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21.2.2005
Das Dreiklassenwahlrecht und die Schule
Wie Preußen das dreigliedrige Schulsystem erfand
Von Georg Biemann und Ulrich Land

Blick in ein Klassenzimmer (Bild: AP)
Blick in ein Klassenzimmer (Bild: AP)
Der Landtagswahlkampf in Schleswig-Holstein war zwar ganz auf die Ministerpräsidentin Heide Simonis ausgerichtet - aber er hatte auch ein interessantes politisches Thema: Zum ersten Mal machte eine Regierungskoalition offensiv Werbung dafür, dass sie an den Grundfesten des bundesdeutschen Bildungssystems rütteln will. Die Gemeinschaftsschule soll allmählich das dreigliedrige Schulsystem ablösen: Diese Idee wurde in Schleswig-Holstein entwickelt, und damit hat die rot-grüne Koalition in Kiel Wahlkampf gemacht. Denn das dreigliedrige Schulsystem ist international eher ein Unikum. Nur in Deutschland ist es tief verankert und schwer zu überwinden.

Das dreigliedrige Schulsystem ist im Grunde genommen das Ergebnis eines Entwicklungsprozesses; dreigliedrig ist es geworden, als die Realschule dazukam. Anfang des 18. Jahrhunderts war das.

Nelly: Der Weinstock hat Asien zum Vaterlande und ist von da zuerst nach Griechenland und dann später nach dem übrigen Europa verpflanzt jetz macht er seinen Reichthum aller südlichen Länder aus, ihm verdanken wir den Wein, Weinessig, Franzbranntewein, Weingeist, Weinstein, die Rosine und Corinthen. Die Weinläse wird im Herbst von dem Winzern besorgt, die abgelesenen Trauben werden in der Tretbütte mit den Füßen oder mit hölzernen Stampfen zerquetsch und der Saft leuft durch Löcher in die untergesetzten Gefäße. (Schulheft von 1843)

Rösner: Diese Realschule sollte eine Schule neuer Prägung sein, also um überhaupt im internationalen Handel kommunikationsfähig zu sein; aber auch um naturwissenschaftliche Bildung voranzutreiben; die beginnende Industrialisierung verlangte eben Ingenieure oder Techniker, und beides war weder von den Lateinschulen noch von den Volksschulen zu haben.

Ernst Rösner, Schulentwicklungsforscher.

Rösner: Insofern war die Realschule die Schule des aufkommenden Bürgertums. Nicht mehr der verarmten Schichten, nicht mehr des Adels oder des gehobenen Bürgertums, die hatten jeweils ihre Schulen, und dieser neue Stand des Bürgertums brauchte seine Schule. Weil für viele das Gymnasium nicht erreichbar war, man sich aber gleichzeitig absetzen wollte von den Niederungen der volkstümlichen Bildung. Und insofern ist die Herkunft des gegliederten Schulsystems eindeutig ne ständische.

Geleitet von aufklärerischen Motiven publiziert der Pädagoge Christoph Semler 1705: ...
Nützliche Vorschläge von Auffrichtung einer Mathematischen Handwercks-Schule bey der Stadt Halle.
Es solten nicht nur / die einmahl studiren sollen / sondern billig alle Menschen / wes Standes sie auch sind / zum wenigsten doch nur einige generalem notitiam [allseitige Kenntnis] von der vortrefflichen Structur, Ordnung / und Eintheilung unser aller grossen und allgemeinen Wohnung / nehmlich der Welt / haben.
(Semler, 1705, zitiert nach Krause, 1972)

In seinem Privathaus gründet Semler 1708 die erste Real-Schule.

Eine "Schule der Realien".

Nicht abgehobene Gelehrsamkeit wie an den Lateinschulen einerseits und spärliches Paukwissen an den Elementarschulen andererseits, sondern die wirklichen Dinge, die den Alltag der bürgerlich-handwerlichen Lebenswelt bestimmen und von zentralem Nutzen sind, sollten vornehmster Lerngegenstand sein.

An Semlers "Mathematischer, mechanischer und ökonomischer Realschule" sollen die Schüler Inhalte lernen, die sich gradezu anfassen lassen.

Das Uhrwerk, Modell des Hauses. des Wagens / Pflug / Ege und Waltze. Modell eines Tuchmacher-Stuhls. Alle Arten der Wolle. derer Tuche ... Alle Arten der Seyde / Bande und Borten. Alle Arten derer Gewichte. Maaße. Müntzen. (Semler, 1709, "Ordnung derer Objectorum welche demonstriret worden")

Semlers kleine Schule ist ein Gegenentwurf zum gängigen Schulsystem und damit ein klarer Affront gegen die Obrigkeit, nicht zuletzt weil in seinem Unterricht die religiöse Belehrung und jede Form von Zucht fehlen. Außerdem nimmt er kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, die bestehenden Schultypen zu kritisieren.

Wie nicht anders zu erwarten, muss sich Semler immer wieder gegen die Anwürfe derjenigen wehren, die solch neumodische Art und Weise mit höchstem Argwohn betrachten, namentlich die pietistischen Fundamentalisten, die Zünfte, aber auch manche Gelehrte. Und so ist denn 1710 erst einmal Schluss mit seiner Schule. Nicht jedoch mit der Realschule an sich.

1747 gründet der Theologe Johann Julius Hecker in Berlin erneut eine Realschule, die genau dort anknüpft, wo Semler geendet hat. Hecker aber verbeugt sich vor der Obrigkeit und vermeidet es, die althergebrachten Elementar- und Lateinschulen völlig in Frage zu stellen. Und so kann seine Schule wegen ihrer praktisch-ökonomischen Funktion für das aufstrebende mittlere Bürgertum Vorbild für weitere Real- und Bürgerschulen werden.

Unter gemeldeter dritten Art verstehen wir demnach die Anlegung Oekonomischer und Mathematischer Real-Schulen, woran es in Teutschland zum mercklichen Schaden vieler tausend Menschen bisher noch beständig gemangelt hat. Durch kluge Einrichtung solcher Schulen könten gleichwohl manche junge Gemüther, die nicht eigentlich studiren sollen, und die doch eine natürliche Fähigkeit besitzen, sonst etwas leicht zu begreiffen nach und nach angeführet werden, mit der Zeit in der Republic auf andere Weise besonders brauchbar zu seyn. ...(Hecker, 1747)

Nelly: Gleich wie der Hahn den Tag verkündet, und den Menschen vom Schlaf erweckt, so verkünden fromme Lehrer das Licht der Wahrheit in die Nacht der Welt und sprechen: die Nacht ist gegangen, der Tag ist gekommen, lasset uns ablegen die Werte der Finsterniß, und anlegen die Waffen des Lichts. (Schulheft von 1843)

Aus dem Schulheft des 13-jährigen Johann Friedrich Schertiger, der im November 1843 eine Winterschule im Dorf Oesterborstel, Herzogtum Holstein, besucht.

Nelly: So auch steht des Hahnes Bild auf dem Deckel des A, B, C, Buches, die Schüler zu mahnen daß sie früh aufstehen sollen zu lernen. O wie lieblich ist das Beispiel des Hahnes! Ehe er kräht die Menschen vom Schlafe zu wecken schlägt er sich selbst ermunternt mit den Flügeln in die Seite, anzuzeigen wie ein Lehrer der Wahrheit sich selbst der Tugend bestreben soll, ehe er sie anderen lehret. (Schulheft von 1843)

Anfang des 19. Jahrhunderts wollen, von Bildungsidealismus beseelt, Reformer um den preußischen Unterrichtsminister Wilhelm von Humboldt aufgeklärte Staatsbürger ständeübergreifend heranbilden. Durch allgemeinverbindliche Lerninhalte! Dieser durchaus positiv gemeinte Ansatz trägt jedoch indirekt zur Spaltung zwischen Realschulen und Gymnasien bei. Und damit zur Zementierung des dreigliedrigen Schulsystems.

Denn jeder Gymnasialschüler kann gemäß Humboldts Erlass von 1810 nur noch versetzt werden, wenn er alle Unterrichtsfächer lernt. Das führt aber dazu, dass Eltern, die nicht einsehen wollen, dass der Filius, der einmal Tischler werden soll, Griechisch zu lernen hat, ihre Kinder von vornherein auf die Realschule schicken. Womit den "Bürgerkindern" auf weite Strecken der Zugang zu den Universitäten verwehrt bleibt.

Bereits fünf Jahre nach Humboldts Reform des Allgemeinbildenden Schulwesens, erst recht aber nach der gescheiterten bürgerlichen Revolution von 1848 wird in Preußen und überall in deutschen Landen der Rückwärtsgang eingelegt. Die Aussicht, dass am Ende sogar das heranwachsende Industrieproletariat in die Nähe der Schalthebel kommen könnte, sorgt dafür, dass der Rest-Adel und das an der Macht befindliche Großbürgertum mit Argusaugen die Bildungsprivilegien hütet. Das reformierte Bildungswesen wird zugepflastert mit Noten-, Prüfungs- und Versetzungsregeln. Und somit zum sozialen Selektionsinstrument gemacht.

Nicht genug. Auch per Wahlen soll niemand aus den niederen Ständen die Macht der herrschenden Eliten ankratzen. In Preußen wird das Dreiklassenwahlrecht eingeführt. Je ein Drittel der Parlamentsplätze im Abgeordnetenhaus ist für die 1. bis 3. Klasse der Wahlberechtigten reserviert. Was selbstredend den wahren Mehrheitsverhältnissen hohnspricht: Die höchste gesellschaftliche Klasse ist zahlenmäßig erheblich kleiner als die breite Mehrheit der Lohnabhängigen.

Rösner: Das Dreiklassenwahlrecht ist ein Abbild der Dreiklassengesellschaft gewesen! Also insofern waren das Wahlrecht und die Schule zwei Seiten einer Medaille. Der Hintergrund war die ständische Gesellschaft.

Kinder in unterschiedliche Schultypen zu sortieren, stabilisierte die soziale Ungleichverteilung. Jedes Kind lernt von Anfang an, zu welcher Gesellschaftsschicht es gehört.

Bismarck etwa warnt vor der Einführung von Handarbeitsunterricht an Volksschulen mit der Begründung, dass sich die Schülerinnen dadurch als "für ländliche Arbeiten zu gut" fühlen könnten. (zitiert nach L. v. Friedeburg, "Bildungsreform in Deutschland. Geschichte und gesellschaftlicher Widerspruch",Frankfurt/Main 1989, S. 119)

Hier wird also nicht nur eine schulische Gliederung manifestiert, sondern auch die ständische Ordnung. Kaum, dass sich nach hundertfünfzigjähriger Entwicklungsgeschichte die Dreigliedrigkeit des Schulsystems etabliert hat, ist, was einst so rebellisch begonnen hatte, zu einem Hebel der Reaktion umfunktioniert und als Herrschaftsinstrument missbraucht worden.

Rösner: Die Debatte um die frühe Auslese auf drei verschiedene Bildungsgänge ist eigentlich seit Ende des 19. Jahrhunderts in der Diskussion. Das ist eigentlich ne Bewegung, die sehr stark aus der aufkommenden sozialistischen, kommunistischen Bewegung gekommen ist, die gesagt haben, also Aufbau und Gliederung des Schulwesens ist Abbild der ständischen Gesellschaft, damit müssen wir brechen, wir haben ne andere gesellschaftliche Utopie und dazu gehört auch ein anderes Bildungssystem.

Um 1900 gilt das Bildungswesen bereits als so verkrustet, dass es nicht mehr reformierbar ist. In der Weimarer Republik wird zwar das Dreiklassenwahlrecht abgeschafft, an der Dreigliedrigkeit des Schulwesens aber wird festgehalten. Bis auf den heutigen Tag.

Rösner: Es ist eben noch in vielen Köpfen verbreitet und auch bei vielen Pädagogen noch die Vorstellung, dass man diese drei Begabungstypen hat, dass auch auf der Seite der Abnehmer, also in der Wirtschaft diese drei Begabungstypen letzten Endes gebraucht werden. Nämlich für ausführende, einfache Arbeiten, das sind dann die Absolventen der Volksschule, später der Hauptschule, für mittleres Management, Ingenieurarbeiten, Verwaltung: die Absolventen der Realschule und für die gehobenen Funktionen, in jeder Hinsicht gehobenen Funktionen die Absolventen der Gymnasien respektive der Universitäten. Die Realität hat damit nichts mehr zu tun.

Bis heute ist das dreigliedrige Schulsystem vor allem dazu angetan, von vornherein die sozial Schwachen auf niedrigere Bildungsniveaus festzuschreiben.

Wie die Pisa-Studie II im Herbst 2004 herausstellte, ist in keiner anderen Industrienation der Welt das Schulsystem derart wenig von unten nach oben durchlässig, sind gute schulische Leistungen so sehr von der Vorbildung der Eltern und vom Familieneinkommen abhängig. Bei gleicher Begabung hat ein Akademikerkind in Deutschland eine mehr als dreimal so große Chance, das Abitur zu erlangen wie ein Facharbeiterkind.

In dieser Situation hat die Landesregierung in Schleswig-Holstein ihren Wahlkampf 2005 unter anderem mit der beabsichtigten Einführung der von Ernst Rösner entwickelten "Gemeinschaftsschule" bestritten, sprich mit dem mehr oder minder schleichenden Abschied vom dreigliedrigen Schulsystem.

Rösner: Ich plädiere entschieden dafür, vollständige Bildungseinrichtungen im Bereich der Sekundarstufe 1 anzubieten. Vollständigkeit heißt, dass alle Schülerinnen und Schüler, die die Grundschule verlassen, in diese Schule überwechseln können, und nach Begabung, Neigungen, Fähigkeiten entsprechend gefördert und zu allen Abschlüssen geführt werden.

Schülerinnen
Nelly: Ich könnte mir vorstellen, dass dann eine oder mehrere Gymnasialklassen, en paar Realklassen und en paar Hauptschulklassen. Wie fändest du das denn dann?
Hazal: Dann wär's besser. Aber wenn z. B., sag ich mal, Hauptschüler und Realschüler und Gymnasiasten jetzt in einer Klasse sind, dann fänd ich das nicht so gut.
Nelly: Aber das kann auch sein, dass es dann öfter mal wechseln würde. Wenn z.B. jetzt einer in ner Realklasse irgendwie sich da nicht wohlfühlt, das falsch findet, und z.B. der findet, ich bin besser, ich kann mehr. Und dann geht der in die Gymnasialklasse, und dann klappt das da besser. Und die wechseln dann. Das fänd ich also okay, und die Klassen wären ja dann - die würden sich ja immer sehen, weil es ist alles gleich auffem Flur.

Rösner: Um dieser unseligen Abwärtsspirale zu entgehen und mal zu zeigen, es kann auch aufwärts gehn, du kannst dich erproben. Man kann also dieser unseligen Selbst- und Fremdwahrnehmung, die sich bei uns entwickelt bei SchülerInnen in unterschiedlichen Bildungsgängen, etwas entgegensetzen. Die Gemeinsamkeit entgegensetzen.

Zur schleswig-holsteinischen Idee der Gemeinschaftsschule gehört, dass auf örtliche Gegebenheiten flexibel eingegangen werden kann. Indem unter einem Dach Gymnasial-, Real- und Hauptschulklassen parallel lernen oder indem innerhalb einzelner Klassen die verschiedenen Bildungszweige integriert sind.

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