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Montag • 11:30
11.11.2002
Der Erntehandschuh erkennt Reifegrad
Susanne Nessler

Ob sich hinter der roten Schale eines Apfels wirklich eine süße Frucht verbirgt, ist für den Landwirt nicht so einfach festzustellen, wie es vielleicht den Anschein hat. Viele Obstsorten werden heute lange vor ihrer eigentlichen Reife geerntet, damit sie sich gut transportieren lassen. Und genau hier liegt das Problem für den Bauern: Wann ist der Apfel schon soweit, dass er geerntet werden kann und später trotzdem süß schmeckt? Äpfel reifen, wie viele andere Früchte, noch nach der Ernte weiter. Allerdings nur, wenn sie einen bestimmten Reifegrad erreicht haben. Und der ist schwer zu bestimmen. An Institut für Agrartechnik in Potsdam haben Wissenschaftler nun Techniken entwickelt, die dem Bauern das Gerät zur Reifeprüfung an die Hand geben.

Es ist eine Reifeprüfung der besonderen Art. Wenn der Bauer im Spätherbst die letzten Äpfel erntet will, streift er sich einen großen weißen Handschuh über und hängt sich einen Laptop um. Langsam schreitet er von Baum zu Baum, greift mit dem Handschuh nach dem einen oder anderen Apfel und schaut immer wieder auf das Display seines Computers. Die Früchte bleiben unversehrt am Baum hängen und trotzdem weiß der Bauer, wie es um sie steht. Denn speziellen Sensoren am großen weißen Handschuh können in das Innere der Äpfel schauen, sagt Manuela Zude vom Institut für Agrartechnik in Potsdam. Die Wissenschaftlerin hat zusammen mit einigen Kollegen im Rahmen eines EU-Projekts Techniken entwickelt, mit denen man Äpfeln unter die Schale gucken kann.

Wir geben Licht auf den Apfel. Licht, das aus ganz unterschiedlichen Lichtquellen stammt. Das Licht passiert einen kleinen Weg durch den Apfel, wird dann durch ein Spektrometer geleitet und dort spektral aufgespalten und wir messen dann die unterschiedlichen Lichtintensitäten an den verschiedenen Wellenlängen.

Mit dem Handschuh kann der moderne Landwirt in Zukunft den perfekten Erntezeitpunkt seiner Früchte bestimmen. Denn je nach Reifegrad strahlt die Frucht blaues, grünes, gelbes oder rotes Licht ab. Grün bedeutet, der Apfel hat einen hohen Chlorophyllgehalt und ist noch unreif. Bei gelb ist er bereits genießbar und kann geerntet werden. Strahlt er rot, ist er für den Verbraucher perfekt und sollte nicht mehr am Baum, sondern schon lange auf dem Markt sein. Doch der Erntehandschuh kann noch mehr. Einen Fingerbreit weiter messen weitere Sensoren, wie süß die Frucht ist. Infrarotstrahlen versetzen die Zuckermoleküle im Inneren des Apfels in Schwingungen. Zappelt es kräftig, erscheinen ausgeprägte Kurven auf dem Computerbildschirm und garantieren einen schmackhaften Apfel, sagt Bernd Herold vom Institut für Agrartechnik.

Man möchte beste Qualität haben für den Preis, den man bezahlt und es gibt auch verschiedenen internationale Trends, die man berücksichtigt, die auch in Europa immer mehr zum Tragen kommen. Zum Beispiel weiß man, in Japan bevorzugt der Verbraucher sehr süße Früchte und das kann man mit dieser Spektraloptischen Sortieren auch durchführen. In dem im Infrarotbereich Zuckermoleküle gemessen werden, die auf diesen Zuckergehalt ansprechen.

Ein patentes Mittel für Landwirt und besonders den Handel. Denn mit dem griffigen Erntehandschuh könnten dem Verbraucher in Zukunft viele unreife und damit geschmacklose Früchte erspart bleiben. Ermittelt man exakt den besten Erntezeitpunkt, sind für den Großhändler in der konventionellen Landwirtschaft zwei wichtige Voraussetzungen erfüllt: Das Obst und Gemüse ist stabil genug für den Transport und gleichzeitig schon so weit, dass es ausreichend Zucker beinhaltet, um auf dem Weg zum Kunden nachzureifen, sagt Martin Greyer vom Institut für Agrartechnik.

Das Problem ist heute, dass der Handel viel zuwenig auf Qualität achtet, sondern nur darauf achtet, ob die Produkte nicht beschädigt sind, sprich hart sind, sprich: es wird viel zu früh geerntet und das ist nachher das Problem, die Qualität leidet.

Noch haben die Forscher alle Hände voll damit zu tun, den Erntehandschuh weiterzuentwickeln. Den ersten Prototypen gibt es bereits, nur ein Kooperationspartner für die Produktion wird noch gesucht. Geht der Reifetester in Serie, wird der Obstbauer in Zukunft nicht nur ordentlich zupacken, sondern auch das richtige Fingerspitzengefühl für die Technik besitzen müssen.
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