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16.2.2005
Der Bombenkrieg in Asien
Reihe: neunzehn fünfundvierzig
Von Vanja Budde

Hiroshima nach der Zersörung durch die Atombombe, 6.8.1945 (Bild: AP Archiv)
Hiroshima nach der Zersörung durch die Atombombe, 6.8.1945 (Bild: AP Archiv)
Über die Verwüstungen deutscher und europäischer Städte ist viel geschrieben und gesendet worden. Weniger bekannt ist bei uns das Schlachtfeld in Asien. Hier tobte der Kampf vor allem zwischen Amerika und Japan. Dieser Krieg endete mit dem Abwurf der beiden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945. Japanische Großstädte waren aber auch schon vor dem August 1945 Ziel schwerer Luftangriffe, die Hunderttausende Zivilisten das Leben kostete.

Bombenangriff auf Tokio. In großen Staffeln tragen fast 200 fliegende Festungen vom Typ B-29 ihre tödliche Last über die japanische Hauptstadt. Es ist der 25. Februar 1945, der bislang schwerste Angriff auf Tokio. Mehr als 1600 Tonnen Brandbomben verwandeln die Stadt in ein Flammeninferno. Viele Häuser sind noch traditionell aus leichtem Holz und Reispapier gebaut. Sie brennen wie Zunder und die meisten haben keine Keller. In dieser einen Nacht verbrennen und ersticken in Tokio etwa 100.000 Menschen. Die meisten Opfer sind Frauen und Kinder, denn die Männer sind an der Front. 28.000 Gebäude werden zerstört. Seit fast einem Jahr schon fliegt die US-Luftflotte verheerende Bomberoffensiven gegen nahezu alle großen japanischen Städte. In Kobe und Nagoya sterben die Menschen ebenso wie in Yokohama und Osaka. Es gibt nur provisorische Luftschutzbunker. Und die japanische Flugabwehr hat gegen die fliegenden Festungen keine Chance.

Taichiro Kajimura: Mein Vater war als Soldat mit einer Flak-Abteilung im Hafen von Osaka. Von den etwa 20 jungen Männern seiner Abteilung sind zwei Drittel umgekommen. Mein Vater hat nur durch Zufall überlebt. Er hat mir oft davon erzählt, das war seine allerschlimmste Erfahrung. Seine ganze Generation - mein Vater war Jahrgang 1917 - wurde durch den Krieg traumatisiert.

Taichiro Kajimura wurde 1946 geboren, kurz nach der bedingungslosen Kapitulation Japans. Der Journalist und Autor ist heute Vorsitzender des deutsch-japanischen Friedensforums in Berlin. Aus seiner Sicht hat der Zweite Weltkrieg nicht 1939 begonnen, sondern acht Jahre zuvor, mit Japans Griff nach China.

In den 30er Jahren ist Japan eine Großmacht mit enormem Bevölkerungswachstum und extremer Rohstoffarmut. Japan will dreierlei: Neue Ressourcen erschließen und neue Absatzmärkte für die sich dynamisch entwickelnde Industrie - und Japan will seinen Traum vom ostasiatischen Großreich verwirklichen.

1931 besetzt die japanische Armee die an Erz und Kohle reiche Mandschurei, errichtet den Satellitenstaat Mandschukuo und dehnt von dort aus schrittweise die Kontrolle über Nordchina aus. 1938 hat Japan fast die gesamte Küste und die größten Städte Chinas erobert. Rund ein Drittel des riesigen Landes.
Millionen Chinesen sterben in diesem Krieg. Allein in Nanking ermorden die japanischen Truppen 260.000 Zivilisten bestialisch.

Pro-deutsche und extrem nationalistische Elemente gewinnen in Japans Regierung die Oberhand. Als Hitler 1940 einen Dreimächtepakt anbietet, nimmt Tokio ihn sofort an. Denn nach den ersten großen militärischen Erfolgen Hitlers glaubt Japans Führung die Stunde gekommen, das Erbe der Kolonialmächte in Ostasien anzutreten. Die Truppen des Tenno, des japanischen Kaisers, besetzen den Norden von Französisch-Indochina.

Doch nun greifen die USA ein: Präsident Franklin D. Roosevelt verhängt ein Ölembargo gegen Japan. Er fordert die Räumung Chinas, doch das ist für Tokio unannehmbar. Angesichts der schwindenden Ölvorräte schlägt das japanische Militär am 7. Dezember 1941 los.

Der Angriff auf den amerikanischen Flottenstützpunkt Pearl Harbor auf Hawaii ist für die Japaner nur eine Nebenaktion. Sie zielen nach Süden, auf die Rohstoffe von Malaysia und Indonesien. Doch der Angriff ist ein Paukenschlag. Die Amerikaner sind von der Attacke der japanischen Flugzeuge auf Pearl Harbor völlig überrascht. Ihre schlafende Pazifikflotte wird in den Grund gebombt. Gedemütigt und schockiert erklären die USA Japan den Krieg, gemeinsam mit Großbritannien. Aus den bislang getrennten Schlachtfeldern in Europa und Asien wird ein Weltkrieg. Und Präsident Roosevelt wird bald seinen Landsleuten und der Welt klar machen, worum es geht:

Präsident Roosevelt: Unsere Endziele in diesem Krieg sind Berlin und Tokio. Wir dürfen in diesem Krieg nicht einen Augenblick nachlassen. Die Männer an der Front wissen das. Die sich in diesem Moment durch Dschungel kämpfen gegen lauernde Japse. Die im Morgengrauen an fremden, feindlichen Küsten landen. Und die jetzt gerade ihre Bomber ins Ziel fliegen. Sie alle wissen, dass dieser Krieg ein Fulltimejob ist, bis der totale Sieg gegen die ruchlosen Wilden aus Deutschland und Japan unser ist.

Doch zunächst rücken die Japaner vor: Ihre Truppen besetzten im Handstreich Hongkong. Sie landen auf den Philippinen. Die britische Kolonie Singapur fällt im Februar 1942. Japan marschiert in Birma ein und erobert Rangun. Holländisch-Indonesien wird besetzt, die Invasion Australiens steht bevor. Der Mythos der japanischen Unbesiegbarkeit bedeutet das Ende des Mythos von der Unbesiegbarkeit der Weißen. Bis Mitte 1942 hat Japan ein riesiges Gebiet mit fast 500 Millionen Menschen unter seine Kontrolle gebracht. Es beherrscht die nordwestpazifische Inselwelt und die Küstenregionen Südostasiens.

US-amerikanische Truppen landen im Februar 1945 auf der japanischen Insel Iwo Jima (Bild: AP Archiv)
US-amerikanische Truppen landen im Februar 1945 auf der japanischen Insel Iwo Jima (Bild: AP Archiv)
Doch Japan unterschätzt seinen Gegner. Im April 1942 fliegen die USA einen ersten, mehr symbolischen Luftangriff mit 16 Bombern auf Tokio, Kobe, Yokohama und Nagoya. Die Bomber starten von einem Flugzeugträger im Pazifik, etwa tausend Kilometer und drei Stunden Flugzeit von den japanischen Hauptinseln entfernt. Zum ersten Mal wird Japan in seinem Machtzentrum getroffen. Die große Wende im pazifischen Krieg kommt dann im Juni 1942: Japan greift im Nordpazifik bei den Midway-Inseln die Flotte der USA an und erleidet eine vernichtende Niederlage.

Entscheidend ist die Rolle der Luftwaffe: Hunderte amerikanischer und japanischer Flugzeuge schlagen diese Schlacht, von weit entfernten Flugzeugträgern aus. Danach ist Japans Flotte so geschwächt, dass sie die eroberten Gebiete nicht mehr halten kann. Die US-Verbände erobern von nun an die pazifische Inselwelt Schritt für Schritt zurück. "Froschhüpfen" nennen die Soldaten diese Taktik. Und Japan verlegt die besten Jagdflugzeuge und Bomberstaffeln zum Schutz der Hauptinseln nach Osten. So verliert Japan die Luftüberlegenheit. Und die USA bauen Flugzeuge. Viele Flugzeuge.

Stimme Amerikas: Hier spricht Amerika! Im Dezember 1942 wurden in den vereinigten Staaten 5500 Flugzeuge fertig gestellt. Das sind mehr, als Deutschland, Japan und Italien zusammen genommen produzieren. Die amerikanische Demokratie hat das anscheinend Unmögliche möglich gemacht. Sie hat in einem einzigen Jahr die Rüstungsproduktion aller Achsenmächte überholt.

Die "Stimme Amerikas" propagiert die amerikanische Überlegenheit über Japan und Deutschland in diesem Krieg.

Stimme Amerikas: Hier spricht die Stimme aus Amerika. Es ist kaum 13 Monate her, dass Japan die Vereinigten Staaten überfiel und Hitler uns den Krieg erklärte. Die Nazis frohlockten. Hitler setzte die größten Hoffnungen darauf, dass es Japan gelingen würde, uns lahm zu legen. Zumindest bis er den Krieg in Europa und Afrika gewonnen und eine riesige Übermacht aufgerichtet hätte. Diese Grundidee - oder besser Fantasie - der Strategie Berlins und Tokios ist zusammengebrochen. Die Vereinten Nationen waren stark genug, ihre militärische Macht im Stillen Ozean auszubauen, während sie Hitler in Europa schwere Schläge zufügten. Tag um Tag rücken Australier, Chinesen, Engländer und Amerikaner an weit auseinander liegenden Fronten vor. Die Japaner werden systematisch aus einem ihrer Stützpunkte nach dem anderen vertrieben.

Unter großen Verlusten erobern die US-Truppen im Juni 1944 die Insel Saipan im Marianen-Archipel. Jetzt beginnt der strategische Bombenkrieg gegen Japans Städte. Denn mit Saipan und der Nachbarinsel Guam haben die Amerikaner erstmals Flugplätze, von denen die Superfortress-Bomber vom Typ B-29 starten und Japans Hauptinseln angreifen können.

Stimme Amerikas: Das Kriegsministerium der Vereinigten Staaten hat gerade bekannt gegeben, dass Japan von den schwersten und modernsten amerikanischen Bombardierungsflugzeugen B-29, die von fern liegenden Flugplätzen abgeflogen sind, bombardiert wurde. Diese viermotorigen Flugzeuge haben eine ungeheure Ladungskapazität. Da diese Flugzeuge von so unerhörter Tragweite sind, können sie von vielen und fernliegenden Basen auf ein einziges Objektiv gelenkt werden. Es öffnet sich hier ein ganz neues Feld für die Luftkriegsführung.

Für die japanische Zivilbevölkerung öffnet sich das Tor zur Hölle. Nacht für Nacht bringen die Langstreckenbomber den Tod. Fast pausenlos bombardiert die US-Luftwaffe 66 ausgewählte japanische Städte. Mehr als 10.000 Tote in Osaka, fast 9000 in Kobe, 8600 in Nagoya, fast 5000 in Yokohama. Das Hauptziel ist Tokio. Die japanische Regierung schickt Hunderttausende Grundschulkinder aufs Land, wo aber Hunger herrscht. Im Zweiten Weltkrieg glaubte man, dass große Luftangriffe den Sieg beschleunigen würden. Dass sich der Gegner schnell ergeben würde, wenn ganze Städte in Schutt und Asche sinken. Aber der japanische Widerstand versteift sich noch, je näher die Alliierten kommen. Im Januar 1945 landen die USA auf der philippinischen Hauptinsel Luzon. Mit fast 1500 Schiffen und 600.000 Mann greifen sie Okinawa an. Zehntausende Soldaten beider Seiten sterben. Viele junge japanische Piloten kommen als "Kamikaze-Flieger" um: Sie stürzen sich mit ihren Maschinen auf gegnerische Schlachtschiffe und Flugzeugträger. Am 19. Februar 1945 ist es so weit: US-Truppen landen auf der ersten japanischen Insel, auf Iwo Jima. Sie ist wegen ihrer Nähe zu den vier Hauptinseln Honshu, Kyushu, Shikoku und Hokkaido von größter strategischer Bedeutung. Mit dem Verlust der drei Flugplätze von Iwo Jima fällt die Operationsbasis für die japanische Luftabwehr aus.

Unter anderem, um einen Endkampf mit weiteren furchtbaren Schlachten zu verhindern, werfen die USA Anfang August 1945 die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki ab. An den Folgen starben bis heute etwa 300.000 Menschen. Bei den konventionellen Luftangriffen auf japanische Städte gab es noch mehr Opfer: nach Schätzungen bis zu 500.000.

Am 15. August 1945 hören viele Japaner zum ersten Mal die dünne Stimme von Kaiser Hirohito im Radio. Der Tenno ruft sein Volk dazu auf, den Kampf zu beenden. Gegen den Willen der Militär-Kamarilla in Tokio, die Frauen mit angespitzten Bambusstöcken gegen die US-Truppen schicken will. Am 2. September 1945 unterzeichnet Japan die bedingungslose Kapitulation. An Bord des amerikanischen Schlachtschiffes "Missouri", das in der Bucht von Tokio ankert. Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende.

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