Patentes
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Montag • 11:30
18.11.2002
Wände aus Luft
Stephanie Kowalewski

Es hört sich zunächst ein bißchen nach einer Geschichte von Münchhausen an: Am Niederrhein kam ein findiger Ingenieur auf die Idee, Luft zu verkaufen. Doch es ist nicht irgendeine Luft. Seine Luft hat eine bestimmte Form und schafft es u.a. Kälte und Wärme voneinander zu trennen. Angefangen hatte alles Mitte der 90er Jahre als der Metrokonzern in seinen Läden Fischabteilungen einrichten wollte, erinnert sich Peter Wiemann.

Da wurde an alles gedacht, nur das Fisch riecht, das war ein riesengroßes Problem. D.h. innerhalb kürzester Zeit hat das ganze Gebäude nach Fisch gerochen.

Der Mönchengladbacher Planungsingenieur wurde beauftragt, eine Lösungen für das Problem zu finden. Da sich Peter Wiemann auf die Klimatechnik spezialisiert hatte, sollte es eine luftige Lösung sein. Und: bestenfalls sollten dabei nicht nur Gerüche sondern auch verschiedene Klimazonen getrennt werden. Während der Fisch nur sechs Grad braucht, sollte der übrige Verkaufsbereich 20 Grad Raumtemperatur haben. Die herkömmlichen Luftschleier kamen dafür nicht in Frage, denn ihre warme Luft machte sich so breit, dass das Eis, auf dem der Fisch lagerte, schmolz. Es musste also eine Technik her, die die Luft auf engem Raum zusammenhält: eine Luftwand eben.

Also eine Luftwand ist eine lufttechnische barrierefreie Wand, die eine Türe ersetzt, wo man aber eben keine Türe mehr öffnen muss.

Die Luft wird mit hohem Druck durch spezielle Düsen gepresst, die je nach örtlicher Gegebenheit oberhalb oder an den Seiten der Türöffnung angebracht werden. Durch den Druck wird ein Luftstrahl erzeugt, der sich fast messerscharf von der Umgebungsluft abgrenzt, erklärt Ingrid Kröse, die sich um den Vertrieb der unsichtbaren Wände kümmert.

Wenn man sich davor stellt und versucht es mit den Händen zu erfühlen, dann merkt man richtig wie da einen Luftwand entsteht, wo dann in der Mitte die fließende Luft ist und es davor und dahinter recht ruhig ist.

Ganz im Gegenteil zu den herkömmlichen Luftschleiern, die uns z.B. in Kaufhauseingängen über mehrere Meter in eine wabernde, übelriechende Warmluftwolke hüllen. Das ist nicht nur unangenehm, sagt Peter Wiemann, das ist auch teuer.

Insbesondere ist diese Turbulenzwolke nicht resistent gegen eine angreifende Kraft. D.h. diese Wolke wird bei Durchzug einfach ins Gebäude geweht - also besser kann man Energie nicht vernichten. Unsere Intention ist die: grundsätzlich anströmende Kaltluft draußen zu halten. Die soll an dieser Wand abprallen und abgewiesen werden. Und daher brauchen wir in der Regel strömungsphysikalisch gar kein Heizregister. Wir brauchen nichts aufzuwärmen, weil nichts ins Gebäude kommt.

Daher benötigen die unsichtbaren Wände bis zu 60 Prozent weniger Energie, als die luftigen Türschleier. Und angenehmer sind sie auch noch, denn da die Luftwände in der Regel nur etwa 30 cm breit sind, ist man schon durch, bevor man den leichten Luftzug bewußt wahrnimmt. Selbst starke Luftwandanlagen für die Industrie sind "Toupet"-sicher, verspricht der Erfinder.

Da passiert nix ein Hut fliegt nicht weg, die Tasche bleibt auch in der Hand das ist nichts unangenehmes.

Neben dem Einzelhandel eignen sich die Luftwände ausgezeichnet für Firmengebäude mit riesigen Toranlagen, wie es sie z.B. beim großen Stuttgarter Automobilhersteller gibt, erklären Ingrid Kröse und Peter Wiemann. Die Tore öffnen sich da im Minutentakt.

Jedes mal schoss die Luft 40 Meter weit in die Halle rein, was natürlich Energiekostenprobleme ohne Ende birgt und der Krankenstand war enorm. Das Problem ist uralt. Aber keiner hat bisher scheinbar eine richtige Lösung gehabt. Ich erinnere mich an unser Akquisitionsgespräch bei Daimler-Crysler wo man uns sagte: wir wollen gar nicht wissen wie es funktioniert. Es gibt nichts auf diesem Globus, was wir nicht schon ausprobiert haben, baut euren Kram auf, wenn es nicht funktioniert baut ihn ab und verschwindet wieder damit.

Peter Wiemann musste seinen Kram nicht wieder abbauen. Daimler-Crysler kaufte die Anlage umgehend und konnte dadurch sogar einen drohenden Streik abwenden. Inzwischen schützen Wiemanns Wände Reisende an etlichen Bahnhöfen vor Durchzug, Kassiererinnen vor Kälte und Bäckereien vor Bienen. Die Turbulenzen im Inneren der Luftwand machen den Leichtgewichten nämlich den Durchflug unmöglich. Ein schöner Nebeneffekt findet Peter Wiemann, der unterdessen nach neuen Einsatzgebieten für seine durchsichtigen Wände sucht.

Unser neuestes Patent hat uns in die Umwelttechnik geführt. Das ist so, dass bei Müllbunkern, Müllverbrennungsanlagen die Bundesemissionsschutzverordnung nun Schleusen vorsieht, um Geruchsemissionen und Staubemissionen beim Entladevorgang der Lkws zu vermeiden.

In dem Moment wo das Bunkertor geöffnet wird läuft automatisch die Luftanlage an. Der Lkw fährt rein und der Luftstrahl legt sich dann an die Fahrzeugkontur an und natürlich auch an die freien Stellen der Achsen oder des aufstehenden Kippers und schließt diese Öffnung.

Der Müllwagen wird quasi luftdicht verpackt. Die zuständige Genehmigungsbehörde fand die Idee des Mönchengladbacher Ingenieurs jedenfalls überhaupt nicht windig, sondern handfest und überzeugend.
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