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25.2.2005
Fluchtpunkt Amerika
Kurt Weill und die Emigration
Von Sven Düfer

Kurt Weill, 1944 (Bild: AP Archiv)
Kurt Weill, 1944 (Bild: AP Archiv)
Derzeit findet in Dessau das Kurt-Weill-Fest statt; Dessau ist der Geburtsort des Komponisten. Als Kurt Weill 1933 Deutschland verlassen musste, wusste er nicht, dass er dieses Land, das seine Heimat war, nie mehr wieder sehen würde. Er teilte dieses Schicksal mit vielen anderen Emigranten. Zunächst ging er nach Paris und 1935 - vor 70 Jahren - emigrierte er in die USA.

Am 10. September 1935 fährt der Ozeanriese "Majestetic" in den Hafen von New York ein. Unter den vielen Emigranten, die begeistert die auftauchenden Hochhäuser der Stadt bestaunen sind auch Kurt Weill und Lotte Lenya, die später notiert:

Lenya: Nachdem wir den Landungssteg verlassen hatten, nahmen wir unsere Koffer und gingen gleich in das Hotel St. Moritz. Es war sehr aufregend, mit dem Fahrtsuhl in die 22. Etage zu fahren... Wir fühlten uns wie auf dem Mount Everest. Wir deponierten rasch unser Gepäck und gingen gleich hinunter zum Broadway. Er wirkte so vertraut wie der Kurfürstendamm in Berlin. Wir gingen ins Kino und sahen The Dark Angel.

Lotte Lenyas Erinnerung idealisiert die Ankunft in New York. Erst zwei Jahre vorher, 1933, hatte sie sich von Kurt Weill scheiden lassen. Diese schmerzliche Trennung hatte das ohnehin schwere Emigrantenleben des Komponisten in Paris zusätzlich beeinträchtigt. Auch musikalisch war es seit seiner Vertreibung durch die Nationalsozialisten aus Deutschland nicht mehr recht vorwärts gegangen. Aufträge waren ausgeblieben. In dieser bedrückenden Phase kam aus New York das Angebot, eine Musik für die Max-Reinhardt-Produktion "Der Weg der Verheißung” zu komponieren. Weill sagte ohne Bedenken zu. Er zweifelte auch nicht daran, den neuen Herausforderungen in Amerika gewachsen zu sein:

Kurt Weill: You know, Berlin in the years after the first world war was in spirit the most American city in Europe. We liked everything we knew about this country. America was a very romantic country for us. On of my most successful operas; the rise and fall of the city Mahagonny was about an American city. We even rode two songs in English for this opera.

Sie müssen wissen, dass Berlin in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg dem Geist nach die amerikanischste Stadt Europas war. Wir liebten alles, was wir über dieses Land erfuhren...
... Eine meiner erfolgreichsten Opern, Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, handelt von einer amerikanischen Stadt. Wir schrieben für diese Oper sogar zwei Songs in Englisch.


Für den Neubeginn in Amerika hatte Kurt Weill auch an seine große Liebe Lotte Lenya gedacht. Ihre Beziehung zu einem Sänger war gerade zerbrochen, ihr Scheidungsgeld verbraucht und ein Engagement hatte sie auch nicht. So schrieb er ihr:

Weill: Wir können nun überlegen, wie wir es mit deiner Reise machen. Es wäre natürlich fein wenn wir zusammen fahren könnten und ich habe auf jeden Fall mal eine Doppelkabine reservieren lassen ... Was meinst Du?

Mit ihrer Ankunft in New York sind die beiden wieder ein Paar und Weill macht sich voller Elan an die Arbeit. Aber die gigantische Reinhardt-Produktion "Der Weg der Verheißung” verzögert sich. Ein Honorar kann der Komponist nur erwarten, wenn die Aufführung stattfindet. Um Geld zu verdienen wird für Kritiker, Produzenten und Verleger ein Liederabend arrangiert mit Lotte Lenya als Solistin. Der Abend wird eine Katastrophe, die meisten Zuhörer verlassen das Konzert in der Pause.
Nach dieser Erfahrung sucht Kurt Weill Verbündete, die seine Art Musik - Theater verstehen und mit ihm arbeiten wollen und er findet sie im avantgardistischen Group Theatre von Lee Strassberg. Für Lenya schreibt er in das Antikriegsstück Johnny Johnsons die Rolle der französischen Krankenschwester, ihr Song Mon Ami, My Friend erinnert stark an das Berliner "Happy End":

Mordechai Baumann, im New York der 30er und 40er Jahre einer der berühmtesten Sänger, berichtet über seinen Eindruck von Weills Broadway Debüt.

Mordechai Baumann: Johnny Johnson made a big impact on the theatre audience but it wasn't a big success. Because it was to sophisticated. Nobody understood this kind of sophistication and theatre and music. And we hadn't that kind of musical theatre. We have musical comedy, musical operetta but not music and theatre. And that was a very important step in the development of the New York Theatre and it influenced all kinds of people, especially people like Marc Blitzstein.
So what were so happening, was a very very interesting serious theatre in New York. And so that time New York was a place for entertainment, not for serious theatre.

Johnny Johnsons machte einen großen Eindruck bei den Zuschauern aber es war kein großer Erfolg. Es war zu geistvoll für das Theater. Keiner verstand diese Art von Theater und Musik.
Wir kannten kein Musiktheater. Wir kannten Musical- Komödie, Musical - Operette aber nicht Musik und Theater. Das war eine wichtige Etappe in der Entwicklung des New Yorker Theaters, mit einem großen Einfluss auf die unterschiedlichsten Menschen, besonders auf Marc Blizstein. (...)
Wir waren glücklich, dass wir erstmalig ein sehr interessantes ernsthaftes Theater in New York sahen, denn zu der Zeit war New York der Platz für die Unterhaltung und nicht für seriöses Theater.


Für seriöse Theater gibt es in New York keinen Markt und Johnny Johnson wird schnell abgesetzt. Die Geldreserven sind aufgebraucht und die beiden Emigranten müssen bei Freunden Unterschlupf suchen. Die berufliche Krise treibt die fragile Beziehung auseinander. Lotte Lenya stürzt sich wieder in eine Affäre; dieses Mal mit dem Librettisten von "Johnny Johnson”. Weill erneuert den Kontakt zu Erika Neher, mit der er schon in Deutschland ein Verhältnis hatte. Er schreibt ihr immer eindringlichere Briefe, bittet sie zu ihm zu kommen. Doch die in Deutschland lebende Neher beendet abrupt die Beziehung.
Kurt Weill muss sein Leben neu ordnen. Aus der ehemaligen Heimat kommen immer neue Hiobsbotschaften über die Rassenverfolgung der Nationalsozialisten. Der Aufenthalt in Amerika, eine Zeitlang vielleicht als Episode gedacht, wird nun zur einzigen Alternative. Lys Symonette, Weills deutsche Korrepetitorin in New York, erinnert sich später:

Lys Symonette: Er wollte von Deutschland, das kann man ja verstehen, das ist wie nach einer riesen Liebesaffaire, wenn man dann nichts mehr davon wissen will. Er wollte einfach nichts mehr von Deutschland wissen. Er hat auch nie mehr Deutsch gesprochen. Ich habe nie mit ihm Deutsch gesprochen. Und ich glaube auch nicht, dass er mit Lenya jemals Deutsch gesprochen hat. Die haben von Prinzip aus und von Anfang an nur englisch miteinander geredet.

Kurt Weill ist nach den Misserfolgen klar, mit Musik für singende Schauspieler, wie in Deutschland, wird er in New York keinen Erfolg haben. Der Broadwayzuschauer verlangt Unterhaltung und amerikanische Songs. Die soll er von nun an bekommen. Die am 7.Januar 1937 endlich stattfindende Premiere von "Der Weg der Verheißung" ist ein großartiger Erfolg - für Max Reinhardt - und für Kurt Weill. Der Komponist ist glücklich. Er erhält das erste Geld aus den Tantiemen der Aufführung am Broadway. Aber die Freude währt nur kurz, denn der Aufwand ist immens und deckt trotz ausverkaufter Vorstellungen nicht die laufenden Kosten. Das Stück wird abgesetzt. Etwas bleibt aus dieser Zeit: Kurt Weill und Lotte Lenny finden wieder zusammen. Am 19. Januar 1937 heiraten sie zum zweiten Mal. Später, nach weiteren Misserfolgen, bittet Lotte Lenya ihren Mann, ihr keine Rollen mehr in seine Stücke zu schreiben. Sie verlegt sich auf das Dasein als Hausfrau und Komponistengattin, wozu auch das Abwehren von Nebenbuhlerinnen gehört. Und beide versuchen so tief wie nur möglich in die amerikanische Kultur einzutauchen.

Weill: My old friend and teacher Ferrucccio Busoni used to say: You don't feel at home in a language unless you dream and count in this language.
Seriously how could I ride music for Americans unless I could understand their way of thinking and feeling and all the shapes of meaning of the words in which they express themselves.

Mein alter Freund und Lehrer Ferruccio Busoni pflegte zu sagen: Man fühlt sich erst dann in einer Sprache zu Hause, wenn man in ihr auch träumt und rechnet.
Doch im Ernst, wie könnte ich Musik für Amerikaner schreiben, wenn ich nicht ihre Art zu denken und zu fühlen verstehen könnte, und ebenso all die verschiedenen Bedeutungen der Worte, mit denen sie sich ausdrücken.


Dadurch, dass sich Kurt Weill in seinen Kompositionen immer mehr auf die Unterhaltung beschränkt - und damit von seinen Berliner Theaterideen entfernt - findet er Zugang zu den Zuschauern am Broadway und damit den Erfolg. So bringt ihm, während Amerika sich auf den Eintritt in den 2.Weltkrieg vorbereitet, sein erstes völlig unpolitisches Stück 1941 den Durchbruch. Das Musical Lady in the Dark erreicht 467 Aufführungen in Serie. Das ist zu diesem Zeitpunkt Broadway-Rekord! Die Paramount zahlt für die Filmrechte ebenfalls eine Rekordsumme und macht daraus einen der ersten Farbfilme Hollywoods. Für die Kinoadaption wird die Partitur von Filmspezialisten "bearbeitet", Songs werden gestrichen. Das schmerzt den plötzlich reichen Komponisten, aber das Geld ist eben auch Schmerzensgeld. Der sich gern kommerziell gebende Weill schreibt aus Hollywood einen vielleicht prophetischen Brief:

Weill: Keine Sorge, Hollywood wird mich nicht kriegen. Keine Hure liebt je ihren Freier, und sie will ihn so schnell wie möglich loswerden, sobald sie ihre Dienste bereitgestellt hat. Das ist mein Verhältnis zu Hollywood. Ich bin die Hure. Die meisten Leute versuchen das Hurengeschäft mit Liebe zu vermischen - und deshalb kommen sie nicht davon los.

Am Broadway hofft Kurt Weill mehr Kontrolle über seine Musik behalten zu können und er schreibt das nächste Musical "One touch of Venus". Jetzt ist er perfekt und das Stück wird sein größter Erfolg am Broadway, es wird verfilmt und etliche Plattenausgaben folgen. Weill ist stolz auf sein Werk. So stolz, dass er sich dazu überreden lässt, einige Stücke im Haus von Ira Gershwin selbst zu singen, so auch den Song West Wind.

Jetzt ist Kurt Weill ein begehrter Mann, nicht nur im "musical-district”. Der Komponist erscheint als ein glühender Patriot. Endlich erhält er die US-Staatsbürgerschaft und hofft nun ein richtiger Bürger der USA zu sein, der amerikanische Musik komponiert. Mordechai Baumann ist sich der vollständigen Amerikanisierung Weills allerdings nicht sicher.

Baumann: He trued very hard to capture the American quality of music at that time. He could a lot of things. The thing that was so wonderful I think about Weill`s music is his melodic structure which is so beautiful. And in Germany or in America it is very effective and very pointed and reaches you very quickly. On thing he couldn't find is the rhythm of American life. And that's I mean is very interesting; because that's probably the hardest thing to understand if you are not native is the rhythm of the life of another country, you come too. And he working with Ira Gershwin, working with Moss Hart and working with Maxwell Anderson. These is the top people of the time. And they all recognized his values and they all very good to him. I think also he did have struggle with them, because he have their ideas, which will not his ideas.

Er war bemüht, sich die amerikanische Qualität der Musik anzueignen. Und er hat viele Dinge aufgenommen. Das Wunderbare an Weills Musik ist die melodische Struktur. Die ist wunderschön, und in Deutschland wie Amerika wirksam. Sie ist sehr stark, und sie erreicht dich sehr schnell. Was er nie fand, das war der Rhythmus des amerikanischen Lebens. Es ist wohl das, was Ausländer am schwersten verstehen können. Den Rhythmus des Landes, in das man kommt. Er hat gut mit Ira Gershwin, Moss Hart und Maxwell Anderson zusammengearbeitet. Das waren die besten Leute der Zeit. Sie alle erkannten seine Werte an, und sie waren sehr gut zu ihm. Aber er musste auch kämpfen, weil ihre Ideen nicht die seinen waren.


Kurt Weill kennt seinen Wert und stellt Forderungen. So legt er eine Mindestzahl von Musikern für die Aufführungen fest und diktiert längere Probenzeiten. Musikalisch ist er weit weg vom Sprechgesang, die Lektion des Marktes hat er gelernt. Aber nur unterhaltende Musicals - wenn auch sehr erfolgreiche - zu komponieren, reicht ihm doch nicht. Er will eine anspruchsvolle Broadway - Oper schaffen. Auch inhaltlich sucht er mehr Substanz, wird konfliktreicher, politischer. Sein letztes Stück "Lost in the Stars” spielt in Südafrika, greift die dortige Rassentrennung an und meint auch die Rassendiskriminierung in den USA. Der Komponist lässt sich in Harlem inspirieren, die Besetzung besteht zum großen Teil aus Afroamerikanern, die sich der Aktualität der Oper bewusst sind. Die Uraufführung am 30.Oktober 1949 wird ein Erfolg am bis dahin weißen Broadway und läuft noch als Kurt Weill am 3. April 1950 an Herzversagen stirbt. Lenya lässt die Strophe aus "Lost in the Stars” auf den Grabstein meißeln, die Jocelyn B. Smith singt.
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