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Montag • 11:30
30.12.2002
Sitzschiene aus Zürich soll Hals-Wirbel-Trauma vermeiden
Thomas Wagner

Bei Aufprallunfällen gilt es als eine der häufigsten Verletzungsformen: Das sogenannte "Hals-Wirbel-Schleudertrauma", das europaweit jährlich zu Schmerzensgeldzahlungen in Milliardenhöhe führt. In Zukunft sollen, wenn es nach den Experten an der Eidgenössisch-Technischen Hochschule Zürich geht, solche Fälle selten werden. Denn in den Züricher Labors entwickelten sie eine neue Sitzschiene, die im Auto montiert wird; sie verspricht nach Angaben der Schweizer Tüftler einen wirksamen Schutz gegen das Schleudertrauma. Nun haben sie ihre Erfindung zum Patent angemeldet.

Im Kino immer wieder gerne gesehen: Wilde Verfolgungsjagden mit schnellen Autos, die am Ende zusammenstoßen, sich in Schrotthaufen verwandeln. Wehe dem, der drinnen sitzt. Den meisten ist ein sogenanntes "Hals-Wirbel-Schleudertrauma" gewiss, das die Mediziner zwischenzeitlich als "Beschleunigungs-Trauma" bezeichnen.

Also Beschleunigungstrauma ist ein Unfallmechanismus, wo aufgrund der Beschleunigung der Kopf nach vorne geht und dann ruckartig vom Gurt abgefangen wird - beziehungsweise wenn der Kopf nach hinten geht und von der Kopfstütze ruckartig abgefangen wird.

So der Überlinger Unfallchirurg Dr. Ewald Renz. Die rasche Beschleunigung des Kopfes und der Halswirbelsäule nach hinten und nach vorne kann zu schmerzhaften Verletzungen der Nervenstränge führen. Wie aber, selbst bei heftigem Aufprall, ein Beschleunigungstrauma vermeiden ? Die Antwort, die die Experten der Eidgenössisch-Technischen Hochschule gefunden haben, ist sowohl einfach als auch wirkungsvoll: Sie konstruierten eine Schiene für den Autositz. Im Falle eines Aufpralls bewegt sich der Sitz ein Stück weit auf dieser Schiene mit, so dass die Beschleunigung das Kopfes ganz wesentlich verringert wird. Kai-Uwe Schmitt von der Zürcher Arbeitsgruppe für Unfallmechanik:

Wenn Sie von außen 'draufschauen, sehen sie, dass das Auto von hinten angestoßen wird und sich das Auto nach vorne bewegt. Demnach bleibt der Sitz quasi im Raum stehen. Sitzen sie im Auto drin, dann bewegt sich der Sitz in Richtung des Aufpralls, also nach hinten.

Und vermindert daher ganz erheblich die Wucht, mit dem der Kopf auf die Kopfstütze aufprallt. Das "Herz" der Sitzschiene bilden sogenannte "Deformationselemente" - halbkreisförmige Gebilde aus Metall, über die der Sitz mit der Schiene verbunden ist.

Die Bewegung der Sitze wird durch diese Deformationselemente kontrolliert, die sich im Falle einer Kollision plastisch verformen können. Und das ist so, dass sich der Sitz um 38 Millimeter nach hinten bewegen kann, und dadurch hat sich gezeigt, bei den Crash-Tests, die wir gemacht haben, dass man die Belastung auf die Halswirbelsäule um etwa 40 Prozent reduzieren kann.

Das reicht nach den Erkenntnissen der Züricher Tüftler aus, um ein Schleudertraume zu verhindern. Nicht nur beim Eidgenössischen Institut für Geistiges Eigentum , der Schweizer Patentbehörde, sondern gleich auch beim Europäischen Patentamt in München haben sich Kai-Uwe Schmitt und seine Kollegen ihre Sitzschiene schützen lassen. Nun suchen sie, zur Serienfertigung, nach einem Partner in der Automobilindustrie. Den zu finden, dürfte nicht allzu schwer sein. Den die Schmerzensgelder, die wegen Schleudertraumen von den Versicherungen gezahlt werden, sind beträchtlich:

Für Europa geht man derzeit davon aus, dass man jährlich 12 Milliarden Euro aufwenden muss, um die assozierten Kosten zu decken.

Unfallchirurgen wie der Überlinger Arzt Dr. Ewald Renz lassen es aber dahingestellt, ob wirklich in jedem Fall, in dem sich die Patienten über entsprechende Symptome beklagen, auch tatsächlich ein Schleudertrauma vorliegt.

Es gibt eine interessante Untersuchung von Ländern, in denen das Versicherungswesen ganz anders aufgebaut ist. Und da gibt es solche verzögerten Beschwerden nach sogenannten Schleudertraumen gar nicht oder ganz, ganz wenig wie im Vergleich zu den Ländern im westlichen Bereich. Es sind sicher viele Beschwerden im Nachhinein, die überlagert sind, die aus weiß ich für welchen Gründen versucht werden, aufs Schleudertrauma oder aufs Beschleunigungstrauma zurückgeführt zu werden.

Weil damit eben in Westeuropa erkleckliche Schmerzensgeldzahlungen winken. Die Zukunft wird daher zeigen, ob die neue Züricher Sitzschiene der hohen Zahl von Schleudertraumen tatsächlich wirkungsvoll Einhalt gebieten kann.
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