MerkMal
MerkMal
Montag bis Freitag • 16:15
2.3.2005
Die Kraft der Verzauberung
Bruno Bettelheim und sein "Buch Kinder brauchen Märchen"
Von Andrea Marggraf

Kinder brauchen Märchen - an diesen etwas apodiktischen Slogan erinnert man sich umso öfter, je näher der 200. Geburtstag des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen rückt. Aber eigentlich ist es kein Slogan sondern der Titel eines berühmten Buches. 1975 schrieb der Psychoanalytiker Bruno Bettelheim sein Buch "Kinder brauche Märchen", das schnell zu einem Klassiker wurde.

Aus "Kinder brauchen Märchen": Wenn wir nicht einfach in den Tag hinein leben, sondern unserer Existenz voll bewusst sein wollen, ist es unsere größte und zugleich schwerste Aufgabe in unserem Leben einen Sinn zu finden... Die Einsicht in den Sinn des eigenen Lebens erringt man nicht plötzlich in einem bestimmten Alter, auch nicht, wenn man den Lebensjahren nach ein reifer Mensch sein müsste. Im Gegenteil: das Wissen um das, was der Sinn des Lebens sein könnte oder sein sollte, ist das Zeichen seelischer Reife und das Ergebnis einer langen Entwicklung.
Heute liegt wie in früheren Zeiten die wichtigste und schwierigste Aufgabe der Erziehung darin, dem Kind dabei zu helfen, einen Sinn im Leben zu finden.


Mit diesen Worten beginnt Bruno Bettelheims Buch "Kinder brauchen Märchen", mit dem der Autor späten Ruhm errang:

Bettelheim: Das habe ich geschrieben, nachdem ich im Ruhestand war. Da habe ich mir überlegt, warum eigentlich die traditionellen Volksmärchen, Grimms Märchen u.s.w. von den Kindern so bevorzugt wurden, im Gegensatz zu anderer Kinderliteratur. Und warum es auch heilend auf sie einwirkte. Nicht in allen, aber in manchen Fällen.

Die Beschäftigung mit der heilsamen Wirkung eines Märchens liegt auch in der Biographie Bettelheims begründet. 1939 wurde er als Wiener Jude ins KZ Dachau und Buchenwald deportiert. Eine Überlebensformel war, sich Freunde, Verbündete zu suchen, wie Ernst Fehdern, der Sohn des bekannten Psychoanalytikers Paul Fehdern,

Bettelheim: …und er und zwei andere wir haben uns überlegt, welche menschlichen Veränderungen in uns selbst vorgehen, in den anderen Gefangenen vorgehen und was die Psychologie der SS vielleicht sein wird. Wir haben darüber spekuliert. Und das hat uns irgendwie das Interesse am Leben erhalten.

Der Germanist und Philosoph Bettelheim traf bereits in Wien persönlich auf Freud und studierte seine Schriften. So sei der Todestrieb nach Siegmund Freud der Schlüssel für seine Betrachtungen über das Naziphänomen gewesen. Ohne die Vorstellung von diesem Trieb, der selbst zerstörerisch und aggressiv ist, sei dieses Phänomen nicht zu verstehen, so Bettelheim.
Als Beispiel für diesen Todestrieb nannte er die terroristischen Todeskommandos.
Bettelheim wurde 1941 nach 2 Jahren Haft aus dem KZ entlassen. Er konnte nie sagen, was der Grund für die Entlassung war. Bedingung war nur, dass er auf dem schnellsten Weg Deutschland verlassen sollte. Bettelheim emigrierte nach Amerika. In Chicago wurde er Prof. für Kinder- und Jugendpsychologie, -psychiatrie und -pädagogik. Die Psychoanalyse wurde sein wichtigstes Betätigungsfeld. Insbesondere im Umgang mit autistischen Kindern.

Bettelheim: Was mich so beeindruckt hat, ist, dass die SS in dem Konzentrationslager, eine Umwelt geschaffen hat, die vollkommen Persönlichkeitszerstörend war. Und das hat mich dann nach der Befreiung zu Überlegungen geführt, dass wenn es möglich ist, eine Umwelt zu schaffen, die vollkommen Persönlichkeitszerstörend ist, eine Umwelt geschaffen zu haben, die Persönlichkeitsaufbauend war. Es war immer dieses Vorbild: Konzentrationslager: Lebens-, Persönlichkeitszerstörend - ein Institut für Kinder Persönlichkeitsaufbauend.

Unsere positiven Gefühle verleihen uns die Kraft, unseren Verstand zu entwickeln; nur die Hoffnung auf die Zukunft lässt uns den Widrigkeiten standhalten, denen jeder von uns unvermeidlich ausgeliefert ist. Dass man trotz anfänglichen Rückschlägen nicht aufgeben darf, ist eine für Kinder so wichtige Erkenntnis, dass sie in vielen Fabeln und Märchen enthalten ist.

Märchen offenbaren eine Vision vom glücklichen Ende. Die Prinzen finden ihre große Liebe. Die Bösen werden vernichtet und die Guten leben glücklich bis an ihr Lebensende. Eine Traumlandschaft, die selbst an Erwachsenen nicht spurlos vorbei geht.
Doris Mauthe-Schonig ist Dozentin am Berliner Institut für Psychotherapie und daneben analytische Kinder- und Jugendpsychotherapeutin:

Mauthe-Schonig: Ich denke, Kinder die mit Märchen aufwachsen, haben eine Möglichkeit immer wieder in diesen Erzählraum, Märchenraum zurück zu gehen, um sich zu konfrontieren mit grausamen Dingen, die es in seinem eigenen Gefühlsleben auch gibt.

Bettelheim: Die Psychologie des Kindes ist anders als die Psychologie des Erwachsenen und das Kind erwartet, dass die Bösen sehr böse bestraft werden und dass die guten Tugendhaften belohnt werden. Und die Strafen, die das Kind sich ausdenkt in der eigenen Phantasie sind auch ziemlich grausam, denn das Kind hat wirklich kein Gefühl für die subtilen Unterschiede. Also wenn jemand böse ist, dann soll er böse bestraft werden und das Gerechtigkeitsgefühl des Kindes ist dann befriedigt. Und das ist ein großer Wert des Volksmärchens, dass das Kind sich erst ängstigt und dann herausfindet, dass die Angst unnötig war, oder unbegründet war. das ist eine sehr wichtige Erfahrung.

Kinder: Die Märchen sind voll langweilig, weil man hört ja immer das Gleiche und dann. Das wird langsam langweilig dann
Wenn man die auswendig kennt?
Fast alle Märchen gehen gut aus, deshalb weiß mans.


Mauthe-Schonig: Die Märchen sind deshalb aktuell, weil sie wie bei Harry Potter, viel mehr über ihre inneren Probleme erfahren als in anderen Geschichten. Und es geht immer um die Hauptängste und die Hauptwünsche.

Kinder:
Sarah: In den Märchen ist das auch ganz oft, dass die zaubern können.
Sofie: Aber wenn irgendwie was mit zaubern ist, find ich das denn irgendwie etwas langweilig. Weil wenn was passiert, dann denkt man, ach die zaubert das gleich, zum Beispiel, dass sie weg ist oder dass sie unsichtbar ist.
Leonhard: Eigentlich wünsch ich mir gar nicht, dass ich zaubern kann, sondern nur fliegen.

Bettelheim schildert in seinem Buch, wie Charles Dickens von der Welt der Märchen beeindruckt war, insbesondere von Rotkäppchen:

Rotkäppchen war meine erste Liebe. Ich wusste: Hätte ich Rotkäppchen heiraten können, so wäre mir vollkommene Glücksseligkeit zuteil geworden.

Mauthe-Schonig: Meine Phantasie wäre da bei Rotkäppchen, wenn Dickens sie hätte heiraten wollen, also solche Frau, die in den Wald geht um das Böse aufzusuchen, in Kontakt zu kommen mit dem Bösen. Zwar gefressen wird, aber letztlich wieder raus kommt aus diesem ganzen Prozess, die ist interessant. Deshalb ist Literatur was ganz Spezifisches. Das Märchen was mir gefällt, muss ihnen nicht gefallen.

Auch das Märchen "Brüderchen und Schwesterchen" enthält für Bettelheim wichtige Metaphern, die vor allem für den Sozialisationsprozess von Bedeutung sind.

Er nimmt sein goldenes Strumpfband ab und legt es dem Rehchen um den Hals; dann reißt er Binsen aus, flicht ein weiches Seil daraus und bindet das Tierchen daran fest. Nur ein sehr positives persönliches Band - das goldene Strumpfband - kann uns zum Verzicht auf unsere asozialen Wünsche bringen und zu höherem Menschsein führen.

Mauthe-Schonig: Man braucht immer Menschen, die einem bei diesen Entwicklungsschritten helfen. Diese Figuren sind in den Märchen die alte weise Frau, der Jäger, der Jäger in Schneewittchen hat ja auch eine lebensrettende Funktion ... Der Jäger als Heger. Das sind Personen, die haben eher so ein archetypisches Gewand..... Und in den Märchen treten immer Hilfsfiguren auf. So wie es im Leben ja auch ist… Man kann es nicht alles alleine.

Bettelheim: Aber natürlich müssen die Eltern das Beispiel geben, dass sie nicht Aggressionen haben, jedenfalls sehr wenige kontrollierte Aggressionen haben. Das Vorbild der Eltern, ihre Friedfertigkeit, die Kontrolle ihrer Aggression und die Sublimierung der Aggression. Dieses Beispiel ist unerhört wichtig für die Entwicklung des Kindes. Das dauert natürlich eine Weile, bis sich das Kind zu eigen macht. Man muss da Geduld haben. Nicht von dem Sechs-, oder Zehn- oder Zwölfjährigen erwarten, dass er so ist, wie er als Erwachsener sein wird, denn wie Goethe gesagt hat, es bildet sich ein Talent in der Stille und ein Charakter in dem Strom der Welt. Der Charakter wird durch die Interaktionen sagen wir mal zwischen der Umwelt und dem Kind und auch zu den Eltern bildet sich der Charakter des Kindes.

Mit Liebe und Respekt wollte Bettelheim psychisch kranken Kindern helfen. Seine traumatische KZ-Erfahrung zeigt jedoch trotz Psychoanalyse Wunden. Er lernte eine Diktatur kennen, die Menschen vernichtete. Er selbst wurde zu einem Diktator, der Menschen retten wollte, hieß es in einschlägigen Artikeln nach seinem Tod. Mit 87 Jahren beging er Selbstmord. Der Tod seiner Frau und eine schwere Krankheit ließen ihm kaum noch die Möglichkeit zu arbeiten. Nach seinem Tod kamen Schüler und Patienten und berichteten, dass Bettelheim sie geschlagen und erniedrigt haben soll.
Der Stachel der traumatischen Erfahrung von Gewalt steckte tief in ihm und ließ sich nicht mehr entfernen. Die Ausläufer haben die Kinder zu spüren bekommen. Trotzdem war der Umgang mit ihnen seine Rettung.

Bettelheim: Ich glaube überhaupt, dass eines der großen menschlichen Erlebnisse ist, Eltern von Kindern zu sein und dass jene Leute, die sich entschließen, keine Kinder zu haben, eines der großen menschlichen Erlebnisse nicht haben, denn man erwächst wirklich mit seinem Kind. Man erlebt durch das Kind seine eigene Kindheit wieder. Und das ist auch sehr wichtig für ein voll Erwachsener zu werden. Mit den eigenen Kindheitsproblemen fertig zu werden. Weil er sie in seinem eigenen Kind durch erlebt.

Jedes Märchen ist ein Zauberspiegel, in dem sich gewisse Aspekte unserer inneren Welt und der Stufen spiegeln, die wir in unserer Entwicklung von der Unreife zur Reife zurücklegen. Für die, welche sich n das vertiefen, was das Märchen uns mitzuteilen hat, wird es zu einem tiefen, ruhigen See, in dem sich zunächst nur unser eigenes Bild spiegelt. Aber dann entdecken wir hinter diesem äußeren Bild die inneren Verwirrungen unserer Seele - ihre Tiefe und Möglichkeiten, unseren Friede mit uns selbst und Welt zu machen, was der Lohn unserer Mühe ist.
-> MerkMal
-> weitere Beiträge