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Montag • 11:30
6.1.2003
Hightech erleichtert Putzen
Dirk Asendorpf

Im Haushalt wird beim Putzen noch immer mit Scheuerpulver, Glitzi-Schwämmen und Heißwasser hantiert. Bei den professionellen Reinigungsdiensten ist dagegen Hightech eingezogen. Putzmittel auf Polymerbasis werden auf Mikrofasertücher gesprüht, ein Produkt der Nanotechnik. Nach ein paar Minuten kommt der nächste Lappen zum Einsatz, Ausspülen dauert zu lange. Aus der Forschung kommen auch immer neue Beschichtungen, die das Entfernen des Drecks von Fußböden, Tischen und Sanitäreinrichtung erleichtern. Das alles dient dem Zweck, das Putzen so schnell wie möglich zu machen. Denn seit die Gebäudereinigung flächendeckend privatisiert wurde, arbeiten die Putzdienste überall nach dem gleichen Motto: Zeit ist Geld.

Nachmittags um halb vier im langen Flur der Bremer Schifffahrtsdirektion. Die Beamten sind gerade nach Hause gegangen, jetzt kommt der Putzdienst. Florence stammt aus Ghana und trägt heute eine coole Mütze beim Staubsaugen. Sie ist für zwei Stockwerke mit insgesamt 1.000 Quadratmetern Fläche zuständig. Ganze eineinhalb Stunden hat sie dafür Zeit, pünktlich um fünf will der Hausmeister nach Hause, dann muss auch der Reinigungsdienst fertig sein. Also macht Florence Tempo.

I do it like this - sh, sh, sh, and finished. And then I go to the other office.

Etwas Putzmittel auf den blauen Lappen sprühen und einmal über die freie Tischfläche wischen. Mehr ist nicht drin. Kaum langsamer geht es in den Toiletten zu. Mit dem gelben Lappen werden die Urinale ausgewischt, mit dem roten die Waschbecken und Armaturen.

I use the red, and this one for the table.

Die Signalfarben von Lappen und Putzmittelflaschen sind EU-weit genormt, denn mit der sprachlichen Verständigung ist es in den Multi-Kulti-Truppen der Reinigungsdienste nicht immer ganz einfach. Dabei muss jede Reinigungskraft heute im Durchschnitt mehr als doppelt so viel Fläche putzen wie noch vor zehn Jahren. Ohne Abstriche an der Sauberkeit geht das nicht, und auch nicht ohne den Einsatz neuer Technik. Stefan Gruschka ist Betriebsleiter bei Söffge, einem der größten deutschen Reinigungsunternehmen mit über 2.500 Beschäftigten. Wischlappen und Putzeimer hat er abgeschafft und stattdessen Hunderte sogenannter Rasantgestelle eingekauft - mit einem Klick ist der neue Lappen eingespannt. Und der besteht inzwischen ausschließlich aus teurer Mikrofaser.

Mikrofasertücher setzen wir einfach ein, weil Mikrofasertücher besser den Schmutz transportieren, das ist der Vorteil. Und die Oberfläche wird mehr geschont. Das heißt, die intakte Oberfläche bleibt über Jahre hinweg auch intakt, so dass wir es dann leichter haben, zu reinigen.

Auch die roten und gelben Lappen für die Toilettenräume bestehen aus Mikrofasern. Doch hier ist es mit einmal Wischen eigentlich nicht getan. Urinspritzer und Fingerabdrücke sind hinterher noch gut zu sehen. Dies gilt für Keramik und Chrom, ganz besonders aber für die modischen Waschbecken aus Edelstahl. Doch Abhilfe ist in Sicht, und die kommt aus der Grundlagenforschung. Das Würzburger Fraunhofer-Institut für Silicatforschung hat eine Beschichtung entwickelt, die Edelstahl dauerhaft schmutzabweisend macht. Die Chemikerin Johanna Kron ist stolz auf diesen Erfolg ihrer Arbeit.

Man sieht hier im unbeschichteten Bereich die Fingerabdrücke viel stärker als im beschichteten und man kann's auch relativ leicht reinigen. Das ist mehrfach nachgewiesen. Normalerweise reicht ein feuchtes Tuch. Wenn Sie natürlich sehr viel Fett aufbringen, dann müssen Sie ein bisschen Spülmittel dazugeben. Aber Sie brauchen auf jeden Fall kein Scheuermittel usw. Das ist schon ein großer Vorteil.

Ormocer heißt die Zauberbeschichtung für Edelstahl. Noch wird sie im Labor von Hand angemischt und ist entsprechend teuer. Doch ein großer Sanitärhersteller hat Ormocer-beschichtete Waschbecken bereits ins Programm genommen. Und mit steigendem Absatz sinkt auch der Preis. Die klare Flüssigkeit wird in einer hauchdünnen Schicht wie ein Lack aufgetragen und verbindet sich rasch mit dem Edelstahl zu einer glasharten Oberfläche. Die genaue Zusammensetzung der patentierten Beschichtung möchte Johanna Kron nicht ausplaudern. Lieber demonstriert sie, wie sich selbst Filzstift-Gekrakel problemlos mit einem Papiertaschentuch davon abwischen lässt. Bei zu großer Belastung kann Ormocer allerdings wie Keramik zerspringen.

Zahnputzbecher hält es noch aus. Aber wenn Sie mit einem Schraubenzieher drangehen, können Sie das auch ankratzen. Aber eine Edelstahloberfläche ist - wie ich das mit dem Abriebtest gezeigt habe - an sich schon sehr viel empfindlicher als eine beschichtete Edelstahloberfläche. Aber wie gesagt: gegen Vandalismus können wir uns nicht wehren - noch nicht.

Die schnelle Florence ist inzwischen in der letzten Toilette angekommen. Noch ein paar Spritzer aus der Sprühflasche mit dem Desinfektionsmittel, kurz nachspülen und fertig. Je schneller, desto billiger - so wollen es die Auftraggeber, und so machen es die Putzdienste. In den USA oder in Spanien wird im Schnitt doppelt so viel Geld für die Gebäudereinigung ausgegeben wie hierzulande. Stefan Gruschka, der Chef der eiligen Reinigungskräfte in der Bremer Schifffahrtsdirektion, hält zwar viel vom Einsatz neuer Technik zur Erleichterung des Putzens, ist gleichzeitig aber überzeugt, dass den Deutschen echte Sauberkeit gar nicht so wichtig ist.

Es scheint in Deutschland so zu sein, dass es ein störendes Bild in der Gesellschaft ist, wenn dort jemand ist und reinigt. Das ist einfach ein Imageproblem. Wir haben die meisten Beschäftigten im Gebäudereinigerhandwerk, aber es ist vermutlich auch der Bereich mit dem schlechtesten Image.
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