, der - ganz modern - seine künstlerische Souveränität eifersüchtig wahrte, war das eine Ausnahmesituation, die er wenigstens nachträglich ableugnen und schnell vergessen musste. Als sie sich aber bald darauf mit einer großen historischen Komposition zu wiederholen drohte, da ließ er das hoffnungsvoll begonnene Werk unfertig und misshandelte es gar. Für Kaiser und Staat, die Aufträge patriotischer Kunst in Fülle zu vergeben hatten, stand sein Pinsel nie mehr zur Verfügung. Oder gar zu Schlachtenbildern?

... bin kein Schlachtenmaler, kann auch keiner sein wollen... - Der Bedarf ist für das patriotische Bedürfniß von anderen Seiten gedeckt worden; und über das Alles: muß denn der Gräuel gemalt werden?!?

Denn im Krieg von 1866 hatte er mit sterbenden Soldaten in einem Lazarett den Alltag des Krieges festgehalten. Ein hoher Kunstbeamter, der ihn gut kannte, hielt im Nachruf fest, Menzel sei "dem Staate gegenüber, wenn nicht misstrauisch, so doch zurückhaltend" geblieben.

Also keinerlei Dienstbarkeit, keine. Doch den reichen Ehrenschmuck, den ihm der letzte Kaiser überhängte, wies der in bitterer Armut aufgewachsene Künstler nicht zurück. Seine Dankbarkeit erzeugte keine künstlerischen Fakten, löschte aber alte Rankünen:

Im übrigen, diese elenden Anekdoten! [...] Wo irgendein Widerspruch gegen den Willen und Wunsch eines Monarchen sich verspüren lässt, da wird das gleich als große Mannestat gepriesen. Ich danke für dieses Lob. [...] Es fehlt mir an Worten, zu sagen, wie tief durchdrungen ich bin von Dankesgefühlen gegen unsre Hohenzollernkönige …

Diplomatische Worte, mehr oder weniger treu überliefert von einem Journalisten. - Fünf Wochen vor dem Tod empfängt Wilhelm unverdient Menzels vielleicht letzte schriftlichen Sätze, jeder mit Ausrufezeichen, atemlos:

Jedes Jahr ist für mich wie immer einen Monat kürzer! - so auch dieses! Die letzte Stunde ist vor der Thür!!! Schütze der Himmel Eure Majestät und Ihr ganzes Hohes Haus! und unser Deutsches Vaterland!

Wenige Tage darauf die Antwort:

Meine liebe Exzellenz!

mit der Schlussformel:

In dankbarer Verehrung verbleibe ich stets Ihr wohlaffektionierter König

"Wohlaffektionierter König", das ist die Sprache Friedrichs des Zweiten, und die Identifikation mit dessen Kultur- und Kriegsruhm wird unterstrichen durch den Zusatz in Friedrichs Lieblingssprache:

und dankbarer admirateur de l'incomparable peintre

Bewunderer des unvergleichlichen Malers! Aber - in wie scharfer Kurve das Kompliment in die politische Perfidie geglitten ist! Denn "Ihr König" (statt Kaiser) meint Preußen, nicht Deutschland, die Autorität der Dynastie, nicht der Verfassung. Das passt zu dem Abschiedswort:

Dem Ruhmeskünder Friedrichs des Großen und seiner Armee [...] Wilhelm II. und seine Armee.

Aber - in Menzels derart gelobten alten Bildern und Holzschnitten zur Epoche Friedrichs des Großen steckte ein entschieden aufklärerischer, volksnaher Geist; sie nachträglich als Hymnen auf die Hohenzollern auszugeben, war eine Fälschung, der kaum einer widersprach - wohl aber der Publizist Franz Mehring, ein linker Sozialdemokrat, im Namen von Menzels künstlerischer Bedeutung. Der Maler sei keineswegs durch den "geschäftlichen Zufall" eines Auftrags zu seinem Geschichtsstoff gekommen, sondern habe ihn

... aus künstlerischer Neigung ergriffen und ihn mit künstlerischen Mitteln behandelt, in dem alleinigen Drange künstlerischen Schaffens.

Menzels spätes Werk aber, ganz auf die Gegenwart und ihre Veränderungen gerichtet, ist erst recht voll kritischer, oft sarkastischer Töne. Eines seiner letzten kleinen Gouachebilder zeigt deutlich, wie er die Herrschaftsstrukturen seiner Zeit wahrnahm. Ein Eisenwalzwerk, wie es ihm schon den Stoff zu einem seiner berühmtesten Bilder schenkte; aber jetzt empfängt im dampfigen Werkraum der Fabrikherr vornehmen Besuch: da gibt es Verbeugungen bei gelüftetem Zylinder, Damen mit Blumenhüten, ein weißgelocktes Luxushündchen. Ganz vorn aber, in unwirklicher Größe dem Betrachter zugewandt, schwingt ein Arbeiter die Schaufel und entblößt in einem grimmigen Grinsen der Anstrengung wölfige Zähne. Das ist in keiner Weise die von Wilhelm II. geforderte Kunst, die

… erhebt statt dass sie in den Rinnstein niedersteigt//.

In seinen letzten Jahren hatte Menzel aber auch - listig? - die lange zurückgehaltenen Jugendarbeiten in Umlauf gebracht ("Das Balkonzimmer" usw.), deren vitale Frische - man sprach von vorweggenommenem Impressionismus - der offiziellen Sprachregelung sichtbar widersprach. Damit schien sich aber das Werk abgrundhaft zu spalten: War Menzel ein Prophet der internationalen Moderne, der malerischen Entdeckung der Gegenwart? oder ein patriotischer Preuße und Fürstendiener? Und bis heute ist es die Anstrengung wert, in dieser verwirrend reichen Lebensleistung dem universalen Grundton zu lauschen, der sie "im Innersten zusammenhält".
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