Patentes
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Montag • 11:30
17.3.2003
Neue Akustik im Kino
Claudia van Laak

Ein Entkommen ist nicht mehr möglich. Terminator Arnold Schwarzenegger überlebensgroß vorne auf der Leinwand, akustisch sitzt er der Betrachterin auf dem Schoß - nein, eigentlich direkt in Bauch und Kopf. Dann schleicht er sich von hinten an, so dass man sich unwillkürlich umdreht. Die Kinobesucher mitten drin im Geschehen - der Action-Film wirkt noch aggressiver, die Schnulze noch schnulziger. Möglich machen dies die 192 Lautsprecher in Saal 3 der Ilmenauer Lindenlichtspiele, die an den Seitenwänden und der Rückwand nebeneinander angeordnet sind. Die Technologie, die dahintersteckt, heißt Klangfeldsynthese. Eine Revolution, wichtiger noch als der Übergang von Mono zu Stereo, sagt Entwickler Karl-Heinz Brandenburg.

Davon sind wir überzeugt, das faszinierende ist, das, egal, wen wir angesprochen haben, offene Türen eingerannt sind.

Die Klang- oder auch Wellenfeldsynthese wurde bereits vor 20 Jahren an der niederländischen Universität Delft entwickelt. Durch eine große Anzahl von Lautsprechern kann jede beliebige Form einer akustischen Wellenfront nachgebildet werden. Die Technologie galt bislang allerdings nicht als praxistauglich - zu komplex, zu viel Rechenkapazität nötig - geeignet für das Labor und nicht für den Kinosaal.

Wir haben mittlerweile daran gearbeitet, dass die Vermarktung beginnen kann, dass erstmalig ein Raum dieser Größe mit dieser Technik ausgestattet ist - bislang waren das immer kleinere Labore - dass die Klangfeldsynthese als Audiotechnik der Zukunft wirklich startet.

Bislang war die Tonqualität im Kinosaal, in der Disco oder im heimischen Wohnzimmer vom Aufstellungsort der Lautsprecher und von der Position des Hörers abhängig. Bei der Klangfeldsynthese spielt dies keine Rolle mehr - egal, ob man in der ersten oder in der letzten Kinoreihe sitzt, egal ob links oder rechts - der Ton ist überall gleich gut.

Wir mischen nicht - das ist ein wesentlicher Unterschied zum 5-Kanal-Ton, auf die einzelnen Lautsprecher, sondern die einzelnen Klangereignisse auf einen Ort. ... erläutert Akustiker Thomas Sporer. Die Klangfeldsynthese erreicht allerdings erst dann ihre richtige Wirkung, wenn sowohl eine andere Wiedergabe-, als auch eine andere Aufnahmetechnik verwendet werden. Das heißt: Herkömmlich Filme mit Dolby-Surround-Ton bekommen durch die Klangfeldsynthese schon jetzt eine bessere Tonqualität. Doch erst wenn die Schallquellen getrennt von den Schalleigenschaften des Raumes aufgenommen werden, ist die Sache perfekt.

Es gibt erste Ansätze, die da sagen, man kann mit einer Kamerafahrt auch die Akustik mitfahren lassen, was man bislang nicht tun konnte. Ein anderer Weg, ist, dass man mit einer ganzen Reihe von Mikrophonen, einem sogenannten Mikrophonarray, die Schallquellen ortet und Schauspieler verfolgen kann, das ist dann auch wirklich audiosynchron.

Im Tonstudio sind dann der Bearbeitung keine Grenzen gesetzt - negativ formuliert: der Manipulation Tür und Tor geöffnet. Man kann die Berliner Philharmonie akustisch in einem Konzertsaal auftreten lassen, in dem sie nie gespielt haben - niemand würde es merken. Ziel der Konzertaufnahmen sollte es aber sein, eine realitätsgetreue Wiedergabe zu ermöglichen, erläutert Akustiker Sporer.

Das ist eine realitätsgetreue Wiedergabe, wenn sich dieser Tonmeister der realitätsgetreuen Wiedergabe verschrieben hatte, wenn er allerdings ein großer Künstler sein will, und er weiß alles besser, wenn er sich so benimmt, dann ist es nicht mehr realitätsgetreu.

Die 192 Lautsprecher und die dazugehörige Rechentechnik, die in den Ilmenauer Lindenlichtspielen installiert worden ist, kostet derzeit um die 100.000 Euro. Kein utopischer Preis, die Marktreife ist erreicht, so Entwickler Karl-Heinz Brandenburg. Die Patente sind angemeldet, doch die Konkurrenz sitzt den Fraunhofer-Forschern natürlich im Nacken.

Im Augenblick denken wir, dass wir so ein bis eineinhalb Jahre Vorsprung haben, wir wissen auch, das wichtige Konkurrenten ihre Leute nach Deutschland geschickt haben, um zu gucken, was denn da so los ist.

Doch der Leiter der Arbeitsgruppe für Elektronische Medientechnologie lässt sich so schnell nicht von der Konkurrenz abschütteln. Karl-Heinz Brandenburg hat Erfahrungen mit der Einführung neuer technischer Standards, er hat das Datenreduktionsverfahren MP3 entwickelt und dafür bereits den Zukunftspreis des Bundespräsidenten bekommen. Erste Kontakte mit der Filmindustrie in Hollywood sind geknüpft - die Fraunhofer-Forscher sind überzeugt davon, dass die Klangfeldsynthese erst den Kinosaal und dann das Wohnzimmer erobern wird. Arnold Schwarzenegger kann man nicht entkommen, auch wenn man die Augen zumacht.

Link: Fraunhofer Institut - Klangfeldsynthese
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