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4.3.2005
Wahlkampf
Die DDR im Frühjahr 1990
Von Ralf Geißler

Montagsdemonstration im Leipzig, 17.10.1989 (Bild: AP Archiv)
Montagsdemonstration im Leipzig, 17.10.1989 (Bild: AP Archiv)
Vor wenigen Monaten wurde an den Fall der Berliner Mauer 1989 - vor 15 Jahren - erinnert. Danach änderten sich die Verhältnisse in der DDR in rasantem Tempo. Die SED musste sich mit den Bürgerbewegten an Runde Tische setzen und Regierungschef Modrow beugte sich dem Ruf nach "einig Vaterland". Im Frühjahr 1990 tobte der erste echte Wahlkampf in der Geschichte der DDR. Denn am 18. März wurde zum ersten Mal die Volkskammer frei gewählt. Die DDR war im Frühjahr 1990 ein aufregender Staat - denn noch wusste niemand so recht, wohin die Entwicklung gehen würde.

Deutschland einig Vaterland. Deutschland einig Vaterland. Deutschland einig Vaterland.

"Deutschland einig Vaterland" rufen die Demonstranten im Januar 1990 auf den Leipziger Montagsdemos. Immer noch kommen Woche für Woche Zehntausende auf den Karl-Marx-Platz. Doch von den Bürgerrechtlern, die schon demonstrierten, als das noch Mut erforderte, ist fast keiner mehr dabei. Sie können mit dem Ruf nach schneller Wiedervereinigung wenig anfangen. Viele von ihnen haben auch gar keine Zeit mehr. Sie sitzen an den Runden Tischen im Land und versuchen, die DDR zu reformieren.

Christian Scheibler: Im Winter ging es um Straßenreinigung. Dann ging es tatsächlich um die Milchversorgung der Bevölkerung, um die Kohlenversorgung. Überall wurden ja noch Braunkohlebriketts und zum Teil Rohbraunkohle angeliefert. Da funktionierte nichts mehr. Das war ja alles durch diesen Apparat gesteuert und diese knappen Kontingente und überall war Mangel - nach wie vor.

Christian Scheibler war einer von 19 Vertretern am Runden Tisch in Leipzig. Nach dem Rücktritt des Stadtrates hatte das Gremium die Verantwortung in Leipzig übernommen. Der Runde Tisch war zwar nicht gewählt, aber das konnte die SED mit ihren Blockparteien von sich schließlich auch nicht behaupten.

Christian Scheibler: Der eigentliche Handlungsvorteil, also der uns befähigte zu agieren, war die Transparenz in der Öffentlichkeit. Wir haben alles, was wir getan haben, immer öffentlich gemacht.

Geholfen haben dabei die unabhängigen Zeitungen, die zu Beginn des Jahres 1990 überall in der DDR entstanden. In Leipzig wurde Ende Januar die erste Ausgabe der Zeitung "Wir in Leipzig" verkauft. Zu den Redakteuren gehörte auch Veronika Schliebe.

Veronika Schliebe: Ich war zu der Zeit freiberufliche Journalistin, was nicht ganz so einfach war. Und da habe ich mich beworben mit einem Satz: Ich bin 35, verheiratet und habe keine Kinder - und kann morgen anfangen.

Tatsächlich stand Veronika Schliebe einen Tag später in der Redaktion von "Wir in Leipzig" und war verantwortlich für die Produktion der Zeitungsbeilagen.

Veronika Schliebe: Da war in so einem Fabrikgelände die ehemalige Betriebskantine, die war von den Leuten gemietet. Ich kam da rein und da saßen dann verschiedene Jungs und Mädels mit einer Erika-Schreibmaschine und die tippten da alle drauf rum und schrieben ihre Manuskripte. Also die Arbeitszeiten waren so, dass ich mir gesagt habe als Frau: Das hältst du fünf Jahre durch, dann wiegst du noch vierzig Kilo und dann musst du aufhören.

Musik Keimzeit (Irrenhaus): Du erinnerst mich an diesen Zeitungsburschen aus Boston oder New York, der da sagte: Lieber gehe ich vor die Hunde, als dass ich von Euch mir irgendwas was borg'. Im Film haben die immer Fortuna parat. Dich hat man wieder übers Ohr gehauen und dann weggejagt. Irre ins Irrenhaus. Die Schlauen ins Parlament. Selber Schuld daran, wer die Zeichen der Zeit nicht erkennt…

In den ersten Wochen wurde die Zeitung den Verkäufern förmlich aus den Händen gerissen, obwohl ein Exemplar 2,50 Mark kostete - zehn mal so viel wie die Leipziger Volkszeitung. Nach und nach wagten auch Medien aus dem Westen den Sprung in den Osten. In Berlin erschien Ende Februar 1990 die erste DDR-Ausgabe der taz. Zu kritisieren gab es für die Journalisten viel, schließlich saßen überall noch die alten Funktionäre. Und die zur PDS mutierte SED versuchte an den Runden Tischen, ihren Machtverlust aufzuhalten. Der letzte Leipziger SED-Chef Roland Wötzel gibt offen zu, dass er noch 1990 versucht hat, das Ruder wieder herum zu reißen.

Roland Wötzel: Es ist Unsinn, wenn jemand sagt, ich mache Politik, um nicht Macht auszuüben. Politik ist immer mit Macht verbunden. Wir waren ganz normale Machtpolitiker wie jeder andere und deshalb gingen meine ganzen Überlegungen auch dahin, wie kann ich am Längsten diese SED später PDS machtpolitisch so im Spiel halten, dass wir Macht ausüben können, dass wir mitbestimmen können.

Rufe: Keiner wählt die SED. Keiner wählt die SED. Keiner wählt die SED.

Doch die Straße forderte neue Köpfe. Die Mehrheit wollte die alten Funktionäre nicht mehr sehen. Und so mancher, der einst im System mitmischte, wollte im Frühjahr 1990 plötzlich nie dazugehört haben.

Roland Wötzel: Für mich war es außerordentlich bedrückend, als ich mal auf der Rückseite der Bezirksleitung zum Fenster hinausgesehen habe. Und da ist ein Genosse von uns mit einem kleinen Handwagen über den Hof gefahren und hat hinten in die Garagen einen Handwagen voll ausrangierte Parteidokumente gefahren. Die hatten also die Genossen, die ehemaligen Mitglieder, abgegeben.

Die SED-PDS hatte Anfang 1990 nicht nur zahlreiche Mitglieder verloren und ihren Führungsanspruch eingebüßt. Auch ihre mächtigste Stütze - die Staatssicherheit - war handlungsunfähig geworden. In der gesamten DDR hielten Bürgerrechtler die Stasi-Gebäude besetzt. Christian Scheibler saß nicht nur am Runden Tisch, er war auch Sprecher des Leipziger Bürgerkomitees zur Auflösung der Staatssicherheit.

Christian Scheibler: Also es gab viele, die wollten also tatsächlich jetzt persönlich ihre Akten sofort auswerten, aber auch die der Freunde und der Bekannten und aller möglichen anderen Menschen. Und da musste man eine Grenze ziehen, wenn man wirklich diese Strukturen auflösen wollte. Ich war Physiker und habe mir gedacht: Das einzige, was Du hier tun kannst, ist zu versuchen, die Strukturen zu zerschlagen. Weil, wir würden uns ablenken, wenn wir uns in diese Informationsüberflutung auch hineinstürzen würden. Wir würden genauso ersaufen, wie die alten Machthaber drin ersoffen sind.

Während die Bürgerrechtler die Stasi-Akten sicherten, nach dem Vermögen der PDS fahndeten und am Runden Tisch das Land mitgestalteten, plagten die einfachen DDR-Bürger ganz andere Sorgen. Die Kaufhäuser waren Anfang 1990 noch leerer als sonst. Angelika Burowik vom Konsum Leipzig erinnert sich an Hamsterkäufe in ihren Geschäften.

Angelika Burowik: Viele haben um Geld und Vermögen Angst gehabt. Und man dachte ja, dass das DDR-Geld, was wir nun besaßen, gar nichts mehr Wert war. Und damit wurden auch Angstkäufe durchgeführt, damit sie ihr Geld nicht verloren haben. Viele haben sich noch Dinge gekauft, die also praktisch zur Zeit auch gar nicht notwendig waren.

Konserven, Fernseher, Schokolade und Waschmaschinen - alles, was in der DDR ohnehin knapp war, ging in diesen Wochen besonders gut. Andere investierten ihre weiche Währung lieber in Auslandsreisen. In Ost-Berlin konnte man ab Februar 1990 Pauschalreisen für Ost-Mark erwerben. Der Zuspruch war gigantisch. Einige Wochen später wurde die Versorgung vor allem in den Großstädten wieder besser. Es gab die ersten Westprodukte - noch für DDR-Mark.

Angelika Burowik: Die erste Zeit, da haben wir ja schon den Joghurt vom Westen bekommen. Und den haben wir ja in wahnsinnig vielen Paletten haben wir den in die Filiale reingenommen und da gab es sogar Schlangenbildung fürs Obst, für Joghurt, für bestimmte Sorten Konserven. Und die haben wahnsinnig gekostet.

Neben Joghurt und Bananen machten die ersten DDR-Bürger mit noch etwas ganz anderem aus dem Westen Erfahrung: der Arbeitslosigkeit.

Reportage vom Arbeitsamt: Ab früh um neun geben sich im Geraer Arbeitsamt die Arbeitsuchenden förmlich die Klinke in die Hand. So auch am heutigen traditionellen Beratungsdienstag. Die republikweite Tendenz ist auch hier für jeden Betroffenen schmerzhaft spürbar. Von heute exakt 2042 angebotenen Arbeitsplätzen erfordern ganze 58 höhere Qualifikationen.

Musik: In Deinen Augen ist zu lesen: Gut ich geh' es an. Auf Deiner Lederjacke steht: Vergiss es! In Deinem Kopf Größenwahn, gekonntes Schweigen. Ich vermiss' es. Warum wird denn immer wieder mit Kanonen auf Spatzen? Das Blut spritzt rot. Im Präsidium kreisen die Geier liberal und lachen sich tot. Irre ins Irrenhaus, die Schlauen ins Parlament. Selber Schuld daran, wer die Zeichen der Zeit nicht erkennt. Irre ins Irrenhaus, die Schlauen ins Parlament. Selber Schuld daran, wer die Zeichen der Zeit nicht erkennt.

Anfang März 1990 stand die DDR ganz im Zeichen des Wahlkampfes. Mehrere Bürgerrechtler hatten sich zum "Bündnis 90" zusammengeschlossen. Die konservativen Parteien kandidierten als "Allianz für Deutschland." Zum ersten Mal lief im DDR-Fernsehen Wahlwerbung.

Werbespot (DA): Der Sozialismus hat Angst und Schrecken verbreitet. Der Sozialismus hat Hunderttausende aus unserer Heimat vertrieben. Der Sozialismus hat uns um den Lohn unserer Arbeit betrogen. Der Sozialismus hat abgewirtschaftet. Stoppt die sozialistischen Parteien! Am 18. März entscheiden Sie über das Schicksal unseres Landes. Unterstützen Sie unseren Aufbruch in die Demokratie.

Das Geld und die Strategien für solche Spots kamen vielfach aus dem Westen. Auch die Wahlkampfredner waren häufig westdeutscher Herkunft. Der Runde Tisch wollte eigentlich verhindern, dass Helmut Kohl, Willy Brandt und Hans-Dietrich Genscher auftreten. Doch CDU, FDP und SPD der DDR hielten sich nicht an das Votum. Allein Kanzler Kohl besuchte sechs DDR-Großstädte.

Christian Scheibler: Die ganze Bevölkerung redete nur noch von Kohl, die Presse war voll davon. Das Fernsehen berichtete schon vorher. Und wir hatten das Gefühl, wir gehen völlig unter damit, dass wir eine eigene Demokratie schaffen wollen. Die hätte ja auch dahin führen können, wo es dann hingegangen ist. Nur, wir wollten das selbst machen. Wir wollten eigene Verantwortung haben. Ich glaube, da haben sich viele unendlich entmündigt gefühlt.

Das Problem der Bürgerrechtler: Sie hatten keine starken westdeutschen Partner. Lediglich die Grünen kamen als Unterstützer in Frage. Doch irgendwie redeten Grüne West und Bürgerrechtler Ost aneinander vorbei.

Christian Scheibler: Wir waren ja in einer Situation: Die ganze Region lebte von der Braunkohle. Die redeten nur von Atomkraft. Wir hatten hier damit zu tun, dass man hier nicht Luft holen konnte in dieser Stadt. Wir hatten ein völlig anderes Problem. Die kamen hier her und sagten: Das ist aber toll, ihr könnt hier Braunkohle verbrennen. Damals waren die Grünen noch gar nicht gegen die Braunkohleverbrennung in Westdeutschland. Und wir sagten: Das ist unser Tschernobyl. Das ist eine völlig andere Situation. Die Braunkohle ist unser Tschernobyl. Wir hatten nicht die gleiche Sprache 1990.

Wenige Tage vor den Wahlen kam es zu einem Skandal. Ausgerechnet der Vorsitzende des Demokratischen Aufbruchs, Wolfgang Schnur, wurde Anfang März als Spitzel der Stasi enttarnt.

Aktuelle Kamera: Der Vorsitzende des Demokratischen Aufbruchs, Schnur, hat heute aufgegeben. Nachdem er eine Woche lang jegliche Tätigkeit als Stasi-Spitzel energisch geleugnet hatte, gestand er am Vormittag ein, für den früheren Staatssicherheitsdienst gearbeitet zu haben und trat mit sofortiger Wirkung von seinem Amt zurück.

Der "Allianz für Deutschland", zu der auch der Demokratische Aufbruch gehörte, schadete die Affäre nicht. Sie gewann die Wahlen am 18. März mit fast der Hälfte aller Stimmen. Held des Abends war der ostdeutsche CDU-Chef Lothar de Maizière.

De Maizière: Wir haben mit einem guten Ergebnis gerechnet. Dies ist ein unerwartet gutes Ergebnis, das uns doch sehr stolz macht. Die erste Frage, die wir angehen müssen, ist, dass die Menschen unser Land nicht mehr verlassen. Das heißt also, die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion.

Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion - das Thema sollte die kommenden Monate dominieren. Noch am Wahlabend prophezeite der Schriftsteller Stefan Heym:

Stefan Heym: Es wird keine DDR mehr geben. Die DDR wird nichts sein als eine Fußnote in der Weltgeschichte. Jetzt bleibt uns nur, zu überlegen, was wird. Und ich möchte hoffen, dass Herr Kohl die vielen Versprechungen, die er unseren Menschen hier gemacht hat, auch wirklich halten wird.

Das Bündnis 90 der Bürgerrechtler hatte bei den ersten freien Wahlen noch nicht einmal drei Prozent erhalten. Die Revolutionäre der ersten Stunde waren wieder das geworden, was sie schon in der DDR immer waren: eine kleine Gruppe von Idealisten. Dabei hatten sie viel mehr angestoßen, als sie sich im Herbst 1989 zu träumen gewagt hatten.

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