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Montag • 11:30
27.1.2003
Mit neuartiger Linse richtig sehen über Nacht
Christoph Podewils

So eine Brille ist schon lästig. Ist es draußen kalt, beschlägt sie ständig. Am falschen Ort abgelegt, findet man sie nicht wieder. Und eine englische Studie sagt sogar, dass Brillenträger weniger Chancen beim anderen Geschlecht haben. Kontaktlinsen könnten da eine Lösung sein, doch nicht jedes Auge verträgt die Plastikschalen. Als Alternative gibt es schließlich noch das Operieren mit Laserstahlen, das immer beliebter wird. Allerdings ist diese Methode teuer, nicht immer frei von Nebenwirkungen und schießt auch schon mal daneben. Zudem verhagelt sie den Augenoptikern das Geschäft. Deshalb gehen sie jetzt mit einer neuen Methode zum Gegenangriff über. Ihre Waffe ist ein Mittelding zwischen Kontaktlinse und Laseroperation.

Wenn Anja Johansson morgens aufsteht, dann nimmt sie zuallererst ihre Kontaktlinsen aus den Augen heraus. Doch obwohl die Kurzsichtige keine Brille trägt, sieht sie immer noch alles glasklar und scharf. Am Abend setzt Anja Johansson ihre speziellen Linsen dagegen wieder ein, macht die Augen zu und schläft.

Also diese Linse verformt das Auge, den vorderen Augenabschnitt sozusagen und sowohl mit den Linsen als auch ohne kann man scharf sehen, was sehr viele Vorteile mit sich bringt. Das ist schon ein neues Lebensgefühl, kann man schon so sagen. Man sieht ja rund um die Uhr, wenn man nicht schlafen würde.

Das neue Verfahren kommt aus den Vereinigten Staaten und heißt Orthokeratologie. Das bedeutet soviel wie "Hornhautkorrektur". Die Hornhaut ist das durchsichtige Gewebe über der Pupille, auf ihr liegt ein dünner Tränenfilm, der von den neuen Linsen unter Druck gesetzt wird. Dadurch flacht er die Mitte der Pupille etwas ab, den Rand macht er dagegen etwas dicker. Das verändert die optische Wirkung des Auges und ist nicht zu spüren. Denn die Linsen machen auch vom Wachstum der obersten Hornhautschicht, dem so genannten Epithel, Gebrauch, erklärt Peter Moes, Professor für Kontaktoptik an der Technischen Fachhochschule Berlin:

Dieses Epithel erneuert sich ungefähr jede Woche einmal. Das heißt, eine Zelle, die an der untersten Schicht gebildet wird, wird nach oben geschoben durch sieben Schichten. Und diese Beweglichkeit der Zellen nutzt man bei der Orthokeratologie aus.

Es dauert rund eine Woche, bis sich die Augen an die Speziallinsen gewöhnt haben. In dieser Zeit schwankt die Bildschärfe noch über den Tag. Danach bleibt sie stabil und die Linsen müssen nicht mehr jede Nacht getragen werden. Trägt man sie allerdings gar nicht mehr, so formt sich die Hornhaut allmählich wieder in die ursprüngliche Form zurück. Damit kommt auch die Kurzsichtigkeit wieder, nach rund einem halben Jahr ist von der Behandlung nichts mehr zu sehen. Manuel Fraatz, ebenfalls Professor für Kontaktoptik in Berlin, sieht darin sogar einen großen Vorteil gegenüber Laseroperationen bei denen Teile der Hornhaut auf ewig weggeschmolzen werden.

Die Veränderung, die man durch so eine Ortho-K-Linse hervorruft, ist halt reversibel und eine Hornhautoperation ist nicht reversibel. Das heißt, was da abgelaufen ist, lässt sich auch nicht mehr zurückdrehen. Wenn da was schiefgelaufen ist, dann hat man auch keine Chance mehr, etwas zu reparieren. Bei der Ortho-K-Linse ist man auch immer noch in der Lage, wenn sich der dioptrische Wert des Auges irgendwie verändert, dass man dann eben eine neue Linse anpasst, die dem Rechnung trägt .

Das neue Verfahren hat allerdings auch Nachteile. Wenn sich bei Dunkelheit die Pupillen weiten, sehen die Träger der Linsen mehr als ihnen lieb ist - Kerzen, Laternen und Scheinwerfern sind von feinen Lichtstrahlen und leuchtenden Ringen umgeben. Anja Johansson:

Aber das sind Erscheinungen mit denen kann man sehr gut leben, man stellt sich drauf ein. Sie sind nicht so stark, dass sie wirklich Beeinträchtigung hervorbringen.

Augenschäden hat es mit den Orthokeratologie-Linsen bisher nur äußerst selten gegeben. Studien zufolge sind sie sogar harmloser, als herkömmliche Haftschalen, die tagsüber getragen werden und wie ein zusätzliche Linse im optischen System Auge wirken. Denn die normalen Linsen werden durch Blinzeln und Zwinkern ständig bewegt und können so das Auge reizen. Die neuen Linsen liegen dagegen beim Schlafen äußerst ruhig auf der Hornhaut, die durch den sauerstoffdurchlässigen Kunststoff zudem sehr gut atmen kann. Allerdings gibt es andere Gründe, weshalb das Verfahren für viele Menschen mit schlechten Augen nicht in Frage kommt. Weitsichtigen helfen die Linsen überhaupt nicht und stärker als minus vier Dioptrien darf die Kurzsichtigkeit auch nicht sein. Außerdem kann die Form der Hornhaut Probleme machen. Das hat Silvia Ostrowski erfahren müssen, die als Testperson an einer Augen-Studie teilgenommen hat.

Ich bin leider einer der Probanden , wo es nicht ganz so gut klappt, das heißt ich hab nicht nur eine reine Kurzsichtigkeit, sondern kombiniert mit einer Hornhautverkrümmung, also mit einem Astigmatismus, der nicht rein durch die Hornhaut hervorgerufen wird, sondern ein innerer ist und den kann man mit diesen Linsen nicht korrigieren. Das heißt, der schlägt voll durch und hat meine Sehleistung nicht voll gebracht.

Schließlich gibt es eine finanzielle Seite. Die Behandlung ist teuer, bis zu tausend Euro kosten Anpassung, Linsen, Kontrolle und Pflegemittel im Jahr. Die Kasse zahlt nichts dazu. Professor Manuel Fraatz glaubt deshalb nicht, dass sich das Verfahren, das gegenwärtig von drei Herstellern auf den deutschen Markt gebracht wird, zu einer starken Konkurrenz zu normalen Linsen entwickeln wird.

Da spricht schon der Preis dagegen. Eine stabile Linse rechnet sich hauptsächlich dadurch, dass sie länger hält, das heißt also, dass man Lebensdauern von ein bis zwei Jahren erzeugen kann und die Ortho-K-Linsen sind eben wegen ihrer schwierigen Geometrie spätestens nach einem Jahr zum Austausch fällig.

Für Kurzsichtige, die mit einer Laseroperation liebäugeln, mag das eine spannende Alternative sein. Doch darüber hinaus, da sind sich die Kontaktlinsenspezialisten einig, werden sich nur wenige Fehlsichtige den Spaß einer Hornhautkorrektur erlauben. Schließlich fahre ja auch nicht jeder Mercedes.
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