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Montag • 11:30
24.2.2003
Elastisches Herzkorsett statt Transplantation
Stephanie Kowalewski

Allein in Deutschland erkranken jedes Jahr rund 80.000 Menschen an einer Pumpschwäche des Herzens. Und es werden ständig mehr, die unter der so genannten Herzinsuffizienz leiden. Mediziner der Düsseldorfer Universitätsklinik haben für diese Patienten in den vergangenen drei Jahren eine patente und lebensrettende Behandlungsmethode entwickelt. Die meisten Patienten mit einer Herzerkrankung leiden im fortgeschrittenen Stadium an einer Vergrößerung der beiden Herzkammern. Das schwächt die Pumpleistung und letztlich kann der Patient keinen gesunden Blutdruck mehr aufbauen. Im Endstadium hilft da nur eine Transplantation. Doch die ist sehr risikoreich und teuer - ganz abgesehen davon, dass es ohnehin viel zu wenig Spenderherzen gibt. Der Düsseldorfer Herzchirurg Peter Feindt suchte deshalb nach einer Alternative. Die Lösung war ein Netz aus Polypropylen.

Und dieses Netz dient jetzt dazu diese krankhafte Aussackung des Herzmuskels zu verhindern. ...Im Prinzip ist es eigentlich eine Art Manschette, die um beide Herzkammern herum gezogen wird und je nachdem dann mehr oder weniger stramm gezogen wird.

Polypropylen wird in der Medizin schon seit Jahrzehnten als Fadenmaterial eingesetzt. In einem speziellen Webverfahren wurde aus dem Faden jetzt eine Art Korsett für das Herz hergestellt. Von der Struktur her erinnert es an eine Mullbinde. Für den Einsatz im menschlichen Körper muss es natürlich ganz besondere Eigenschaften aufweisen, erklärt Peter Feindt.

Es darf natürlich zu keinen Abstoßungen führen, es darf nicht all zu sehr mit der Herzoberfläche verwachsen und an mechanischen Eigenschaften muss es elastisch sein, damit es die Herzaktion mitmachen kann. Aber es muss auch gewährleisten, dass ab einer gewissen Ausdehnung des Herzens ein Stop gegeben wird, so dass über einen gewissen Punkt der Dehnung hinaus das Herz, bzw. die Herzkammern sich nicht weiter ausdehnen können.

Denn je weiter sich die beiden Herzkammern ausdehnen, desto gefährlicher ist das für den Patienten. Bisher wurde die Manschette an fast 50 Schweinen getestet. Schweine eigenen sich besonders, denn ihr Kreislaufsystem kommt dem menschlichen am nächsten. Mit den Ergebnissen ist Peter Feindt sehr zufrieden.

Die bisherigen Ergebnisse zeigten, dass es sowohl zu einer Verhinderung der Ausbildung einer sehr schweren Herzinsuffizienz kam als auch bei den Tieren, die bereits eine Herzinsuffizienz aufwiesen, es zu einem Stoppen dieser Weiterentwicklung der Herzinsuffizienz kam und auch die Pumpfunktion dieser Herzen wieder deutlich besser wurden.

Die Forscher gehen sogar davon aus, dass das Herzkorsett beim Menschen einen noch besseren Effekt erzielen wird, als beim Schwein. Da das menschliche Herz dünnwandiger und wesentlich unempfindlicher ist als das Schweineherz, wird auch das Einbringen des Netzes beim Menschen unproblematischer sein, sagt der Mediziner Udo Böken.

Das Problem ist ja, das Netz muss ja rund ums Herz angebracht werden. D.h. es muss ja auch an die Hinterwand und dazu muss man das Herz ja ein bisschen anheben um das hinten vernünftig zu positionieren. Und das ist beim Schwein manchmal schwierig, weil jegliche Art von Berührung oft zu bösen Rhythmusstörungen führt. Beim Menschen geht das ohne Probleme.

Nach den bisherigen Erfahrungen gehen die Mediziner davon aus, dass die Manschette nach Möglichkeit nicht erst im Endstadium einer Herzschwäche eingesetzt werden sollte. So kann das erkrankte Organ frühzeitig geschont werden und der Patient profitiert maximal von der neuen Technologie. Das patentierte Stützkorsett soll in einer etwa einstündigen Operation am schlagenden Herzen angebracht werden. Eine Herz-Lungen-Maschine wäre dann überflüssig. Ebenso wie ein langer Klinikaufenthalt, erklärt Udo Böken. ´37

Wenn das über einen seitlichen Zugang geht, also dass man das Brustbein nicht durchsägen muss, dann ist das sicherlich ne Sache die mit einem Krankenhausaufenthalt von maximal einer Woche verbunden sein sollte.

Der Patient würde dann dauerhaft mit dem Herzkorsett leben. Folgeoperationen werden nicht notwendig sein. Die medizinischen Neuerung ist nach Meinung ihrer Erfinder aber nicht nur eine kleine Revolution für die Patienten. Auch die Krankenkassen werden von der unscheinbaren Herzmanschette sicher begeistert sein, denn sie ist deutlich billiger als alle derzeitigen Behandlungsmethoden, sagt Peter Feindt. Immerhin kostet eine Herztransplantation ungefähr 60.000 Euro.

Ein Kunstherz liegt teilweise wesentlich noch darüber, mit Beträgen bis zu 100.000 Euro und auch die medikamentöse Therapie ...kostet im Jahr auch an die 20.000 Euro. Wir sind jetzt- aber das sind natürlich noch keine Absolutwerte - bei einer Zahl für dieses Netz pro Patient bei 4.000 Euro. So dass man sich also vorstellen kann, das da auch gesundheitspolitisch, ökonomisch ein riesen Potential drin steckt.

Die Forscher der Düsseldorfer Uni-Klinik rechnen in Kürze mit der Genehmigung, ihre Erfindung tatsächlich beim Menschen anwenden zu dürfen. Die ersten Operationen werden dann vermutlich noch in diesem Jahr stattfinden. Bereits jetzt ist die Nachfrage durch Patienten, Hausärzte und Kardiologen groß.
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