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23.2.2005
Heimliche Hauptstraße der Hansestadt
Geschichte der Böttcherstraße in Bremen
Von Günter Beyer

Rathaus von Bremen (Bild: AP Archiv)
Rathaus von Bremen (Bild: AP Archiv)
Radiomacher haben es heute vergleichsweise leicht, in die Welt hinauszuziehen, um Szenen Stimmen und Töne einzufangen. Kleine Aufnahmegeräte mit kleinen Mikrophonen reichen aus, um akustische Eindrücke aus einer Stadt einzufangen. In den Frühzeiten des Radios war das kaum möglich. Deshalb war eine Sendung, die die Norddeutsche Rundfunk AG (Norag) im Juni 1932 ausstrahlte, ein rundfunkgeschichtliches Ereignis: ein akustisches Porträt der Bremer Böttcherstraße. Die Straße ist heute eine Touristenattraktion.

Jacobi: Also von diesem idyllischen Plätzchen aus soll unsere Wanderung vor sich gehen. Ein kleiner, mit Ziegeln bepflasterter Hof, ein Höfchen, in der Runde begrenzt von niedern Gebäuden, ihrem Mauernwerk nach auch schon Hoetgerscher Prägung.
Faust: Stimmt. Wir haben hier auch schon die drei in der Böttcherstraße gepflegten Kunsthandwerker. Zur linken Hand die Töpferei, dort im Winkel das unseres Holzbildners, und gerade vor uns die Silberschmiede.
Jacobi: Beinahe paradiesisch. Kaum ein Laut dringt in diese wunderbare Abgeschiedenheit hinein. Hinter uns über einem gemauerten Becken sprudelt ein Brünnlein sein klares Wasser...
Faust: Und was für ein Brünnlein!
Jacobi: Wahrhaftig! Auf der von Patina schon fast ganz überzogenen Brunnenröhre spazieren gemächlich die Bremer Stadtmusikanten...

16. Juni 1932, 21 Uhr. Wer an diesem Abend sein Radiogerät eingeschaltet und die Frequenz des "Deutschlandsenders" gewählt hatte, wurde Ohrenzeuge einer ungewöhnlichen Rundfunksendung: Unter dem Titel "Eine Straße der Wandlungen im Mikrofon" führte ein akustischer Rundgang fast zwei Stunden lang durch die Bremer Böttcherstraße mit ihren Museen, Handwerkerhöfen, Konzertsälen und Gaststätten. Solch ausführliche Sendungen waren selten im jungen Rundfunk und erforderten einen enormen technischen Aufwand. Interviews, von Schauspielern gesprochene Spielszenen und Musikeinlagen waren zuvor mit Hilfe tragbarer Plattenschneidemaschinen an Ort und Stelle auf Wachsplatten aufgezeichnet worden.

Die Böttcherstraße, viel beachtet und kontrovers diskutiert in den damaligen Feuilletons, war erst ein knappes Jahr vor der Rundfunksendung mit der Einweihung von "Haus Atlantis" fertig geworden. Die Straße aus rotem Backstein war das Werk des Kaffeekaufmanns Ludwig Roselius. Mit der Erfindung des koffeinfreien "Kaffee Hag" hatte er ein Vermögen gemacht. Nach und nach hatte Roselius alle Liegenschaften einer schmalen Gasse zwischen dem Bremer Marktplatz und der Weser, in der einst Fassmacher ihr Handwerk betrieben, erworben. Keimzelle der Böttcherstraße war das Haus Nummer sechs, ein stattliches Kaufmannskontor aus dem 13. Jahrhundert. Roselius hatte es bereits 1902 erworben und als Firmensitz, dann als Museum für seine umfangreichen Kunstsammlungen hergerichtet. In der Radiosendung von 1932 kam Ludwig Roselius persönlich zu Wort. Auch sein Mitarbeiter Alfred Faust, ehedem Chef der so genannten "Reklame- und Literaturabteilung der Kaffee Hag" und inzwischen SPD-Reichstagsabgeordneter, stellte sich den Fragen des Reporters.

Jacobi: Wie kamen Sie eigentlich zu den Kunstschätzen der Böttcherstraße?
Roselius: Ich sammelte zunächst Heimatliches, und bot der niedersächsischen Kunst im weitesten Sinne eine Heimstätte in der Bremer Kunstschau der Böttcherstraße mit ihren monatlich wechselnden Ausstellungen. Inzwischen kaufte ich, angeregt auch durch meinen Freund Bernhard Höttger, was ich an den Gemälden und Zeichnungen von Paula Becker-Modersohn erreichen konnte.
Jacobi: Augenblick! Ich glaube, das ist das Stichwort für heute Abend, Herr Roselius: Warum gerade Paula Becker-Modersohn?
Fragen Sie Ihren Faust, er kennt die Geschichte!

Faust: Es war 1912 etwa. Wir veröffentlichten damals in der "Güldenkammer", eine literarische Monatsschrift, die die Kaffee Hag herausgab, die ersten Briefe und Tagebuchaufzeichnungen der 1907 verstorbenen Worpsweder Malerin Paula Becker-Modersohn. Es wurde geradezu eine literarische Sensation. Ich erinnere mich noch ganz genau der Begeisterung, die von Herrn Roselius bei der Lektüre dieser Dokumente. Das war der Anfang seiner Liebe zu Paula Becker-Modersohn.

Die künstlerische Leitung beim Bau der Böttcherstraße lag in den Händen des Architekten und Bildhauers Bernhard Hötger. Roselius hatte ihn 1918 im Künstlerdorf Worpswede kennen gelernt.

Jacobi: Sagen Sie mal, Herr Faust, was für ein Stil ist das nun eigentlich?
Faust: Eigentlich gar keiner. Hötger holt die Elemente seiner Kunstgestaltung aus den primitivsten und den modernsten Stilformen. Nicht zuletzt aus seiner Fantasie.
Jacobi: Besonders aus seiner Fantasie, wie mir scheint.
Faust: Hötger ist bekanntlich in erster Linie Bildhauer, und so modellierte er das Haus, oder besser, das Gehäuse, knetete, hämmerte, presste, formte es, eben wie die Lehmform einer Skulptur. Sie erkennen von vornherein keine Absicht. Sie finden keine Definition, das chaotische Fluten der Wand. Aber bald stellt sich doch das Empfinden eines gewollten Rhythmus ein.

Bernhard Hötger war der richtige Architekt für den Mäzen. Denn die Böttcherstraße sollte in den Augen ihres Schöpfers keineswegs eine verspielte Märchenstraße sein. Die Straße sollte so etwas wie eine begehbare Weltanschauung werden. Denn Ludwig Roselius war nicht nur Unternehmer. Er galt zugleich als einer der führenden Köpfe der rechtsradikalen, völkischen Bewegung.

Roselius: Ich möchte, und das ist der tiefere Sinn des Geschaffenen in der Böttcherstraße, den Bann brechen, der einst durch halbwissende Römer über unser Volk ausgesprochen wurde, und der heute noch auf uns lastet...
Barbaren!
Roselius: Auch ich möchte nach besten Kräften die Erkenntnis fördern, dass die germanische Kunst der der anderen Völker nicht nur nicht nachsteht, sondern dass sie selbst schöpferisch war und in fremden Ländern wiederum Kunsterzeugnisse angeregt hat, die die Nachwelt irrtümlicherweise als selbstständige Schöpfungen der betroffenen Länder wertete. "Ex oriente lux!" heißt es immer. "Ex occidente lux", muss es heißen."

Den Völkischen galt das Abendland als Wiege aller Kultur; der sagenhafte, in den Fluten versunkene Kontinent Atlantis als Ursprung einer überlegenen nordisch-germanischen Rasse. Solche kruden Theorien hatte Ludwig Roselius dem verkrachten Privatgelehrten Hermann Wirth abgelauscht.

Bildmächtigen Ausdruck fand der Atlantis-Kult im jüngsten Gebäude der Böttcherstraße, dem Haus Atlantis von 1931. Dort, im "Museum Väterkunde", brachte Ludwig Roselius seine umfangreichen prähistorischen Sammlungen unter. 1927 hatte er Hans Müller-Brauel mit deren Aufbau beauftragt.

Müller-Brauel: An den Stücken, welche wir seit Jahren sammeln, wollen wir den Herkunftsweg unserer Vorfahren darzulegen versuchen. Wir wollen dann weiter an den Stücken aufweisen, dass die im Norden entstandene Kultur, also die des vorgeschichtlichen nordischen Menschen, die höchste aller Kulturen ist.
Jacobi: Hier die Schwerter, ist das Bronze, Herr Müller-Brauel?
Müller-Brauel: Ja. Diese Bronzeschwerter zeigen, dass es germanischer Geist gewesen ist, der sich die formschönsten Schwerter der ganzen Welt geschaffen hat.

Als Fassadenschmuck für das "Haus Atlantik" hatte Bernhard Hötger einen mehrere Stockwerke hohen Gekreuzigten geschaffen. Aber nicht der Jesus der Bibel wurde hier - inmitten eines Runenkranzes - ans Kreuz geschlagen, sondern der germanische Kriegsgott Odin. Das Kreuz wurde kurzerhand zum urgermanischen Symbol umgedeutet. Reporter Julius Jacobi zeigte sich beeindruckt.

Jocobi: Die Fassade des Hauses Atlantik mit dem ungeheuren Holzbildwerk ist für mich doch das Eindrucksvollste, was diese, sprechen wir es noch einmal aus, diese "Straße der Wandlungen" bietet. Ich weiß nicht mal, ob ich sie schön finde oder nicht, aber es scheint mir auch, dass diese Begriffe hier gar nicht mal angebracht sind.
Faust: Da haben Sie vollauf recht. Der Ästhetenstreit, der so heftig um dieses Haus entbrannt ist, scheint auch hier nur ein Ästhetenstreit.

Das, was Alfred Faust einen bloßen "Ästhetenstreit" nannte, sollte sich Mitte der 30er Jahre zu einem Lehrbeispiel nationalsozialistischer Kulturpolitik auswachsen. Kaffee-Krösus Roselius hatte aus seiner Bewunderung für Hitler nie ein Hehl gemacht. Um so mehr verbitterte es ihn, dass die Nazi-Partei sein völkisch inspiriertes Gesamtkunstwerk Böttcherstraße attackierte. Adolf Hitler selbst mischte sich auf dem Parteitag 1936 in die Debatte ein:

Hitler: Wir haben nichts zu tun mit jenen Elementen, die den Nationalsozialismus nur vom Hören und Sagen her kennen und ihn daher nur zu leicht verwechseln mit undefinierbaren nordischen Phrasen und die nun in einem sagenhaften Atlantischen Kulturkreis ihre Motivforschungen beginnen. Der Nationalsozialismus lehnt diese Art von Böttcherstraßen-Kultur schärfstens ab.

Es blieb nicht bei Worten. Die Böttcherstraße wurde 1937 unter Denkmalschutz gestellt - als Paradebeispiel für "entartete Kunst"! Ein Missverständnis? Der Journalist Arn Strohmeyer hat mehrere Bücher über die Böttcherstraße geschrieben:

Strohmeyer: Hier geht es nicht um Widerstand oder Opposition von Seiten Roselius', sondern das war ein Streit unter Völkischen. Es hat in Deutschland etwa 70 bis 80 völkische Gruppen gegeben. Die NSDAP hat sich dann als die größte völkische Gruppe durchgesetzt, ist an die Macht gekommen, dann wurde gleichgeschaltet, und alles andere, was völkisch war, muss sich dem unterordnen, und dazu gehörte auch Roselius.

Heute gehört die "heimliche Hauptstraße Bremens" zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten der Hansestadt. Dicht gedrängt stehen Touristengruppen aus Kyoto, Seattle oder Pasewalk und recken die Hälse zu den Giebeln von "Hauses Glockenspiel", wo dreißig Glocken aus Meissener Porzellan erklingen.

Walter: Die Straße hat sich im Vergleich zu 1932 sehr stark verändert. Sie ist ja im Krieg komplett zerstört gewesen, und ist dann nach Kriegsende wieder aufgebaut worden von der Kaffee Hag.

Susanne Walter, Geschäftsführerin der Böttcherstraßen-GmbH.

Walter: Zum Beispiel das Vestibül in dem Paula Becker-Modersohn-Haus mutete 1932 zur Zeit dieser Rundfunkaufnahme an wie so eine Grotte, sehr, sehr phantasievoll gestaltet, das ist dann in den 50-er Jahren beim Wiederaufbau ganz anders geworden.

1979 verkaufte Ludwig Roselius junior Kaffee Hag und Böttcherstraße an das amerikanische Unternehmen General Foods. Einige Jahre später verkaufte der Lebensmittel-Multi ein Filetstück aus dem Ensemble.

Walter: Das war dann so, dass 1988 das erste Haus in der Straße verkauft wurde, das "Haus Atlantis", und da hatte ganz Bremen Angst, dass das nun sozusagen zerstückelt würde, und 1988 haben sich dann Sparkasse und Stadt geeinigt und die Böttcherstraße als restliche Einheit gerettet.

"Die Idee heißt: Deutscher, besinne Dich auf Dich selbst! Da hat man das eigentliche Zentrum der Böttcherstraße!" So hatte der Heimatdichter Manfred Hausmann 1930 die Wirksamkeit des in der Straße zubereiteten nordischen Mythos beschrieben. Aber als völkischer Selbsterfahrungskursus funktioniert die Straße heute nicht mehr.

An die Erneuerung der germanischen Seele dank Atlantis-Kraftquell mag hier wohl niemand mehr glauben. Licht aus dem Norden? In die Böttcherstraße ist inzwischen ein japanisches Sushi-Restaurant eingezogen. Und in derselben Straße, in der 1933 und 34 unter Roselius´ Leitung germanische Things vom "Vätererbe" raunten, kommen seit 1980 im Haus St. Petrus Menschen mit ganz anderen Leidenschaften zusammen:

Bröhl: Wir sind hier in der Bremer Spielbank, in der Böttcherstraße, im Spielsaal.

Dieter Bröhl, Saalchef im Casino Böttcherstraße.

Bröhl: Wir hatten mal einen italienischen Geschäftsmann, der hatte eines Nachts so viel Glück bei uns, dass er 1,2 Millionen DM gewann. Das war bei uns bisher der größte Gewinn im großen Spiel.
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