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18.2.2005
Der Bombenkrieg in Deutschland
Reihe: neunzehn fünfundvierzig
Von Monika Köpcke

Blick vom Dresdener Rathausturm auf die zerstörte Stadt 1945 (Bild: AP Archiv)
Blick vom Dresdener Rathausturm auf die zerstörte Stadt 1945 (Bild: AP Archiv)
Während Hitlerdeutschland in den ersten Jahren seine Luftüberlegenheit ausspielte und europäische Städte wie Warschau, Rotterdam und Coventry angriff, wendete sich in den letzten Kriegsjahren das Blatt. Alliierte Bomber drangen ins Deutsche Reich ein und verwüsteten zahlreiche Städte.

Was ist Berlin, als Kunstwerk betrachtet? - Eine Radierung von Churchill nach den Ideen von Hitler.

Achtung, Achtung, hier ist der Befehlsstand der 1. Flakdivision Berlin. Die gemeldeten Bomberverbände befinden sich im Raum Hannover-Braunschweig. Wir kommen wieder.

Deutschland im Daueralarm. Während der letzten Kriegsmonate wird das Land rund um die Uhr bombardiert. Tagsüber fliegen die Amerikaner ihre Angriffe auf Fabriken und Verkehrsanlagen, nachts werfen die britischen Bomber ihre tödliche Fracht auf die Wohngebiete der Innenstädte.

What's the weather in Marienburg? - It looks like most of Germany would be pretty good, Sir.

Freiburg, Heilbronn, Nürnberg, Dresden, Hildesheim, Mainz, Paderborn, Würzburg, Magdeburg, Worms, Halberstadt, Pforzheim, Chemnitz, Trier, Potsdam…

All diese Städte verlieren in den letzten Wochen des Krieges ihr vertrautes Antlitz. Warum? Weil sie bislang unzerstört geblieben sind.

Im Befehlsstand der Luftverteidigung Berlin: Es wird ein Terrorangriff der britisch-amerikanischen Luftpiraten auf die Reichshauptstadt erwartet. Auf einer großen Leuchtkarte wird der Anflugweg der feindlichen Maschinen eingezeichnet. Der Feind hat die Stadtgrenze erreicht, unsere Flakartillerie und die Nachtjäger bereiten ihm einen heißen Empfang.

Spätestens seit Ende 1944 ist so etwas nur noch hohle Propaganda. Deutschland ist praktisch geschlagen. Aus dem Osten naht die Rote Armee, im Westen stehen die Alliierten an der deutschen Grenze. Sie haben längst die Luftherrschaft über Deutschland. Die deutsche Luftwaffe erhebt sich oft nicht einmal mehr vom Boden. Doch der Bombenkrieg besitzt längst seine eigene Dynamik. Brand- und Sprengbomben fallen auf nahezu jede Stadt mit mehr als 50.000 Einwohnern, und auch kleinere Orte werden nicht geschont. Zäh, systematisch und unaufhaltsam wird vollendet, was das britische Kriegskabinett im Februar 1942 zur offiziellen Doktrin erklärt hat:

Wir werden Deutschland mit der Strategie des 'moral bombing' besiegen. Es ist beschlossen worden, dass das Hauptanliegen von nun an die Moral der feindlichen Zivilbevölkerung, vor allem der Arbeiterschaft, sein soll.

Ich glaube nicht, dass man es wirklich bedauert hat.

Harold Nash, Pilot des britischen Bomberkommandos.

Man nannte Coventry, Birmingham, London. Immer wieder. So bekam man den Eindruck, das wurde ins Gedächtnis, in den Geist eingeprägt, dass die Deutschen Leute sind, die solche Dinge wie Coventry machen. Also, das war eine Rache.

Hitler ist der erste, der sich über alle Konventionen zum Schutz der Zivilbevölkerung hinwegsetzt. Deutsche Flugzeuge vernichten 1937 im Spanischen Bürgerkrieg Guernica. Nach dem Überfall auf Polen lässt Hitler Warschau bombardieren, acht Monate später Rotterdam. Deutschland ist siegesgewiss. Nach der Besetzung Frankreichs will Hermann Görings Luftwaffe im Sommer 1940 Großbritannien in die Knie zwingen. 'The Blitz' wie die Engländer die Luftattacke nennen, scheitert zwar, aber die deutschen Bomber richten große Schäden an. Sie machen keinen Unterschied zwischen Wohn- und Industriequartieren. Mehr als 40.000 Menschen sterben und mit jedem Luftangriff wird der Ruf nach Vergeltung lauter.

Mit Hitlers Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 ist Großbritannien nicht mehr alleiniges Angriffsziel der Wehrmacht. Zugleich drängt Stalin seinen Verbündeten, eine Entlastungsfront im Westen zu errichten. Eine Bodenoperation ist Churchill zu riskant. Er setzt stattdessen auf das britische Bomberkommando. Es wird fieberhaft aufgerüstet, und mit der Order, Deutschland in einem alles vernichtenden Luftkrieg zu überwältigen, beginnen im März 1942 die Flächenbombardements auf deutsche Städte.

Der Tod für uns war geruchlos, lautlos. Wir konnten es nicht miterleben. Ich meine, wenn wir dabei gewesen wären, wenn wir das hätten mit ansehen müssen, hätten wir das nicht machen können, wie wir Kinder und Frauen verbrannt haben, sie ins Jenseits geschleudert haben, das hätten wir nicht machen können.

Lieber Tommy, fliege weiter, wir sind alles Bergarbeiter,
fliege weiter nach Berlin, dort haben alle 'Ja!' geschrien.


Der Kämpfer im Luftschutz ist den Soldaten der Wehrmacht gleichberechtigt. Sie sind die Soldaten der Heimat.

Schon in den ersten Jahren nach Hitlers Machtübernahme, als die neuen Herren noch großmäulig vom Frieden sprechen, propagiert der 'Reichsluftschutzbund' mit deutscher Gründlichkeit 'Maßnahmen für den Schutz vor Luftangriffen'. Ganze Hausgemeinschaften lernen, wie man Keller abstützt, Fenster vermauert, mit Feuerpatsche und Handspritze Flammen löscht, Brandwunden verbindet und das Heulen der Sirenen deutet: Voralarm - Alarm - Entwarnung.

'Kleckerbomben' werden die ersten einzelnen Abwürfe der Engländer seit 1940 etwas verächtlich genannt. Die Einschlagstellen sind eine Sehenswürdigkeit, die Menschen nehmen sich einzelne Splitter als Souvenir mit nach Hause. Doch mit dem Beginn der Flächenbombardements 1942 ändert sich die Lage. Nun ist es so gut wie aussichtslos, sich in Selbsthilfe vor den Bomben in Sicherheit zu bringen. Die Bunkerplätze reichen nicht mal für die Hälfte der Bevölkerung, die meisten müssen mit dem eigenen Keller vorlieb nehmen.

Manche haben geschrieen. Ich hatte kein Empfinden mehr.

Ingeborg Tung wird im Juli 1943 im Keller ihres Hamburger Mietshauses verschüttet.

Ich hatte abgeschlossen mit dem Leben. Weil es wurde ja von Stunde zu Stunde schlimmer, dass man nicht mehr atmen konnte.

Mit Hilfe künstlich erzeugter Feuerstürme lässt sich die Zerstörungskraft der Bomben in ein wahres Inferno verwandeln. Zuerst werden Luftminen abgeworfen, deren Druckwellen Dächer abdecken, Fenster wegblasen und Brandmauern einstürzen lassen. Dann regnen Brandstäbe und Phosphorbomben in die geknackten Häuser, in denen nun die Zugluft wie durch einen Kamin rauscht und jeden kleinen Brandherd zum Großbrand entfacht.

Spreng- und Splitterbomben zerstören Straßenzüge und schalten Löschtrupps aus. Die zahllosen Einzelbrände vereinigen sich zu einem einzigen Flammenmeer. Über den brennenden Stadtteilen bildet sich eine riesige Heißluftsäule, die orkanartige Stürme produziert und Tausende Tonnen Sauerstoff ansaugt. Die Menschen, egal ob sie sich im Keller verkriechen oder ins Freie fliehen, sterben an Hitzschlag oder Überdruck, an Verbrennungen oder Kohlenmonoxidvergiftung.

Ja, Du musst leben, Du hast das Kind, das war mein Gedanke. Und wie ich aus dem Haus kam und wollte weglaufen, da lief ein Mann hinter mir und riss mir den Mantel vom Körper. Ich brannte. Ich bin durch Phosphor gelaufen. Der Mann hat gesagt, Sie brennen von oben bis unten. Ich hab das nicht gespürt.

Die Generalprobe für die neue Methode des Feuersturms findet über Lübeck statt. In der Nacht auf den 29. März 1942 wird die Stadt innerhalb von drei Stunden in ein rauchendes Trümmerfeld verwandelt. Wenig später folgt Rostock, dann greifen bei der 'Operation Millennium' fast tausend Bomber Köln an. Danach ist das Ruhrgebiet an der Reihe, und Ende Juli 1943 entfachen über 700 englische Bomber in Hamburg einen Feuersturm, der alles an Grausamkeit übertrifft, was die Zivilbevölkerung bis dahin erlebt hat. Mehr als 18.000 Menschen sterben. Dem letzten großen Feuersturm - entfacht mit amerikanischer Beteiligung - fällt Dresden im Februar 1945 zum Opfer.

Da stand so ne Kinderbadewanne, da lagen die Menschen drin, die waren so groß wie ein Brot. Aber Sie empfinden nichts mehr, da ist alles tot, da ist alles tot.

'Der Luftangriff war so schwer', sagt ein Berliner zu einem Essener, 'dass noch fünf Stunden hinterher die Scheiben aus den Fenstern gefallen sind!' - 'Das bedeutet gar nichts', erwidert der Angesprochene. 'In Essen sind noch 14 Tage nach dem letzten Angriff die Hitlerbilder aus den Fenstern geflogen!'

So wie unsere Städte und Dörfer auch unter dem britisch-amerikanischen Bombenterror ungebeugt bleiben, der Feind kann unsere Häuser in Schutt und Asche verwandeln, die Herzen der Bevölkerung brennen dabei vor Hass. Aber sie verbrennen nicht.

Die Propaganda will das Leid der Betroffenen in Hass und Rachegefühle umwandeln und so den Durchhaltewillen stärken.

In einer Nähstube des BdM: Unsere Mädels sind bemüht, Schäden, die durch die englischen Luftpiraten der Zivilbevölkerung zugefügt werden, zu mildern und den Betroffenen tatkräftig zu helfen. Nach ihrer Tagesarbeit in Fabrik und Büro fertigen sie mit Liebe und Freude für die Kinder der Bombengeschädigten Kleidchen, Hosen, Röcke und Schürzen.

Es war makaber für uns, durch die brennenden Häuserreihen zu marschieren.

Ewald Loh wird im März 1944 mit seiner Berufsschulklasse zu Aufräumarbeiten nach Frankfurt am Main abkommandiert.

Und als wir dann die Ruinen und die beschädigten Häuser, die Brände, den Rauch und den Schmutz sahen, da waren wir unheimlich deprimiert. Und es bereitete sich so ne Stimmung in uns aus wie, mein Gott, was ist denn hier passiert. So ne Hilflosigkeit. Was können wir denn hier noch helfen?

Der Bombenkrieg soll die Moral und den Durchhaltewillen der Bevölkerung brechen und so einen Aufstand gegen die braunen Machthaber provozieren. Doch er erreicht mehr als die verlogene Nazi-Propaganda: Das gemeinsame Leid lässt die Menschen näher zusammenrücken, es schmiedet die Deutschen zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen. Man ist vollauf mit Überlebens-Arbeit beschäftigt. Wer ausgebombt ist, denkt erst mal an die eigene Existenz, nicht an den Umsturz. Mit Nazi-Gesinnung hat das nichts zu tun.

Und das vergesse ich nicht, dass wir gezwungen wurden, da zu singen, als wir durch diese Ruinen, durch die brennenden Häuserzeilen marschierten. Die Leute, die vorne an der Spitze gingen und die aufgefordert wurden, das Lied anzustimmen, waren nicht in der Lage oder haben sich bewusst geweigert, das kann ich jetzt gar nicht so genau sagen. Und dann haben andere angestimmt: 'Es zittern die morschen Knochen der Welt vor dem großen Krieg'. Und links und rechts standen die Leute, die durch den Bombenkrieg ihr Hab und Gut verloren haben und vielleicht auch Angehörige und hörten sich das an und haben angefangen zu schimpfen und wir haben dann aufgehört zu singen.

Über 500.000 Zivilisten sterben im deutschen Bombenkrieg, darunter fast 80.000 Kinder. In den Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern wird im Durchschnitt fast die Hälfte aller Häuser zerstört. In vielen Orten sind es wesentlich mehr: In Düren 99, in Würzburg 74, in Köln 70 Prozent. Die Sieger befreien ein Land, das sie selbst verwüstet haben. Doch von diesem Land ging das Zerstörungswerk einst aus.

Nach dem Krieg setzen Briten und Amerikaner Untersuchungskommissionen ein, um die Auswirkungen des Bombenkrieges zu bewerten. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die Alliierten ihren Sieg drei Faktoren verdanken: der Invasion in Frankreich, dem Zusammenbruch der deutschen Industrie und dem Austrocknen der Benzinversorgung. Die Bombardierung der deutschen Städte wird nicht einmal erwähnt.

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