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14.2.2005
Der Bombenkrieg in Europa
Reihe: neunzehn fünfundvierzig
Von Wolf Sören Treusch

Die Ju 87 Stuka der Wehrmacht (Bild: AP Archiv)
Die Ju 87 Stuka der Wehrmacht (Bild: AP Archiv)
Wann immer die Rede auf alliierte Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg kommt, steht die Bombardierung Dresdens ganz oben auf der Liste der Beispiele. Vor allem in diesen Tagen, an denen wir des 60. Jahrestages der Zerstörung der sächsischen Hauptstadt gedenken. Dabei sollte allerdings nicht vergessen werden, dass der Luftkrieg der Alliierten gegen deutsche Städte eine Vorgeschichte hatte. Lange bevor die Flächenbombardements begannen, hatten Hitlers Flieger schon Städte wie Guernica, Warschau, Rotterdam und Coventry in Schutt und Asche gelegt.

Die Luftwaffe ist der besondere Stolz des Nazi-Regimes. Im September 1939 gilt sie als die stärkste der Welt. Mit einer Streitmacht von etwa 2000 Sturzkampfbombern, den so genannten Stukas greift Hitler Polen an. Die ersten Bomben werfen die Piloten noch gezielt auf militärische Einrichtungen, sehr bald jedoch attackieren sie auch zivile Ziele. Ein Kampfflieger berichtet von seinem Einsatz.

Wir teilten uns in zwei Schwärme und flogen die Hauptverkehrsstraßen, auf denen die Polen zurückfluteten, an. Auf den Straßen herrschte ein dichtes Gedränge, Kolonnen hatten sich an den Straßenkreuzungen gestaut, wir zogen hoch und schossen mit unseren Waffen und Kanonen zwischen die wild umher laufenden Leute. Wir sahen, wie die Pferde ausbrachen, Geschütze umgeworfen wurden, ein Kutscher, der auf seinem Bock saß und die Pferde antreiben wollte, flog, von einer Kanonenkugel getroffen, von seinem Bock herunter, sein Wagen kippte anschließend um, es war ein gewaltiges Durcheinander. Die ganzen Straßen waren bedeckt, als wir das zweite Mal zurückkamen, von zerschossenen Wagen und zerschossenen Pferden. An allen Stellen waren Stauungen eingetreten.

Unter dem Decknamen "Wasserkante" hatte die deutsche Luftwaffe schon vor Kriegsbeginn einen Angriffsplan gegen Warschau entworfen. Am 24. September 1939 setzt sie ihn in die Tat um. Drei Tage lang bombardieren deutsche Kampfflieger die polnische Hauptstadt - es ist das erste Flächenbombardement einer Großstadt in der Geschichte des Luftkrieges.

Auf dem Höhepunkt des Angriffs, am 25. September, wirft die Luftwaffe 487 Tonnen Sprengstoff und 72 Tonnen Brandbomben ab. Da sie nicht genügend Stukas zur Verfügung hat, setzt sie auch Transportflugzeuge vom Typ Ju-52 ein - die Brandbomben werden mit Kohlenschaufeln ungezielt über Warschau abgeworfen.

Der jüdische Musiker Wladyslaw Szpilman, dessen Überleben im Warschauer Ghetto Roman Polanski später verfilmt, hört gerade Radio, als das Rundfunkgebäude beschossen wird.

Szpilman: Plötzlich wie ein Knall höre ich und keine Musik mehr. Ich wusste nicht, was passiert war, ich habe angerufen Rundfunk, haben gesagt, leider die Bombe hat getroffen Elektrizität, die Hauptzentrale. Und ich sollte noch spielen Montag. Das war Sonnabend.

In seinem Buch "Das wunderbare Überleben" schreibt Szpilman:

Der Knall der Detonationen verschmolz mit dem unaufhörlichen Donnern, dem dröhnenden Gebrumm von Flugzeugen im Sturzflug. Die Luft war geschwängert mit Rauch und dem Staub von zerbröckelndem Ziegelstein und Mauerputz, sie drang überall ein, nahm den Menschen, die sich in Kellern und Wohnungen versteckten, den Atem. Wie ich diese zwei Tage überlebt habe, weiß ich nicht. Ein Schrapnellsplitter tötete einen im Schlafzimmer unserer Freunde neben mir sitzenden Menschen. Zwei Nächte und einen Tag verbrachte ich zusammen mit zehn Personen in einer winzigen Toilette stehend. Als wir ein paar Wochen später überlegten, wie das möglich gewesen war und versuchten, dort noch einmal komplett hineinzugehen, stellte sich heraus, dass kaum acht Personen hineinpassten, wenn nicht Todesangst sie zwang. Am 27. September, einem Mittwoch, ergab sich Warschau. Zwei Tage vergingen, noch ehe ich es wagte, in die Stadt zu gehen. Niedergeschmettert kam ich heim. Die Stadt, so schien es mir, gab es nicht mehr.

Im Mai 1940 erobert die deutsche Wehrmacht schnell weite Teile der Niederlande, nur die Stadt Rotterdam wehrt sich. Das Kampfgeschwader 54 erhält am Abend des 13. Mai die Anweisung, 'holländische Widerstandszonen' im Rotterdamer Zentrum 'durch Bombenteppiche' zu vernichten für den Fall, dass die Stadt nicht bis 15 Uhr am nächsten Tag kapituliere.

Fünf Minuten vor Ablauf des Ultimatums erscheint ein holländischer Abgesandter mit der Antwort auf die Kapitulationsforderung beim deutschen Oberkommando - zu spät, um die Flugzeugführer über Funk zu verständigen. Sie haben ihre Schleppantennen für den Fernempfang schon eingezogen.

Pünktlich um 15 Uhr am 14. Mai 1940 lassen die ersten deutschen Bomber ihre Ladung über dem Zentrum Rotterdams ab.

Wochenschau-Ausschnitt: Unter dem Einsatz modernster Waffen bricht die Verteidigung Rotterdams zusammen. Der holländische Parlamentär bietet die Übergabe der Stadt an, die schon an vielen Stellen in Flammen steht.

Ein Treffer zerstört die Hauptwasserleitung, Löscharbeiten sind nicht mehr möglich.

Wochenschau-Ausschnitt: Die militärisch wichtigen Ziele der stark verteidigten Stadt Rotterdams werden mit Bomben belegt. Ein großer Transporter steht in Flammen.

Ein deutscher Luftwaffenoberst notiert:

Der Angriff von zwei Kampf- und Stukagruppen verwandelte Süd-Rotterdam zu einem Schutthaufen, der jeglichen Vergleich mit Warschau aushielt.

25.000 Wohnungen, 2500 Geschäfte, 250 Hotels und Pensionen und 1350 industrielle Unternehmen werden zerstört, der britische Rundfunksender BBC berichtet über das Inferno in seinem deutschsprachigen Programm.

BBC-Kommentar: Am Nachmittag des 14. Mai 1940 war in Rotterdam auf einmal das Dröhnen Hunderter Flugzeuge zu hören. Ehe die Holländer begriffen hatten, was geschah, begannen die ersten Bomben zu fallen. Drei Stunden lang dauerte der Angriff. Auf einem Gebiet von fünf Quadratkilometern blieben insgesamt nur drei Häuser stehen. Über 30.000 Menschen sind in diesen drei Stunden getötet worden.

Noch mehr als Warschau wird Rotterdam zum Symbol für deutsche Terrorbombardements. Dazu trägt auch die Schreckenszahl von 30.000 Toten bei, die in den britischen Medien verbreitet wird. Tatsächlich waren es etwa 900 Tote.

Doch auch die Deutschen selbst benutzen Rotterdam, um mit der Macht ihrer Luftwaffe zu prahlen. Ein Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes schreibt wenige Tage nach dem Angriff:

Will man eine Propaganda betreiben mit dem Ziele, "seht, so stark sind wir, so tüchtig ist unsere Wehrmacht, so wirken unsere Bomben und Waffen", dann ist kein Objekt besser dazu geeignet als Rotterdam. Will man aber vermeiden, weiter im Geruch des Kulturbanausentums zu bleiben, dann ist ein Besuch Rotterdams gefährlich. Da allerdings die Weltgeschichte immer dem Sieger Recht gibt, braucht uns das vielleicht für die Zukunft nicht so sehr zu bedrücken.

Nach dem erfolgreichen Westfeldzug wird die Luftwaffe eine Zeit lang Hitlers wichtigstes Kampfinstrument. Seit Spätsommer 1940 versucht er mit ihrer Hilfe, Großbritannien in die Knie zu zwingen. Es beginnt die 'battle of England', die Luftschlacht um England. Einen ersten Angriff deutscher Kampfflieger auf London im August 1940 beantworten die Briten mit einem Vergeltungsangriff gegen Berlin. Obwohl er kaum Schäden anrichtet, versetzt er den Führer in Wut.

Adolf Hitler: Wenn die britische Luftwaffe zwei- oder drei oder viertausend Bomben wirft, dann werfen wir in einer Nacht 150-, 180-, 230-, 300- oder 400.000. (geht im Jubel der Menge unter) Wenn sie erklären, sie werden unsere Städte in großem Ausmaß angreifen - wir werden ihre Städte ausradieren. (großer Jubel)

Adolf Hitler, der sich ausdrücklich seine persönliche Genehmigung vorbehalten hat für Terrorangriffe gegen die englische Bevölkerung, beginnt mit dem, was die Briten bald 'The Blitz' nennen: eine Serie von verheerenden Luftangriffen auf englische Großstädte.

Am 14. November 1940 steigen 449 deutsche Kampfflugzeuge von der französischen Kanalküste auf und beginnen um kurz nach 19 Uhr mit dem Angriff auf Coventry. Die mittelenglische Stadt ist ein Zentrum der britischen Luftfahrtindustrie - die deutsche Militärführung wählt sie aus, …

… weil die unmittelbar in Werksnähe wohnende Arbeiterschaft stark in Mitleidenschaft gezogen wird. Infolge der leichten Bauweise von Fabrik- und Wohngebäuden unter enger Zusammendrängung des bebauten Raumes ist hier eine besonders starke Wirkung bei Brandbombeneinsatz zu erwarten.

Die meisten Fabriken sind über die Innenstadt verstreut, manche liegen nur wenige Straßen von der Kathedrale entfernt, dem Wahrzeichen Coventrys. 450 Tonnen Brand- und Sprengbomben werfen deutsche Kampfflieger bis fünf Uhr morgens über Coventry ab, sie zerstören zwölf Fabriken und 60.000 Häuser. Ein Anwohner:

Unser Haus war durch den Luftdruck, der beim Einschlag einer Bombe entsteht, wie mit einem Korkenzieher verdreht. Um uns herrschte ein gleißendes, Furcht erregendes Licht.

Gegen 20 Uhr schlagen die ersten Bomben durch das Dach der Kathedrale. Probst Richard Howard und ein paar Helfer holen noch heraus, was herauszuholen geht, irgendwann stürzt das Gotteshaus in sich zusammen. Allein der Turm bleibt stehen. Richard Howard erinnert sich:

Die ganze Nacht brannte die Stadt, und die Kathedrale brannte mit ihr, Zeichen der ewigen Wahrheit, dass, wenn Menschen leiden, Gott mit ihnen leidet.

Die Innenstadt ist dem Erdboden gleich, bedeutende gotische Bauwerke liegen in Schutt und Asche. Mehr als 550 Menschen sterben in der Nacht vom 14. auf den 15. November 1940. Viele Leichen sind verstümmelt, sie müssen in Massengräbern beigesetzt werden.

Die Nazi-Propaganda rühmt sich der schrecklichen Folgen der Militäroperation. Der Begriff 'coventrieren' gehört fortan zu ihrem Sprachschatz. Für die anderen sind es barbarische Verbrechen gegen die Menschlichkeit und sinnlose Vernichtung von Kulturgut. Coventry wird zum Symbol einer weiteren Eskalation im Bombenkrieg des Nazi-Regimes gegen Europa.

Bericht Kampfflieger auf Birmingham: Die Engländer hatten sich aus unserem letzten Besuch über ihrem Rüstungsgebiet Coventry wohl einiges gemerkt. Denn heute schoss die Flak wie verrückt aus allen Rohren. Rechts, links, voraus, hinter den Maschinen platzten in ununterbrochener Folge die Flügeleisen, aber die Masse tut es eben allein auch nicht. Obwohl unsere Gruppe sehr früh gestartet war, also noch gar nicht so viele Maschinen vor uns sein konnten, war doch von unseren Kameraden schon allerhand Arbeit geleistet worden. Denn als wir noch 120 Kilometer entfernt waren, konnten wir eine deutliche Rötung der Wolkendecke wahrnehmen, und beim Näherkommen bot sich uns ein Bild, das uns sofort Vergleiche ziehen ließ mit unserem Flug über Coventry.

Mit dem Angriff auf Coventry löst Hitler schwere Vergeltungsschläge der Briten aus. Schon am nächsten Tag fliegt die Royal Air Force mit 127 Bombern ihren ersten Großangriff auf Hamburg. Britische Luftkriegsexperten fahren nach Coventry und untersuchen die deutschen Brand- und Sprengbomben. Sie wollen herausfinden, wie sie künftig am besten ihre Bomben über Deutschlands Großstädte platzieren können.

Thomas Mann: Deutsche Hörer: zum ersten Mal jährt sich der Tag der Zerstörung von Coventry durch Görings Flieger, eine der schauderhaftesten Leistungen, mit denen Hitlerdeutschland die Welt belehrte, was der Totale Krieg ist und wie man sich in ihm aufführt. In Spanien fing es an, wo die Maschinisten des Todes, diese nationalsozialistisch erzogene Rasse mit den leeren entmenschten Gesichtern sich vorübten für den Krieg. Welch ein Sport, wo es gar keine Gegenwehr gibt, im Tiefflug in flüchtende Zivilistenmassen hineinzupfeffern. Frisch und fröhlich. Das Gedenken an die Massaker in Polen ist unsterblich, genau das was man ein Ruhmesblatt nennt. Und Rotterdam, wo in 20 Minuten 30.000 Menschen den Tod fanden dank einer Bravour, die von moralischem Irre sein zu unterscheiden nicht leicht fällt.

Am 10. April 1942 - es ist der Jahrestag einer weiteren Bombardierung Coventrys - spricht der deutsche Schriftsteller Thomas Mann zu seinen Landsleuten. Er lebt seit 1938 im Exil in den USA, seine Rede hat er in Los Angeles aufgenommen, die BBC strahlt sie auf Langwelle ins Deutsche Reich aus. Wenige Tage zuvor ist seine Heimatstadt Lübeck bei einem Bombenangriff der Royal Air Force weitgehend zerstört worden.

Thomas Mann: Hat Deutschland geglaubt, es werde für die Untaten, die sein Vorsprung in der Barbarei ihm gestattete, niemals zu zahlen haben? Ich denke an Coventry und habe nichts einzuwenden.

Hitler schickt den Großteil seiner Bomber gen Osten. Nachdem die deutsche Luftwaffe Anfang April 1941 die jugoslawische Hauptstadt Belgrad zerstört hat, wirft sie am 23. August 1942 flächendeckend Bomben auf Stalingrad. Die schreckliche Bilanz: 40.000 Tote, 150.000 Verletzte.

Trotz britischen Widerstands geht die 'battle of England' weiter. Nachdem die deutsche Luftwaffe 1942 offene Terrorschläge gegen touristisch interessante Ziele wie Bath, Exeter oder Canterbury ausgeübt hat, beschießt sie seit 1944 vor allem London mit den 'Vergeltungswaffen' V1 und V2 - das sind Waffen, die nicht zielgenau gesteuert werden können und wahllos alles treffen.

Insgesamt 66.400 Menschen sterben in Großbritannien bei deutschen Luftangriffen seit 1940, die letzte V2 wird am 27. März 1945 abgeschossen, exakt sechs Wochen vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
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