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28.2.2005
Wettkampf auf der Piste
Geschichte des Wintersports
Von Thomas Jaedicke

Profi-Skiläufer (Bild: AP Archiv)
Profi-Skiläufer (Bild: AP Archiv)
Nicht wenige sprechen von "Skizirkus", wenn heutzutage von Wintersport die Rede ist. Längst sind die Wettbewerbe auf Schnee und Eis zu einem dicken Geschäft geworden. Medien und Tourismus profitieren gleichermaßen von den zu sportlichen Events aufgeplusterten Disziplinen. Hier ein Weltcup, da eine Tournee, dort eine Weltmeisterschaft… Die Menschen, die sich vor 100 Jahren, in der Frühzeit des Wintersports, auf die Piste oder aufs Eis begaben, dachten sicher im Traum nicht daran, welche Formen dieser Sport einmal annehmen würde. Erst recht nicht diejenigen, die sich überhaupt zum ersten Mal auf Ski-ähnlichen Brettern bewegten: 5000 Jahre ist das her.

Und da muss er erscheinen, und er tut es. Und seine Zeit ist schnell. Er schießt wie ein Pfeil, wie von der Harpune geschnellt, nun wieder aus dieser Waldspitze heraus - wir sind das schon gewohnt - taucht nun tief nach unten in seinem karierten Hemd, das er immer trägt bei den großen Meisterschaften, nun hinein wieder in die Bodenwelle, lässt sich weit hinaustragen, der Mann aus Bad Wiessee, mit festem, stämmigen Stand, aber doch wuchtig und elegant, der starrknochige Mann, saust er nun nach unten, durch das coupierte Gelände durch und jetzt durch das Ziel.

Seit über 5000 Jahren benutzt die Menschheit Skier, um sich auf Schnee fortzubewegen. Skifragmente, die Geologen in Schweden fanden, belegen das.
Die ersten Skiwettkämpfe sollen anno 1718 von Norwegern durchgeführt worden sein. Bis zu den ersten Olympischen Winterspielen, 1924 in Chamonix, war es noch ein weiter Weg.

Nun starren die Zuschauer nach oben. Nach oben auf jenen Hügel, auf jenes Waldstück vor dem Kanonenrohr, vor dem gefährlichen Stück des letzten Drittels unten vor dem Ziel und warten auf Sepp Gantner. Denn er ist der Letzte, nachdem Pepi Maurer durch eine Trainingsverletzung ausfällt, der für den Sieg in Frage kommen kann. Der seinen Vordermännern, dem Oberstdorfer Willy Klein, der Karl Maurer und der, dem bisher immer noch vorne liegenden Albert Heimbel aus Rosenheim, die Bestzeit abnehmen kann. Sepp Gantner, der Sieger der bayerischen Meisterschaft, ein Mann mit Nerven. Ein Mann, der mit Kopf und Köpfchen fährt, der es nicht nur in den Beinen hat und der die Strecke nach einer ganz besonderen Methode, wie er uns vorher erzählte, abgeschätzt hat.

Die ersten Versuche auf Skiern in den Alpen sollen nach Ansicht der Historikerin Stefanie Arlt in den siebziger und achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts unternommen worden sein. Doch erst durch Fridtjof Nansens 1891 erschienenes Buch "Auf Schneeschuhen durch Grönland" wurde die Lawine richtig losgetreten.

Als Erfinder des alpinen Skisports gilt der Brite Sir Arnold Lunn. 1922 steckte der im indischen Madras geborene Arztsohn in der Schweiz den ersten Slalomkurs, und zwei Jahre später gründete der begeisterte Alpinist Lunn den noch heute bestehenden Kandahar Ski Club.

Das erste alpine Kombinationsrennen der Welt war das Kandahar Rennen, das am ersten März-Wochenende des Jahres 1928 am Arlberg in Tirol ausgetragen wurde.
Ein riesiges Aufgebot an Journalisten hatte sich am Fuß des Berges eingefunden.
Angeführt von Skipionier Lunn und dem Lokalmatador von St. Anton, Hannes Schneider, der 1921 die erste professionelle Skischule gegründet hatte, wurde das erste "Arlberg-Kandahar-Rennen" ausgerichtet. 45 Skiläufer aus Österreich, England, Amerika und der Schweiz waren beim Debüt am Start. Es war eine Kombination aus Slalom und Abfahrt.

Lord Frederick Sleigh Roberts, ein englischer Kolonialheld: auf ihn geht die die Vorgeschichte des Arlberg-Kandahar-Rennens zurück. Um 1880 war er Kommandeur der britischen Besatzerarmee am Kandaharmassiv in Afghanistan und bekämpfte dort erfolgreich afghanische Rebellen. Lord Roberts erhielt daher 1881 den Titel "Earl of Kandahar".

Roberts war ein glühender Anhänger des aus Norwegen und der Schweiz kommenden neumodischen Wintersports - ebenso wie Arnold Lunn. Als im Winter 1911 skibegeisterte Vertreter der britischen Oberschicht in Crans Montana zum ersten Mal um die Wette ins Tal rasten, stiftete der Afghanistan-gestählte General Roberts spontan den "Roberts of Kandahar Challenge Cup". Und seine Bewunderer, allen voran der noch junge Arnold Lunn, sorgten nach dem Ersten Weltkrieg dafür, dass der alpine Wintersport populär wurde. Roberts zu Ehren nannte Arnold Lunn 1928 das erste Kombinationsrennen aus Abfahrt und Slalom "Kandahar-Rennen".
Weitere Kandahar-Rennen entstanden in Chamonix, Sestrière und 1959 auch in Garmisch Partenkirchen.

Ungefähr seit 2000 v. Chr. benutzt die Menschheit so etwas wie Schlittschuhe, um sich auf dem Eis fortzubewegen. Archäologen konnten dies durch Funde einfacher Kufen aus Knochen beweisen. Sein olympisches Debüt feierte der Eiskunstlauf 1908 als Gastdisziplin im Rahmen der Sommerspiele von London.
Der Berliner Werner Rittberger beherrschte zwischen 1908 und 1925 die internationale Eiskunstlaufszene.
1909, im Berliner Eispalast, hatte er einen nach ihm benannten und noch heute von vielen Kufencracks gefürchteten Sprung erfunden: den Rittberger.

Dabei sei das Ganze eher ein Zufall gewesen. Als der als Perfektionist gefürchtete Rittberger im Eispalast nach Melodien von Operettenkönig Walter Kollo seine akkuraten Kringel drehte, habe der Dicke im Orchester plötzlich derart auf die Pauke gehauen, dass der scheue Werner heftig erschrak und einfach absprang. Aus dem Bauch heraus. Rückwärts laufend, habe er, der im Ersten Weltkrieg als Pilot diente, einfach abgehoben - vom rechten Bein mit einer ganzen Drehung in der Luft, um mit demselben Bein wieder zu landen, immer noch rückwärts fahrend. Der Rittberger war erfunden. Die Halle habe getobt, ist kolportiert.

160 Pfund schwer. Und diese 160 Pfund, die trimmt er jetzt 2x in die Luft. Angeschlossen ein Salchow. Alle Sprünge hat er im Repertoire. Axel Paulsen. Doppelaxel. Rittberger.

Die Berichte über Werner Rittberger, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Krefeld bei Eislaufmäzen Willi Münstermann unterschlüpfte, sind ebenso spärlich wie widersprüchlich. Nie habe man den wortkargen, asketischen Athleten, der sein Wissen und Können dem nordrhein-westfälischen Verband in der Trainerausbildung nahezu kostenlos zur Verfügung gestellt habe, mit Frauen gesehen, behaupten die Einen. Andere Quellen wiederum berichten von zwei gescheiterten Ehen und fünf Kindern. Als 70-Jähriger soll er einem Nachbarn in der Krefelder Westparkstraße noch das Schlittschuhlaufen beigebracht haben. Fest steht lediglich, dass der 84-jährige Werner Rittberger 1975 völlig vereinsamt in einem städtischen Krankenhaus verstarb.

Oertel: Die Sprünge, die Doppelsprünge sitzen alle bisher auf den Zentimeter. Auch der Doppelaxel kam; kam präzise. Kam wie ein Punkt! Kam wie ein Paukenschlag!!

Reportage: Jetzt die letzte Phase. Die letzten 30 Sekunden noch. Rückwärtsanlauf; kraftvoll übersetzend. Herrgott.

5,8; 5,6; 5,8; 5,8; 5,9 und eine 6!


Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mussten die Deutschen sieben Jahre lang warten, bis sie wieder an Olympischen Spielen teilnehmen durften. Im Februar 1952 starteten deutsche Athleten bei den Winterspielen von Oslo.
Im September 1949, fünf Monate nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland, war das Nationale Olympische Komitee der Bonner Republik ins Leben gerufen worden. Im April 1951 zog auch die DDR nach und gründete unter sowjetischer Federführung ein eigenes NOK. Ost-Berlin verfolgte damit das taktische Ziel, in Oslo mit einer eigenen Mannschaft an den Start gehen zu können. 1952 jedoch lief nur eine deutsche Mannschaft auf, die nur aus westdeutschen Sportlern bestand. Die DDR hatte auf die Teilnahme verzichtet.

Der Berliner Kabarettist Wolfgang Neuss trieb seine Späße mit dem Ost-West-Konflikt. In dem Programm "Mit Schreibmaschine und Klavier" nahm er die ersten deutschen Goldmedaillen bei den Winterspielen 1952 in Oslo aufs Korn.

Becker: Was hast'n geschrieben?

Neuss: Na, was in Oslo los ist. Die deutschen Bobfahrer ham die zweite Goldmedaille. Hurrah! Hurrah! Hurrah! Unerhört der Mannschaftsführer - der Ostler. Phantastisch! Ich habe gestern mit 'nem älteren deutschen Herrn drüber geplaudert. Und der ältere deutsche Herr hat gesagt: Ja, hat er gesagt, es ist schon eine hehre Freude, wenn man's so betrachtet. Die werden auch immer besser im Bergabfahren. Ich sage, ja, sage ich, der Mann heißt "Ostler". Sehn ´Se, sagt er, und das ist die Schweinerei: Warum heißt der nich "Westler?"

Der amerikanische Ski-Sportler Bode Miller in Wengen, Schweiz (Bild: AP)
Der amerikanische Ski-Sportler Bode Miller in Wengen, Schweiz (Bild: AP)
Nachdem die beiden Zwei-Zentner-Athleten Anderl Ostler und Lorenz Nieberl schon im Zweierbob Gold gewonnen hatten, belegten sie auch mit dem Viererschlitten in Oslo Platz eins. Mit Kemser und Kuhn hatte sich Ostler noch zwei weitere Schwergewichte in den Schlitten geholt. Damit brachte Bob Deutschland I in der Konkurrenz die meisten Zentner auf die Waage.

Reporter: Atemlos stehe ich am Start. Der Bob Deutschland I ist klar. Kemser schiebt den Schlitten noch etwas hin und her. Die beiden Schwergewichte Nieberl und Kuhn stehen zu beiden Seiten, laufen an. Kuhn sitzt auf; jetzt Nieberl; jetzt Kemser... Noch ein Bobstoß. Und das ist die entscheidende Fahrt. Jetzt geht es um knapp eine Sekunde.

Das Feld war geschlagen. Doch wegen des Gewichtsvorteils der Deutschen wurde sofort Protest eingelegt und für die nächsten internationalen Wettkämpfe führten die Funktionäre ein Limit ein.

Mein Glückwunsch, und ich glaube der Glückwunsch aller deutschen Hörer, die jetzt am Lautsprecher sitzen für Ihre zweite Goldmedaille, Herr Ostler:

Ja, es is sehr gut gelaufen.

Das ist alles? Sie sagen das so hin, als wenn man mit dem Fahrrad oder mit dem Rodelschlitten da runter fährt? Haben Sie keine Angst gehabt, weil der Schlitten Amerika so dicht hinter Ihnen her war, dass er Sie einholt?

Becker und Neuss: Beim Bobfahren, nich, da konntste mal sehen, wie erfolgreich so was sein kann. Das war sicher das erste Mal, dass vier gewichtige Deutsche zusammen saßen und alle das gleiche Ziel hatten.

Am Ende der Olympischen Winterspiele von Oslo belegte die Bundesrepublik in der Nationenwertung hinter Norwegen, den USA und Finnland Platz vier. Die DDR, die 1952 noch auf eine Olympiateilnahme innerhalb einer gesamtdeutschen Mannschaft verzichtet hatte, schickte ihre Athleten erst vier Jahre später zu den Spielen von Cortina d´Ampezzo an den Start. 1956 in Italien fand sich Ost-Berlin sogar mit dem Rahmen einer Gesamtdeutschen Mannschaft ab. Erst 1968 in Grenoble kämpften erstmals zwei getrennte deutsche Mannschaften um olympischen Lorbeer.

Bush: On behalf of a proud, determind and greatful nation, I declare open the games of Salt Lake City. Celebrating the Olympic Winter Games.

Die jüngsten Olympischen Winterspiele von Salt Lake City warteten vor drei Jahren in den USA mit Superlativen in allen Kategorien auf. Berichtet wurde rund um die Uhr. Der amerikanische Fernsehsender NBC erreichte mit seiner Übertragung der Eröffnungsfeier 72 Millionen US-Bürger, was einer Quote von 42 Prozent der Fernsehzuschauer an diesem Abend entsprach. Mit der meistgesehenen Eröffnungsfeier der Olympia-Geschichte stellte NBC schon vor Beginn der Sport-Wettkämpfe einen ersten Olympia-Rekord auf. Die alte Bestmarke hielt die Konkurrenz von CBS, die 1960 mit der Übertragung der Eröffnungsfeier der Spiele von Squaw Valley 37 Prozent des Fernsehpublikums erreichte.

Pepping: Lange Schlangen und stundenlange Wartezeiten am Einlass sind unvermeidbar. Soldaten durchsuchen jede Tasche. Große Gepäckstücke sind im Stadion verboten, genau wie Dosen oder andere Behälter. Der Grund: Die Organisatoren haben Angst, Terroristen könnten biologische Kampfstoffe einschmuggeln.

Der Schock der Terroranschläge des 11. September 2001 saß den Amerikanern immer noch in den Knochen. Noch bevor die Wettkämpfe richtig losgingen, hatte ein herrenloses Paket für viel Aufregung gesorgt. Nach vorsorglicher Sprengung durch die Polizei stellte sich der Inhalt zum Glück als harmlos heraus. Es waren keine Bomben, sondern bloß Verkehrslampen.

Das Ereignis des Jahres. Bei absoluter Public Control. Nicht nur ARD, ZDF wird dabei sein. Auch BBC. NBC. ABC. ORF und so weiter.

Das Aufgebot von 16.000 Polizisten und Militärs bedeutete neben der Beteiligung von 2500 Athleten aus 77 Nationen eine weitere olympische Bestmarke. Tausende akkreditierte Medienvertreter hatten also auch dann genug zu berichten, falls Sport, Doping oder Klatsch nichts mehr hergaben. So zynisch es auch klingt: Dank des Terrors gingen die Themen niemals aus.

Wintersport im Medienzeitalter. Das Wichtigste ist die Vermarktung von Fernsehrechten. Der Wettkampf auf der Piste wird bestimmt von der Jagd nach Bildern und Geschichten. Innerhalb von hundert Jahren ist auch der Wintersport Teil einer großen Unterhaltungsindustrie geworden.

450 Millionen am Bildschirm. Live. All around the world. Und wenn dann die Spotlights angehen. Die Hubschrauber kreisen; in dieser Lichtarchitektur.


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