Patentes
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Montag • 11:30
3.2.2003
Nervenwickel aus Krabbenschalen
Susanne Nessler

Naturstoffe haben Konjunktur. Auch in der Biotechnologie. Neue Medizin-Produkte, die im menschlichen Körper zum Einsatz kommen, sollen möglichst verträglich und gut abbaubar sein. Was liegt also näher, als bei inneren Verletzungen wie z.B. den Nerven eine Nervenschiene aus einer natürlichen Substanz herzustellen, die der Körper selber wieder abbauen kann. Im folgenden Fall hat ein kleines Berliner Biotech-Unternehmen dies aus den Schalen von Krabben getan. Mit Erfolg.

Nicht eine einzige Krabbe weit und breit. Nicht einmal eine Krabbeschale findet sich. Dabei geht es bei den Forschungsarbeiten des Biotech-Unternehmens Alevito in der Nähe von Berlin genau um dieses Tier. Dennoch: Der Stoff, mit dem hier gearbeitet wird, stammt aus dem Mantel der kleinen Meerestiere. Es geht um die Substanz Chitosan, die Krabben wie auch einige Insekten in ihrem Panzer mit sich herumtragen, sagt Andrea Pahmeier.

Die Küchenschabe hat es auch in ihrem Panzer, aber das Ausgangsmaterial sind Krabben, Krabbenschalen. D.h. wenn Sie einen Krabbencocktail essen, freuen sich die anderen über die gepulten Schalen, die werden aufbereitet. Und aus den Krabbenschalen vorrangig wird dieses Chitosan gewonnen. Das kommt vom Chitin, natürlich haben sie Chitin auch bei Pilzen in der Natur, bei Fliegenlarven, Maden wenn sie so wollen, aber vorrangig ist das Abfall, der in der Krabbenindustrie entsteht.

Aus diesem Abfall, den es im Labor nur als feines weißes Pulver gibt, hat die Biologin zusammen mit ihrem Kollegen einen speziellen Nervenverband, eine Art flexible Schiene entwickelt, die zerstörte Nervenbahnen schnell und vor allem einfach heilen lässt. Der Anlass für die Entwicklung: Das Flicken verletzter Nerven ist schwierig. Bei schweren Verletzungen z.B. werden heutzutage zuerst einmal alle lebenserhaltenden Maßnahmen durchgeführt. Für die geschädigten Nervenfasern bleibt in solchen Situationen meist keine Zeit. Erst Tage oder Wochen später, wenn der Patient wieder stabil ist, kümmert sich ein Neurologe um die Heilung der zerstörten Nervenstränge. Diese Arbeit erfordert im Gegensatz zu herkömmlichen Methoden sehr viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl.

Unsere Überlegung ging dahin, was kann man denn machen, um möglichst zügig schon bei der Erst-OP die Hauptnerven zu versorgen. Denn mit jedem Tag, den das länger dauert, dass die Nerven voneinander gelegt werden, entfernen die sich auch von einander, die ziehen sich wie ein Gummi, Nerven sind ja elastisch, die ziehen sich wie ein Gummiband auseinander. Wenn sie 10 Tage warten, dann sind die schon weiter voneinander zurückgezogen.

Um das zu vermeiden, hat die Biologin aus Chitosan einen hauchdünne Folie entwickelt, die sich fast von selbst um den Nerv legt. Die kann jeder Arzt, ohne Spezialkenntnisse in Sekundenschnelle an die zerstörte Stelle anlegen. Die Folie aus der Haut der Krabbe rollt sich dann von ganz alleine in die beste Position. Damit stabilisiert sie die beiden Enden des getrennten Nervenstrangs und gibt zugleich den schnellsten Weg vor, auf dem sie wieder zusammenfinden können. Man kann sich das wie einen einspurigen winzigen Tunnel vorstellen, in den die Nervenenden gelegt werden. Es gibt für sie nur diesen einen Weg und zwar den direkten, sagt Birger Hahnemann, der den Wickel mitentwickelt hat.

Dieser Stoff hat viele Vorteile im Vergleich zu anderen Substanzen, die auf dem Markt sind. Dieser Stoff ist relativ leicht zu verarbeiten, er ist autoklavierbar, d.h. diese Form, die wir entwickeln, hält sehr hohem Druck stand und ist frei von irgendwelchen Proteinen. Ist halt ein Zuckerderivat und ist biokompatibel, wird abgebaut von den menschlichen Zellen und noch verschiedene andere Vorteile, die andere Sunstanzen nicht haben.

Chitosan ist bei Mediziner und Biotechnologen schon länger bekannt und beliebt. Denn der Mensch verträgt es hervorragend. Eigentlich müsste man Krabben auch gar nicht pulen, die Schale ließe sich problemlos mitessen. Die Substanz Chitosan wirkt entzündungshemmend auf den Körper, vernichtet Bakterien und Mikroorganismen. Diesen Vorzüge haben die Biologen für den Nervenwickeln noch die Anpassungsfähigkeit hinzugefügt. Mit einem speziellen Verfahren, dass sie sich haben weltweit patentieren lassen. Und das ihr Betriebsgeheimnis ist.

Das knistert, aber nur wenn es trocken ist, wenn es nass ist, ist sie ganz elastisch, das ist eine Folie, die können sie auch über Bereiche ziehen, die bewegt werden. Die Folie geht mit. Sie können sich die Länge zuschneiden oder die Breite wie sie wollen, das ist ganz variabel, auch untern OP kann der Arzt, je nachdem welche Größe er braucht, kann er sich das zuschneiden.

Ein großer Vorteil für die Notfall- und Unfallchirurgie. In frühestens zwei Jahren allerdings, denn noch laufen die klinischen Studien. Trotz Patentierung und eindeutiger Ergebnisse, sind bei Erfindungen für medizinische Anwendung immer zusätzliche Hürden durch speziellen Prüfverfahren zu nehmen. Und auch das braucht Nerven, nur eben andere sagen die Erfinder.
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