Patentes
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Montag • 11:30
25.11.2002
Hanf fürs Autodach
Susanne Nessler

Nachwachsende Rohstoffe sind die Werkstoffe der Zukunft. Denn Naturfasern wachsen nicht nur ohne schädliche Nebenprodukte in der freien Natur, sie sind oft sogar stabiler und belastbarer als vergleichbare chemisch hergestellte Materialien -ein großer Vorteil für die Umwelt und die Industrie. Techniker und Agrarwissenschaftler aus Potsdam haben deshalb neue Methoden der Verarbeitung für Naturfasern entwickelt. Sie haben sich ihre Erfindung patentieren lassen und den Rohstoff dazu auf auch gleich auf einigen Versuchsfeldern angebaut. Die großen Felderan der Stadtgrenze Potsdams faszinieren besonders die Jugendlichen. Mit ihren Mopeds fahren sie, wenn es dunkel wird, zur Ernte. Dass ist cool, megacool, wenn man 14 oder 15 Jahre alt ist. Denn auf dem Gelände des Instituts für Agrartechnik gibt es Hanf in rauen Mengen. Da werden die Augen der Teenies ganz schön groß. Vor Staunen, denn was hier wächst, ist kein Marihuana. Hier haben Wissenschaftler vom Institut für Agrartechnik THC freien Industriehanf angepflanzt. Der sieht zwar genauso aus wie der Cannabishaltige, doch aus diesem Hanf sollen später stabile Bauteile für die Autoindustrie werden. Die kostbaren Fasern dazu befinden sich im Inneren des Pflanzenstängels, eingeschlossen von einer dünnen Holzrinde. Die Agrartechniker haben deshalb ein Verfahren entwickelt, mit dem sich schnell und effektiv das Holz vom Hanfstängel ablösen lässt. Und dafür gab es ein Patent, sagt Christian Flürll, Professor für Ingenieurswissenschaften und Leiter der Forschungsgruppe Hanfverarbeitung.

Es wurde eine Vorrichtung patentiert, wie das so schön im deutschen Patentgesetz heißt, die geeignet ist, durch eine Prallbeanspruchung die Fasern aufzuschließen. Das kann man sich vereinfacht so vorstellen: wenn man einen Stängel auf eine Unterlage legt und mit dem Hammer draufschlägt dann platzen auch die Holzanteile ab.

Die Maschine dazu haben die Techniker aus Potsdam auch gleich gebaut. Eine riesige Anlage, auf der pro Stunde 1,5 Tonnen Hanf verarbeitet werden können. Über ein Fließband rutschen gerade frisch geerntete Pflanzen in die Produktion. Die langen Stängel passieren innerhalb von drei Minuten verschiedenen Stationen, bis reines Fasermaterial aus ihnen wird. Bevor sie allerdings mit der patenten Hammermethode von ihrer Schale befreit werden, müssen sie erst einmal ein wenig gestutzt werden, sagt Friedrich Munder, der den gesamten Arbeitsablauf überwacht.

Sie müssen wissen, dass die Naturpflanzen eine Länge von 4 Metern haben und so lange Strohfaserpflanzen kann keine Maschine verarbeiten. So dann schneiden wir das in einer Schneidmaschine auf eine Länge von 50 bis 200 Millimeter, je nach der gewünschten Faserlänge später. Das ist dieser Schneideprozess.

Weiter geht es über diverse Rüttel-Schüttel Reinigungssiebe, die alles, was sonst noch vom Feld mit in die Produktionshalle gekommen ist, von den Pflanzen lösen. Und dann ab in den großen Trichter, wo ein Hammer nach dem anderen fällt, über 800 mal innerhalb einer Sekunde. Das haut die gesamte Holzfassade runter. Kein Stängel bleibt verschont.

Vorsicht dahinten, die Finger raus, da soll sich doch niemand die Finger abquetschen hier. Die Hammerspitzen haben eine Geschwindigkeit von 60 Umdrehungen pro Sekunde und die treffen jetzt auf die Strohstängel, die hier reingeführt werden. Und durch den Aufprall, durch diesen Prallaufschluss, werden die schweren Teile einfach von den Fasern abgeschlagen, die sind spröden und gehen auf den Boden der Maschine.

Hellbeige sind die Fasern, die am Ende der Maschine zu Hauf herausfallen. Weich sehen sie aus, wie Watte, doch das Endprodukt ist ziemlich rau, fast hart. Muss es auch, denn zusammengepresst werden Karosserieteile für Autos draus gefertigt. Dort wo bisher Glasfasern benutzt wurden, sind Hanffasern nicht nur ein ökologisch sinnvoller Ersatzstoff, sondern vor allen auch ein sehr sicheres Material. Glasfasern brechen bei einem Auffahrunfall schnell, Hanffasern dagegen nicht. Einige der großen Automobilfirmen haben bereits die ersten Versuchsmodelle mit Hanffasern im Dach und Frontbereich ausgestattet. Autos, die in Zukunft wohl die Teenies lenken werden, die heute noch staunend vor den Hanffeldern stehen und sich darüber wundern, dass keiner auf den Stoff hier abfährt.
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